Elias Hirschl gehört zu den auffälligsten Stimmen der jüngeren österreichischen Literatur. Der Wiener, der auch aus der Poetry-Slam-Szene bekannt ist, schreibt Romane, in denen das Absurde selten Selbstzweck ist: Hinter Zeitreisen, rebellierenden Romanfiguren oder einem Ich-Erzähler, der seinen Kanzler anbetet, stehen fast immer ernste Fragen – nach Macht, nach Identität und danach, was Sprache mit uns anstellt.
Die gute Nachricht für alle, die neu einsteigen: Eine Reihe gibt es nicht. Alle sechs Romane sind abgeschlossene Einzelwerke ohne gemeinsame Figuren oder fortlaufende Handlung. Sie können also mit jedem Buch beginnen. Trotzdem lohnt ein Blick auf die Chronologie, denn sie zeigt, wie sich Hirschl von der wilden Groteske aus dem Kleinverlag zum Romancier eines großen Literaturverlags entwickelt hat.
Alle Romane von Elias Hirschl im Überblick
Die Jahreszahlen beziehen sich auf die Erstausgaben. Bei zwei Titeln verlinken wir die spätere Taschenbuchausgabe von btb; die Seitenzahlen gelten für die jeweils verlinkte Ausgabe.
| Jahr | Titel | Erstausgabe | Seiten |
|---|---|---|---|
| 2015 | Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss | Milena Verlag | 137 |
| 2016 | Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt | Milena Verlag | 195 |
| 2017 | Hundert schwarze Nähmaschinen | Jung und Jung | 329 (btb) |
| 2021 | Salonfähig | Paul Zsolnay | 252 (btb) |
| 2024 | Content | Paul Zsolnay | 224 |
| 2026 | Schleifen | Paul Zsolnay | 416 |
Nicht in dieser Liste steht „Glückliche Schweine im freien Fall“ von 2018: Das Buch ist eine Textsammlung und kein Roman.
Womit anfangen? Unsere Empfehlung in Kürze
- Für den klassischen Einstieg: „Salonfähig“. Es ist Hirschls bekanntestes Buch, böse, komisch und thematisch leicht zugänglich.
- Für einen schnellen, aktuellen Einstieg: „Content“. Kompakt, gegenwärtig und nah an einer Arbeitswelt, die viele aus eigener Anschauung kennen.
- Danach: „Schleifen“, sein bislang umfangreichster und ambitioniertester Roman.
- Für Komplettisten: die beiden frühen Titel aus dem Milena Verlag. Sie sind reizvoll, aber eher etwas für Leser, die Hirschl schon mögen und wissen wollen, wo er herkommt.
Die frühen Romane: Groteske aus dem Kleinverlag
Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss (2015)

Schon das Debüt spielt mit der Frage, wer eigentlich über eine Geschichte bestimmt. Ein junger Schriftsteller namens Simon Gruber arbeitet an einem Dorfroman, in dem eine Figur, der alte Stieber, am Ende einem Herzinfarkt erliegen soll. Doch die Dorfbewohner finden sich mit diesem Schluss nicht ab. Sie lehnen sich gegen ihren Schöpfer auf, verdächtigen ihn des Mordes und setzen sogar einen Ermittler auf ihn an – während Simon selbst zunehmend an seinem Talent zweifelt und andere bereits daran, ob es ihn überhaupt gibt.
Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss ist mit gut 130 Seiten schmal und eine verspielte Metafiktion über das Verhältnis von Autor und Figur. Man sieht hier schon den Hang zum Absurden, der Hirschls spätere Bücher prägt. Ein Pflichttitel für den Einstieg ist es nicht; der Roman ist im Kleinverlag erschienen und blieb eher ein Geheimtipp.
Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt (2016)

Der zweite Roman, schon dem Titel nach kein Buch für Freunde der Zurückhaltung, dreht noch weiter auf. Ausgerechnet bei einem großen Sportereignis wird die Weltformel berechnet, und danach gelten die Gesetze der Logik nicht mehr. Eine Terrortruppe mit ironischem Programm verwüstet die Wiener Innenstadt, Germanistik gilt plötzlich als Prestigefach, und Zeitreisen werden zum Massenvergnügen: Die einen wollen Jesus oder Shakespeare treffen, andere strömen nach Braunau, um Hitler zu beseitigen. Mittendrin versucht die Studentin Sandra Virtanen, ihre Bachelorarbeit über Thomas Bernhard fertigzuschreiben, und greift dafür selbst zur Zeitmaschine.
Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet … ist eine episodische Groteske voller Seitenhiebe auf Österreichs Umgang mit der eigenen Geschichte. Sie lässt sich unabhängig vom Debüt lesen und ist unser besonderer Tipp für alle, die Freude an Nonsens mit Hintersinn haben. Wer dagegen eine geschlossene Handlung erwartet, sollte lieber später zu diesem Buch greifen.
Der Durchbruch: Hundert schwarze Nähmaschinen (2017)

Mit seinem dritten Roman wechselte Hirschl zu Jung und Jung, und hier wird erstmals sichtbar, wie gut sich seine Komik mit einem realistischen Schauplatz verträgt. Der Held hat keinen Namen, alle nennen ihn nur den Zivi. Er leistet seinen Zivildienst in einer Wohngemeinschaft für psychisch kranke Menschen und merkt bald, dass ihn die Schule auf diese Arbeit nicht vorbereitet hat. Dass es dort turbulent zugeht, nimmt er hin. Schwieriger wird es, als er nicht mehr klar sagen kann, was die Betreuer eigentlich von den Betreuten unterscheidet – und wo er selbst hingehört.
Der Roman speist sich aus Hirschls eigener Zeit als Zivildiener, ohne ein Erfahrungsbericht zu sein. Er ist schräg und oft sehr komisch, aber zugleich genau in der Beobachtung einer Einrichtung, in der Normalität eine Frage des Standpunkts ist. Wer nach „Salonfähig“ wissen will, wie Hirschl vorher geschrieben hat, findet in Hundert schwarze Nähmaschinen den zugänglichsten Weg ins Frühwerk. Verlinkt ist die Taschenbuchausgabe von btb aus dem Jahr 2019.
Der bekannteste Roman: Salonfähig (2021)

Salonfähig ist der erste Roman, den Hirschl bei Paul Zsolnay veröffentlicht hat, und bis heute das Buch, mit dem man ihn am ehesten verbindet. Der namenlose Ich-Erzähler ist ein junger Konservativer, der Julius Varga verehrt, den jüngsten Kanzler, den Österreich je hatte. Er studiert vor dem Spiegel ein, wie sein Idol geht, lächelt und spricht, und behandelt selbst das Gießen von dessen Zimmerpflanzen wie eine Staatsangelegenheit. Hinter der makellosen Oberfläche lauern eine Fixierung auf Marken und Äußerlichkeiten und eine verstörende Faszination für die Bildsprache von Anschlägen.
Das Ergebnis ist eine Politsatire, die eine ganze Generation glatt gebügelter Nachwuchspolitiker ins Visier nimmt. Wer die österreichische Politik der vergangenen Jahre verfolgt hat, wird manche Anspielung wiedererkennen; nötig ist dieses Vorwissen aber nicht. Der Roman funktioniert auch als Studie über einen Menschen, der sich so vollständig über Inszenierung definiert, dass von ihm selbst kaum etwas übrig bleibt.
Warum dieser Einstieg? „Salonfähig“ verbindet alles, was Hirschl auszeichnet – den grotesken Humor, das Interesse an Macht und Selbstdarstellung, eine Handlung, die auf einen Höhepunkt zuläuft –, in einer Form, die auch Leser ohne Vorliebe für Experimente gut erreicht. Die Taschenbuchausgabe von btb ist 2024 erschienen.
Der Gegenwartsroman: Content (2024)

Drei Jahre nach „Salonfähig“ folgte Content, wieder bei Zsolnay. Der Roman führt in eine Wiener Firma, die Inhalte für das Netz am Fließband herstellt: Klickköder, Listen, schnell verwertbare Texte. Hirschl macht daraus eine Satire auf eine Arbeitswelt, in der Aufmerksamkeit die eigentliche Währung ist und Sinn eher zufällig entsteht.
Mit 224 Seiten ist „Content“ kompakt, und das Thema liegt nah an einem Alltag, den viele kennen – sei es aus dem eigenen Job oder nur vom Scrollen durch den Feed. Gerade deshalb eignet sich das Buch gut als zweiter möglicher Einstieg, vor allem für Leser, die sich mehr für Internetkultur und moderne Arbeit interessieren als für Politik. Mehr über die Handlung verraten wir hier bewusst nicht; das Buch lebt davon, dass man sich auf seine Wendungen einlässt.
Der neueste Roman: Schleifen (2026)

Mit Schleifen hat Hirschl 2026 seinen bislang größten Roman vorgelegt, gut 400 Seiten stark und auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026. Die Geschichte führt zurück ins Wien des 20. Jahrhunderts, in das Umfeld des Wiener Kreises, jener Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern, die Erkenntnis auf Logik und eine exakte Sprache gründen wollten.
Im Zentrum steht Franziska Denk, die als Kind an einem merkwürdigen Leiden erkrankt: Sie entwickelt jedes Symptom, von dem sie hört oder liest. Halt findet sie bei dem hochbegabten Mathematiker Otto Mandl. Gemeinsam entdecken die beiden, dass Wörter aus ausgestorbenen Sprachen Franziska gegen ihre Krankheit schützen können – und daraus wird eine lebenslange, grenzenlose Suche nach der vollkommenen Sprache.
Der Ton ist nachdenklicher und wärmer als in den Satiren, der Witz aber geblieben. „Schleifen“ ist ein Ideenroman über die Macht der Sprache, der Wissenschaftsgeschichte und Erfindung so eng verknüpft, dass man beim Lesen oft nicht mehr sicher ist, was belegt und was ausgedacht ist. Weil der Roman mehr Geduld verlangt als „Salonfähig“ oder „Content“, empfehlen wir ihn als zweites Buch – oder als direkten Einstieg für alle, die gerne zu großen, verschachtelten Romanen greifen.
Lesereihenfolge: Chronologisch oder nach Interesse?
Da keiner der Romane auf einen anderen aufbaut, gibt es keine verbindliche Reihenfolge. Zwei Wege bieten sich an:
- Nach Erscheinen lesen: Wer Hirschls Entwicklung nachvollziehen möchte, beginnt beim Debüt von 2015 und arbeitet sich bis „Schleifen“ vor. Dabei lässt sich beobachten, wie die anfangs fast ungezügelte Lust am Absurden immer konzentrierter wird und sich zunehmend mit gesellschaftlichen und philosophischen Fragen verbindet.
- Nach Zugänglichkeit lesen: Für die meisten Leser ist dieser Weg der bessere. Starten Sie mit „Salonfähig“ oder „Content“, lesen Sie dann „Schleifen“ und greifen Sie, wenn Sie Gefallen gefunden haben, zu „Hundert schwarze Nähmaschinen“. Die beiden Milena-Romane heben Sie sich für den Schluss auf.
Wer nur ein einziges Buch von Elias Hirschl lesen will, ist mit „Salonfähig“ am sichersten bedient. Wer wissen möchte, wohin sich dieser Autor entwickelt, sollte „Schleifen“ nicht verpassen.
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