Wer verstehen will, wie sich der Osten Deutschlands seit der Wende verändert hat, kommt an Lukas Rietzschel kaum vorbei. Der Autor, 1994 im oberlausitzischen Räckelwitz geboren und heute in Görlitz zu Hause, erzählt von Orten, die sonst selten in Romanen vorkommen: von Einfamilienhaussiedlungen, geschlossenen Krankenhäusern, Kleinstädten am Rand der Republik. Drei Romane sind bisher erschienen, der jüngste stand 2026 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier finden Sie alle Bücher im Überblick, die Reihenfolge ihres Erscheinens und eine Empfehlung, womit Sie anfangen sollten.
Muss man Rietzschels Romane in einer bestimmten Reihenfolge lesen?
Nein. Die drei Bücher bilden keine Reihe, jedes ist ein abgeschlossener Roman mit eigenem Personal. Gemeinsame Figuren, die sich von einem Buch ins nächste ziehen, gibt es nach allem, was bekannt ist, nicht. Was die Romane verbindet, sind Landschaft und Fragen: Alle spielen in der Lausitz beziehungsweise in Ostsachsen, und alle kreisen um Herkunft, um das Erbe der DDR und um das Gefühl, irgendwo nicht mehr oder noch nicht dazuzugehören.
Trotzdem lohnt es sich, die Bücher in der Reihenfolge zu lesen, in der sie erschienen sind. So lässt sich verfolgen, wie Rietzschel seinen Blick weitet: vom engen Kreis zweier Brüder über die Verflechtung zweier Familien bis zum Porträt einer ganzen Stadt. Die Zeiträume wachsen dabei mit, und auch die Erzählweise wird von Buch zu Buch vielstimmiger.
Alle Romane von Lukas Rietzschel auf einen Blick
| Nr. | Titel | Erstausgabe | Ausgabe im Überblick | Seiten | Gut für |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Mit der Faust in die Welt schlagen | Ullstein 2018 | Ullstein-Taschenbuch 2019 | 319 | den Einstieg |
| 2 | Raumfahrer | dtv 2021 | dtv-Taschenbuch 2022 | 287 | Familiengeschichte und DDR-Vergangenheit |
| 3 | Sanditz | dtv 2026 | dtv 2026 | 475 | ein großes Gesellschaftspanorama |
Die Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens
1. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018): das Debüt

Mit diesem Roman wurde Rietzschel bekannt. Im Mittelpunkt stehen Philipp und Tobias, zwei Brüder, die in einem Dorf in der sächsischen Provinz groß werden. Die Eltern bauen ein Haus, was nach Neuanfang aussieht. Doch ringsum stehen noch die Industrieanlagen aus DDR-Zeiten, und unter der Oberfläche der Region gärt etwas, das die Familie nicht benennen kann.
Rietzschel begleitet die beiden über viele Jahre, von der Kindheit nach der Wende bis in die Zeit, in der in Dresden demonstriert wird und auch ihr Ort Geflüchtete aufnehmen soll. An diesem Punkt trennen sich die Wege der Brüder: Der eine zieht sich zurück, der andere lässt seiner Wut freien Lauf. Der Roman erklärt nichts von oben herab. Er zeigt vielmehr, wie aus Langeweile, Kränkung und fehlenden Perspektiven nach und nach Gewaltbereitschaft wird, und genau das macht ihn so beklemmend.
Rietzschel erzählt beobachtend und nah an den Figuren, die Atmosphäre ist düster. Mit gut 300 Seiten ist das Buch zugleich das kürzeste der drei.
Für wen? Für alle, die Rietzschel zum ersten Mal lesen, und für Leser, die sich für die Frage interessieren, woher die politische Radikalisierung in Teilen Ostdeutschlands kommt. Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie nur eines von ihm lesen möchten.
2. „Raumfahrer“ (2021): Familiengeschichte zwischen DDR und Gegenwart

Drei Jahre nach dem Debüt kehrte Rietzschel in die Oberlausitz zurück, diesmal mit einem stärkeren Blick in die Vergangenheit. Jan lebt in einer Einfamilienhaussiedlung am Stadtrand, in einer Gegend, in der Einrichtungen schließen und an die Stelle von Schule und Sportplatz ein Supermarkt getreten ist. Die Leerstellen der Gegenwart liegen hier direkt neben den Überresten der DDR.
In Bewegung kommt die Geschichte, als Jan mit der Frage konfrontiert wird, welche Verbindungen seine Mutter zu DDR-Zeiten hatte. Damit rückt eine zweite Familie ins Bild: die des Malers Georg Baselitz. Auch ein verschwundenes Bild spielt eine Rolle. Wie die beiden Familien zusammenhängen, entfaltet der Roman nach und nach, und wer ihn liest, sollte sich diese Entdeckung nicht vorwegnehmen lassen.
Der Titel ist Programm: Rietzschel erzählt von Menschen, die das Alte verloren und im Neuen nie richtig Halt gefunden haben, als würden sie schwerelos zwischen den Zeiten treiben. Im Vergleich zum Debüt ist „Raumfahrer“ ruhiger, melancholischer und aus mehreren Blickwinkeln erzählt.
Für wen? Für Leser, die nach dem Debüt tiefer in die Vorgeschichte der Region einsteigen wollen, und für alle, die Familienromane mögen, in denen Vergangenes langsam ans Licht kommt. Das Buch ist aber auch ohne Kenntnis des Erstlings gut verständlich.
3. „Sanditz“ (2026): das große Panorama

Mit seinem dritten Roman hat Rietzschel sein bislang umfangreichstes Buch vorgelegt: knapp 480 Seiten, auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026. Schauplatz ist Sanditz, eine Kleinstadt in der Lausitz, die es so nicht gibt, die aber für viele Orte im Osten stehen könnte.
Statt einer oder zweier Hauptfiguren gibt es hier eine ganze Stadtgesellschaft. Ehemalige Offiziere und frühere Bürgerrechtler kommen vor, ein Orgelbauer, eine Lokaljournalistin, selbsternannte Widerständler, Frührentner, Kinder und Liebespaare. Den roten Faden bildet die Familie Wenzel. Zeitlich spannt der Roman einen Bogen vom Ende der DDR bis in die jüngste Vergangenheit, von der Besetzung einer Stasi-Zentrale bis zur Arbeit auf Baustellen im Westen.
Gegenüber den früheren Büchern fällt der Ton auf: Rietzschel erzählt hier wärmer und mit mehr Zuneigung zu seinen Figuren. Es geht um Aufbruch und Niedergang, um Freundschaft und Familie in einer Zeit, in der sich fast alles verschiebt – und um die Spannung zwischen dem Wunsch, dazuzugehören, und dem Verlangen nach Freiheit. Der Roman ist in einzelnen Episoden und aus vielen Perspektiven erzählt, man kann ihn also gut in Etappen lesen.
Für wen? Für alle, die einen breit angelegten Gesellschaftsroman suchen und sich auf viele Stimmen einlassen mögen. Wer die beiden ersten Bücher kennt, wird viele Motive wiederfinden. Wer gezielt ein großes Bild der Nachwendejahre lesen will, kann aber auch direkt mit „Sanditz“ beginnen.
Was die drei Romane verbindet – und was sie unterscheidet
Wer alle drei Bücher hintereinander liest, merkt schnell, dass Rietzschel immer wieder an denselben Ort zurückkehrt, ihn aber jedes Mal anders vermisst.
- Die Region: Alle Romane spielen in der Lausitz beziehungsweise in Ostsachsen. Rietzschel schreibt über die Gegend, aus der er selbst stammt, und das merkt man den genauen Beobachtungen an.
- Die Zeit: Das Debüt konzentriert sich auf die Jahre nach der Wende bis in die Gegenwart. „Raumfahrer“ greift ausdrücklich in die DDR zurück. „Sanditz“ umfasst schließlich mehr als drei Jahrzehnte, vom Umbruch 1989/90 bis heute.
- Die Perspektive: Aus zwei Brüdern werden zwei Familien, aus zwei Familien wird eine ganze Stadt. Mit jedem Buch wächst die Zahl der Stimmen.
- Der Ton: Das Debüt ist hart und beklemmend, „Raumfahrer“ nachdenklich und melancholisch, „Sanditz“ deutlich zugewandter.
Gemeinsam ist allen drei Romanen, dass sie ihre Figuren nicht vorführen. Rietzschel interessiert sich für die Lebensläufe hinter den Schlagzeilen über den Osten und nimmt seine Figuren ernst, auch dort, wo sie Wege einschlagen, die man als Leser nicht billigen mag.
Rietzschel als Theaterautor
Neben den Romanen schreibt Rietzschel auch für die Bühne. Für das Schauspiel Leipzig entstand das Auftragswerk „Widerstand“, dessen Text in der Anthologie „Dramatische Rundschau“ bei S. Fischer abgedruckt ist. 2024 folgte „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau, 2025 „Der Girschkarten“, eine Komödie nach Tschechow, wiederum in Leipzig. Als eigenständige Bücher sind die Stücke nicht erschienen. Auch Erzählbände oder Sachbücher gibt es von ihm bisher nicht – die drei Romane sind derzeit sein gesamtes Buchwerk.
Fazit: Welches Buch von Lukas Rietzschel zuerst?
Fangen Sie mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ an. Der Roman ist der kürzeste, der bekannteste und zeigt am unmittelbarsten, worum es Rietzschel geht. Hat er Sie gepackt, führt „Raumfahrer“ weiter in die Vergangenheit und in die Frage, was die DDR in Familien hinterlassen hat. „Sanditz“ bildet dann den naheliegenden Abschluss, weil hier vieles aus den früheren Büchern in einem großen Bild zusammenläuft.
Zwingend ist diese Reihenfolge nicht. Wenn Sie lieber gleich ein umfangreiches Gesellschaftspanorama lesen möchten, greifen Sie direkt zu „Sanditz“ und holen die beiden kürzeren Romane später nach. Verpassen werden Sie dadurch nichts, denn jedes der drei Bücher steht für sich.
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