Innerhalb weniger Jahre ist Caroline Wahl zu einer der meistgelesenen jungen Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geworden. Bis Herbst 2026 sind vier Romane erschienen, zwei bei DuMont, zwei bei Rowohlt. Wer jetzt einsteigen will, fragt sich vor allem zweierlei: Hängen die Bücher zusammen? Und welches sollte man zuerst lesen? Hier finden Sie die Antworten, dazu einen kurzen Blick auf jeden Roman.
Gibt es eine Reihenfolge bei Caroline Wahl?
Eine offizielle Reihe gibt es nicht. Zwei der vier Romane gehören aber eng zusammen: „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ erzählen von denselben Schwestern, Tilda und Ida. Das zweite Buch setzt nach den Ereignissen des ersten ein und wechselt die Perspektive zur Jüngeren. Diese beiden lesen Sie am besten in der Reihenfolge ihres Erscheinens.
„Die Assistentin“ steht dagegen ganz für sich, mit neuer Hauptfigur, anderem Schauplatz und ohne Verbindung zu den Schwestern-Romanen. „1999 Meter über dem Meer“ ist ebenfalls eigenständig verständlich, doch die Hauptfigur Samara kennen Sie bereits, wenn Sie die Schwestern-Romane gelesen haben. Die vorherige Lektüre erschließt Ihnen hier also zusätzliche Zusammenhänge, nötig ist sie nicht. Eine feste Reihenfolge brauchen Sie hier nicht – Sie können mit jedem der beiden beginnen, aufhören oder weitermachen, wie es Ihnen passt.
Ein fünfter Roman ist angekündigt, hat aber noch keinen Titel. Sobald er erscheint, ergänzen wir diese Übersicht.
Alle Romane von Caroline Wahl auf einen Blick
| Nr. | Titel | Erschienen | Verlag | Seiten | Zusammenhang |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 22 Bahnen | 2023 | DuMont | 208 | Schwestern-Duo, Teil 1 |
| 2 | Windstärke 17 | 2024 | DuMont | 256 | Schwestern-Duo, Teil 2 |
| 3 | Die Assistentin | 2025 | Rowohlt | 368 | eigenständig |
| 4 | 1999 Meter über dem Meer | 2026 | Rowohlt | 368 | eigenständig verständlich, Samara aus dem Schwestern-Duo bekannt |
Das Schwestern-Duo: Tilda und Ida
„22 Bahnen“ (2023) – das Debüt und der beste Einstieg

Mit „22 Bahnen“ hat alles angefangen. Im Mittelpunkt steht Tilda, deren Alltag kaum Luft lässt: Sie studiert, arbeitet an der Kasse eines Supermarkts und hält zu Hause die Familie zusammen. Die Mutter trinkt, Väter, auf die man zählen könnte, gibt es nicht, und so ist es Tilda, die sich um ihre kleine Schwester Ida kümmert. Während die alten Freunde längst in größeren Städten leben, bleibt sie in der Kleinstadt zurück, die sie nicht ausstehen kann.
Ihr einziges Ritual ist das Schwimmen, jedes Mal genau 22 Bahnen. Dann kommt Bewegung in ihr Leben: In Berlin winkt eine Promotionsstelle, und mit Viktor, dem älteren Bruder eines früheren Freundes, taucht jemand auf, der dieselbe Gewohnheit im Becken pflegt. Gerade als sich eine andere Zukunft abzeichnet, spitzt sich die Lage zu Hause dramatisch zu.
Der Roman handelt von der Frage, wie viel Verantwortung ein Mensch für andere tragen kann, ohne sich selbst aufzugeben – und wie schwer es ist, zu gehen, wenn jemand zurückbleibt. Die Stimmung schwankt zwischen Schwermut und großer Zärtlichkeit, erzählt wird nah an Tildas Wahrnehmung, genau beobachtet und psychologisch aufmerksam.
Für wen? Für alle, die Wahl kennenlernen wollen. Mit gut 200 Seiten ist es ihr kürzestes Buch, und ohne diesen Roman fehlt „Windstärke 17“ ein wesentlicher Teil seiner Wirkung.
„Windstärke 17“ (2024) – Idas Geschichte

In „Windstärke 17“ erzählt nun die jüngere Schwester. Ida ist erwachsener geworden, die Mutter ist tot, und zur Beerdigung hat Ida es nicht geschafft. Mit kaum mehr Gepäck als dem alten Koffer der Mutter und ihrem Laptop verlässt sie die Kleinstadt. Zu Tilda nach Hamburg will sie auf keinen Fall, also nimmt sie den Zug, der am weitesten fährt, und kommt auf Rügen an.
Auf der Insel trägt sie ihre Wut, ihre Trauer und ihr Schuldgefühl mit sich herum, bis der Kneipenwirt Knut und seine Frau Marianne sie bei sich aufnehmen. Im Alltag mit den beiden, zwischen gemeinsamen Morgen, Spaziergängen, Kartenspielen und Abenden hinter dem Tresen, findet Ida etwas Halt. Sie begegnet außerdem Leif, der selbst Verletzungen mit sich trägt. Doch die neu gewonnene Ruhe hält nicht lange.
Im Vergleich zum Vorgänger ist der Ton etwas hoffnungsvoller, die Trauer steht aber stärker im Vordergrund. Es geht um Schuld, um das Abschiednehmen und darum, ob man Vergebung auch sich selbst gegenüber lernen kann.
Für wen? Für alle, die „22 Bahnen“ gelesen haben und wissen wollen, wie es weitergeht. Der Roman ist zwar auch ohne Vorwissen verständlich, aber erst mit dem ersten Buch im Kopf erkennen Sie, was zwischen den Schwestern steht und warum Ida so handelt, wie sie handelt.
Die eigenständigen Romane
Mit dem Wechsel zu Rowohlt hat Wahl die Schwestern als Hauptfiguren hinter sich gelassen. Die beiden folgenden Bücher sind länger und erzählen von jungen Frauen, die nicht recht wissen, wohin mit sich – allerdings in ganz unterschiedlichen Welten.
„Die Assistentin“ (2025) – Macht im Vorzimmer

Charlotte wollte eigentlich Musikerin werden. Weil sie glaubt, dass es dafür zu spät ist, und weil die Eltern einen vernünftigen Beruf erwarten, nimmt sie eine Stelle in einem Münchner Verlag an. Als Assistentin des Verlegers arbeitet sie direkt neben dem Zentrum der Macht. Dass ihr Chef seine Assistentinnen häufig austauscht, bemerkt sie rasch; trotzdem entsteht zunächst ein Vertrauensverhältnis, das ihr schmeichelt.
„Die Assistentin“ zeigt, wie aus Loyalität schleichend Selbstaufgabe wird. Charlotte nimmt immer mehr hin, riskiert ihre Gesundheit und womöglich auch die junge Beziehung zu Bo. Der Roman erzählt vom Missbrauch von Macht im Berufsleben, ohne seine Hauptfigur bloß als Opfer zu zeichnen. Der Ton ist dabei ironischer und lakonischer als in den Schwestern-Büchern, was die Schwere des Themas erträglich macht, ohne sie zu verharmlosen.
Für wen? Für Leserinnen und Leser, die mit Arbeitswelt, Abhängigkeiten im Job oder dem Literaturbetrieb etwas anfangen können. Wer nicht mit einer Familiengeschichte beginnen möchte, findet hier einen guten alternativen Einstieg.
„1999 Meter über dem Meer“ (2026) – der aktuelle Roman

Samara hat ausprobiert, was man so ausprobiert: eine Reise nach Bali, um sich selbst zu finden, einen Job in einer angesagten Berliner Agentur. Beides hat sie nicht weitergebracht. Klar ist ihr nur, was sie nicht mehr will. Also färbt sie sich die Haare leuchtend orange, steigt in ein altes Auto und legt sich an jedem neuen Ort einen neuen Namen zu.
Ihr Ziel liegt hoch oben: St. Moritz in den Schweizer Alpen. Von dort stammt ein Mann, den sie in Berlin kennengelernt hat und nicht vergessen kann. Zwischen den Schönen und Reichen des Kurorts gibt sich Samara als erfolgreiche Künstlerin aus – bis der Mann plötzlich wieder vor ihr steht. „1999 Meter über dem Meer“ ist ein Roman über Identität und Hochstapelei, über die Sehnsucht, irgendwo nicht fremd zu sein, und über eine Liebe, deren Ausgang offen bleibt.
Neu ist Samara in Wahls Werk nicht: In „22 Bahnen“ taucht sie kurz als Mitschülerin und Freundin von Ida auf, in „Windstärke 17“ ist sie Idas beste Freundin. Hier steht sie nun selbst im Mittelpunkt.
Für wen? Für alle, die Wahls Erzählweise schon kennen und sehen wollen, wohin sie sich entwickelt. Da der Roman keinerlei Vorwissen voraussetzt, eignet er sich aber genauso als Einstieg für alle, die mit dem neuesten Buch beginnen möchten. Wer die Schwestern-Romane schon gelesen hat, entdeckt zusätzliche Zusammenhänge.
Was die Romane verbindet
Auch wenn nur drei der vier Bücher Figuren teilen, gibt es einen roten Faden. Alle vier Romane erzählen von jungen Frauen an einem Wendepunkt, die einer Situation entkommen wollen – einer Familie, einem Ort, einem Job oder dem eigenen Namen. Selbstfindung ist das wiederkehrende Thema, oft verbunden mit Verlust. Wahl erzählt dabei sehr nah an ihren Figuren, mit einem Blick für alltägliche Details, und mischt Schweres mit Humor.
Unterschiede gibt es dennoch: Die DuMont-Romane sind kürzer und stärker von Familie und Trauer geprägt. Die Rowohlt-Romane sind umfangreicher, ironischer im Ton und richten den Blick stärker nach außen, auf Arbeitswelt, Milieus und Selbstinszenierung.
Fazit: Womit sollten Sie bei Caroline Wahl anfangen?
Beginnen Sie mit „22 Bahnen“. Das Debüt ist das kürzeste Buch, zeigt bereits alles, was Wahls Schreiben ausmacht, und bildet die Grundlage für „Windstärke 17“. Diese beiden lesen Sie direkt hintereinander, damit die Geschichte der Schwestern als Ganzes wirkt.
Wenn Sie lieber nicht mit einer Familiengeschichte einsteigen möchten, greifen Sie zu „Die Assistentin“. Wer wissen will, wo die Autorin gerade steht, kann ebenso gut mit „1999 Meter über dem Meer“ beginnen. Die beiden Rowohlt-Romane lassen sich in beliebiger Reihenfolge lesen, vor oder nach dem Schwestern-Duo. Nur bei „1999 Meter über dem Meer“ lohnt sich das Schwestern-Duo vorab, weil es Ihnen zusätzliche Zusammenhänge rund um Samara erschließt – verständlich ist der Roman aber auch ohne.
Die empfohlene Lesereihenfolge auf einen Blick:
- „22 Bahnen“
- „Windstärke 17“
- „Die Assistentin“ oder „1999 Meter über dem Meer“, je nach Interesse
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