Die besten Romane über toxische Freundschaften zwischen Frauen: zehn Bücher über Nähe, Neid und Verrat

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Es gibt Freundschaften, die einen größer machen, und solche, die einen kleinhalten. Oft sind es dieselben. Die beste Freundin ist dann zugleich Vorbild und Rivalin, Vertraute und Richterin; man misst sich an ihr, braucht ihre Zustimmung und fürchtet ihren Blick. Was als Nähe beginnt, schlägt in Kontrolle, Neid oder stille Grausamkeit um – und trotzdem kommt man nicht voneinander los.

Die Literatur hat für diese Beziehungen oft einen schärferen Blick als jeder Ratgeber. Romane können zeigen, wie sich Machtverhältnisse zwischen zwei Menschen langsam verschieben, wie Bewunderung zu Abhängigkeit wird und warum man an jemandem festhält, der einem nicht guttut. Die zehn Bücher dieser Auswahl tun das auf sehr unterschiedliche Weise: als großes Epos und als schmaler Roman, als Psychothriller und als Satire, angesiedelt in Neapel, Toronto, Ohio, London, Paris, New York, Dublin und Tokio.

Die Standardwerke: Freundinnen, die ein Leben prägen

Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin“

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin

Wer nach Romanen über schwierige Frauenfreundschaften sucht, kommt an Elena Ferrante nicht vorbei. Meine geniale Freundin (Suhrkamp, 526 Seiten) ist der erste Band der Neapolitanischen Saga und trägt den Untertitel „Kindheit und frühe Jugend“. Erzählt wird vom Aufwachsen zweier Mädchen in einem armen, von Gewalt und alten Familienfehden geprägten Viertel Neapels in den 1950er-Jahren.

Elena, die Erzählerin, ist fleißig und angepasst; Lila ist eigensinnig, furchtlos und auf eine Weise begabt, die Elena gleichermaßen anzieht und einschüchtert. Beide treiben einander an und wollen die jeweils Bessere sein. Als Lila die Schule verlassen und in der Werkstatt ihres Vaters arbeiten muss, während Elena weiterlernen darf, verschiebt sich etwas Grundsätzliches: Elena wird das Gefühl nicht los, ein Leben zu führen, das eigentlich der Freundin zugestanden hätte. Ferrante beschreibt diese Mischung aus Liebe, Konkurrenz und Schuld mit einer Genauigkeit, die bis heute Maßstab für das Thema ist. Der Roman lässt sich gut für sich lesen, wer aber einmal angefangen hat, will meist wissen, wie es mit Lila und Elena weitergeht.

Margaret Atwood: „Katzenauge“

Margaret Atwood, Katzenauge

Wenn es einen Klassiker über Mobbing unter Mädchen gibt, dann ist es Katzenauge von Margaret Atwood (Piper, 508 Seiten). Die Malerin Elaine blickt als erwachsene Frau auf ihre Kindheit zurück und vor allem auf Cordelia: die Freundin, die sie über Jahre hinweg gequält, gedemütigt und kontrolliert hat, mit Witz und Kälte zugleich.

Atwood zeigt, wie subtil diese Grausamkeit funktioniert. Es sind keine offenen Schläge, sondern Regeln, Ausschlüsse und kleine Strafen, die das Kind Elaine allmählich an sich selbst zweifeln lassen. Das Besondere am Roman ist die zweite Zeitebene: Er macht spürbar, wie lange solche Erfahrungen nachwirken und wie verwickelt das Verhältnis zur einstigen Peinigerin bleibt – irgendwo zwischen Hass, Mitleid und einer Verbundenheit, die sich nicht abschütteln lässt.

Toni Morrison: „Sula“

Toni Morrison, Sula

Mit wenig mehr als 200 Seiten ist Sula (Rowohlt Taschenbuch, 2024, 236 Seiten) das schmalste Buch unter den Klassikern dieser Liste – und vielleicht das wuchtigste. Toni Morrison erzählt von Nel und Sula, die in einer armen Schwarzen Gemeinde einer Kleinstadt in Ohio aufwachsen und als Mädchen untrennbar sind. Die eine ist folgsam, die andere rebellisch; was sie verbindet, ist auch ein Geheimnis aus der Kindheit, das sie nie ganz loswerden.

Als Erwachsene schlagen sie verschiedene Wege ein: Nel bleibt und gründet eine Familie, Sula geht in die Großstadt. Ihre Rückkehr Jahre später stellt alles infrage, und aus der Freundschaft wird ein Verrat, den keine der beiden vergessen kann. Morrison verbindet die Geschichte dieser Beziehung mit einem Porträt Schwarzer Frauenleben und der Frage, wie viel Freiheit eine Gemeinschaft einer Frau zugesteht. Die Ausgabe von 2024 erscheint in überarbeiteter Übersetzung.

Neid, Herkunft und Identität: Freundschaft als Spiegel der Gesellschaft

Zadie Smith: „Swing Time“

Zadie Smith, Swing Time

In Swing Time (Kiepenheuer & Witsch, 626 Seiten) begegnen sich zwei Mädchen beim Tanzunterricht in einem Londoner Vorort. Sie verbindet die Begeisterung für Musicals, dieselbe Umgebung, dieselbe Hautfarbe. Doch nur eine von ihnen, Tracey, hat wirklich Talent zum Tanzen; die Erzählerin dagegen beobachtet, denkt nach und sucht nach Erklärungen.

Zadie Smith macht aus dieser Konstellation einen großen Gesellschaftsroman. Tracey steht später auf Musicalbühnen, die Erzählerin reist als Assistentin eines Popstars um die Welt – und doch kommt sie von der Jugendfreundin nicht los. Neid, Kränkung und Entfremdung zwischen den beiden spiegeln Fragen nach Herkunft, Klasse und Chancen, die weit über das Private hinausreichen. Wer Romane schätzt, in denen eine Freundschaft zugleich von einer ganzen Welt erzählt, ist hier richtig.

Delphine de Vigan: „Nach einer wahren Geschichte“

Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte

Deutlich näher am Psychothriller liegt Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan (DuMont, 347 Seiten). Eine Schriftstellerin namens Delphine lernt auf einer Party L. kennen, eine elegante, kluge Frau, die als Ghostwriterin arbeitet. Die beiden kommen sich schnell nahe, und Delphine fühlt sich endlich verstanden.

Dann beginnt L., das Schreiben der Freundin infrage zu stellen, und Delphine verliert jede Fähigkeit, selbst etwas zu Papier zu bringen. L. springt hilfsbereit ein, beantwortet Mails, sagt Termine ab, spricht in ihrem Namen – und wird ihr unheimlich ähnlich. De Vigan spielt dabei geschickt mit der Frage, was an diesem Roman erfunden ist und was nicht. Als Studie über eine Freundschaft, die sich als Übernahme entpuppt, ist das Buch beklemmend und kaum aus der Hand zu legen. Roman Polanski hat den Stoff verfilmt.

R. F. Kuang: „Yellowface“

R. F. Kuang, Yellowface

Der zugänglichste und schnellste Titel dieser Auswahl ist Yellowface von R. F. Kuang (Eichborn, 2024, 382 Seiten). June Hayward und Athena Liu kennen sich seit dem Studium und sind beide Schriftstellerinnen. Doch während die chinesisch-amerikanische Athena gefeiert wird, bleibt June erfolglos. Als Athena bei einem Unfall stirbt, nimmt June deren gerade fertiges Manuskript an sich, überarbeitet es und bringt es unter eigenem Namen heraus.

Erzählt wird aus Junes Sicht, und gerade das macht den Reiz aus: Man folgt einer Ich-Erzählerin, die sich ihren Neid schönredet und jede Grenzüberschreitung rechtfertigt. Kuang verbindet die Geschichte einer vergifteten Freundschaft mit einer bissigen Satire auf den Literaturbetrieb, auf kulturelle Aneignung und auf die Dynamik sozialer Medien.

Zeitgenössisch und schwarzhumorig: Abhängigkeit unter jungen Frauen

Sally Rooney: „Gespräche mit Freunden“

Sally Rooney, Gespräche mit Freunden

Sally Rooneys Debüt Gespräche mit Freunden (Ullstein Taschenbuch, 2026, 352 Seiten) eignet sich gut als Einstieg ins Thema. Frances ist 21, studiert in Dublin und will Schriftstellerin werden. Ihre engste Vertraute ist Bobbi, mit der sie früher auch eine Liebesbeziehung hatte. Gemeinsam lernen sie das etwa zehn Jahre ältere Ehepaar Nick und Melissa kennen, das sie in eine Welt aus Dinnerpartys, schönen Häusern und Urlauben in der Provence einführt.

Während Bobbi sich zu Melissa hingezogen fühlt, beginnt Frances eine Affäre mit Nick. Die Liebesgeschichte steht im Vordergrund, doch mindestens ebenso spannend ist das Verhältnis der beiden Freundinnen: Rooney zeigt in klaren, oft trockenen Dialogen, wie viel Besitzanspruch, Konkurrenz und gegenseitige Abhängigkeit in einer Freundschaft stecken können, die nach außen selbstverständlich wirkt. Der Roman wurde von der BBC als Serie verfilmt.

Ottessa Moshfegh: „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“

Ottessa Moshfegh, Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

Wer schwarzen Humor mag, sollte Mein Jahr der Ruhe und Entspannung von Ottessa Moshfegh (btb, 313 Seiten) lesen. Die namenlose Erzählerin, eine junge Frau in New York, beschließt, sich mithilfe von Medikamenten ein Jahr lang aus der Welt zu schlafen. Der einzige Mensch, der regelmäßig an ihrer Tür klingelt, ist ihre Freundin Reva.

Reva hört zu, sorgt sich, erzählt von eigenen Nöten – und wird dafür mit Herablassung und Gleichgültigkeit belohnt. Moshfegh beschreibt eine Freundschaft, in der Verachtung und Bedürftigkeit untrennbar ineinander verhakt sind, und tut das so respektlos und komisch, dass man oft nicht weiß, ob man lachen oder erschrecken soll. Ein Roman, der nicht gefallen will und gerade deshalb lange nachwirkt.

Zwei besondere Tipps abseits des Kanons

Mieko Kawakami: „Das gelbe Haus“

Mieko Kawakami, Das gelbe Haus

Eine Perspektive, die sich vom englischsprachigen und europäischen Kanon deutlich abhebt, bietet Das gelbe Haus von Mieko Kawakami (DuMont, 2025, 523 Seiten). Japan kurz vor der Jahrtausendwende: Die 17-jährige Hana lebt in prekären Verhältnissen und wünscht sich eine bessere Zukunft. Die ältere Kimiko nimmt sie unter ihre Fittiche, und gemeinsam mit zwei weiteren jungen Frauen ziehen sie in ein gelbes Haus und führen eine Bar.

Für Hana fühlt sich das zunächst wie eine selbst gewählte Familie an, wie Freiheit und Sicherheit. Doch als das Geld knapp wird, gerät die Gruppe in kriminelle Geschäfte, und aus Zusammenhalt werden Abhängigkeit und Kontrolle. Kawakami erzählt davon, wie sehr Armut die Spielräume von Frauen einengt und wie schmal der Grat zwischen Fürsorge und Vereinnahmung ist. Der Roman erreichte beim SPIEGEL-Buchpreis 2025 den fünften Platz.

Claire Messud: „Das brennende Mädchen“

Claire Messud, Das brennende Mädchen

Weniger bekannt, aber lohnend ist Das brennende Mädchen von Claire Messud (Hoffmann und Campe, 253 Seiten). Julia und Cassie sind seit dem Kindergarten beste Freundinnen und wachsen in einer Kleinstadt in Massachusetts auf. Mit der Pubertät beginnen sie sich voneinander zu entfernen, und Cassie gerät auf einen Weg, der gefährlich wird.

Messuds Roman ist weniger eine Geschichte offener Feindschaft als eine über das langsame, schmerzhafte Ende einer Mädchenfreundschaft – darüber, wie man jemanden verliert, der einem einmal am nächsten stand. Gerade diese leise, genaue Art macht ihn zu einem guten Abschluss dieser Liste.

Alle Romane im Überblick

RomanAutorinSchauplatzSeitenFür wen?
Meine geniale FreundinElena FerranteNeapel526Leser, die eine große, mehrbändige Saga suchen
KatzenaugeMargaret AtwoodKanada508alle, die Mobbing unter Mädchen literarisch verstehen wollen
SulaToni MorrisonOhio236Leser, die kurze, dichte Klassiker schätzen
Swing TimeZadie SmithLondon und weltweit626Freunde großer Gesellschaftsromane
Nach einer wahren GeschichteDelphine de ViganParis347Fans psychologischer Spannung
YellowfaceR. F. KuangUSA, Literaturszene382alle, die schnell und bissig unterhalten werden wollen
Gespräche mit FreundenSally RooneyDublin, Provence352Einsteiger in zeitgenössische Literatur
Mein Jahr der Ruhe und EntspannungOttessa MoshfeghNew York313Liebhaber schwarzen Humors
Das gelbe HausMieko KawakamiJapan523Leser, die Perspektiven jenseits des Westens suchen
Das brennende MädchenClaire MessudMassachusetts253alle, die leise Coming-of-Age-Romane mögen

Welcher Roman passt zu Ihnen?

Wenn Sie nur ein Buch lesen möchten, beginnen Sie mit „Meine geniale Freundin“: Kein anderer Roman hat das Thema so geprägt, und er öffnet die Tür zu einer der großen Romanreihen der Gegenwart. Suchen Sie etwas Kürzeres mit ähnlicher Wucht, greifen Sie zu „Sula“. „Katzenauge“ ist die richtige Wahl, wenn Sie verstehen wollen, wie Kränkungen aus der Kindheit ein Leben lang nachwirken.

Mögen Sie es spannend, lesen Sie „Nach einer wahren Geschichte“ oder „Yellowface“ – beide erzählen von Frauen, die sich das Leben oder Werk einer anderen aneignen. Wer zeitgenössische Stimmen bevorzugt, ist mit Sally Rooney und Ottessa Moshfegh gut beraten, wobei Rooney den sanfteren und Moshfegh den deutlich böseren Ton anschlägt. Und wer den Blick über Europa und Nordamerika hinaus weiten möchte, findet in Mieko Kawakamis „Das gelbe Haus“ eine Geschichte, die das Thema auf ganz eigene Weise mit Armut und Abhängigkeit verbindet.

Eines haben alle zehn Romane gemeinsam: Sie machen keine einfachen Rollen auf. Täterin und Opfer sind selten klar zu trennen, und oft ist gerade die Freundin, die einem am meisten schadet, auch die, die einen am besten kennt. Diese Ambivalenz macht toxische Freundschaften so schwer zu durchschauen – und diese Bücher so lesenswert.

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