Wer zum ersten Mal vor dem Regal mit den Romanen von Robert Harris steht, fragt sich schnell, ob es eine Reihenfolge einzuhalten gilt. Die Antwort ist erfreulich einfach: Fast alle seine Bücher stehen für sich. Harris springt von Roman zu Roman durch die Epochen, vom alten Rom über das Paris der Dreyfus-Affäre bis in eine Gegenwart, in der ein Algorithmus die Börsen beherrscht. Jede Geschichte hat ihre eigenen Figuren, und kein Einzelroman setzt einen anderen voraus.
Die eine Ausnahme ist die Cicero-Trilogie. Ihre drei Bände erzählen fortlaufend vom Leben des römischen Redners und Politikers und müssen nacheinander gelesen werden. Dieser Überblick zeigt, wie die Romane zusammenhängen, wo sich der Einstieg lohnt und welche Bücher thematisch verwandt sind, ohne aufeinander aufzubauen. Alle Titel sind auf Deutsch bei Heyne erschienen; die Sachbücher von Harris bleiben hier außen vor.
Alle Romane von Robert Harris auf einen Blick
Die Tabelle beginnt mit der Trilogie, weil nur dort die Abfolge zählt. Darunter folgen die Einzelromane in der Reihenfolge ihrer englischen Originalausgabe.
| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Original erschienen | Schauplatz |
|---|---|---|---|---|
| Cicero 1 | Imperium | Imperium | 2006 | Rom, späte Republik |
| Cicero 2 | Titan | Lustrum (USA: Conspirata) | 2009 | Rom, späte Republik |
| Cicero 3 | Dictator | Dictator | 2015 | Rom, späte Republik |
| – | Vaterland | Fatherland | 1992 | Berlin in einer Welt nach Hitlers Sieg |
| – | Enigma | Enigma | 1995 | Bletchley Park, 1943 |
| – | Aurora | Archangel | 1998 | Russland nach der Sowjetunion |
| – | Pompeji | Pompeii | 2003 | Golf von Neapel, 79 n. Chr. |
| – | Ghost | The Ghost | 2007 | Martha’s Vineyard, Gegenwart |
| – | Angst | The Fear Index | 2011 | Finanzwelt, Gegenwart |
| – | Intrige | An Officer and a Spy | 2013 | Paris, ab 1894 |
| – | Konklave | Conclave | 2016 | Vatikan, Gegenwart |
| – | München | Munich | 2017 | München, September 1938 |
| – | Der zweite Schlaf | The Second Sleep | 2019 | England nach einer Katastrophe |
| – | Vergeltung | V2 | 2020 | England und Europa, 1944 |
| – | Königsmörder | Act of Oblivion | 2022 | England und Neuengland, ab 1660 |
| – | Abgrund | Precipice | 2024 | London, 1914 |
| – | Agrippa | Agrippa | 2026 | Rom, Zeit des Augustus |
Zwei Dinge fallen beim Blick auf die Liste auf. Erstens weichen viele deutsche Titel deutlich vom Original ab, etwa bei „Archangel“, „The Fear Index“ oder „V2“. Wer englische Ausgaben kauft oder Empfehlungen aus dem Ausland liest, sollte die Spalte mit den Originaltiteln im Auge behalten. Zweitens ist die Cicero-Trilogie zeitlich verstreut entstanden. Zwischen dem ersten und dem dritten Band liegen neun Jahre, in denen Harris drei weitere Einzelromane veröffentlichte.
Wo Sie am besten einsteigen
Weil die Einzelromane voneinander unabhängig sind, können Sie dort beginnen, wo Sie das Thema am meisten reizt. Drei Bücher eignen sich besonders.
Vaterland ist der naheliegende Startpunkt. Mit diesem Roman wurde Harris, bis dahin als politischer Journalist und Sachbuchautor bekannt, 1992 als Romancier berühmt. Die Prämisse ist bis heute verstörend: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, und ein Kriminalpolizist ermittelt in einem Mordfall, der ihn an das Verbrechen führt, das das Regime verschweigt. Hier zeigt sich schon alles, was Harris ausmacht – historische Recherche, ein Ermittler zwischen den Fronten und ein Tempo, das Sie kaum aus der Hand legen lässt.
Konklave ist der kompakteste Einstieg. Mit rund 350 Seiten gehört er zu den kürzeren Büchern des Autors, er spielt fast ausschließlich hinter den verschlossenen Türen einer Papstwahl und kommt ohne historisches Vorwissen aus. Vielen Lesern dürfte die Geschichte durch die Verfilmung von 2024 bekannt sein.
Wer sich vor allem für die Antike interessiert, beginnt dagegen mit Imperium und liest die Trilogie am Stück. Das ist der größte Brocken im Werk, zusammen gut 1.500 Seiten, aber auch Harris‘ ehrgeizigstes Projekt.
Die Cicero-Trilogie: die einzige Reihe
Erzählt wird die Trilogie von Tiro, Ciceros Sekretär, der seinen Herrn über Jahrzehnte begleitet. Diese Perspektive des Vertrauten, der überall dabei ist und doch nie selbst entscheidet, verbindet die drei Bände. Die Handlung schließt jeweils an den Vorgänger an, Figuren und Konflikte wachsen von Buch zu Buch. Eine andere Reihenfolge als 1, 2, 3 ergibt deshalb keinen Sinn.
Band 1: Imperium

Der Auftakt zeigt Cicero als Aufsteiger ohne vornehme Herkunft, der sich als Anwalt einen Namen macht und Schritt für Schritt nach dem Konsulat greift, dem höchsten Amt der Republik. Seine schärfste Waffe ist die Rede vor Gericht und im Senat. Wer politische Romane mag, findet hier eine Studie darüber, wie Ehrgeiz, Bündnisse und taktisches Geschick zusammenwirken, angesiedelt rund zwei Jahrtausende vor unserer Zeit und doch erstaunlich vertraut.
Band 2: Titan

Am Ziel angekommen, muss Cicero das Amt verteidigen. Titan erzählt von seinem Konsulat und der Verschwörung des Catilina, die die Republik ins Wanken bringt. Im Hintergrund taucht immer deutlicher Caesar auf, dessen Schatten über dem Rest der Trilogie liegt. Der Roman setzt den ersten Band unmittelbar voraus. Im Englischen erschien er als „Lustrum“, in den USA als „Conspirata“ – beim Kauf von Originalausgaben ist das eine häufige Stolperfalle.
Band 3: Dictator

Der Abschluss führt Cicero ins Exil, zurück nach Rom und schließlich an das Ende seines Lebens. Nun hat Caesar die Oberhand, und der einstige Machtpolitiker muss sich in einer Republik behaupten, die vor seinen Augen zerfällt. Dictator ist der dunkelste der drei Bände und rundet die Lebensgeschichte ab, die Tiro in „Imperium“ zu erzählen begann.
Die Einzelromane in der Reihenfolge ihres Erscheinens
Für alle weiteren Bücher gilt: Sie können sie in beliebiger Abfolge lesen. Die chronologische Ordnung nach Erscheinungsjahr hilft vor allem dabei, zu verfolgen, wie Harris sich als Autor verändert hat.
Die frühen Thriller: Vaterland, Enigma, Aurora

Seine ersten drei Romane kreisen um das 20. Jahrhundert und seine Diktaturen. Nach dem Alternativweltentwurf von „Vaterland“ wechselte Harris mit Enigma in die reale Geschichte: Im Winter 1943 wird ein ausgebrannter junger Mathematiker in die britische Dechiffrierzentrale Bletchley Park zurückgeholt, weil der deutsche Marinecode plötzlich wieder unlesbar ist. Parallel sucht er nach einer verschwundenen Frau, und aus dem Codebrecherroman wird eine Jagd nach einem Verräter in den eigenen Reihen.
Aurora verlegt das Geschehen ins Russland der Nachwendezeit. Ein britischer Historiker erfährt von einem unbekannten Notizbuch Stalins, und als sein Informant ermordet wird, beginnt eine gefährliche Spurensuche durch das Land. Der Roman fragt, wie lebendig die sowjetische Vergangenheit unter der Oberfläche noch ist.
Der Wechsel in die Antike und zurück: Pompeji, Ghost, Angst

Mit Pompeji wagte sich Harris 2003 erstmals ins alte Rom, drei Jahre vor „Imperium“. Ein junger Wasserbaumeister soll ein Problem mit der großen Wasserleitung am Golf von Neapel lösen und stößt dabei auf Korruption, während sich die Vorzeichen des Vesuvausbruchs häufen. Der Roman spielt rund 120 Jahre nach Ciceros Tod, hat mit der Trilogie nichts zu tun und lässt sich als eigenständiger Antike-Thriller lesen, gut geeignet auch als Probe, ob Ihnen Harris‘ Rom liegt.
Zwischen den Cicero-Bänden kehrte er zweimal in die Gegenwart zurück. In Ghost übernimmt ein Ghostwriter die Memoiren eines ehemaligen britischen Premierministers, nachdem sein Vorgänger unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist. Was als Auftragsarbeit beginnt, führt zu Fragen nach der Rolle des Politikers im „Krieg gegen den Terror“. Roman Polanski verfilmte das Buch 2010 unter dem Titel „Der Ghostwriter“. Angst ist der ungewöhnlichste Thriller dieser Phase: Ein Wissenschaftler hat eine Software entwickelt, die an den Börsen enorme Gewinne einfährt, und gerät plötzlich selbst ins Visier. Der Roman ist eine Parabel auf die Macht automatisierter Märkte.
Geschichte als Spiegel der Gegenwart: Intrige, Konklave, München
Intrige nimmt sich die Dreyfus-Affäre vor, einen der großen Justizskandale Europas. Erzählt wird aus der Sicht von Georges Picquart, dem Chef des französischen Geheimdienstes, der an der Schuld des verurteilten Offiziers Alfred Dreyfus zu zweifeln beginnt und dafür selbst zur Zielscheibe wird. Das Buch zeigt, wie Institutionen einen Fehler lieber vertuschen als korrigieren. Roman Polanski hat auch diesen Stoff verfilmt.

In „Konklave“ leitet ein von Glaubenszweifeln geplagter Kardinal die Wahl eines neuen Papstes. Die Lager formieren sich, Gerüchte machen die Runde, und ein unerwarteter Teilnehmer bringt die Kalkulationen durcheinander. Harris braucht dafür kaum Schauplätze und keine Action, die Spannung entsteht aus Abstimmungsrunden und Gesprächen in Fluren.

München führt zur Konferenz im September 1938, auf der Chamberlain, Hitler, Mussolini und Daladier über das Schicksal der Tschechoslowakei verhandeln. Im Zentrum stehen zwei junge Diplomaten, ein Brite aus Chamberlains Umfeld und ein Deutscher, der heimlich dem Widerstand angehört. Die beiden kennen sich aus ihrer Studienzeit in Oxford und müssen nun entscheiden, wie weit sie einander vertrauen können. Netflix hat den Roman verfilmt.
Die jüngsten Romane: vom Experiment zur Rückkehr nach Rom
Der zweite Schlaf ist Harris‘ eigenwilligstes Buch. Ein junger Priester soll in einem abgelegenen Dorf die Beerdigung seines Vorgängers ausrichten, der Fundstücke aus einer längst vergangenen Zeit gesammelt hat. Mehr über den Hintergrund dieser Welt sei hier nicht verraten, denn ein guter Teil des Reizes liegt darin, ihn selbst zu entdecken.
Mit Vergeltung kehrte Harris in den Zweiten Weltkrieg zurück. Der Roman schildert die V2-Angriffe auf England im Jahr 1944 im Wechsel aus der Sicht eines Deutschen, der an den Raketen arbeitet, und einer Britin, die ihre Abschussorte aufspüren soll. Königsmörder erzählt von zwei Offizieren aus Cromwells Lager, die nach der Rückkehr der Monarchie 1660 als Mitunterzeichner des Todesurteils gegen Karl I. von jeder Amnestie ausgenommen sind. Sie fliehen in die puritanischen Kolonien Neuenglands, ein Verfolger heftet sich an ihre Fersen.
Abgrund spielt im Sommer 1914. Premierminister Asquith schreibt der jungen Aristokratin Venetia Stanley unablässig Briefe und vertraut ihr dabei Staatsgeheimnisse an, während ein Geheimdienstoffizier einem Leck auf die Spur kommen soll.

Der neueste Roman, Agrippa, führt zurück nach Rom. Erzähler ist diesmal Marcus Agrippa, der engste Freund und Feldherr Octavians, des späteren Kaisers Augustus. Gealtert und krank blickt er in seinen Memoiren auf ein Leben zurück, das ganz im Bann dieses undurchschaubaren Mannes stand.
Verwandte Romane ohne Lesezwang
Einige Bücher liegen thematisch nah beieinander. Das ist ein Angebot für Leser, die nach einem Roman mehr vom Gleichen suchen, aber keine Pflicht.
- Antikes Rom: „Pompeji“, die Cicero-Trilogie und „Agrippa“ spielen alle im Römischen Reich. „Agrippa“ setzt zeitlich um den Tod Caesars an, also dort, wo „Dictator“ in seine letzte Phase eintritt. Ein Folgeband ist der Roman dennoch nicht: Er hat einen anderen Erzähler und eine eigene Geschichte. Wer die Trilogie kennt, wird manche Figuren wiedererkennen, braucht sie aber nicht gelesen zu haben.
- Großbritannien vor dem Krieg: „München“ und „Abgrund“ zeigen beide die britische Regierung in den Wochen vor einem Weltkrieg, einmal 1938, einmal 1914. Gelesen hintereinander ergibt sich ein reizvoller Vergleich, doch die Romane sind vollkommen unabhängig voneinander.
- Zweiter Weltkrieg: „Vaterland“, „Enigma“ und „Vergeltung“ kreisen um diesen Krieg, jeweils aus völlig verschiedenem Blickwinkel.
Fazit: Nur bei Cicero gilt die Reihenfolge
Die Frage nach der richtigen Reihenfolge stellt sich bei Robert Harris nur einmal: „Imperium“, „Titan“ und „Dictator“ gehören in genau diese Abfolge. Für alle anderen Romane gibt es keine Lesereihenfolge, die besser wäre als Ihr eigenes Interesse. Wer einen Einstieg sucht, ist mit „Vaterland“ oder „Konklave“ gut beraten, wer für das alte Rom schwärmt, beginnt mit der Trilogie. Danach dürfen Sie sich frei durch die Jahrhunderte lesen.
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