Anfang November lässt sich das Bücherjahr schon recht gut überblicken. Viele der großen Literaturpreise sind vergeben, die Herbstprogramme liegen in den Buchhandlungen, und auf der Frankfurter Buchmesse war Tschechien als Gastland zu Gast. Zeit für eine Bilanz: Welche Bücher haben 2026 die Gespräche bestimmt, welche haben die Jurys überzeugt, und welche lohnen sich auch dann noch, wenn der Trubel um Shortlists und Bestsellerlisten vorbei ist?
Die folgende Auswahl versammelt zehn Titel. Im Mittelpunkt stehen die ausgezeichneten Bücher – der Deutsche Buchpreis, der Preis der Leipziger Buchmesse, der Deutsche Sachbuchpreis und das Schweizer „Lieblingsbuch“. Dazu kommen Romane, die ohne Preis viele Leser gefunden haben oder schlicht zu den interessantesten Neuerscheinungen des Jahres zählen. Drei der ausgezeichneten Bücher sind übrigens schon 2025 erschienen und wurden erst in diesem Jahr prämiert; sie gehören trotzdem in jeden ehrlichen Rückblick auf 2026.
Stand: Anfang November 2026, wird laufend ergänzt.
Der Roman des Jahres: der Deutsche Buchpreis
Shida Bazyar: Die Lücken

Am 5. Oktober 2026 wurde im Frankfurter Römer der Deutsche Buchpreis vergeben, und er ging an Shida Bazyar für „Die Lücken“. Die Jury nannte das Buch einen „Roman gegen Gleichgültigkeit“, und das trifft den Kern recht genau. Schauplatz ist Heimesbach, ein erfundenes Dorf im Hunsrück, in dem sich rund neunzig Jahre deutscher Geschichte abgelagert haben. Bazyar führt durch die Biografien derer, die den Ort geprägt haben: jüdische Familien, die alles verloren; Nutznießer der NS-Zeit, die sich nach dem Krieg als harmlose Mitläufer ausgaben; und Jahrzehnte später die Familien Sharifi und Karimpour, die aus dem Iran fliehen und ausgerechnet hier eine sichere Bleibe suchen.
Erzählt wird nicht als durchgehende Chronik, sondern aus vielen Perspektiven und Zeitschichten. Zusammengehalten werden die Teile von dem, was im Dorf über Jahrzehnte verschwiegen wird. Mit 512 Seiten ist das Buch kein schneller Lesestoff, aber es ist der Roman, an dem in diesem Jahr kaum jemand vorbeikommt, der sich für deutschsprachige Gegenwartsliteratur interessiert.
Auf der Shortlist standen neben Bazyar auch Elias Hirschl, Peggy Mädler, Dana Vowinckel, Valeria Gordeev und Franziska Gänsler. Zwei dieser Romane stellen wir weiter unten vor.
Leipzig im Frühjahr: ein schmales Buch mit großer Spannweite
Katerina Poladjan: Goldstrand

Den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhielt am 19. März 2026 Katerina Poladjan für „Goldstrand“. Der Roman war bereits 2025 bei S. Fischer erschienen. Er hat nur gut 150 Seiten und umspannt doch ein Jahrhundert: In den 1950er-Jahren wird an der bulgarischen Schwarzmeerküste der Ferienort Goldstrand gebaut, gedacht als sozialistisches Urlaubsversprechen. Auf dieser Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später ist er ein Filmregisseur, dessen beste Zeit hinter ihm liegt, und spricht in Rom bei seiner Analytikerin über seine Herkunft.
Was er dort erzählt, ist halb Erinnerung, halb Erfindung, und genau darin liegt der Reiz. Die Jury nannte den Roman „ein Abgesang auf Europa“. Wer wenig Zeit hat und trotzdem einen der literarisch dichtesten Texte des Jahres lesen möchte, ist hier richtig.
Romane, über die 2026 gesprochen wurde
Juli Zeh: Pony Show

Juli Zeh gehört zu den wenigen Autorinnen, deren neue Bücher zuverlässig Debatten auslösen, und „Pony Show“ macht da keine Ausnahme. Im Zentrum steht Betty, über fünfzig und Chefin eines großen Literaturverlags, und Fero, Ende zwanzig und ein aufstrebendes Talent in ihrem Haus. Als Fero verschwindet und Betty an der ungarischen Grenze mit einer Pistole und Falschgeld festgenommen wird, scheint der Fall erledigt. Vor dem Hamburger Schwurgericht wird daraus ein Medienspektakel, das die Öffentlichkeit spaltet.
Zeh erzählt das nicht als klassischen Krimi. Die Frage ist weniger, wer was getan hat, sondern wie eine Wahrheit entsteht, wenn Medien, Öffentlichkeit und Verteidigung jeweils eigene Interessen verfolgen. Bettys Anwalt Mark merkt bald, dass er sich auf nichts verlassen kann, nicht einmal auf sein eigenes Urteil. Wer Romane mag, die spannend sind und gleichzeitig Stoff für lange Diskussionen liefern, sollte mit diesem Buch ins Lesejahr einsteigen.
Dana Vowinckel: Anton und Alma
Eine der Entdeckungen der Buchpreis-Shortlist ist „Anton und Alma“. Die beiden Hauptfiguren begegnen sich als Jugendliche bei einem Austausch in der Bretagne und treffen sich Jahre später an derselben Berliner Universität wieder. Viel mehr als die Stadt verbindet sie zunächst nicht: Anton kommt aus einer jüdischen Akademikerfamilie, Alma ist am östlichen Stadtrand bei ihrer Mutter und einem lieblosen Stiefvater groß geworden. Sie verlieben sich trotzdem, ziehen zusammen, streiten sich, finden wieder zueinander – bis Anton für seine Masterarbeit nach New York geht.
Vowinckel erzählt eine große Liebesgeschichte, die von der Gegenwart eingeholt wird: Der 7. Oktober 2023, der Gaza-Krieg und die aufgeheizte Stimmung an der Universität und in Antons Familie verändern die Beziehung grundlegend. Mit über 540 Seiten ist der Roman umfangreich, aber er gehört zu den Büchern des Jahres, die am genauesten zeigen, wie politische Spaltung bis in private Beziehungen hineinwirkt.
Lutz Seiler: Das tickende Herz

Erst im Oktober 2026 ist bei Suhrkamp der neue Roman von Lutz Seiler erschienen, der 2014 für „Kruso“ den Deutschen Buchpreis erhielt. „Das tickende Herz“ erzählt laut Verlag das Leben des Helden aus „Kruso“ und „Stern 111“ weiter. Carl Bischoff kehrt zu Beginn der 2000er-Jahre aus der brandenburgischen Provinz nach Berlin zurück, bleibt aber nicht lange: Er folgt Aysha, der Tochter eines kasachischen Schamanen, die scheinbar fast alles über ihn weiß.
Die Reise führt über Amsterdam, Rotterdam und die Kurische Nehrung bis in die winterliche Steppe Kasachstans und schließlich auf ein ehemaliges Atombombentestgelände. Der Ton ist märchenhaft und rätselhaft zugleich; ob hier Liebe, Verhängnis oder eine Verschwörung im Spiel ist, bleibt lange offen. Für Seiler-Leser ist das Buch der wichtigste Herbsttitel, für alle anderen ein guter Anlass, diesen eigenwilligen Erzähler kennenzulernen.
Elias Hirschl: Schleifen

Unser besonderer Tipp aus der Shortlist kommt aus Wien. In „Schleifen“, dem neuen Roman des Autors von „Content“, wächst Franziska Denk im Umfeld des Wiener Kreises auf, jener Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern, die im 20. Jahrhundert über Logik und Sprache nachdachten. Franziska hat als Kind ein merkwürdiges Leiden: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie selbst. Abhilfe verschaffen ihr ausgerechnet Wörter aus toten Sprachen. Mit dem Mathematiker Otto Mandl findet sie einen Gleichgesinnten, und gemeinsam suchen die beiden nach einer vollkommenen Sprache.
Das klingt nach schwerer Kost, ist aber ein Ideenroman, der mit Witz und Wärme erzählt wird. Wer gerne Bücher liest, bei denen man nicht immer sofort weiß, was historisch verbürgt und was erfunden ist, wird an „Schleifen“ viel Freude haben.
Lieblingsbuch der Buchhändler: Botanik des Wahnsinns
Leon Engler: Botanik des Wahnsinns

Nicht nur Jurys haben 2026 Bücher ausgezeichnet. Der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) kürte am 23. April Leon Englers „Botanik des Wahnsinns“ zum „Lieblingsbuch 2026“ des Deutschschweizer Buchhandels. Das Debüt ist bereits 2025 bei DuMont erschienen und stand im selben Jahr auf der Nominierungsliste für den aspekte-Literaturpreis des ZDF.
Am Anfang steht ein absurdes Unglück: Bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter landet durch eine Verwechslung alles Wertvolle in der Müllverbrennung. Der Erzähler blickt daraufhin auf seine Familie zurück, in der psychische Krankheiten über Generationen weitergegeben wurden, und auf den eigenen Weg von einer Kindheit in einem Münchner Arbeiterviertel über New York und Wien bis in die Psychiatrie – allerdings als Psychologe. Engler schreibt darüber auf rund 200 Seiten mit Ironie und viel Zuneigung für seine Figuren. Ein Buch, das man guten Gewissens verschenken kann, auch an Menschen, die sonst wenig Gegenwartsliteratur lesen.
Blick nach Tschechien: das Gastland der Buchmesse
Alice Horáčková: Geteiltes Haus

Tschechien war 2026 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Zu diesem Auftritt hat Diogenes „Geteiltes Haus“ aus dem Tschechischen veröffentlicht. Auf rund 880 Seiten erzählt Alice Horáčková eine deutsch-tschechische Familiengeschichte aus Benetzko im Riesengebirge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Im Mittelpunkt stehen Zdenka und Anežka, eine Tschechin und eine Deutsche, deren Freundschaft Regimewechsel und Kriege überdauert. Um sie herum entsteht ein lebendiges Dorfpanorama, in dem Tschechen und Deutsche einander heiraten und dann darüber streiten, welche Nationalität sie bei der Volkszählung angeben. Was zunächst komisch wirkt, wird im Laufe der Jahrzehnte bitter ernst. Die Autorin stützt sich auf die Geschichte der eigenen Familie, auf Erinnerungen, Fotos und Archivfunde. Wer historische Familiensagas mag und mehr über die Geschichte der Sudetengebiete erfahren möchte, findet hier ein großes Leseprojekt für den Winter.
Das Sachbuch des Jahres
Konstantin Richter: Dreihundert Männer

Der Deutsche Sachbuchpreis ging am 8. Juni 2026 in Hamburg an Konstantin Richter für „Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG“, erschienen 2025 bei Suhrkamp. Der Titel geht auf Walther Rathenau zurück, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts behauptete, dreihundert Männer lenkten die Wirtschaft des Kontinents. Gemeint war das dichte Netz aus Bankiers, Industriellen und Lobbyisten, das als „Deutschland AG“ bis in die 1990er-Jahre Politik und Unternehmenskultur der Bundesrepublik prägte.
Richter schreibt keine trockene Wirtschaftsgeschichte, sondern setzt die Geschichte aus vielen Szenen zusammen: vom Wettstreit zwischen Nicolaus Otto und Gottlieb Daimler über die Intrigen der Brüder Mannesmann in Marokko bis zu Thomas Middelhoff, der mit dem Hubschrauber ins Büro fliegt. So entsteht ein Bogen über rund 150 Jahre, vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Lesenswert ist das Buch für alle, die verstehen möchten, wie eng Wirtschaft und Macht in Deutschland lange verflochten waren, und die dabei gut unterhalten werden wollen.
Spannung für lange Abende
Sebastian Fitzek: Der Nachtzug

Ein Rückblick auf das Lesejahr wäre unvollständig ohne die Bücher, die außerhalb des Feuilletons die meisten Leser erreichen. Sebastian Fitzek hat 2026 mit „Der Nachtzug“ einen Psychothriller vorgelegt, den Droemer als Jubiläums-Thriller ankündigt. Der Berliner Strafverteidiger Adrian Corvin verliert in einer einzigen Nacht seine Frau, die ermordet wird, und seinen fünfjährigen Sohn, der entführt wird. Die Täterin, die den Mord gesteht, lockt ihn in einen luxuriösen Nachtzug und macht ihm dort ein Angebot: Sie bringt seinen Sohn lebend zurück, wenn er eine Bedingung erfüllt, die eigentlich nicht zu erfüllen ist.
Wie gewohnt setzt Fitzek auf Tempo, eine abgeschlossene Situation und Wendungen bis zum Schluss. Wer nach den anspruchsvollen Preisträgern etwas sucht, das man in einem Rutsch durchliest, ist mit diesem Buch richtig.
Die besten Bücher 2026 im Überblick
| Titel | Autor | Verlag, Jahr | Seiten | Warum lesen? |
|---|---|---|---|---|
| Die Lücken | Shida Bazyar | Kiepenheuer & Witsch, 2026 | 512 | Deutscher Buchpreis 2026 |
| Goldstrand | Katerina Poladjan | S. Fischer, 2025 | 156 | Preis der Leipziger Buchmesse 2026 |
| Pony Show | Juli Zeh | Luchterhand, 2026 | 512 | Gerichtsroman mit Diskussionsstoff |
| Anton und Alma | Dana Vowinckel | Suhrkamp, 2026 | 542 | Shortlist Deutscher Buchpreis 2026 |
| Das tickende Herz | Lutz Seiler | Suhrkamp, 2026 | 464 | neuer Roman des „Kruso“-Autors |
| Schleifen | Elias Hirschl | Zsolnay, 2026 | 416 | Shortlist Deutscher Buchpreis 2026 |
| Botanik des Wahnsinns | Leon Engler | DuMont, 2025 | 206 | Lieblingsbuch 2026 des Deutschschweizer Buchhandels |
| Geteiltes Haus | Alice Horáčková | Diogenes, 2026 | 880 | Familiensaga zum Gastland Tschechien |
| Dreihundert Männer | Konstantin Richter | Suhrkamp, 2025 | 543 | Deutscher Sachbuchpreis 2026 |
| Der Nachtzug | Sebastian Fitzek | Droemer, 2026 | 352 | Psychothriller für einen Leseabend |
Welches Buch aus dem Jahr 2026 passt zu Ihnen?
Wenn Sie nur einen Roman des Jahres lesen möchten, greifen Sie zu „Die Lücken“: Als Buchpreisträger ist es der Roman, über den in diesem Herbst am meisten gesprochen wird, und er lohnt die Mühe. Wer es kürzer mag, ist mit „Goldstrand“ oder „Botanik des Wahnsinns“ gut beraten, zwei Bücher mit rund 150 bzw. 200 Seiten, die trotzdem viel erzählen. Für Leser, die über Bücher diskutieren möchten, eignen sich „Pony Show“ und „Anton und Alma“ besonders, gerade auch für Lesekreise. „Schleifen“ und „Das tickende Herz“ sind die richtige Wahl für alle, die sich auf ungewöhnliche Erzählweisen einlassen möchten. „Geteiltes Haus“ ist das große Winterbuch für Freunde historischer Familiengeschichten, „Dreihundert Männer“ der Tipp für alle, die lieber Sachbücher lesen. Und wenn es einfach spannend sein soll, nehmen Sie „Der Nachtzug“ mit auf das Sofa.
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