Bücher wie „Die Lücken“ von Shida Bazyar: zehn ähnliche Romane

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Heimesbach gibt es auf keiner Landkarte. Und doch kommt einem das Dorf im Hunsrück, das Shida Bazyar in „Die Lücken“ entwirft, sehr bekannt vor. Neun Jahrzehnte deutscher Geschichte haben sich hier abgelagert: jüdische Familien, die alles verloren, Profiteure der NS-Zeit, die später nur Mitläufer gewesen sein wollen, und Jahrzehnte danach Familien, die aus dem Iran fliehen und ausgerechnet in diesem Ort Sicherheit suchen. Bazyar erzählt das nicht als geschlossene Chronik, sondern in vielen Stimmen und Bruchstücken – und gerade das, was niemand ausspricht, hält diese Teile zusammen.

Wer das Buch zugeklappt hat und mehr davon sucht, hat es nicht ganz leicht: Einen zweiten Roman, der all diese Elemente vereint, gibt es nicht. Wohl aber Bücher, die jeweils einen Strang aufnehmen und weiterführen. Die folgenden zehn Romane sind nach diesen Strängen geordnet: der Ort als Gedächtnis, das Fremdsein in der Provinz, das Schweigen nach 1945, Familien zwischen zwei Ländern und schließlich das vielstimmige Erzählen selbst. Bazyars eigene frühere Romane fehlen hier bewusst; ihnen widmet sich ein eigener Beitrag.

Ein Ort, der sich erinnert

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Wer verstehen will, woher die Idee kommt, ein Jahrhundert anhand eines einzigen Ortes zu erzählen, sollte mit Heimsuchung beginnen. Im Mittelpunkt steht ein Haus an einem See in der Mark Brandenburg. Fünfzehn Menschen leben dort nacheinander oder kommen dort vorbei, von den Zwanzigerjahren über NS-Zeit, Krieg, DDR und Wende bis in die Jahre danach. Unter ihnen ist eine jüdische Familie, die ihren Besitz verliert – das Haus bleibt, die Eigentümer wechseln, und jeder neue Bewohner richtet sich auf dem ein, was die vorigen zurückgelassen haben.

Die Verwandtschaft zu Bazyar liegt in dieser Grundfrage: Wem gehört ein Ort, und was weiß er über die, die ihn bewohnt haben? Erpenbeck gibt jedem Lebenslauf eine eigene Form, manche Kapitel sind kaum länger als eine Szene. Mit 189 Seiten ist das Buch viel kürzer als „Die Lücken“, aber nicht leichter; es verlangt Aufmerksamkeit für Wiederholungen und Motive, die von Kapitel zu Kapitel weiterwandern. Ein aktueller Anlass kommt hinzu: Laut Verlag läuft Volker Schlöndorffs Verfilmung ab dem 15. Oktober 2026 in den Kinos.

Saša Stanišić: Vor dem Fest

Auch Fürstenfelde in der Uckermark ist ein Dorf mit vielen Zeitschichten. Vor dem Fest spielt in einer einzigen Nacht, bevor der Ort sein Fest feiert, und erzählt wird sie von einem kollektiven „Wir“: dem Dorf selbst, das über seine Bewohner Bescheid weiß und über sich selbst ebenso. Zwischen die Episoden der Gegenwart schieben sich Fundstücke aus alten Archiven, die zeigen, dass das, was heute geschieht, eine lange Vorgeschichte hat.

Im Vergleich zu Bazyar ist der Ton deutlich verspielter, oft komisch und sprachlich übermütig. Das Prinzip aber ist dasselbe: Ein fiktiver Ort wird zum Speicher von Geschichte, und die Gegenwart lässt sich nur verstehen, wenn man die Vergangenheit mitliest. Stanišić erhielt für den Roman 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Fremd in der Provinz

Bazyars iranische Familien sind nicht die ersten, die in einem deutschen Dorf als Fremde ankommen. Zwei Romane erinnern daran, dass schon die Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 diese Erfahrung gemacht haben.

Dörte Hansen: Altes Land

Dörte Hansen: Altes Land

Vera ist fünf Jahre alt, als sie 1945 mit ihrer Mutter aus Ostpreußen auf einen Bauernhof im Alten Land bei Hamburg kommt. Für die Einheimischen bleibt sie das „Polackenkind“, und auch als erwachsene Frau wird sie in dem großen, kalten Haus nicht heimisch – verlassen kann sie es trotzdem nicht. Sechzig Jahre später steht ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn vor der Tür, auf der Flucht vor einem Leben in Hamburg-Ottensen, das nicht mehr funktioniert.

Altes Land ist der zugänglichste Roman dieser Liste. Dörte Hansen erzählt mit trockenem Humor und einem genauen Blick für Eigenheiten, sowohl die der Dorfbewohner als auch die der Großstädter. Die Fragen, die auch Bazyar stellt, sind trotzdem da: Wer gehört dazu, wie lange bleibt man fremd, und was trägt ein altes Haus an Geschichte mit sich? Wer nach „Die Lücken“ etwas Leichteres sucht, ohne das Thema zu verlassen, ist hier richtig.

Christoph Hein: Landnahme

Härter geht es in Landnahme zu. Bernhard Haber ist zehn, als er 1950 mit seinen Eltern aus Breslau in eine sächsische Kleinstadt kommt. Willkommen sind sie dort nicht: Der Vater ist Tischler, doch Aufträge von Einheimischen bleiben aus, und der Junge lernt in der Schule schnell, dass er sich nur mit den Fäusten behaupten kann. Über die Jahrzehnte arbeitet sich Haber nach oben – bis in den Kegelklub, in dem die Selbständigen des Ortes ihre Politik machen, vor 1989 ebenso wie danach.

Christoph Hein lässt diese Geschichte nicht von Haber selbst erzählen, sondern von Menschen aus seinem Umfeld, die jeweils nur einen Ausschnitt kennen. So entsteht, ähnlich wie bei Bazyar, das Bild einer Gemeinschaft, die Zugezogene lieber loswürde und über ihre eigenen Geschäfte und Gefälligkeiten schweigt.

Nach dem Schweigen: die Jahre nach 1945

Ursula Krechel: Landgericht

Ursula Krechel: Landgericht

In „Die Lücken“ erfinden sich die Profiteure der NS-Zeit nach dem Krieg als harmlose Mitläufer neu. Landgericht erzählt die Kehrseite. Der Richter Richard Kornitzer wird von den Nationalsozialisten aus seinem Beruf gedrängt, überlebt im Exil in Havanna und kehrt nach dem Krieg zurück. Seine Familie ist zerrissen, die Kinder sind in England aufgewachsen, und die junge Bundesrepublik begegnet ihm nicht mit Wiedergutmachung, sondern mit Akten, Fristen und Formularen. Kornitzer kämpft um sein Recht – mit einer Hartnäckigkeit, die der Verlag mit Kleists Michael Kohlhaas vergleicht.

Ursula Krechel schreibt nüchtern, mit viel Sinn für Dokumente und Details, und gerade diese Genauigkeit macht das Buch so bedrückend. Der umfangreiche Roman verlangt Geduld und zeigt genau, wie Unrecht nach 1945 weiterverwaltet wurde. 2012 erhielt Krechel dafür den Deutschen Buchpreis.

Familien zwischen zwei Ländern

Die zweite Hälfte von „Die Lücken“ gehört den Familien Sharifi und Karimpour, die aus dem Iran nach Heimesbach kommen. Drei Romane erzählen vom Ankommen, von Erwartungen und davon, was Familien einander verschweigen.

Fatma Aydemir: Dschinns

Dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, nun hat er sich endlich die Eigentumswohnung in Istanbul gekauft. Am Tag des Einzugs stirbt er an einem Herzinfarkt. Seine Familie reist zur Beerdigung an, und jedes ihrer Mitglieder bringt eigene Geheimnisse und Verletzungen mit.

Dschinns ist in Kapiteln aufgebaut, die jeweils einem Familienmitglied gehören. Erst zusammen ergeben sie ein Bild der Familie, und erst im Nebeneinander wird sichtbar, wie viel unausgesprochen geblieben ist. Fatma Aydemir erzählt mit Wut, aber auch mit großer Zuneigung zu ihren Figuren. Mit Bazyar verbindet sie nicht nur die mehrstimmige Form, sondern das Thema: Schweigen, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

Eine Familie aus der Vojvodina, die Ungarisch spricht, hat es in der Schweiz zu einem eigenen Café gebracht. Dort gilt vor allem eines: nicht auffallen, freundlich sein, sich anpassen. Gleichzeitig herrscht in der alten Heimat Krieg, und die Nachrichten von dort lassen sich mit dem Wunsch nach Unauffälligkeit kaum vereinbaren.

Tauben fliegen auf zeigt besonders genau, welchen Preis Anpassung kostet und wie brüchig ein neues Zuhause bleibt, solange andere darüber entscheiden, wer als fremd gilt. Melinda Nadj Abonji erhielt für den Roman 2010 sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis. Er nimmt den Blick einer Familie ein, die bleiben will und sich dafür kleiner macht, als sie ist.

Nava Ebrahimi: Und Federn überall

Dieser Roman ist Bazyars Buch in manchem am nächsten. Lasseren ist eine Kleinstadt im Emsland, und wer dort Arbeit sucht, landet früher oder später bei Möllring, dem großen Geflügelschlachthof am Ortsrand. Und Federn überall folgt an einem einzigen Montag sechs Menschen: einer alleinerziehenden Mutter, einer jungen Ingenieurin, einem Prozessoptimierer des Schlachthofs, dem geflüchteten Afghanen Nassim, seiner deutlich älteren Geliebten Justyna und Roshi, einer deutsch-iranischen Autorin aus Köln, die Nassims Gedichte übersetzen soll. Als ein Zwischenfall Nassim über das Lokalradio bekannt macht, geraten die Lebensentwürfe aller ins Rutschen.

Wie bei Bazyar treffen Alteingesessene und Neuankömmlinge in der deutschen Provinz aufeinander, und keine Perspektive hat das letzte Wort. Ebrahimi, die 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und wie Bazyar iranische Wurzeln hat, erzählt allerdings ganz aus der Gegenwart – es geht um Arbeit, Abhängigkeiten und die Frage, wie man unter harten Bedingungen menschlich bleibt. Der Roman ist 2025 erschienen und damit der jüngste dieser Auswahl.

Viele Stimmen, ein Ort

Zum Schluss zwei Bücher, die vor allem formal und atmosphärisch an „Die Lücken“ anknüpfen.

Robert Seethaler: Das Feld

Robert Seethaler: Das Feld

In Das Feld sprechen die Toten. Auf dem Friedhof einer kleinen Stadt blickt jeder von ihnen auf sein Leben zurück: einer, der dem Glücksspiel verfiel, eine Frau, deren Mann ihr ein Leben lang die Hand hielt, ein anderer, der erst jetzt versteht, wann sich sein Schicksal entschied. Die Geschichten sind kurz und stehen für sich, berühren sich aber immer wieder, sodass nach und nach der Roman eines ganzen Ortes entsteht.

Formal kommt kein Buch dieser Liste dem Mosaikprinzip von Bazyar näher. Inhaltlich ist Seethaler stiller und weniger politisch: Es geht nicht um Schuld und Geschichte, sondern um Liebe, Verlust und die Frage, was von einem Leben bleibt. Wer an „Die Lücken“ vor allem die vielen Stimmen geschätzt hat, findet hier eine ruhigere Variante.

Monika Helfer: Die Bagage

Die Familie Moosbrugger lebt am Rand eines Bergdorfs in Vorarlberg, und schon diese Lage sagt alles: Sie sind die Armen, die „Bagage“. Als der Vater im Ersten Weltkrieg eingezogen wird, sind Maria und die Kinder auf das Wohlwollen des Bürgermeisters angewiesen. Dann kommt ein Fremder aus Hannover ins Dorf, Maria wird schwanger, und das Gerede beginnt. Das Kind ist Grete, mit der Josef Moosbrugger nie ein Wort sprechen wird – Monika Helfers eigene Mutter.

Die Bagage ist eine Rekonstruktion aus Erinnerungsfetzen und Familienerzählungen, offen in ihren Lücken und gerade deshalb so eindringlich. Mit rund 200 Seiten ist der Roman schnell gelesen, wirkt aber lange nach. Er zeigt das Dorf als Ort, an dem jeder alles über die anderen zu wissen glaubt und gerade deshalb so viel unausgesprochen bleibt – ein Motiv, das auch Heimesbach prägt.

Alle zehn Romane im Überblick

BuchAutorSeitenVerbindung zu „Die Lücken“
HeimsuchungJenny Erpenbeck189ein Ort als Gedächtnis eines Jahrhunderts
Vor dem FestSaša Stanišić255fiktives Dorf mit Zeitschichten, kollektive Erzählstimme
Altes LandDörte Hansen303Flüchtlingskind in der Provinz, leichterer Ton
LandnahmeChristoph Hein382ein Ort und seine Zugezogenen über fünf Jahrzehnte
LandgerichtUrsula Krechel554Rückkehr aus dem Exil in die junge Bundesrepublik
DschinnsFatma Aydemir364Familienschweigen, erzählt in mehreren Stimmen
Tauben fliegen aufMelinda Nadj Abonji288Ankommen und Anpassungsdruck
Und Federn überallNava Ebrahimi350vielstimmiges Bild der heutigen Provinz
Das FeldRobert Seethaler269Erzählmosaik aus Lebensgeschichten eines Ortes
Die BagageMonika Helfer205Dorf, Ausgrenzung und Familiengeheimnis

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die jeweils verlinkte Ausgabe.

Welcher Roman passt zu Ihnen?

Das hängt davon ab, was Sie an Bazyars Buch am stärksten gepackt hat. Ging es Ihnen um die Idee, dass ein Ort Geschichte speichert, lesen Sie zuerst „Heimsuchung“ und danach „Vor dem Fest“ – das eine streng und verdichtet, das andere verspielt. Hat Sie vor allem die Frage beschäftigt, wie ein Dorf mit Fremden umgeht, bieten sich „Altes Land“ als leichterer und „Landnahme“ als härterer Einstieg an. Für die Nachgeschichte der NS-Zeit ist „Landgericht“ die gründlichste Wahl.

Stand für Sie die Gegenwart im Vordergrund, also das Leben der Familien, die aus dem Iran kommen, führt der direkteste Weg zu „Und Federn überall“; „Dschinns“ und „Tauben fliegen auf“ erweitern den Blick auf andere Herkunftsländer und andere Formen des Schweigens. Und wer vor allem die Form bewundert hat, das Zusammensetzen vieler Einzelstimmen, greift zu „Das Feld“ oder zu „Die Bagage“, die beide kurz genug sind, um sie zwischen zwei längere Bücher zu schieben.

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