Peggy Mädler: Alle Romane im Überblick – welches zuerst lesen?

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Spätestens seit ihr jüngster Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026 stand, fragen sich viele Leser, wer Peggy Mädler eigentlich ist und wo man bei ihr anfangen sollte. Die gute Nachricht: Das Werk ist überschaubar. Die 1976 in Dresden geborene Autorin hat bisher drei Romane geschrieben, alle erschienen bei Galiani Berlin. Wer sie alle liest, ist mit gut 700 Seiten dabei. Dieser Überblick stellt die drei Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens vor, zeigt, was sie miteinander verbindet, und hilft bei der Entscheidung, welches Sie zuerst aufschlagen.

Gibt es eine Reihenfolge bei Peggy Mädlers Romanen?

Nein, jedenfalls keine, die Sie einhalten müssten. Mädler schreibt keine Reihe. Kein Roman setzt die Handlung eines anderen fort, keine Figur taucht in einem späteren Buch wieder auf. Jedes Buch ist für sich verständlich.

Verbunden sind die Romane über ihre Themen. Alle drei kreisen um die DDR und um die Frage, was von ihr im Leben einzelner Menschen bleibt. Alle drei erzählen von Familien oder Freundschaften über mehrere Generationen hinweg. Und alle drei beschäftigt, wie sich private Erinnerung zu dem verhält, was später als die „große“ Geschichte gilt. Wer die Bücher nacheinander liest, kann beobachten, wie die Autorin dieses Feld immer weiter vermisst: vom Blick einer Enkelin auf die eigene Familie über eine Freundschaft, die die deutsche Teilung überdauert, bis zum Panorama eines ganzen Freundeskreises.

Alle Romane auf einen Blick

Nr.TitelErschienenSeitenWorum es gehtGut für
1Legende vom Glück des Menschen2011211Eine Enkelin und der Nachlass der Großelternden Blick auf die Entwicklung
2Wohin wir gehen2019219Zwei Freundinnenpaare, zwei Generationeneinen kompakten Einstieg
3Selbstregulierung des Herzens2026295Ein Freundeskreis zwischen DDR und Einheitdas aktuelle Hauptwerk

Die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens

1. „Legende vom Glück des Menschen“ (2011): das Debüt

Peggy Mädler: Legende vom Glück des Menschen

Am Anfang steht ein Fundstück. Einige Jahre nach der Wende räumt die Ich-Erzählerin den Nachlass ihrer Großeltern auf und stößt auf einen Fotoband, den ihr Großvater einst zu einem Betriebsjubiläum bekommen hat. Er stammt aus dem Jahr 1968, trägt den Titel „Vom Glück des Menschen“ und wurde von Rita Maahs und Karl-Eduard von Schnitzler zusammengestellt, dem bekannten Gesicht des DDR-Fernsehens. Die Enkelin stört sich an dem Anspruch, der darin steckt: dass ein Staat seinen Bürgern erklären will, worin ihr Glück besteht.

Ihre Antwort ist Legende vom Glück des Menschen. Kapitel für Kapitel stellt Mädler den Abschnitten des Propagandabands eigene „Legenden“ gegenüber, etwa die „Legende vom Glück der Arbeit“. Darin rekonstruiert die Erzählerin anhand weiterer Dinge aus dem Nachlass, wie sich die Großeltern kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kennenlernten und sich nach Kriegsende beinahe fremd waren, wie die Eltern ihren Weg durch die DDR fanden und wie sie selbst und ihr älterer Bruder die Wende und die Jahre danach erlebten. So reichen die Episoden über rund sieben Jahrzehnte.

Die Form ist der Kern des Buchs. Den offiziellen Bildern vom glücklichen Leben setzt Mädler das Kleine und Zufällige entgegen: Begegnungen, Gesten, Umwege. Der Roman ist episodisch und springt zwischen Zeiten und Personen, bleibt dabei aber zugewandt und oft heiter. Wer verstehen möchte, worum es dieser Autorin grundsätzlich geht, findet es hier am deutlichsten formuliert.

Für wen? Für Leser, die Familiengeschichten mögen, die nicht linear erzählt sind, und für alle, die Mädlers Werk von Beginn an verfolgen wollen.

2. „Wohin wir gehen“ (2019): der zugänglichste Einstieg

Peggy Mädler: Wohin wir gehen

Acht Jahre nach dem Debüt erschien Wohin wir gehen, ein Roman über Freundschaft, der dafür 2019 mit dem Fontane-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Er beginnt im Böhmen der 1940er-Jahre bei zwei Mädchen, Almut und Rosa. Als Almut beide Eltern verliert, nimmt Rosas Mutter, eine deutsche Kommunistin, die nach dem Krieg die Tschechoslowakei verlassen muss, beide Mädchen mit nach Brandenburg. Die zwei wachsen gemeinsam in den neuen Staat hinein, werden Lehrerinnen und ziehen nach Berlin. Mit dreißig geht Rosa dann einen eigenen Weg: Kurz bevor die Mauer gebaut wird, fährt sie mit kaum mehr als ihrer Handtasche nach Westberlin. Für Almut ist das ein Bruch, der weit über die Freundschaft hinausreicht.

Ein halbes Jahrhundert später spiegelt sich diese Konstellation in der nächsten Generation. Almuts Tochter Elli hat in der Dramaturgin Kristine ebenfalls eine engste Vertraute. Als Elli eine Stelle an einem Theater in Basel antritt, ist es Kristine, die sich um die alt gewordene Almut kümmert. Der Roman wechselt zwischen diesen Ebenen und lässt die Lebensläufe der Familien ineinandergreifen.

Was das Buch als Einstieg empfiehlt: Es ist geschlossener erzählt als das Debüt, die Figuren sind schnell vertraut, und die Frage, die es stellt, kennt fast jeder – wer bleibt, wenn sich die Lebenswege trennen, und was eine lange Freundschaft eigentlich zusammenhält. Mit gut 200 Seiten ist es zudem ein Buch für wenige Abende.

Für wen? Für alle, die Mädler zum ersten Mal lesen und einen emotional direkten, gut überschaubaren Roman suchen. Auch Leser, die sich für Flucht und Neuanfang nach 1945 interessieren, kommen hier auf ihre Kosten.

3. „Selbstregulierung des Herzens“ (2026): der große Gesellschaftsroman

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens

Mit Selbstregulierung des Herzens hat Mädler ihr bislang umfangreichstes Buch vorgelegt, und es ist das, mit dem sie die größte Aufmerksamkeit gefunden hat: Der Roman kam auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026. Statt einer Familie oder eines Freundinnenpaars steht hier ein ganzes Ensemble im Mittelpunkt, und die Handlung reicht von den 1960er-Jahren in der DDR bis ins wiedervereinigte Deutschland.

Zentrale Figuren sind Georg und die Künstlerin Mona. Georg setzt anfangs große Hoffnungen in die frühen Computer und in die Kybernetik, die Lehre von Steuerung und Regelung, die er für ein Mittel hält, seinen Staat voranzubringen. Darauf spielt auch der Titel an, der den Begriff der Selbstregulierung aus der Technik auf das Gefühlsleben überträgt. Um Georg und Mona gruppieren sich weitere Figuren: der desillusionierte Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht, Marlies, die das System von innen verändern will, und Monas Freunde aus der Kunstszene. Treffpunkt ist ein Dorf in der Nähe von Wandlitz, wo eines Tages rätselhafte, geheim gehaltene Bauarbeiten beginnen.

Der Roman fragt, wie Nähe, Loyalität und Liebe unter staatlicher Kontrolle bestehen können und was aus dem Aufbruchsgeist einer Generation wird, wenn die Hoffnungen nicht aufgehen. Er ist mehrstimmig angelegt und verlangt etwas mehr Geduld als die beiden Vorgänger, weil sich das Figurengeflecht erst nach und nach erschließt. Kenntnisse der früheren Bücher brauchen Sie dafür nicht.

Für wen? Für Leser, die breit angelegte Gesellschaftsromane schätzen und sich für die geistige Geschichte der DDR interessieren – und für alle, die wissen wollen, worüber in diesem Bücherherbst gesprochen wird.

Welches Buch sollten Sie zuerst lesen?

Da es keine verbindliche Reihenfolge gibt, hängt die Antwort davon ab, was Sie suchen:

  • Sie wollen mitreden: Beginnen Sie mit „Selbstregulierung des Herzens“. Es ist das aktuelle und meistbeachtete Buch, und es zeigt die Autorin auf der Höhe ihrer Ambitionen. Gefällt es Ihnen, lohnt der Blick zurück auf die beiden kürzeren Romane, in denen viele seiner Fragen schon anklingen.
  • Sie möchten sanft einsteigen: Dann ist „Wohin wir gehen“ die beste Wahl. Der Roman ist kompakt, unmittelbar und erzählt eine Geschichte, die sofort trägt.
  • Sie möchten das Werk in seiner Entwicklung kennenlernen: Lesen Sie die Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens und beginnen Sie mit „Legende vom Glück des Menschen“. So sehen Sie, wie sich Mädler vom episodischen Erinnerungsbuch zum vielstimmigen Zeitroman bewegt.

Wer alle drei Romane liest, wird Motive wiedererkennen: das Verhältnis der Generationen zueinander, die Entscheidung zwischen Bleiben und Gehen, die Kluft zwischen dem, was ein Staat seinen Bürgern verspricht, und dem, was sie tatsächlich erleben. Gerade weil die Bücher nicht aufeinander aufbauen, ist es reizvoll, sie miteinander ins Gespräch zu bringen.

Was es von Peggy Mädler sonst noch gibt

Neben den Romanen hat Mädler an weiteren Büchern mitgewirkt, die nicht in diese Übersicht gehören, weil es keine Romane sind. 2024 erschien der Gesprächsband „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“, den sie gemeinsam mit Annett Gröschner und Wenke Seemann verfasst hat. Wer nach den Romanen wissen möchte, wie die Autorin selbst über Osten, Herkunft und Gesellschaft denkt, findet dort eine naheliegende Ergänzung. 2026 kam außerdem die Anthologie „Statt Blumen“ heraus, an der sie beteiligt ist.

Ein Hinweis für alle, die lieber zum Taschenbuch greifen: Kiepenheuer & Witsch hat Taschenbuchausgaben aller drei Romane für 2027 angekündigt. Die Links in diesem Artikel führen zu den Ausgaben von Galiani Berlin.

Fazit

Peggy Mädler macht es Ihnen leicht: Drei Romane, keine Reihe, keine Vorkenntnisse nötig. Wer ein schnelles, berührendes Leseerlebnis sucht, beginnt mit „Wohin wir gehen“. Wer das Buch lesen möchte, über das gerade alle sprechen, greift zu „Selbstregulierung des Herzens“. Und wer wissen will, wo alles anfing, startet mit dem Debüt, dessen Idee, die offizielle Erzählung vom Glück mit den Geschichten einer Familie zu beantworten, bis heute das Werk dieser Autorin prägt.

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