Spätestens seit dem 5. Oktober 2026 ist Shida Bazyar ein Name, an dem kaum jemand vorbeikommt, der sich für deutschsprachige Gegenwartsliteratur interessiert: An diesem Tag erhielt sie für „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis. Wer nun neugierig geworden ist und ihr Werk kennenlernen möchte, hat es vergleichsweise leicht. Bazyar, 1988 in Hermeskeil geboren, hat bislang drei Romane veröffentlicht, alle bei Kiepenheuer & Witsch. Bleibt die Frage, womit man anfängt.
Gibt es eine Reihenfolge bei Shida Bazyar?
Die kurze Antwort: nicht im Sinne einer Reihe. Die drei Romane sind eigenständige Werke ohne gemeinsame Figuren und ohne fortlaufende Handlung. Sie können jedes Buch für sich lesen, ohne etwas zu verpassen. Dennoch empfehlen wir, wenn Sie alle drei lesen möchten, die Reihenfolge des Erscheinens. Der Grund ist kein inhaltlicher Zwang, sondern ein Gewinn an Verständnis: Von Buch zu Buch verschiebt sich der Blick. Am Anfang steht eine Familie, die aus dem Iran ins deutsche Exil geht. Danach folgt eine scharfe Bestandsaufnahme der postmigrantischen Gegenwart. Zuletzt wendet sich Bazyar der deutschen Geschichte selbst zu – und der Frage, was eigentlich unter dem Boden liegt, den viele Heimat nennen.
Wer die Bücher in dieser Folge liest, erlebt, wie eine Autorin ihre Themen – Flucht, Erinnerung, Zugehörigkeit, Ausgrenzung – nicht wiederholt, sondern jedes Mal aus einer neuen Richtung angeht.
Alle Romane auf einen Blick
| Nr. | Titel | Jahr | Seiten | Schwerpunkt |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Nachts ist es leise in Teheran | 2016 | 283 | Revolution, Exil, Familie |
| 2 | Drei Kameradinnen | 2021 | 349 | Freundschaft, Rassismus, rechte Gewalt |
| 3 | Die Lücken | 2026 | 512 | Dorfgeschichte, NS-Vergangenheit, Flucht |
1. „Nachts ist es leise in Teheran“ (2016): das Debüt

Bazyars erster Roman ist ein Familienroman in vier Stimmen, und jede dieser Stimmen gehört zu einem anderen Jahrzehnt. Den Auftakt macht Behsad im Jahr 1979: Der Schah ist gestürzt, und der junge Kommunist setzt alles daran, das Land nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen. In dieser Zeit des Aufbruchs begegnet er Nahid, die Bücher liebt und seine Frau werden wird.
Zehn Jahre später sieht die Welt anders aus. Die Mullahs haben die Macht übernommen, Behsad und Nahid sind mit ihren Kindern nach Deutschland geflohen und leben in der Provinz. Der Alltag kreist ums Radio, um jede Nachricht von Freunden, die im Iran im Untergrund verschwunden sind. Die Rückkehr bleibt das Ziel, und doch müssen sie sich in einem Land einrichten, das ihnen fremd ist.
In den beiden späteren Abschnitten übernehmen die Kinder. Tochter Laleh fährt 1999 mit ihrer Mutter nach Teheran und erlebt eine Stadt, die nicht zu ihren Kindheitserinnerungen passen will. Ihr Bruder Mo wiederum blickt 2009 eher spöttisch auf das politische Engagement seiner deutschen Kommilitonen – bis in Teheran die Grüne Revolution beginnt und ihn mit der Geschichte seiner Eltern konfrontiert.
Warum dieser Roman der klassische Einstieg ist
Das Debüt legt die Themen offen, die Bazyars gesamtes Schreiben bestimmen: die Hoffnung auf politische Veränderung und ihr Scheitern, das Leben zwischen zwei Ländern und die Frage, wie Erinnerungen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden – oder eben nicht. Gerade der Wechsel der Erzählstimmen macht spürbar, wie unterschiedlich Eltern und Kinder auf dieselbe Geschichte blicken. Mit gut 280 Seiten ist es zudem das kürzeste der drei Bücher.
Für das Debüt wurde Bazyar unter anderem mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis und dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet.
Für wen? Für alle, die Familienromane mit politischem Hintergrund mögen und Wert auf mehrere Perspektiven legen. Wer verstehen will, wie Exil das Leben über Jahrzehnte prägt, ist hier richtig.
2. „Drei Kameradinnen“ (2021): Wut und Zusammenhalt

Fünf Jahre nach dem Debüt erschien Bazyars zweiter Roman – und der Ton ändert sich deutlich. Statt um eine Familie über Jahrzehnte hinweg geht es nun um wenige Tage in der Gegenwart. Hani, Kasih und Saya sind gemeinsam in derselben Siedlung groß geworden und seither eng befreundet. Nach längerer Zeit kommen sie wieder zusammen und wollen ein paar Tage miteinander verbringen wie früher.
Doch die Gegenwart lässt sie nicht in Ruhe. Ob auf einem Dach über der Stadt, vor dem Späti oder auf einer Party in einem besetzten Haus: Überall begegnen ihnen abschätzige Blicke, rassistische Bemerkungen und die ständige Bedrohung durch rechte Gewalt. Ihre Freundschaft ist das, was sie trägt. Dann aber geschieht in einer Nacht etwas, das auch diesen Halt infrage stellt.
Gegenwartsdiagnose statt Familiengeschichte
„Drei Kameradinnen“ ist der zornigste der drei Romane. Bazyar erzählt von jungen Frauen, die in Deutschland aufgewachsen sind und trotzdem immer wieder beweisen sollen, dass sie dazugehören. Der Roman fragt, was Solidarität unter solchen Bedingungen bedeutet und wie man Hass begegnen kann, ohne selbst daran zu zerbrechen. Viele Dialoge geben dem Buch Tempo und eine große Unmittelbarkeit.
Der Roman stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises – ein erster Hinweis darauf, dass Bazyar zu den wichtigen Stimmen ihrer Generation zählt.
Mit dem Debüt verbindet das Buch keine Handlung und keine Figur. Sie können also auch problemlos hier beginnen, besonders wenn Sie sich mehr für die Gegenwart interessieren als für historische Stoffe. Wer allerdings „Nachts ist es leise in Teheran“ schon kennt, bemerkt einen Perspektivwechsel: Ging es dort noch darum, wie Eltern und Kinder mit der Flucht umgehen, stehen nun junge Erwachsene im Mittelpunkt, für die Deutschland nicht Exil, sondern selbstverständlich Zuhause ist – auch wenn man ihnen das immer wieder abspricht.
Für wen? Für Leserinnen und Leser, die Romane über Freundschaft schätzen und eine klare, kämpferische Haltung nicht scheuen. Wer aktuelle Debatten über Rassismus und Zugehörigkeit literarisch verarbeitet sehen möchte, findet hier einen eindringlichen Text.
3. „Die Lücken“ (2026): der Roman mit dem Deutschen Buchpreis

Mit ihrem dritten Roman legt Bazyar ihr bislang umfangreichstes Buch vor, und erneut erweitert sie ihren Blickwinkel. Schauplatz ist Heimesbach, ein erfundenes Dorf im Hunsrück. Erzählt werden rund neunzig Jahre seiner Geschichte, und zwar nicht entlang einer einzelnen Figur, sondern als Mosaik aus vielen Lebensläufen.
Da sind die jüdischen Familien, denen im Nationalsozialismus alles genommen wurde. Da sind diejenigen, die damals profitierten und sich nach dem Krieg als harmlose Mitläufer ausgaben. Und da sind, Jahrzehnte später, die Familien Sharifi und Karimpour, die aus dem Iran fliehen und in eben diesem Ort einen sicheren Platz suchen. Heimesbach ist damit beides: ein Dorf, das über seine Vergangenheit lieber schweigt, und ein Ort, an dem Menschen ein neues Zuhause finden wollen.
Wo sich die Linien des Werks treffen
„Die Lücken“ lässt sich als Synthese der beiden Vorgänger lesen. Die Erfahrung, aus dem Iran nach Deutschland zu fliehen, kennt man aus dem Debüt; die Frage, wie offen oder verschlossen die deutsche Gesellschaft ist, aus „Drei Kameradinnen“. Neu ist der weite historische Bogen: Bazyar zeigt, dass die Geschichten der Neuankömmlinge auf eine ältere Geschichte von Schuld, Verdrängung und angeblichen Neuanfängen treffen. Der Titel lässt sich dabei durchaus wörtlich nehmen – es geht um das, was ausgelassen, verschwiegen und übermalt wurde.
Interessant ist auch der Schauplatz: Die Autorin stammt selbst aus Hermeskeil im Hunsrück. Heimesbach ist zwar ausdrücklich fiktiv, der Roman spielt aber in einer Landschaft, die sie aus eigener Anschauung kennt.
Am 5. Oktober 2026 wurde „Die Lücken“ mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet. Für viele Leser wird dies das erste Buch der Autorin sein, und das ist auch gut möglich: Der Roman setzt keine Kenntnis der früheren Werke voraus. Mit über 500 Seiten und vielen Perspektiven verlangt er allerdings etwas mehr Geduld als die beiden Vorgänger.
Für wen? Für alle, die vielstimmige Romane über deutsche Geschichte und Erinnerungskultur lesen möchten – und für Leser, die wissen wollen, warum gerade dieses Buch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.
Mit welchem Buch sollten Sie anfangen?
Da es keine Reihe gibt, ist keine Wahl falsch. Je nach Interesse bieten sich aber unterschiedliche Wege an:
- Sie wollen das Werk in seiner Entwicklung verfolgen: Beginnen Sie mit „Nachts ist es leise in Teheran“ und lesen Sie danach „Drei Kameradinnen“ und „Die Lücken“. So erleben Sie, wie sich die Themen von der Familie über die Gegenwart bis zur deutschen Geschichte weiten.
- Sie möchten einen kompakten Einstieg: Auch dann ist das Debüt die beste Wahl. Es ist das kürzeste Buch und führt direkt zu den Fragen, die Bazyar bis heute beschäftigen.
- Sie interessieren sich vor allem für die Gegenwart: Greifen Sie zu „Drei Kameradinnen“. Der Roman ist unmittelbar, temporeich und politisch zugespitzt.
- Sie wollen das aktuelle, preisgekrönte Buch lesen: Starten Sie mit „Die Lücken“. Gefällt Ihnen der Roman, lohnt sich danach der Blick zurück auf die beiden früheren Bücher, in denen viele seiner Motive bereits angelegt sind.
Fazit: drei Romane, eine erkennbare Handschrift
Shida Bazyars Werk ist überschaubar, aber thematisch klar verbunden. Die drei Romane hängen nicht über Figuren oder Handlung zusammen, wohl aber über ihre Fragen: Wer gehört dazu? Was wird erinnert und was verschwiegen? Und was hält Menschen zusammen, wenn die Umstände gegen sie arbeiten? In der Erscheinungsfolge gelesen, ergeben die Bücher den Weg einer Autorin, die mit jedem Roman ein Stück weiter ausholt – vom Teheraner Aufbruch über die deutsche Stadt der Gegenwart bis tief in die Dorfgeschichte des Hunsrücks. Wer nur ein Buch lesen möchte, findet in jedem einen guten Zugang.
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