Mit „Gulistan“ stand Karosh Taha 2026 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises – und damit dürften viele Leser zum ersten Mal auf eine Autorin aufmerksam geworden sein, die schon seit einigen Jahren zu den eigenwilligsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt. Taha wurde 1987 im irakischen Zaxo geboren, kam 1997 nach Deutschland und lebt im Ruhrgebiet. Bislang hat sie drei Romane veröffentlicht, alle bei DuMont. Wer sie kennenlernen möchte, steht vor einer überschaubaren, aber nicht ganz banalen Entscheidung: Die drei Bücher unterscheiden sich in Schauplatz und Form deutlich voneinander.
Gibt es eine Reihenfolge bei Karosh Taha?
Kurz gesagt: nein. Tahas Romane bilden keine Reihe, und gemeinsame Figuren gibt es nach allem, was bekannt ist, nicht. Jedes Buch lässt sich für sich lesen. Die Reihenfolge der Veröffentlichung ist deshalb nur eine Orientierungshilfe – allerdings eine nützliche, weil sie zeigt, wie die Autorin sich von Buch zu Buch weiter vorwagt: vom zugänglichen Familienroman über ein formales Experiment bis zu einem Roman, in dem die Sprache selbst ins Wanken gerät.
Alle Romane auf einen Blick
| Nr. | Titel | Erstausgabe | Verlinkte Ausgabe | Gut für |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Beschreibung einer Krabbenwanderung | 2018, DuMont (Hardcover) | Taschenbuch 2019, 252 Seiten | den Einstieg |
| 2 | Im Bauch der Königin | 2020, DuMont (Hardcover) | Taschenbuch 2021, 270 Seiten | Leser, die Formexperimente mögen |
| 3 | Gulistan | 2026, DuMont | Erstausgabe 2026, 240 Seiten | Leser, die schon mit Taha vertraut sind |
1. „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ (2018): das Debüt

Tahas erster Roman, „Beschreibung einer Krabbenwanderung“, ist der naheliegende Startpunkt. Im Mittelpunkt steht Sanaa, 22 Jahre alt, Studentin, mit einem festen Freund und einem Geliebten nebenher. Das klingt nach einem jungen Leben voller Möglichkeiten, doch Sanaa ist zugleich die, an der in ihrer kurdischen Familie im Ruhrgebiet alles hängen bleibt. Die Mutter ist depressiv, der Vater hat sich innerlich längst verabschiedet, die jüngere Schwester weiß nicht wohin mit ihrer Wut. Und auf dem Sofa sitzt Tag für Tag die Tante, raucht und behält alle im Blick.
Der Titel spielt auf eine Kindheitserinnerung aus dem Irak an: Beim Baden im Fluss hat Sanaa einmal eine Krabbe gezwickt. Dieses Bild zieht sich durch das Buch – als Sinnbild für eine Wirklichkeit, die immer dann zukneift, wenn Sanaa gerade anfängt, sich ein anderes Leben auszumalen. Der Roman erzählt vom Versuch, sich Freiraum zu verschaffen, ohne die eigenen Leute im Stich zu lassen, und davon, wie zerbrechlich das Erkämpfte bleibt.
Was das Buch auszeichnet, ist seine Mischung im Ton. Taha schreibt über schwere Dinge – Krankheit, Entfremdung, Verantwortung, die eine junge Frau eigentlich überfordern muss –, aber sie tut es nicht nur ernst. Es gibt komische, beinahe leichte Passagen, und gerade dieser Wechsel macht die Figuren so lebendig. Wer wissen will, worum es Taha grundsätzlich geht – um das Leben zwischen zwei Welten, um Familie als Halt und als Last, um die Frage, was Freiheit eigentlich heißt –, findet es hier am klarsten ausgebreitet.
Für wen? Für alle, die Taha zum ersten Mal lesen. Wer Familienromane mit einer starken, widersprüchlichen Heldin mag, ist hier richtig.
2. „Im Bauch der Königin“ (2020): ein Buch mit zwei Anfängen

Mit ihrem zweiten Roman, „Im Bauch der Königin“, hat Taha etwas gewagt, das man im Buchhandel selten sieht: ein Wendebuch. Es enthält zwei Fassungen derselben Geschichte, jede mit eigenem Anfang an einem der beiden Buchdeckel. Die eine erzählt Amal, die andere Raffiq, und in der Mitte des Bandes treffen sich die beiden Hälften. Mit welcher Sie beginnen, bleibt Ihnen überlassen – eine falsche Reihenfolge gibt es nicht. Der Reiz liegt gerade darin, dass sich das Bild je nach Einstieg verschiebt: Was in der einen Fassung ein Rätsel bleibt, erscheint in der anderen in neuem Licht.
Schauplatz ist wieder ein Viertel, in dem kurdische Familien eng beieinander leben und jeder über jeden Bescheid weiß. In Amals Teil geht es um ein Mädchen, das sich früh gegen die Erwartungen stellt, nach einem Vorfall in der Schule ausgegrenzt wird und schließlich Halt bei zwei anderen Außenseitern findet: bei ihrem Mitschüler Younes und dessen Mutter Shahira. Als die Lage Jahre später eskaliert, bricht Amal nach Kurdistan auf, um ihren Vater zu suchen, der die Familie verlassen hat. Raffiqs Teil kreist um dieselben Menschen aus anderer Sicht. Shahira, die sich über die Regeln des Viertels hinwegsetzt, fasziniert und verstört ihn zugleich, und als nicht nur Younes, sondern auch Amal fortwill, gerät seine Welt ins Rutschen.
Inhaltlich hängt der Roman nicht mit dem Debüt zusammen, das Milieu ist aber verwandt. Wer die „Krabbenwanderung“ gelesen hat, wird also manches wiedererkennen und zugleich sehen, wie viel kunstvoller Taha hier mit der Perspektive spielt. Die Taschenbuchausgabe enthält laut Verlag zusätzlich einen bis dahin unveröffentlichten Essay der Autorin.
Für wen? Für Leser, die Freude an ungewöhnlichen Erzählformen haben und eine Geschichte gern von zwei Seiten betrachten. Auch als zweites Taha-Buch nach dem Debüt gut geeignet.
3. „Gulistan“ (2026): der radikalste Roman

Mit „Gulistan“ verlässt Taha das Ruhrgebiet. Der Roman spielt im Irak zur Zeit Saddam Husseins. Die Kurdin Gulistan ist auf der Suche nach ihrem Mann Çiya, der verschwunden ist – und findet ihn auf eine Weise wieder, die man kaum glauben mag: als Doppelgänger des Diktators. Gulistan wird verhaftet und verliert nach und nach den Boden unter den Füßen. Doch je mehr ihr genommen wird, desto stärker wird ihr Widerstand, vor allem, als sie merkt, dass sie schwanger ist.
Schon diese Ausgangslage zeigt, dass Taha hier ins Grundsätzliche geht: Es geht um Macht und Ohnmacht, um Identität unter einem Regime, das Menschen buchstäblich in jemand anderen verwandeln kann. Bemerkenswert ist vor allem, wie sie das erzählt. „Gulistan“ ist sprachlich ihr kühnstes Buch. Der Zerfall, den die Hauptfigur erlebt, schlägt sich im Text selbst nieder – die Sprache bricht auf, und auch die Typografie folgt nicht mehr den gewohnten Regeln. Das verlangt beim Lesen Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf etwas Ungewohntes einzulassen.
Für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 wurde der Roman ausgewählt, was ihm viel Aufmerksamkeit eingebracht hat. Wer Taha über diese Nominierung entdeckt, kann durchaus direkt mit „Gulistan“ beginnen, denn das Buch steht völlig für sich. Wer jedoch nicht weiß, ob ihm experimentelle Prosa liegt, macht mit einem der beiden früheren Romane den leichteren ersten Schritt und kommt dann mit geschärftem Blick zu diesem Buch.
Für wen? Für Leser, die anspruchsvolle, formal mutige Literatur suchen und sich für politische Gewalt und ihre Folgen für Einzelne interessieren. Für Taha-Neulinge eher als zweites oder drittes Buch.
Was die drei Romane verbindet
So verschieden die Bücher in Schauplatz und Form sind, einige Fragen tauchen immer wieder auf. Da ist die Familie, die schützt und zugleich einengt. Da sind Frauenfiguren, die sich gegen die Rollen auflehnen, die ihnen zugedacht sind, und dafür einen Preis zahlen. Und da ist das Dazwischen: zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen dem Irak, aus dem die Familien kommen, und dem Viertel in Deutschland, in dem sie nun leben – oder, in „Gulistan“, zwischen dem Menschen, den man kannte, und dem, was ein Regime aus ihm macht.
Wer alle drei Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens liest, kann zudem verfolgen, wie Taha ihre Mittel immer weiter ausreizt. Im Debüt erzählt sie noch vergleichsweise geradlinig, im zweiten Roman spaltet sie die Geschichte in zwei Hälften, im dritten lässt sie die Sprache selbst zerfallen. Zwingend ist diese Reihenfolge nicht, aber sie macht die Entwicklung der Autorin gut sichtbar.
Fazit: Womit sollten Sie anfangen?
Beginnen Sie mit „Beschreibung einer Krabbenwanderung“. Das Debüt ist am zugänglichsten, verbindet Ernst und Komik und führt direkt zu den Themen, um die Tahas Schreiben kreist. Wenn Ihnen das Buch gefällt, lesen Sie als Nächstes „Im Bauch der Königin“ – und entscheiden Sie selbst, ob Sie mit Amal oder Raffiq beginnen. „Gulistan“ heben Sie sich am besten für den Schluss auf: Dann kennen Sie Tahas Ton bereits und können sich ganz auf das Wagnis einlassen, das dieser Roman eingeht. Wer dagegen gerade durch den Buchpreis neugierig geworden ist und keine Scheu vor sperriger Prosa hat, darf auch ohne Umweg mit „Gulistan“ einsteigen.
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