Wer in Deutschland an jüdische Literatur denkt, denkt oft zuerst an die Shoah, an Erinnerungsbücher und Zeitzeugenberichte. Das ist verständlich, verstellt aber den Blick auf etwas anderes: auf Romane, die von jüdischen Menschen erzählen, die heute leben – in Berlin und Tel Aviv, in London, New York oder Kalifornien. Sie streiten mit ihren Eltern, zweifeln am Glauben oder suchen ihn erst, ärgern sich über Klischees und über Antisemitismus, verlieben sich und reisen zu Familienfesten. Die Vergangenheit ist in diesen Büchern präsent, aber sie ist nicht das Einzige, was zählt.
Die folgenden zehn Romane zeigen, wie vielfältig dieses Leben ist. Die ersten fünf stammen von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, danach weitet sich der Blick nach Großbritannien, in die USA und in die israelische Diaspora. Komisches steht neben Ernstem, kurze Bücher neben dicken Familienepen. Am Ende finden Sie eine Übersicht und Empfehlungen, womit Sie am besten anfangen.
Jüdisches Leben in Deutschland: fünf Stimmen der Gegenwart
Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock

Wenn ein Roman der letzten Jahre zum Bezugspunkt für das Thema geworden ist, dann Gewässer im Ziplock. Dana Vowinckels ausgezeichnetes Debüt folgt der fünfzehnjährigen Margarita durch einen Sommer, der sie an drei Orte führt. Aufgewachsen ist sie in Berlin bei ihrem Vater, der in einer Synagoge als Vorbeter arbeitet; die Mutter ist gegangen, als Margarita noch ein Kleinkind war. Die Ferien verbringt das Mädchen wie gewohnt bei den Großeltern in Chicago, wird dann aber nach Israel geschickt, wo die Mutter inzwischen wohnt. Die gemeinsame Reise gerät zur Belastungsprobe, und am Ende stehen alle in Chicago am Bett der kranken Großmutter.
Was das Buch auszeichnet, ist der genaue Blick auf beide Generationen. Vowinckel erzählt abwechselnd aus der Sicht der Tochter und des Vaters und zeigt, wie unterschiedlich beide ihr Jüdischsein leben: hier die religiöse Praxis und die Gemeinde, dort eine Teenagerin, die sich in Deutschland ständig erklären soll. Das Stichwort vom „Gedächtnistheater“, mit dem der Soziologe Y. Michal Bodemann einst die deutsche Erinnerungskultur beschrieb, trifft gut, wogegen sich die Figuren behaupten müssen. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe hat 359 Seiten. Wer nur einen Roman dieser Liste lesen möchte, sollte zu diesem greifen.
Mirna Funk: Winternähe

Lola ist Berlinerin und Jüdin, und lange hielt sie beides für selbstverständlich vereinbar. Dann wird sie zum Ziel eines antisemitischen Angriffs, und plötzlich wird ihr Selbstverständnis brüchig. In Winternähe reist sie nach Tel Aviv, ausgerechnet im Sommer 2014, als dort der Gazakrieg den Alltag bestimmt. Die Frage, die Mirna Funk ihrer Heldin mitgibt, ist einfach und schwer zugleich: Wer entscheidet eigentlich, wer man ist – man selbst, die eigene Familie oder die anderen?
Funk erzählt ernst, aber mit viel Ironie, und gerade dieser Ton bewahrt das Buch davor, zum Thesenroman zu werden. Liest man es heute, wirkt manches darin bedrückend vorausschauend. Bei dtv liegt der Roman in einer Ausgabe mit 342 Seiten vor.
Olga Grjasnowa: Juli, August, September

Kürzer und pointierter ist Juli, August, September, erschienen 2024 bei Hanser Berlin (213 Seiten). Lou lebt als Jüdin in Berlin, verheiratet mit dem Pianisten Sergej, gemeinsam haben sie eine Tochter namens Rosa. Als eine Tante ihren 90. Geburtstag auf Gran Canaria feiert, reist die Familie dorthin, später führt der Weg nach Israel. Zwischen Festtafel und Verwandtschaft zeigt sich, wie wenig die Geschichten zusammenpassen, die sich eine Familie über sich selbst erzählt.
Olga Grjasnowa interessiert sich dafür, wie Herkunft weitergegeben wird und was davon Konstruktion ist. Zugleich stellt der Roman die Frage, was jüdische Identität im heutigen Deutschland ausmacht, wenn die Religion im Alltag kaum eine Rolle spielt. Ein guter Einstieg für alle, die wenig Zeit haben und trotzdem ein Buch suchen, das zum Nachdenken bringt.
Maxim Biller: Schwarze Samstage

Maxim Biller ist seit Jahrzehnten die streitbarste Stimme der deutsch-jüdischen Literatur, und sein jüngster Roman Schwarze Samstage trägt den Untertitel „Roman eines Jahres“. Der Ich-Erzähler Ari ist mit seiner Familie aus der kommunistischen Tschechoslowakei geflohen und Ende der Siebzigerjahre im Hamburger Grindelviertel gelandet, wo einst jüdisches Leben blühte. Stattdessen begegnet er linken Schülern und Studenten, die gegen Israel agitieren. Später, im München der Achtziger, scheint dieser Hass verflogen – bis zum Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.
Ausgehend von diesem Datum fragt der Roman, woher die immer wiederkehrende Feindschaft gegen Juden kommt. Der Verlag beschreibt das Buch als mögliche Vorgeschichte zu Billers Memoir „Der gebrauchte Jude“. Die Ausgabe bei Kiepenheuer & Witsch hat 304 Seiten. Wer Biller kennt, weiß, dass er keine bequemen Antworten liefert; wer ihn noch nicht kennt, findet hier einen aktuellen Zugang.
Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse

Dass man über Nachgeborene der Shoah auch mit Humor schreiben kann, beweist Die jüdische Souffleuse. Die Ich-Erzählerin trägt den Namen der Autorin und inszeniert gerade Mozarts „Entführung aus dem Serail“, als sich die Souffleuse Susanne, genannt Sissele, an sie wendet. Seit Jahrzehnten sucht sie Angehörige, die nach dem Krieg in alle Richtungen verstreut wurden, und ist überzeugt, dass ausgerechnet die Regisseurin ihr helfen kann. Also brechen die beiden zu einer Fahrt durch die Bundesrepublik auf.
Daraus wird eine tragikomische Reise, in der sich Theaterpossen und Familiengeschichte, Überlebensberichte und die Erfahrungen der zweiten Generation verschränken. Mit 201 Seiten (Kiepenheuer & Witsch) ist der Roman schnell gelesen und eignet sich gut für Leser, die einen leichteren Zugang suchen, ohne dass das Thema verharmlost wird.
Der Blick über die Grenzen: London, New York, Silicon Valley
Howard Jacobson: Die Finkler-Frage

Mit Die Finkler-Frage gewann Howard Jacobson 2010 den Booker-Preis, und das für einen ausgesprochen komischen Roman. Julian Treslove, ein glückloser Ex-Mitarbeiter der BBC, ist kein Jude, wird aber eines Abends überfallen und meint, die Angreiferin habe ihn als solchen beschimpft. Statt sich zu fürchten, ist er beinahe erleichtert: Endlich scheint er irgendwo dazuzugehören. Seine beiden jüdischen Freunde betrachten diesen Wandel mit gemischten Gefühlen.
Jacobson spielt die Frage, was Jüdischsein bedeutet, aus einer ungewohnten Richtung durch – aus der Sicht eines Mannes, der es gern wäre. Das ist bissig, dialogreich und oft unbequem, gerade wo es um Israel und um Antisemitismus in der britischen Gesellschaft geht. Die btb-Ausgabe umfasst 435 Seiten.
Natan Englander: kaddish.com

Larry ist Atheist, lebt in Brooklyn und hat gerade seinen Vater verloren. Nach jüdischem Brauch müsste er elf Monate lang das Kaddisch sprechen, das Gebet für den Verstorbenen. Weil er das nicht über sich bringt, findet er eine Lösung im Netz: Auf einer Website lässt sich ein frommer Jeschiwa-Schüler in Jerusalem damit beauftragen. In kaddish.com erzählt Natan Englander, was aus diesem Handel wird.
Der Roman ist eine kleine, warmherzige Fabel über Pflicht, Glauben und Familienbande, über den Graben zwischen säkularen und orthodoxen Juden und darüber, was man den Toten schuldet. Mit 236 Seiten (btb) ist er ein leichter Einstieg in die jüdisch-amerikanische Gegenwartsliteratur, ohne dabei oberflächlich zu sein.
Eve Harris: Die Hoffnung der Chani Kaufman

Einen Blick in eine Welt, die vielen Lesern fremd ist, bietet Die Hoffnung der Chani Kaufman. Chani lebt in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde und hat den Mann geheiratet, den sie selbst wollte – keine Selbstverständlichkeit in ihrem Umfeld. Doch das erhoffte Kind bleibt aus, und damit wächst der Druck. Ihr Mann Baruch könnte sich von ihr trennen, wenn sie keine Nachkommen bekommt, und so bewegt sich Chani zwischen Rabbiner, Kinderwunschklinik und einer anspruchsvollen Schwiegermutter.
Eve Harris erzählt von einer Frau, die innerhalb fester Regeln nach Spielraum sucht, und fragt, wie viel Selbstbestimmung eine Gemeinschaft zulässt, die Halt gibt und zugleich einengt. Mit 528 Seiten (Diogenes) ist es eines der umfangreicheren Bücher dieser Auswahl.
Taffy Brodesser-Akner: Die Fletchers von Long Island

Das dickste Buch der Liste ist zugleich eines der unterhaltsamsten. Die Fletchers von Long Island beginnt 1980 mit der Entführung des wohlhabenden Carl Fletcher, der gegen ein hohes Lösegeld freikommt. Die Familie will danach einfach weitermachen. Vierzig Jahre später zeigt sich bei einem Wiedersehen, dass das nicht gelungen ist: Die Tat hat Spuren bei allen hinterlassen, auch bei denen, die damals noch Kinder waren.
Taffy Brodesser-Akner erzählt ein jüdisch-amerikanisches Familienepos voller Exzentriker, mit spöttischem Abstand und doch nie ohne Zuneigung für ihre Figuren. Es geht um Geld, Angst und Sicherheit, um das, was Eltern weitergeben, ob sie wollen oder nicht. Die Eichborn-Ausgabe hat 573 Seiten – Lesestoff für mehrere lange Abende.
Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert

Zum Schluss ein besonderer Tipp für alle, die Spannung mögen. In Wo der Wolf lauert hat die Israelin Lilach Schuster mit ihrer Familie im Silicon Valley ein komfortables Leben gefunden, fern von der ständigen Bedrohung, die sie aus ihrer Heimat kennt. Dann stirbt bei einer Party ein Mitschüler ihres Sohnes Adam, und je mehr Lilach über die Umstände erfährt, desto stärker wird ihr Verdacht, dass Adam etwas damit zu tun haben könnte.
Ayelet Gundar-Goshen, die auch als Psychologin gearbeitet hat, verbindet einen packenden Plot mit einer genauen Analyse von Angst: Was wird aus dem Bedürfnis nach Schutz, wenn es in Misstrauen umschlägt? Und wie fühlt sich jüdische Identität in einer Diaspora an, die sicher scheint? Der Roman ist aus dem Hebräischen übersetzt und bei Kein & Aber erschienen (352 Seiten).
Die zehn Romane im Überblick
| Buch | Autor | Schauplätze | Charakter | Seiten |
|---|---|---|---|---|
| Gewässer im Ziplock | Dana Vowinckel | Berlin, Chicago, Jerusalem | Familienroman | 359 |
| Winternähe | Mirna Funk | Berlin, Tel Aviv | Identitätsroman | 342 |
| Juli, August, September | Olga Grjasnowa | Berlin, Gran Canaria, Israel | Kurzer Familienroman | 213 |
| Schwarze Samstage | Maxim Biller | Hamburg, München | Zeitroman | 304 |
| Die jüdische Souffleuse | Adriana Altaras | Deutschland | Tragikomödie | 201 |
| Die Finkler-Frage | Howard Jacobson | London | Satirischer Roman | 435 |
| kaddish.com | Natan Englander | Brooklyn, Jerusalem | Fabel | 236 |
| Die Hoffnung der Chani Kaufman | Eve Harris | Orthodoxe Gemeinde | Gesellschaftsroman | 528 |
| Die Fletchers von Long Island | Taffy Brodesser-Akner | Long Island | Familienepos | 573 |
| Wo der Wolf lauert | Ayelet Gundar-Goshen | Silicon Valley | Psychologische Spannung | 352 |
Welcher Roman über jüdisches Leben passt zu Ihnen?
- Wenn Sie nur ein Buch lesen wollen: „Gewässer im Ziplock“ – es verbindet Alltag, Religion und deutsche Erinnerungskultur wie kein anderes auf dieser Liste.
- Für einen schnellen Einstieg: „Juli, August, September“, „Die jüdische Souffleuse“ oder „kaddish.com“, alle drei deutlich unter 250 Seiten.
- Für Leser, die sich mit Antisemitismus heute auseinandersetzen möchten: „Winternähe“ und „Schwarze Samstage“.
- Wenn Sie lachen wollen, auch über Unbequemes: „Die Finkler-Frage“ und „Die Fletchers von Long Island“.
- Für Neugierige auf orthodoxes Leben: „Die Hoffnung der Chani Kaufman“.
- Wenn es spannend sein soll: „Wo der Wolf lauert“.
Zusammen ergeben die zehn Romane kein einheitliches Bild, und das ist ihre Stärke. Sie zeigen, dass es nicht die eine jüdische Erfahrung gibt, sondern viele – religiöse und säkulare, deutsche, britische, amerikanische und israelische, ernste und sehr komische.
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