Tilda studiert, sitzt an der Supermarktkasse und kümmert sich um ihre kleine Schwester Ida. An schlechten Tagen versorgt sie auch noch die Mutter, die trinkt. Während ihre Freunde längst in Amsterdam oder Berlin leben, bleibt sie in der Kleinstadt, die sie nicht ausstehen kann, weil sonst niemand für Ida da wäre. Caroline Wahls 22 Bahnen (DuMont) erzählt auf gut 200 Seiten davon, wie eine junge Frau zwischen Pflichtgefühl und dem eigenen Leben ihren Platz sucht. Dazu kommen eine Promotionsstelle in Berlin, die plötzlich in Reichweite rückt, und Viktor, der genau wie Tilda jeden Tag 22 Bahnen schwimmt.
Bücher wie „22 Bahnen“ gibt es nicht viele, aber es gibt Romane, die einzelne Fäden aufnehmen: die Liebe zwischen Geschwistern, das Kind, das zu früh Verantwortung übernimmt, die Scham über die eigene Herkunft und die Frage, wie man dem allen entkommt, ohne jemanden im Stich zu lassen. Die folgenden zehn Bücher sind nach diesen Motiven geordnet. Bei jedem steht dabei, was es mit Wahls Roman verbindet und worin es sich unterscheidet.
Kein Buch dieser Auswahl ist „22 Bahnen“ so nah wie „Nordstadt“ von Annika Büsing: das Schwimmbecken als Zuflucht, eine junge Frau mit schwerem Gepäck und eine Liebe, die nicht glatt verläuft. Erzählt wird das auf 123 Seiten noch knapper und rauer als bei Wahl.
Geschwister, Bahnen und eine Liebe mit Narben
Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“

Benedict Wells gehört zu den Ersten, die „22 Bahnen“ öffentlich gelobt haben; der Verlag zitiert sein Lob im Begleittext zum Roman. Es passt also, mit seinem bekanntesten Roman zu beginnen. In Vom Ende der Einsamkeit (Diogenes, 354 Seiten) wachsen Jules und seine beiden Geschwister gut behütet auf, bis die Eltern bei einem Unfall sterben. Als Erwachsene meinen die drei, den Schlag verarbeitet zu haben. Dann zeigt sich, dass die Vergangenheit sie nicht loslässt.
Wahl und Wells verbindet der Blick auf Geschwister, die einander Halt sein müssen, weil die Eltern ausfallen. Der Ton ist ähnlich: melancholisch, aber nie hoffnungslos. Wells erzählt allerdings über einen viel längeren Zeitraum und rückt neben dem Verlust eine große Liebesgeschichte in den Mittelpunkt. Wer bei Tilda und Ida mitgelitten hat, wird hier schnell heimisch.
Annika Büsing: „Nordstadt“

Kein Buch auf dieser Liste ist „22 Bahnen“ so nah wie Nordstadt (Steidl, 123 Seiten). Nene ist Anfang zwanzig und arbeitet als Bademeisterin in einem Viertel, in dem niemand ein gutes Ende erwartet. Gegen das Unglück, das sie mit sich herumträgt, hilft ihr vor allem eins: Bahnen schwimmen und möglichst nicht nachdenken. Im Schwimmbad lernt sie Boris kennen, der als Kind Kinderlähmung hatte, Schmerzen hat und der Welt mit Verachtung begegnet. Das erste Date geht gründlich schief, trotzdem kommen die beiden sich näher. Und diese Liebe wird Nene enttäuschen, ohne dass sie deshalb weniger zählt.
Das Schwimmbecken als Zuflucht, eine junge Frau mit schwerem Gepäck und eine Liebe, die nicht glatt verläuft: Die Parallelen sind deutlich. Büsing schreibt noch knapper und rauer als Wahl. Ihr Debüt ist weit weniger bekannt als die übrigen Titel dieser Liste. Gerade deshalb ist es der Geheimtipp dieser Auswahl, an einem Abend gelesen.
Kinder, die zu früh erwachsen werden
Elena Fischer: „Paradise Garden“

Wer nach Wahls Roman etwas ähnlich Zugängliches sucht, ist mit Paradise Garden (Diogenes, 345 Seiten) gut beraten. Billie ist 14 und lebt mit ihrer Mutter Marika in einer Hochhaussiedlung. Gegen Monatsende gibt es Nudeln mit Ketchup, aber Marika macht mit viel Fantasie aus dem knappen Alltag etwas Schönes. Dann reist ungebeten die Großmutter aus Ungarn an, und Billie verliert weit mehr als die gemeinsamen Tage mit der Mutter. Weil sie Marika nichts mehr fragen kann, setzt sie sich allein in den alten Nissan, um den Vater zu suchen, den sie nie kennengelernt hat.
Anders als Tilda hat Billie eine Mutter, auf die sie sich verlassen kann – zumindest am Anfang. Was beide Bücher teilt, ist die Armut, die nie ausgestellt wird, und die starke Bindung in einer kleinen Familie ohne Vater. Erzählt wird aus Billies Sicht, und aus der Trauer wird nach und nach ein Roadtrip.
Deniz Ohde: „Streulicht“

Die ernstere, literarisch anspruchsvollere Antwort auf Tildas Lage gibt Streulicht (Suhrkamp, 284 Seiten). Die Erzählerin kehrt zu einer Hochzeit von Kindheitsfreunden in die Industriestadt zurück, in der sie aufgewachsen ist. Hinter der Werksbrücke liegen die Fabrikhallen, in denen der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizte. Beim Gang durch die alten Straßen erinnert sie sich: an Vater und Großvater, die kaum redeten und nichts wegwerfen konnten, an die Mutter, die irgendwann ihre Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater zurückließ. An den Schulabbruch, das mühsame Nachholen und die ständige Angst, als Aufsteigerin doch wieder dorthin zurückgeschickt zu werden, wo sie herkommt.
Für Tilda rückt eine Promotion in greifbare Nähe; Ohdes Erzählerin hat den mühsamen Aufstieg schon hinter sich und weiß, was er kostet. Der Roman fragt genauer und schmerzhafter als „22 Bahnen“, ob Bildung tatsächlich aus der Herkunft befreit. Das Buch ist weniger tröstlich, dafür bleibt es lange im Kopf.
Douglas Stuart: „Shuggie Bain“

Das Kind, das die eigene Mutter retten will, ist das Herz von „22 Bahnen“, und Shuggie Bain (Piper, 491 Seiten) erzählt davon in großer Breite. Shuggie wächst im Glasgow der Achtzigerjahre in einer armen Arbeiterfamilie auf, ein zarter, fantasievoller Junge, der nicht in seine Umgebung passt. Er hängt an seiner Mutter Agnes, die sich gegen das Grau des Alltags stemmt und dabei immer häufiger zur Flasche greift. Sie zu retten wird über Jahre seine Aufgabe.
Stuarts Debüt ist umfangreicher, düsterer und stärker Milieustudie als Wahls Roman, aber die Zärtlichkeit zwischen Sohn und Mutter ist dieselbe, die man bei Tilda spürt. 2020 erhielt das Buch den Booker Prize. Wer bereit ist, sich auf knapp 500 Seiten und viel Elend einzulassen, liest hier den internationalen Klassiker zum Thema.
Liebe zwischen Herkunft und Aufbruch
Sally Rooney: „Normale Menschen“

Wer bei Tilda und Viktor vor allem die Liebesgeschichte mochte, sollte Normale Menschen (btb, 316 Seiten) lesen. Connell und Marianne stammen aus derselben Kleinstadt im Westen Irlands, sonst haben sie wenig gemeinsam: Er ist in der Schule beliebt und Star der Fußballmannschaft, sie gilt als seltsame Außenseiterin. Als die beiden ins Gespräch kommen, beginnt etwas, das sie bis ins Studium in Dublin begleitet. Sie versuchen, auf Abstand zu gehen, und finden doch immer wieder zueinander.
Rooney erzählt nüchtern und sehr genau, mit Blick für Machtverhältnisse, Klassenunterschiede und das, was zwischen zwei Menschen unausgesprochen bleibt. Mit „22 Bahnen“ verbindet das Buch die Kleinstadt, aus der man wegwill, und eine Liebe, die mit der eigenen Geschichte zu kämpfen hat.
Mareike Fallwickl: „Die Wut, die bleibt“

Deutlich zorniger ist Die Wut, die bleibt (Rowohlt Taschenbuch, 377 Seiten). Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht auf den Balkon und springt in den Tod. Der Familie fehlt danach alles, was sie zusammengehalten hat. Helenes beste Freundin Sarah wird in das Chaos hineingezogen, und Lola, die älteste Tochter, hält sich an das stärkste Gefühl, das sie hat: Wut.
Bei Wahl übernimmt Tilda die Sorgearbeit, weil es sonst keiner tut. Fallwickl macht genau diese Last, die meist an Frauen hängen bleibt, zum politischen Thema. Der Roman wechselt die Perspektiven und ist kämpferischer als „22 Bahnen“. Er passt zu allen, die sich beim Lesen von Tildas Alltag gefragt haben, warum eigentlich immer sie.
Trost, Humor und das Leben auf dem Land
Mariana Leky: „Was man von hier aus sehen kann“

Wie „22 Bahnen“ ist auch Was man von hier aus sehen kann (DuMont, 314 Seiten) bei DuMont erschienen. Selma, eine alte Frau aus dem Westerwald, träumt manchmal von einem Okapi, und jedes Mal stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Nur weiß niemand, wen es trifft. Leky erzählt, was die Leute in diesen Stunden fürchten, wagen und gestehen. Im Mittelpunkt steht Selmas Enkelin Luise, deren Liebe ausgerechnet einem Mann gilt, der Buddhist geworden ist und in einem Kloster in Japan lebt.
Mit Wahl teilt Leky die Kunst, Schmerz und Komik nebeneinanderzustellen, ohne dass eins das andere kleinmacht. Der Roman ist episodischer und skurriler, ein Dorfporträt voller eigenwilliger Figuren. Wer nach „22 Bahnen“ etwas Tröstliches sucht, ist hier richtig.
Ewald Arenz: „Alte Sorten“

Ruhiger geht es in Alte Sorten (DuMont, 255 Seiten) zu. Sally steht kurz vor dem Abitur und will vor allem in Ruhe gelassen werden; Regeln, Erwachsene und Fragen nach ihrem Aussehen kann sie nicht ausstehen. Liss bewirtschaftet allein einen Hof, ist verschlossen und stellt keine misstrauischen Fragen. Sie bietet Sally an, eine Nacht zu bleiben, daraus werden Wochen. Bei Kartoffelernte und im Obstgarten mit den alten Birnensorten kommen sich die beiden näher und erfahren nach und nach, was der anderen angetan wurde.
Statt der Enge einer Kleinstadt gibt es hier Felder und Arbeit unter freiem Himmel. Die Wärme, mit der Arenz von zwei verletzten Frauen erzählt, erinnert an Wahl. Wer Tildas Kratzbürstigkeit mochte, wird auch Sally ins Herz schließen.
Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Tildas Frage, ob sie bleiben muss oder gehen darf, stellt sich in Mittagsstunde (Penguin, 334 Seiten) ein Mann jenseits der vierzig. Ingwer Feddersen ist 47, als er in sein Dorf auf der norddeutschen Geest zurückkehrt, weil er dort etwas wiedergutmachen will. Die Großmutter Ella verliert zunehmend den Verstand, der Großvater Sönke harrt störrisch in seinem alten Dorfkrug aus. Einst war Ingwer zum Studium nach Kiel gegangen und hatte den Großvater mit dem Gasthof allein gelassen.
Hansen verbindet die Familiengeschichte mit dem Verschwinden einer bäuerlichen Welt seit den Siebzigerjahren. Das ist weniger dramatisch als „22 Bahnen“, dafür ein schönes Gegenstück: Hier blickt jemand zurück, der damals gegangen ist, und fragt, was er damit hinterlassen hat.
Alle Bücher im Überblick
| Titel | Autor/Autorin | Am ehesten für | Ausgabe | Seiten |
|---|---|---|---|---|
| Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells | Geschwister und Verlust | Diogenes, 2018 | 354 |
| Nordstadt | Annika Büsing | Schwimmbad und raue Liebe | Steidl, 2022 | 123 |
| Paradise Garden | Elena Fischer | zugänglichen Einstieg | Diogenes, 2023 | 345 |
| Streulicht | Deniz Ohde | Herkunft und Bildung | Suhrkamp, 2021 | 284 |
| Shuggie Bain | Douglas Stuart | Kind und suchtkranke Mutter | Piper, 2023 | 491 |
| Normale Menschen | Sally Rooney | Liebesgeschichte | btb, 2021 | 316 |
| Die Wut, die bleibt | Mareike Fallwickl | Sorgearbeit mit Haltung | Rowohlt Taschenbuch, 2023 | 377 |
| Was man von hier aus sehen kann | Mariana Leky | Trost und Humor | DuMont, 2019 | 314 |
| Alte Sorten | Ewald Arenz | ruhige Freundschaft | DuMont, 2020 | 255 |
| Mittagsstunde | Dörte Hansen | Bleiben oder Gehen | Penguin, 2021 | 334 |
Verlag, Jahr und Seitenzahl beziehen sich auf die verlinkten Ausgaben; von mehreren Titeln gibt es weitere.
Welches Buch passt zu Ihnen?
Wenn Sie genau das Gefühl von „22 Bahnen“ noch einmal suchen, lesen Sie zuerst Nordstadt: kurz, rau und mit einer Heldin, die ebenfalls im Wasser Halt findet. Hat Sie vor allem die Beziehung zwischen Tilda und Ida bewegt, ist Vom Ende der Einsamkeit die naheliegende Wahl. Für die Geschichte vom Kind und der trinkenden Mutter stehen Shuggie Bain und, mit anderem Akzent, Paradise Garden. Wer tiefer in Fragen von Herkunft und Aufstieg einsteigen möchte, greift zu Streulicht. Normale Menschen ist das Buch für die Liebesgeschichte, Die Wut, die bleibt das für die Wut über ungleich verteilte Verantwortung. Und wenn Sie nach all dem Schweren etwas Tröstliches brauchen, liegen Sie mit Was man von hier aus sehen kann, Alte Sorten oder Mittagsstunde richtig.
Weiterlesen
- Caroline Wahl: Alle Romane im Überblick – womit anfangen?
- Douglas Stuart: Alle Romane auf Deutsch – womit anfangen?
- Romane wie „Auf Erden sind wir kurz grandios“: 11 ähnliche Bücher für Fans von Ocean Vuong
- „Broder“ von Dörte Hansen: Rezension – für wen lohnt sich der Roman?
- Benedict Wells: Alle Bücher im Überblick – womit anfangen?
Kommentar verfassen