Hanns-Josef Ortheil: Die besten Bücher und womit Sie anfangen sollten

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Dutzende Werke hat Hanns-Josef Ortheil seit 1979 veröffentlicht. Wer sich ihm zum ersten Mal nähert, steht also vor einem langen Regalmeter und der naheliegenden Frage, wo man da überhaupt hineingreifen soll. Liebesromane, historische Stoffe, Reisebücher und Erinnerungsprosa stehen nebeneinander, und auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, was davon zusammengehört.

Einen roten Faden gibt es trotzdem, und er hat mit Ortheils Herkunft zu tun. Geboren wurde er 1951 in Köln als fünfter Sohn; seine vier älteren Brüder waren im Krieg und in der Zeit danach gestorben. Die Mutter verstummte, und auch das Kind sprach bis etwa zum siebten Lebensjahr nicht. Sprache ist bei diesem Autor deshalb nichts Selbstverständliches. Sie muss erst erworben werden, und das merkt man vielen seiner Bücher an, auch solchen, die auf den ersten Blick von etwas ganz anderem handeln.

Womit anfangen? Die kurze Antwort

Unsere Empfehlung: Beginnen Sie mit Die Erfindung des Lebens. Ein offiziell festgelegtes Einstiegsbuch gibt es nicht, das ist unsere redaktionelle Einschätzung. Aber kein anderer Titel versammelt so viele von Ortheils Lebensthemen an einem Ort: das Schweigen in der Familie, die Musik, Italien, das Schreiben. Wer diesen Roman kennt, findet sich im übrigen Werk rasch zurecht.

Knapp 600 Seiten sind allerdings nicht jedermanns Sache. Wenn Sie erst einmal kosten möchten, nehmen Sie Die Moselreise: rund 220 Seiten, die sich auch ohne Vorkenntnisse lesen lassen. Und wenn Sie vor allem eine Liebesgeschichte suchen, ist Die große Liebe der passende Anfang.

Die zehn Bücher im Überblick

TitelErstausgabeSeiten (verlinkte Ausgabe)ArtGut für
Die Erfindung des Lebens2009589Autofiktionaler Romanden Einstieg ins Werk
Die Moselreise2010219Reisetagebuch und Erinnerungden kurzen Einstieg
Die große Liebe2003406LiebesromanLeser von Liebesgeschichten
Das Kind, das nicht fragte2012427Italienromaneinen helleren Ortheil
Im Licht der Lagune1999313Historischer RomanFreunde historischer Stoffe
Der von den Löwen träumte2019349KünstlerromanHemingway-Interessierte
Abschied von den Kriegsteilnehmern1992347RomanLeser mit Interesse an der Nachkriegszeit
Der Stift und das Papier2015383Roman einer PassionSchreibende
Ombra2021297Autobiografisch geprägter Romandas späte Werk
Schwebebahnen2025318Romanden aktuellen Stand

Das Zentrum des Werks

Die Erfindung des Lebens (2009)

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

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Ein Junge wächst in Köln an der Seite einer Mutter auf, die nicht mehr spricht, und bleibt selbst stumm. Vier Söhne haben die Eltern verloren, er ist der einzige, der ihnen geblieben ist. Der Roman begleitet ihn über Jahre: aus der engen Bindung an das Elternhaus heraus nach Rom, wo er sich als Pianist versucht, und nach dem Scheitern dieser Laufbahn zum Schreiben, bis zu den ersten Erfolgen als Autor.

Die Parallelen zu Ortheils eigener Biografie sind unübersehbar. Sie lesen trotzdem keinen Bericht, sondern einen Roman, der aus dem eigenen Leben einen Stoff macht. Der Ton bleibt dabei nachdenklich und oft melancholisch, doch wer sich auf den Umfang einlässt, bekommt die Grundlage für vieles, was Ortheil sonst geschrieben hat.

Die Moselreise (2010)

Hanns-Josef Ortheil: Die Moselreise

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Das Kernstück dieses schmalen Buchs ist ein Originaldokument: das Tagebuch, das Ortheil als Elfjähriger auf einer Reise an die Mosel geführt hat. Darauf folgt der Bericht des Erwachsenen, der dieselbe Strecke Jahrzehnte später noch einmal abfährt, und zum Schluss eine Erzählung darüber, warum es ihn immer wieder an bestimmte Orte zieht.

Der Reiz liegt im Vergleich zwischen dem Blick des Kindes und dem des späteren Autors. Der Verlag versteht den Band als Fortsetzung des Romans von 2009, gelesen werden kann er aber auch ohne ihn. Auch deshalb ist er der leichteste Weg, um herauszufinden, ob Ortheils Art zu erzählen zu Ihnen passt.

Italien als Gegenwelt

Italien kehrt in Ortheils Werk immer wieder. In den folgenden beiden Romanen tritt die Familiengeschichte zurück, und es geht um das, was zwischen Menschen entsteht, wenn sie sich auf einen fremden Ort einlassen.

Die große Liebe (2003)

Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe

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Ein Fernsehredakteur fährt an die Adria, um einen Film über das Meer vorzubereiten, und begegnet einer Meeresbiologin, die dort ein Institut leitet. Er kommt gerade aus einer langen Beziehung, sie ist mit einem Kollegen verlobt. Wie die beiden trotz aller Widerstände zueinanderfinden, erzählt der Roman über die genaue Beobachtung kleiner Gesten.

Die Kritik war geteilt, wie die Rezensionsnotizen des Perlentauchers zeigen: Die NZZ sah darin Unterhaltung erster Güte mit literarischem Anspruch, die Süddeutsche Zeitung fand das Buch eher klein und rückwärtsgewandt. Beide Urteile helfen bei der Entscheidung. Wer einen genau beobachteten Liebesroman sucht, dürfte hier richtig sein. Wer Ortheil literarisch von seiner gewichtigsten Seite erleben will, greift besser zum Roman von 2009.

Der Roman eröffnet laut Verlag eine Trilogie in sich abgeschlossener Liebesromane, zu der noch „Das Verlangen nach Liebe“ (2007) und „Liebesnähe“ (2011) gehören. Sie können also hier aufhören, ohne dass etwas offenbleibt.

Das Kind, das nicht fragte (2012)

Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte

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Benjamin Merz ist Ethnologe, gehemmt und das jüngste von fünf Söhnen. Für eine Forschungsreise geht er ins sizilianische Mandlica, und dort stellt sich heraus, dass der scheue Mann gut darin ist, sich in andere hineinzuversetzen. Besonders die Frauen des Städtchens wissen das bald zu schätzen.

Das Kind, das nicht fragte greift Ortheils Motiv vom jüngsten Sohn auf, stellt aber eine Romanfigur unter anderem Namen ins Zentrum, und der Verlag spricht von einem hellen und lichten Roman. Wenn Ihnen „Die Erfindung des Lebens“ zu schwer erscheint, ist das eine gute Alternative, um denselben Grundgedanken in leichterer Form zu erleben: Ein verschlossener Mensch lernt, sich anderen zu öffnen.

Zweimal Venedig, zwei Jahrhunderte

Zwei Romane spielen in Venedig, und in beiden kommt die Entenjagd in der Lagune vor. Damit enden die Gemeinsamkeiten allerdings: Es sind verschiedene Stoffe aus verschiedenen Epochen, Sie können also problemlos beide lesen oder nur einen.

Im Licht der Lagune (1999)

Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune

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Venedig, Ende des 18. Jahrhunderts. Conte Paolo di Barbaro findet beim Jagen im Schilf ein Boot und darin einen jungen Mann, den er zunächst für tot hält. Der Gerettete weiß nicht mehr, wer er ist, zeichnet und malt aber mit großem Können. Als Caterina Nardi, die der Conte heimlich liebt, dessen jüngeren Bruder heiratet, wird der Namenlose zu ihrem ständigen Begleiter.

Im Licht der Lagune ist ein Kammerspiel über Kunst und Begehren, im Hintergrund geht eine Adelsgesellschaft ihrem Ende entgegen. Das Buch zeigt den historischen Erzähler Ortheil und eignet sich für alle, die lieber in eine fremde Zeit eintauchen, als einem Autor beim Nachdenken über sich selbst zuzusehen.

Der von den Löwen träumte (2019)

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

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Im Jahr 1948 kommt Ernest Hemingway nach Venedig. Er leidet an Depressionen, ein neuer Roman ist seit Langem nicht erschienen, und in einem abgelegenen Landhaus in der Lagune will er wieder ans Schreiben kommen. Ein junger Fischer, der ihn zur Jagd begleitet, wird ihm zum Freund, und er verliebt sich in eine achtzehnjährige Venezianerin.

Der von den Löwen träumte bietet sich an, wenn Sie über einen vertrauten Namen zu Ortheil finden möchten. Vorkenntnisse über Hemingway sind nicht nötig, sie erhöhen aber das Vergnügen: Wer dessen späte Erzählung von einem alten Fischer kennt, wird ahnen, welchen Stoff der junge Begleiter hier wittert. Dass ein Autor über die Schreibkrise eines Autors schreibt, passt zudem gut zu einem Werk, das immer wieder um genau diese Frage kreist.

Das frühe Hauptwerk: Abschied von den Kriegsteilnehmern (1992)

Hanns-Josef Ortheil: Abschied von den Kriegsteilnehmern

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Der älteste Titel dieser Auswahl verbindet eine Familiengeschichte mit der Zeitgeschichte. Nach dem Tod des Vaters wird ein junger Mann die Bilder von Krieg und Nachkrieg nicht los und setzt sich nach Amerika ab. Die Flucht führt ihn an den Mississippi, nach New Orleans und in die Karibik, und mit jeder Station wird sie getriebener. Zurück in Europa, trifft er auf das Jahr 1989, in dem der Eiserne Vorhang fällt und mit ihm die Epoche der Väter zu Ende geht.

Abschied von den Kriegsteilnehmern ist ein Buch über Söhne, die das Erbe der Väter nicht loswerden. Es lohnt sich vor allem, wenn Sie sich für die deutsche Nachkriegszeit interessieren. Der Ton ist eindringlich und schwermütig, für einen unbeschwerten ersten Eindruck von Ortheil also nicht der richtige Griff.

Schreiben als Überlebensform

Der Stift und das Papier (2015)

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

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Unser besonderer Tipp für alle, die selbst schreiben. Weil die Eltern fürchteten, ihr Sohn werde nach den stummen Jahren Sprechen und Schreiben nie richtig beherrschen, gaben sie ihm vom achten Lebensjahr an eigenen Unterricht. Lehrbücher kamen dabei nicht vor. Geübt wurde an dem, was gerade in der Nähe zu sehen und zu hören war, und nach und nach nahm der Junge die Sache selbst in die Hand, bis Zeitungen seine Kindertexte druckten.

Der Untertitel „Roman einer Passion“ deutet es an: Der Stift und das Papier ist kein Ratgeber mit Übungen. Wer verstehen will, wie jemand das Schreiben Schritt für Schritt lernt, bekommt hier trotzdem viel Anschauung. Außerdem ergänzt das Buch den großen Roman von 2009, weil es dieselbe Kindheit von einer anderen Seite her beleuchtet.

Ombra (2021)

Hanns-Josef Ortheil: Ombra

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Im Sommer 2019 stellen Ärzte bei Ortheil eine schwere Herzinsuffizienz fest. Bei der Operation kommt es zu Komplikationen, danach bleibt er lange in der Rehaklinik. Ombra erzählt von dieser Zeit und davon, wie mitten in der Hilflosigkeit das Schreiben langsam wieder in Gang kommt. Für einen Autor, dessen Leben mit dem Verstummen begann, bekommt das ein besonderes Gewicht.

Am stärksten wirkt das Buch, wenn Sie Ortheil schon kennen und die früheren Motive wiedererkennen. Verständlich ist es auch ohne Vorwissen. Es ist allerdings eine ernste Lektüre über Krankheit und Todesnähe, das sollten Sie wissen, bevor Sie danach greifen.

Der aktuelle Roman: Schwebebahnen (2025)

Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen

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Ende der Fünfzigerjahre zieht der sechsjährige Josef mit seinen Eltern von Köln nach Wuppertal, in ein Haus, in dem lauter Eisenbahnerfamilien wohnen. Am liebsten säße er nur am Klavier. In Köln musste er die Schule abbrechen, hier beginnt er von vorn. Dass er aus sich herausgeht, verdankt er vor allem Mücke, der Tochter des Gemüsehändlers von gegenüber, aber auch Ordensmännern und einem Lauftrainer. Am meisten Halt findet er aber in den Geschichten, die er aufschreibt.

Köln, Klavier und ein verschlossenes Kind: Wer Ortheil kennt, wird vieles wiederfinden. Schwebebahnen weitet den Blick aber über den Jungen hinaus auf eine Gesellschaft, in der der Krieg noch überall nachwirkt. Die Stuttgarter Zeitung nannte den Roman berührend. Neben der Luchterhand-Ausgabe gibt es seit 2026 auch ein Taschenbuch bei btb. Ein guter Einstieg ist das Buch ebenfalls, wenn Sie lieber mit dem Neuesten anfangen als mit dem großen Hauptwerk.

Gibt es eine Lesereihenfolge?

Nein, eine zwingende Reihenfolge gibt es nicht. Die hier vorgestellten Bücher lassen sich jeweils für sich lesen, und die Erscheinungsjahre helfen wenig, weil auch späte Titel wie „Schwebebahnen“ in die Kindheit zurückgehen. Sinnvoll sind eher Wege nach Interesse:

  • Der Lebensstoff: „Die Erfindung des Lebens“, dann „Die Moselreise“ und „Der Stift und das Papier“, zuletzt „Ombra“.
  • Der Süden: „Die große Liebe“, dann „Das Kind, das nicht fragte“.
  • Venedig: „Im Licht der Lagune“ und „Der von den Löwen träumte“, in beliebiger Folge.
  • Die Nachkriegszeit: „Abschied von den Kriegsteilnehmern“ und „Schwebebahnen“, die dasselbe Thema aus sehr unterschiedlicher Nähe betrachten.

Damit ist Ortheils Werk natürlich längst nicht ausgeschöpft. Wenn Sie danach weiterlesen möchten, werden Sie auf Titel wie „Blauer Weg“, „Das Panorama des Schreibens“ oder „Lo und Lu“ stoßen. Für den Anfang kommen Sie aber mit einem einzigen Buch aus: dem Roman von 2009, oder der kurzen Reise an die Mosel, wenn Sie erst einmal hineinschnuppern wollen.

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