Drei Frauen, die zusammen in einer Siedlung groß geworden sind, verbringen nach Jahren wieder ein paar Tage miteinander. Eigentlich soll es sein wie früher. Doch abschätzige Bemerkungen, Anfeindungen und die Angst vor rechter Gewalt lassen sich auch dabei nicht ausblenden. Hani, Kasih und Saya halten zusammen, bis eine einzige Nacht alles infrage stellt: Das ist die Ausgangslage von Shida Bazyars Roman „Drei Kameradinnen“.
Wer danach weiterlesen möchte, sollte sich fragen, was am stärksten nachwirkt. Ist es der Zorn auf die deutsche Gegenwart? Die Erfahrung, immer wieder erklären zu müssen, dass man dazugehört? Oder die Freundschaft zwischen Frauen, die dieselbe Herkunft aus der Siedlung teilen? Die zehn Romane dieser Auswahl nehmen jeweils einen dieser Stränge auf. Sie beginnen nah an Bazyar, im heutigen Deutschland, führen dann nach Neapel, London und Ohio und enden bei dem Klassiker, auf den schon Bazyars Titel verweist.
Wut und Bedrohung in der deutschen Gegenwart
Die ersten drei Bücher bleiben im Land und in der Zeit von Bazyars Roman. Jedes von ihnen erzählt von Menschen, denen Deutschland keinen selbstverständlichen Platz einräumt.
Fatma Aydemir: Ellbogen

Kein Buch dieser Liste kommt Bazyars Wut so nahe wie Ellbogen. Hazal Akgündüz ist siebzehn, in Berlin geboren, ihre Eltern stammen aus der Türkei und sind in Deutschland nie heimisch geworden. Sie selbst erzählt ihre Geschichte in der Ich-Form, und die rutscht schnell ab: vom Ladendiebstahl zu einer Gewalttat, die alles kippt. Mit der Polizei auf den Fersen setzt sie sich nach Istanbul ab, in eine Stadt, die sie bis dahin nicht kannte.
Der Unterschied zu „Drei Kameradinnen“ liegt im Zentrum: Hier steht kein Bündnis von dreien im Mittelpunkt, sondern eine Einzelne auf der Suche nach einem Ort, der zu ihr gehört. Mit 270 Seiten ist der Roman zudem deutlich kürzer als „Drei Kameradinnen“.
Hengameh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume
Wer an Bazyars Roman vor allem die Treue der Figuren zueinander geschätzt hat, findet in Ministerium der Träume eine Verwandtschaft. Nur tragen den Zusammenhalt hier keine Freundinnen, sondern Geschwister: Das Debüt handelt von der Familie, in die man geboren wird, und von jener, die man sich aussucht. Die Türsteherin Nasrin verliert ihre Schwester bei einem rätselhaften Autounfall und wird Vormund ihrer 14-jährigen Nichte; im Wechsel mit dieser Gegenwart erzählt der Roman von Kindheit und Flucht aus dem Iran. Das SZ-Magazin nennt ihn, so zitiert es der Verlag, eine Verneigung vor der Liebe zweier Schwestern, die einander ein Zuhause sind, weil es kein Land und kein Staat je sein wollte.
Dass dieser Zusammenhalt nicht im luftleeren Raum spielt, stellt schon der Verlag heraus: Der Roman führt laut seiner Ankündigung auch in die finsteren Seiten des heutigen Deutschland. Diese Mischung aus Zuneigung und Bedrohung rückt ihn in die Nähe von „Drei Kameradinnen“. Ein besonderer Tipp für alle, die das Thema einmal von der Familie her lesen möchten.
Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Am Badesee in Brandenburg tauchen vier Neonazis auf, während die Erzählerin dort mit ihrem Freund sitzt. Im Theater sitzt sie als einzige Schwarze im Publikum, ausgerechnet bei einem Stück über die Wende. So zeigt 1000 Serpentinen Angst, was auch Bazyar beschäftigt: Bedrohung ist hier kein Ausnahmezustand, sondern begleitet den Alltag.
Formal geht Wenzel allerdings einen anderen Weg. Statt wenige Tage am Stück zu erzählen, wechselt das Buch die Schauplätze, bis nach New York, wo die Erzählerin Trumps Wahlsieg in einem Hotelzimmer erlebt, und es greift weit in die Familiengeschichte aus: zur Mutter, die in der DDR Punkerin war, zur linientreuen Großmutter, zum Zwillingsbruder, der mit 17 starb. Wer einen Freundschaftsroman sucht, ist hier falsch. Wer sich für die Frage interessiert, was solche Erfahrungen mit einem einzelnen Menschen machen, ist richtig, zumal die Frankfurter Rundschau den Text ausdrücklich auch witzig nennt.
Zwei Einstiege in das Thema Zugehörigkeit
Bazyars Roman ist harte Kost. Wer das Thema über einen anderen Zugang kennenlernen oder nach der Lektüre den Ton wechseln möchte, ist mit diesen beiden Büchern gut bedient.
Mithu M. Sanyal: Identitti
Identitti stellt dieselbe Frage wie Bazyar, wer dazugehört und wer darüber entscheidet, aber mit Spott statt mit Zorn. Saraswati lehrt in Düsseldorf Postcolonial Studies und gilt in Identitätsdebatten als maßgebliche Stimme, bis herauskommt, dass die Professorin, die sich als Person of Colour bezeichnete, weiß ist. Im Netz bricht der Sturm los, auf der Straße wird ihre Entlassung gefordert, und ihre Studentin Nivedita konfrontiert sie mit sehr persönlichen Fragen.
Der Roman ist ironisch, lebt von Gesprächen und hat Freude am Streit über Begriffe. Darin liegt sein Reiz als leichterer Zugang: Er nimmt die Debatte ernst, ohne dass man beim Lesen dieselbe Beklemmung aushalten müsste wie bei Bazyar. Wer Argumente und Pointen mag, wird hier eher glücklich als bei den anderen Titeln dieser Liste.
Alina Bronsky: Scherbenpark

Auch Scherbenpark spielt in einer Siedlung, die ihre Bewohner prägt: Sascha Naimann, siebzehn, ist mit zwei jüngeren Geschwistern aus Moskau nach Deutschland gekommen und wohnt in einem Hochhausviertel mit eigenen Regeln, an die sie sich nicht zu halten gedenkt. Bronsky legt die Erzählung ganz in ihre Stimme. Das macht dieses Debüt zu einem direkten Einstieg, gerade für alle, denen eine entschlossene junge Heldin wichtiger ist als die politische Analyse. Die Verbindung zu Bazyar liegt in der Siedlung als prägendem Ort und in der Einwanderungsgeschichte.
Wenn die Freundschaft selbst zum Thema wird
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch empfiehlt „Drei Kameradinnen“ in seinem Lizenzprogramm ausdrücklich Leserinnen und Lesern von Elena Ferrante und Zadie Smith. Dieser Hinweis ist nützlich, denn beide erzählen von Freundinnen, die aus derselben Gegend kommen und deren Wege sich trotzdem trennen. Zusammen mit Toni Morrison liefern sie gewissermaßen die Gegenprobe zu Bazyar: Sie fragen, was eine solche Bindung nicht nur trägt, sondern auch kostet.
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Für Romane über Frauenfreundschaft bleibt Meine geniale Freundin der Maßstab. Lila und Elena wachsen im Neapel der 1950er-Jahre in einem rauen Viertel auf, in dem Familien sich über Generationen bekriegen und selbst das Silvesterfeuerwerk in Schüsse übergeht. In der Schule überbieten sie einander, bis Lilas Vater seine hochbegabte Tochter in die Schusterwerkstatt holt. Elena wird fortan den Verdacht nicht los, sie führe das Leben, das eigentlich der anderen zustand.
Das Buch ist Band 1 der Neapolitanischen Saga, und mit ihm beginnt man auch. Zeit und Ort liegen weit von Bazyar entfernt, die Frage ist verwandt: Wie sehr prägt das Viertel, aus dem man kommt, eine Freundschaft, und wie sehr prägen sich zwei Menschen gegenseitig? Dazu kommt eine Konkurrenz, die diese Freundschaft von Anfang an begleitet. Mit 526 Seiten nimmt der Auftakt sich Zeit.
Zadie Smith: London NW
Das Goethe-Institut zieht für Bazyars Wechsel aus angespannter Gegenwart und Rückblenden den Vergleich mit London NW. Inhaltlich liegt die Parallele ebenso nahe: Leah, Natalie, Felix und Nathan wachsen in Caldwell auf, einer Hochhaussiedlung im Nordwesten Londons, und wollen dort alle raus. Dreißig Jahre später leben sie immer noch im selben Stadtteil. Nur Natalie hat es als Anwältin scheinbar geschafft; auf ihren Abendgesellschaften fühlt sich ihre Freundin Leah fehl am Platz, und jede beneidet die andere um ein Leben, das sie gar nicht richtig kennt.
Smith erzählt aus mehreren Perspektiven, schnell und tragikomisch. Wer wissen möchte, wie es weitergehen könnte, wenn Jugendfreundinnen aus der Siedlung erwachsen geworden sind und ihre Wege sich sozial getrennt haben, findet hier den passenden Roman. Ins Rollen kommt die Handlung, als eine Unbekannte bei Leah klingelt und um Hilfe bittet.
Toni Morrison: Sula

Der schmalste Titel dieser Auswahl ist zugleich der härteste Kommentar zum Ideal der unverbrüchlichen Freundschaft. Sula folgt der angepassten Nel und der aufsässigen Sula, die in ärmlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt in Ohio aufwachsen und unzertrennlich sind. Während Nel bleibt und eine Familie gründet, geht Sula in die Großstadt. Als sie nach zehn Jahren zurückkommt, ist die alte Nähe dahin, und beide müssen sich einem furchtbaren Geheimnis aus der Kindheit stellen.
Wo sich Bazyars Figuren in einer feindlichen Umgebung aneinander festhalten, zeigt dieser Klassiker auf 236 Seiten, wie tief gerade die engste Freundin verletzen kann. Das macht ihn zur guten Ergänzung: nicht als Widerspruch zu „Drei Kameradinnen“, sondern als dunkle Kehrseite desselben Themas.
Von drei Frauen zu vielen
Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.
Wer sich nach Bazyars enger Dreierkonstellation einen weiteren Horizont wünscht, greift zu Mädchen, Frau etc.. Evaristo erzählt die Geschichten Schwarzer Frauen in Großbritannien über ein ganzes Jahrhundert hinweg und verknüpft sie miteinander. Da ist die Dramatikerin Amma, die am Londoner National Theatre vor dem Durchbruch steht und sich in ihrem Stück mit ihrer Identität als Schwarze, lesbische Frau befasst. Da ist ihre Freundin Shirley, die sich an schlecht ausgestatteten Schulen aufgerieben hat, deren frühere Schülerin Carole, heute Investmentbankerin, und Caroles aus Nigeria stammende Mutter Bummi, die eine eigene Reinigungsfirma aufbaut.
Der Roman wurde 2019 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet. Mit 507 Seiten verlangt er etwas Ausdauer, ist im Ton aber zugewandt. Auch hier ringen Frauen um ihren Platz, doch das Buch denkt in Generationen und nicht in wenigen angespannten Tagen.
Zurück zum Titel: Remarques Vorlage
Erich Maria Remarque: Drei Kameraden

Der Titel „Drei Kameradinnen“ ist kein Zufall. Nach eigenen Angaben bezieht sich Bazyar auf Drei Kameraden, wie feinschwarz.net berichtet. Die Rezension bei Qantara geht noch weiter: Sie sieht auch in der Handlung eine Hommage und stellt das Trauma des Ersten Weltkriegs bei Remarque neben das Trauma des NSU bei Bazyar.
Remarques Roman spielt in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und handelt von drei Freunden, einer Frau und ihren Hoffnungen auf ein Leben nach dem Krieg. Freundschaft erscheint als Halt in einer Zeit, die wenig davon bietet. Liebe und Verlust spielen eine große Rolle, der Ton ist melancholisch, und mit 590 Seiten ist dies das umfangreichste Buch der Liste. Wer Bazyars Roman gelesen hat, liest ihn mit anderem Blick: als Bezugspunkt, dessen Grundidee Bazyar auf drei junge Frauen in einer ganz anderen Gegenwart überträgt.
Alle zehn Romane im Überblick
| Buch | Autor/in | Seiten | Verbindung zu „Drei Kameradinnen“ |
|---|---|---|---|
| Ellbogen | Fatma Aydemir | 270 | junge Berlinerin, Einwandererfamilie, eine Gewalttat |
| Ministerium der Träume | Hengameh Yaghoobifarah | 380 | Zusammenhalt unter Geschwistern, Wahlfamilie |
| 1000 Serpentinen Angst | Olivia Wenzel | 347 | Bedrohung durch Neonazis im Alltag |
| Identitti | Mithu M. Sanyal | 430 | Zugehörigkeit, komisch und diskursfreudig |
| Scherbenpark | Alina Bronsky | 324 | Hochhaussiedlung, Einwanderungsgeschichte |
| Meine geniale Freundin | Elena Ferrante | 526 | Frauenfreundschaft aus einem rauen Viertel, Band 1 der Saga |
| London NW | Zadie Smith | 427 | Jugendfreunde aus der Sozialsiedlung, Jahrzehnte später |
| Sula | Toni Morrison | 236 | Freundschaft, die verletzt |
| Mädchen, Frau etc. | Bernardine Evaristo | 507 | Schwarze Britinnen über ein Jahrhundert |
| Drei Kameraden | Erich Maria Remarque | 590 | Bezugstext des Titels |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die jeweils verlinkte Ausgabe.
Womit Sie am besten anfangen
Suchen Sie vor allem die Wut von Bazyars Roman, lesen Sie zuerst „Ellbogen“; „1000 Serpentinen Angst“ zeigt danach dieselbe Bedrohung aus einer nachdenklicheren Perspektive und in anderer Form. Ging es Ihnen um die Treue zueinander, ist „Ministerium der Träume“ der naheliegende nächste Schritt. Ein leichteres Buch zum selben Thema ist „Identitti“, eine zugängliche Heldin aus der Siedlung bietet „Scherbenpark“.
Interessiert Sie an „Drei Kameradinnen“ die Freundschaft, kommen Sie an „Meine geniale Freundin“ kaum vorbei. Wer es kürzer mag, nimmt „Sula“; wer die Freundinnen erwachsen und in einer heutigen Großstadt erleben will, „London NW“. „Mädchen, Frau etc.“ passt, wenn Sie den Blick weiten möchten. Und wer wissen will, worauf der Titel anspielt, schließt die Runde mit „Drei Kameraden“.
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