„Alice“ von Marlen Mairhofer: Rezension – überzeugt das Romandebüt?

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Ein Mädchen fällt. In die Liebe hinein und wieder heraus, ins Bett, in Kuchen und Teetassen – und so schnell, dass der erste Satz erst im nächsten Kapitel zur Ruhe kommt. So beginnt „Alice“, der erste Roman der Salzburger Literaturwissenschaftlerin Marlen Mairhofer, erschienen im August 2026 bei Jung und Jung. Das schmale Buch hat in kurzer Zeit erstaunlich viel Aufmerksamkeit bekommen: Schon das Manuskript wurde 2025 mit dem Theodor-Körner-Förderpreis ausgezeichnet, im September stand der Roman auf der ORF-Bestenliste, und inzwischen ist er für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises nominiert. Hält das Debüt, was diese Erfolgsbilanz verspricht?

Marlen Mairhofer, Alice

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Kein Wunderland, sondern eine Kindheit

Wer nach dem Titel und dem Cover eine Neuauflage von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ erwartet, liegt nur halb richtig. Mairhofer hat Carrolls Klassiker nach eigener Aussage Ende 2022 wiedergelesen und war überrascht, wie viel dieses Buch von 1865 über das Mädchensein erzählt. Ihre Konsequenz daraus: Sie stellt die Figur auf reale Beine. Ihre Alice gräbt keinen Kaninchenbau hinab, sondern wächst auf – vom Kleinkind, das laufen lernt, bis in die Jahre, in denen Körper, Begehren und Freundschaften kompliziert werden.

Erzählt wird das in rund vierzig kurzen Kapiteln, die eher Prosaminiaturen als Romanabschnitte sind. Sie folgen keiner strengen Chronologie, sondern springen durch die Zeit und reihen Szenen nach Motiven. Es geht um Zahnlücken und Pferdezeitschriften, um beste Freundinnen und deren Verrat, um die Schule, um Erwachsene, die sich ungefragt einmischen, um den ersten Tampon, um einen Tag am Meer, an dem Alice sich weigert, schwimmen zu lernen, und der in Tränen endet. Dazwischen stehen die Geschichten, die ihr Vater von einer Insel mit Hasenhöhlen erzählt – eine der Stellen, an denen Carroll deutlich durchscheint.

Die Hutmacher, Grinsekatzen und Herzköniginnen der Vorlage tauchen allenfalls am Rand auf, als Anspielung, nicht als Personal. Das Wunderland ist hier die gewöhnliche Welt, gesehen von jemandem, der alles zum ersten Mal erlebt. Darin liegt der Grundgedanke des Buchs: Kindheit ist keine idyllische Vorstufe des Lebens, sondern ein Zustand, in dem alles neu, groß und oft unheimlich ist.

Die Sprache als eigentliche Hauptfigur

Was „Alice“ trägt, ist die Sprache. Mairhofer arbeitet mit Wiederholung und Variation, mit langen, aufzählenden Satzketten, die oft ohne Punkt auskommen und sich von einem Bild ins nächste schieben. Das Eröffnungskapitel „Alice fällt“ führt das Verfahren programmatisch vor: Das Fallen, bei Carroll der Sturz in den Kaninchenbau, wird zum Leitmotiv, das sich durch den ganzen Text zieht und immer neue Bedeutungen annimmt – verlieben, stürzen, scheitern, hinfallen und wieder aufstehen. Ähnlich funktionieren die Reihen, in denen Alice etwas nicht will; aus dem trotzigen Nein eines Kindes wird eine Art Refrain.

Diese Technik hat zwei Wirkungen. Einerseits entsteht ein enormes Tempo; die Kapitel lesen sich wie kurze, rhythmische Stücke, die eher an Lyrik als an konventionelle Prosa erinnern. Andererseits erzeugen die Reihungen eine Komik, die das Buch vor jeder Sentimentalität bewahrt. Alice ist kein unschuldiges Engelchen, sondern neugierig, eigensinnig und manchmal durchtrieben – eine Figur, die nicht alles mit sich geschehen lässt.

Gleichzeitig kippt der Ton immer wieder, und das ist die eigentliche Leistung des Romans. Aus dem Spielerischen wird unvermittelt etwas Bedrohliches. Einige Szenen, in denen Begehren und Gewalt aufscheinen, bleiben bewusst unaufgelöst; ein Wendepunkt im Buch deutet etwas Dunkles an, ohne es auszubuchstabieren. Mairhofer zeigt, wie früh Mädchen lernen, sich auf Schmerz einzustellen, und wie viele unausgesprochene Regeln ihren Alltag bestimmen. Der Text predigt das nicht, er lässt es in den Bildern sichtbar werden.

Dass die Autorin über Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Hélène Cixous promoviert hat, merkt man dem Buch an. Die Frage, wie weibliche Erfahrung in Sprache kommt, steht spürbar im Hintergrund, und Kritiker haben Anspielungen auf Theoretiker von Deleuze bis Foucault ausgemacht. Für das Verständnis braucht man diese Bezüge allerdings nicht. „Alice“ ist kein akademisches Puzzle, sondern zuerst einmal ein sinnliches, komisches Leseerlebnis.

Wo das Debüt an Grenzen stößt

Die Stärke des Buchs ist zugleich seine Schwachstelle. Wer einen Roman mit Handlungsbogen erwartet, wird enttäuscht. „Alice“ ist eher eine Abfolge von Zuständen als eine Geschichte; eine Entwicklung, aus der sich Schritt für Schritt eine Persönlichkeit formt, deutet der Text nur an. Durch die Zeitsprünge ist nicht immer klar, wie alt Alice gerade ist, und mancher Leser wird sich fragen, ob dieses Durcheinander dem Konzept dient oder bloß die Orientierung erschwert. Wir meinen: meistens dient es, weil Erinnerung genau so funktioniert. Aber nicht jede Miniatur hat dieselbe Dichte, und einige wirken eher wie Fingerübungen.

Problematisch ist auch der Anspruch, den das Buch und vor allem seine Vermarktung erheben. Der Verlag verspricht einen Blick in die Welt „aller Mädchen“. Das ist überdehnt. Mairhofers Alice wächst in einem recht bestimmten, westeuropäisch-bürgerlichen Umfeld auf, und manche Szenen greifen auf vertraute Muster zurück, die eher Klischee als Beobachtung sind. Die universelle Geltung, die das Buch behauptet, löst es nicht ganz ein.

Ebenso ist die Ankündigung eines poetischen Neustarts von Carrolls Klassiker mit Vorsicht zu genießen. Wer sich vor allem auf ein raffiniertes Spiel mit der Vorlage freut, findet Spuren, aber keine systematische Neuerzählung. Mairhofer interessiert sich mehr für das Mädchen als für den Mythos. Das ist eine legitime Entscheidung, nur sollte man sie kennen, bevor man das Buch aufschlägt.

Schließlich: 128 Seiten sind schnell gelesen, aber nicht schnell verstanden. Die verschachtelten Satzkaskaden verlangen Konzentration; wer ungeduldig liest, verpasst die Feinheiten, auf die es ankommt.

Einordnung: zwei Alices in einem Herbst

Interessant ist ein Vergleich mit einem anderen Buch dieses Herbstes. Auch Sarah Elena Müllers Roman „Unwucht“, nominiert für den Schweizer Buchpreis, hat eine Hauptfigur namens Alice und spielt mit Carroll. Doch die Bücher könnten kaum verschiedener sein: Müller erzählt auf über 300 Seiten mit zwei Zeitebenen eine Liebesgeschichte im Schatten der Sucht, und ihre Alice ist eine Erzählerin, die ihren eigenen Erinnerungen misstraut. Mairhofer dagegen verdichtet das Aufwachsen auf ein Drittel dieses Umfangs zu Motivketten, und ihre Alice steht eher für eine Erfahrung als für ein individuelles Schicksal. Gemeinsam ist beiden, dass sie die Figur aus der Projektion mädchenhafter Unschuld lösen.

„Alice“ gehört zu keiner Reihe und setzt keine Kenntnis von Carrolls Original voraus, auch wenn diese das Vergnügen an den Anspielungen erhöht. Ob der Roman den Debütpreis gewinnt, entscheidet sich am 23. November 2026; mit auf der Shortlist stehen Nina Temann und David Vajda.

Fazit: Für wen lohnt sich „Alice“?

Ja, das Debüt überzeugt – mit Einschränkungen. Marlen Mairhofer hat ein eigenwilliges, sprachlich virtuoses Buch geschrieben, das Kindheit weder verklärt noch dramatisiert, sondern in ihrer ganzen Fremdheit zeigt: komisch, schmerzhaft und oft beides zugleich. Die Stärke liegt in der Sprache und im präzisen Blick auf das, was Mädchen im Aufwachsen lernen müssen. Die Schwächen liegen dort, wo das Buch mehr behauptet, als es einlöst: im Anspruch, für alle Mädchen zu sprechen, und im Fehlen einer Geschichte, die über die Miniaturen hinausträgt.

Lohnend ist „Alice“ für Leser, die sprachlich experimentelle Literatur mögen, kurze Formen schätzen und bereit sind, sich von Rhythmus und Bildern statt von einer Handlung tragen zu lassen. Wer gern Lyrik oder poetische Prosa liest, wer sich für Texte über weibliches Erwachsenwerden interessiert oder neugierig auf die österreichische Gegenwartsliteratur jenseits der bekannten Namen ist, sollte zugreifen. Auch für Lesekreise eignet sich das schmale Buch gut, weil es viel Gesprächsstoff über eigene Kindheitserinnerungen bietet.

Weniger geeignet ist es für alle, die einen klassischen Entwicklungsroman mit Spannungsbogen suchen oder eine verspielte Fantasy-Variante des Wunderlands erwarten. Wer sich aber auf das Verfahren einlässt, liest eines der eigenständigsten deutschsprachigen Debüts des Jahres.

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