Anne Carsons Rot ist eines dieser Bücher, nach denen man nicht einfach zum nächsten greift. Den Ausgangspunkt bilden ein paar Fragmente des griechischen Dichters Stesichoros über Geryon, ein rotes, geflügeltes Ungeheuer, das Herakles im Mythos erschlägt. Carson macht daraus einen Jungen in der Gegenwart, schüchtern, fotografierend, verliebt in einen Herakles, der ihn nicht so liebt, wie er geliebt werden möchte. Erzählt wird das in Versen, aber es ist ein Roman – die deutsche Ausgabe trägt den Untertitel „zwei Romane in Versen“.
Was genau an diesem Buch fesselt, ist von Leser zu Leser verschieden. Meist ist es eine Mischung aus vier Dingen:
- Die Form. Ein Roman, der aussieht wie ein Gedicht und sich trotzdem liest wie eine Geschichte.
- Der Mythos in der Gegenwart. Ein antikes Wesen steht plötzlich in einer Küche, auf dem Schulhof, hinter einer Kamera.
- Der Ton. Zart, verletzlich, queer, eine Geschichte vom Erwachsenwerden und von einer Liebe, die nicht aufgeht.
- Der Umgang mit alten Texten. Carson liest die Antike nicht ehrfürchtig nach, sie nimmt sie auseinander und baut daraus etwas Neues.
Die zwölf Bücher unten bedienen jeweils mindestens einen dieser Punkte, keines alle gleichzeitig. Sie sind so geordnet, dass Sie von der Form über die Antike zu den Neuerzählungen gelangen – und am Ende wieder bei Carson.
Romane in Versen: Wenn die Form das Erlebnis ist

Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber (Matthes & Seitz Berlin, 207 Seiten) ist im deutschsprachigen Raum das naheliegendste Buch für alle, die an Rot vor allem die Form begeistert hat. Weber erzählt in Versen das Leben der realen Anne Beaumanoir: 1923 in der Bretagne geboren, als Jugendliche in der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher, später Neurophysiologin in Marseille und 1959 zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie die algerische Unabhängigkeitsbewegung unterstützt hatte. Wo Carson einen Mythos in ein heutiges Leben holt, geht Weber den umgekehrten Weg und hebt ein heutiges Leben in die Form des Epos. Dabei fragt das Buch, was Menschen in den Widerstand treibt und welchen Preis sie dafür zahlen. Ausgezeichnet wurde es 2020 mit dem Deutschen Buchpreis.

Mädchen, Frau etc. von Bernardine Evaristo (Tropen, 507 Seiten) ist der leichteste Einstieg in Romane, die auf der Seite nicht wie Romane aussehen. Evaristo selbst nennt ihre Schreibweise „Fusion Fiction“: Die Sätze laufen über Zeilenumbrüche, Punkte sind selten, und trotzdem fließt der Text so schnell wie gewöhnliche Prosa. Zwölf Hauptfiguren, überwiegend schwarze britische Frauen, verbinden sich über ein Jahrhundert zu einem Geflecht – von Amma, die als Dramatikerin am Londoner National Theatre vor dem Durchbruch steht, bis zu Bummi, die in Nigeria in Armut aufwuchs und in England eine Reinigungsfirma gründet. Mit Mythen hat das Buch nichts zu tun, mit dem Ton von Rot aber viel: Es geht um Herkunft, Identität und die Frage, wo man hingehört. 2019 erhielt der Roman den Booker-Preis.
Zwischen Roman und Gedicht

Trauer ist das Ding mit Federn von Max Porter (Kein & Aber, 124 Seiten) ist der Geheimtipp dieser Liste. Wenige Tage nach dem Tod seiner Frau steht vor der Tür eines Vaters zweier Söhne eine riesige Krähe und zieht ein – sie bleibe, bis die Familie sie nicht mehr brauche. Der Vater arbeitet an einem Buch über Ted Hughes, und die Krähe ist unverkennbar mit Hughes’ Gedichtzyklus „Crow“ verwandt. Porter wechselt zwischen den Stimmen von Vater, Söhnen und Krähe und mischt Prosa, Gedicht und Szenen, die wie für die Bühne geschrieben wirken. Die Nähe zu Rot liegt auf der Hand: ein mythisches, geflügeltes Wesen inmitten eines ganz gewöhnlichen Haushalts – und ein Buch, das zugleich traurig und überraschend komisch ist. Mit gut 120 Seiten lässt es sich an einem Abend lesen, es lohnt sich aber, langsamer zu sein.

Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong (btb, 269 Seiten) kommt dem Gefühl von Rot von allen Büchern hier wohl am nächsten. Vuong war Lyriker, bevor er diesen ersten Roman schrieb, und das merkt man jedem Absatz an. Der Ich-Erzähler schreibt einen Brief an seine vietnamesische Mutter, die ihn nicht lesen kann: Sie ist Analphabetin, spricht kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Er erzählt von der Großmutter, von den Schlägen der Mutter, vom Krieg, der in der Familie nachwirkt, und von seiner ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen. Wie Geryon ist der Erzähler ein Außenseiter, der seine Welt genau beobachtet und eine Liebe erlebt, die ihn mehr kostet als den anderen. Das Buch ist fragmentarisch gebaut und springt in der Zeit – wer bei Carson die Lücken mochte, wird sie hier wiederfinden.
Die Antike gegen den Strich gelesen

46 Minuten im Leben der Dämmerung von Alice Oswald (S. Fischer, 171 Seiten) ist das einzige reine Lyrikbuch der Auswahl und gleichzeitig das, das Carsons Arbeitsweise am nächsten kommt. Es enthält unter anderem „Memorial“, Oswalds Bearbeitung der Ilias: Die großen Helden und ihre Handlung fallen weg; übrig bleiben die einfachen Soldaten, die bei Homer sterben, Name für Name, und dazwischen Homers Gleichnisse aus der Natur. So radikal wie Carson die Fragmente des Stesichoros neu zusammensetzt, legt Oswald frei, was bei Homer unter dem Heldenepos liegt. Ein zweiter Text verwandelt das Anbrechen des Tages in ein kleines Epos, wiederum mit Homers Bildern im Hintergrund. Oswald schreibt für die Stimme – es lohnt sich, einzelne Passagen laut zu lesen.

Kassandra von Christa Wolf (Suhrkamp, 178 Seiten) ist der deutschsprachige Klassiker des umgedeuteten Mythos. Troja fällt, und Kassandra, die Seherin, der niemand glaubt, befragt in einem langen inneren Monolog ihr Leben, ihren Vater, ihre Liebe, ihre Stadt und den Krieg, den Männer um sie herum für unvermeidlich halten. Wolf erzählt den Trojanischen Krieg ohne Heldenpathos, aus der Sicht derjenigen, die das Ende kommen sieht und nicht gehört wird. Entstanden ist die Erzählung im Umfeld von Wolfs Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1982, in denen sie offenlegt, wie sie sich dem Stoff genähert hat. Wer an Rot schätzte, dass eine Randfigur des Mythos plötzlich das Zentrum bekommt, findet hier das deutsche Vorbild dafür.

Die letzte Welt von Christoph Ransmayr (Fischer Taschenbuch, 396 Seiten) verbindet Antike und Gegenwart so selbstverständlich wie Carson. Ovid ist im Jahr 8 n. Chr. ans Schwarze Meer verbannt worden, und ein Freund aus Rom reist ihm nach, um den Dichter und eine Abschrift der verschollenen „Metamorphosen“ zu finden. In der Hafenstadt Tomi aber gelten keine Epochen mehr: Es gibt einen Filmvorführer, der mit seinem Projektor durch die Gegend zieht, und die Bewohner tragen Namen und Schicksale, die man aus Ovids Verwandlungsgeschichten kennt. Je länger die Suche dauert, desto mehr verwandelt sich der Suchende selbst in eine Romanfigur. Ransmayr hat dem Roman ein „Ovidisches Repertoire“ angehängt, in dem er die Figuren seiner Welt ihren antiken Vorbildern gegenüberstellt – ein Spiel mit den Quellen, wie es auch Carson liebt, die Rot mit Material zu Stesichoros einleitet.
Mythen, mitten in die Gegenwart gestellt

Die Penelopiade von Margaret Atwood (dtv, 171 Seiten) erzählt die Odyssee von der anderen Seite. Penelope blickt aus dem Totenreich auf ihr Leben zurück: auf den Ehemann, der zwanzig Jahre lang fort war, auf die Gesellschaft auf Ithaka und auf das, was Homer ausgelassen hat. Dagegen setzt Atwood einen Chor der zwölf Mägde, die Odysseus nach seiner Rückkehr hängen ließ; sie melden sich in Liedern, Balladen und anderen Formen zu Wort und widersprechen der Erzählerin. Das ist Formenmix im Kleinformat, scharf, ironisch und in einem Zug zu lesen. Das Buch entstand für die internationale Mythen-Reihe, in der namhafte Autorinnen und Autoren alte Sagen neu erzählen.

Girl meets boy von Ali Smith (dtv, 141 Seiten) stammt aus derselben Reihe und ist das Buch dieser Liste, das Rot thematisch am nächsten steht. Smith nimmt sich die Iphis-Episode aus Ovids „Metamorphosen“ vor, in der ein als Junge erzogenes Mädchen eine Frau heiraten soll, und verlegt sie ins Schottland des frühen 21. Jahrhunderts. Dort verliebt sich die verträumte Anthea in Robin, eine politische Aktivistin, die zunächst als Junge verkleidet auftritt. Wie Carson führt Smith einen antiken Stoff in eine queere Liebesgeschichte über; ihr Ton ist dabei heller, verspielter und offen politisch. Wer nach Rot ein Buch sucht, das nicht wehtut und trotzdem etwas zu sagen hat, sollte hier anfangen.

Hausbrand von Kamila Shamsie (Berlin Verlag, 254 Seiten) ist der konventionellste Roman der Auswahl, aber einer mit großer Wucht. Die Vorlage ist Sophokles’ „Antigone“, verlegt in eine britisch-pakistanische Familie: Isma hat nach dem Tod der Eltern ihre jüngeren Zwillingsgeschwister großgezogen; ihr Bruder hat sich dem IS angeschlossen, wie schon der Vater ein Dschihadist war. Als er zurückwill, könnte ausgerechnet der Vater eines jungen Mannes helfen, mit dem Isma sich in den USA angefreundet hat – der britische Innenminister, der in Sicherheitsfragen keine Kompromisse kennt. Der alte Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen Staat und Familie, ist hier so unbequem wie bei Sophokles. Formal hat das Buch mit Carson wenig gemein; es zeigt aber besonders klar, wie wenig ein Mythos an Schärfe verliert, wenn man ihn ins Heute holt.
Mehr Mythos, mehr Erzählfluss

Ich bin Circe von Madeline Miller (Eisele, 516 Seiten) ist der populärste Titel dieser Liste und ein guter Griff für alle, die nach Rot mehr griechische Mythologie möchten, aber eine durchgehende, klassisch erzählte Handlung. Circe, Tochter des Sonnengottes Helios, passt nicht zu ihrer göttlichen Familie und wird auf eine einsame Insel verbannt. Dort lernt sie die Kraft der Pflanzen kennen, wird zur Zauberin und begegnet im Lauf der Jahrhunderte Daidalos, dem Minotauros, Medea, Odysseus und Penelope. Am Ende muss sie entscheiden, ob sie zu den Göttern oder zu den Menschen gehört. Miller erzählt aus Circes eigener Sicht, warm und psychologisch genau – weniger experimentell als Carson, aber mit demselben Interesse an einer Figur, die im Mythos sonst nur am Rand vorkommt.
Zurück zu Carson

Norma Jeane Baker von Troja von Anne Carson (Matthes & Seitz Berlin, 68 Seiten) schließt den Kreis. Carson greift die Fassung des Mythos auf, die Euripides in seiner „Helena“ erzählt: Helena war nie in Troja, die Griechen kämpften zehn Jahre lang um ein Trugbild. Diese Helena verschmilzt Carson mit Marilyn Monroe, die als Norma Jeane Baker geboren wurde – zwei Frauen, die vor allem als Bild existierten, als Gegenstand männlichen Begehrens. Das Stück ist in Lektionen und Auftritte gegliedert und spielt zugleich in Troja und auf dem Sunset Boulevard. Es ist derselbe Griff wie in Rot: ein antiker Text, durch ein modernes Leben gezogen, bis beide etwas über einander verraten. Mit knapp 70 Seiten ist es zudem das kürzeste Buch der Liste.
Alle zwölf Bücher im Überblick
| Titel | Autorin/Autor | Form | Antiker Bezug | Verlag, Jahr | Seiten |
|---|---|---|---|---|---|
| Annette, ein Heldinnenepos | Anne Weber | Roman in Versen | – | Matthes & Seitz Berlin, 2022 | 207 |
| Mädchen, Frau etc. | Bernardine Evaristo | Roman zwischen Prosa und Vers | – | Tropen, 2021 | 507 |
| Trauer ist das Ding mit Federn | Max Porter | Roman, Gedicht und Szene | – | Kein & Aber, 2018 | 124 |
| Auf Erden sind wir kurz grandios | Ocean Vuong | Roman | – | btb, 2021 | 269 |
| 46 Minuten im Leben der Dämmerung | Alice Oswald | Lyrik | Homer, „Ilias“ | S. Fischer, 2018 | 171 |
| Kassandra | Christa Wolf | Erzählung | Trojanischer Krieg | Suhrkamp, 2008 | 178 |
| Die letzte Welt | Christoph Ransmayr | Roman | Ovid, „Metamorphosen“ | Fischer Taschenbuch, 2020 | 396 |
| Die Penelopiade | Margaret Atwood | Roman mit Chor | Homer, „Odyssee“ | dtv, 2007 | 171 |
| Girl meets boy | Ali Smith | Roman | Ovid, Iphis | dtv, 2009 | 141 |
| Hausbrand | Kamila Shamsie | Roman | Sophokles, „Antigone“ | Berlin Verlag, 2018 | 254 |
| Ich bin Circe | Madeline Miller | Roman | Circe-Mythos | Eisele, 2020 | 516 |
| Norma Jeane Baker von Troja | Anne Carson | Stück | Euripides, „Helena“ | Matthes & Seitz Berlin, 2025 | 68 |
Die Angaben zu Verlag, Jahr und Seiten beziehen sich auf die hier verlinkten Ausgaben; von mehreren Titeln gibt es weitere.
Womit anfangen?
Das hängt davon ab, was Sie an Rot gehalten hat. Wenn es die Form war, greifen Sie zu Annette, ein Heldinnenepos oder – zugänglicher – zu Mädchen, Frau etc. Wenn es die verletzliche, queere Liebesgeschichte war, lesen Sie Auf Erden sind wir kurz grandios oder, heiterer, Girl meets boy. Wenn Sie Carsons Art fasziniert hat, alte Texte zu zerlegen, sind 46 Minuten im Leben der Dämmerung und Die letzte Welt die richtigen Bücher. Und wenn Sie nach so viel Experiment einfach eine mitreißende Mythengeschichte lesen möchten, ist Ich bin Circe der bequemste Weg. Wer dagegen schlicht mehr Carson will, beginnt mit Norma Jeane Baker von Troja – in einem Nachmittag gelesen, aber noch lange im Kopf.
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