Daniel Kehlmann gehört zu den wenigen deutschsprachigen Gegenwartsautoren, die Kritik und Publikum gleichermaßen erreichen. Der 1975 in München geborene und in Wien aufgewachsene Schriftsteller schreibt Romane, die unterhalten und trotzdem ernsthafte Fragen stellen: Was ist wirklich, was nur Täuschung? Wie viel Freiheit bleibt dem Einzelnen, wenn die Geschichte über ihn hinwegrollt? Und wie weit trägt Kunst, wenn Macht im Spiel ist?
Wer zum ersten Mal zu Kehlmann greift, landet meist bei seinem Welterfolg. Das ist ein guter Anfang, aber nicht der einzige. Neben den großen historischen Romanen stehen schmale, böse Satiren, formal verspielte Gegenwartsbücher und sogar eine Schauergeschichte. Die folgende Auswahl stellt zehn Bücher vor und sagt, für wen sich welches eignet.
Die Standardwerke: wo Kehlmann am größten ist
Die Vermessung der Welt: der naheliegende erste Kehlmann

Mit Die Vermessung der Welt gelang Kehlmann 2005 ein Erfolg, wie ihn die deutsche Literatur nach dem Krieg nur selten erlebt hat. Der Roman verfolgt die Lebenswege zweier Wissenschaftler, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Alexander von Humboldt zieht los, um die Welt mit eigenen Augen zu erkunden, besteigt Berge, befährt Flüsse und misst alles, was sich messen lässt. Carl Friedrich Gauß dagegen findet seine Entdeckungen im Kopf und hält Reisen für eine ziemliche Zumutung. 1828 treffen die beiden in Berlin aufeinander.
Das Vergnügen liegt im Ton. Kehlmann erzählt fast durchgehend in indirekter Rede, was den Figuren eine leicht ironische Distanz verleiht, und er nimmt seine Genies ernst, ohne sie zu verklären. Beide wirken mal großartig, mal komisch, oft beides zugleich. Historisches Vorwissen brauchen Sie nicht. Die Taschenbuchausgabe von Rowohlt hat gut 300 Seiten, die sich erstaunlich zügig lesen.
Tyll: das große Epos vom Dreißigjährigen Krieg

Zwölf Jahre später wagte Kehlmann etwas deutlich Größeres. Tyll (2017) holt die Sagenfigur Till Eulenspiegel ins 17. Jahrhundert und macht aus ihm einen Gaukler, Seiltänzer und Unruhestifter. Tyll wächst als Sohn eines Müllers auf, der sich mit Magie und Naturforschung beschäftigt und dadurch die Kirche gegen sich aufbringt. Der Junge muss fliehen, die Bäckerstochter Nele geht mit ihm.
Ein klassischer Abenteuerroman wird daraus trotzdem nicht. Kehlmann erzählt in Episoden und aus wechselnden Blickwinkeln, springt in der Zeit und lässt einfache Leute ebenso zu Wort kommen wie Mächtige. Tyll taucht dabei immer wieder auf, mal im Zentrum, mal am Rand, und hält das Ganze zusammen. So entsteht das Bild eines Landes, das der Religionskrieg verwüstet. Das Buch ist düsterer als „Die Vermessung der Welt“, hat aber denselben Witz. Es war ein Spiegel-Bestseller und gilt vielen als Kehlmanns ambitioniertestes Werk.
Lichtspiel: Kunst im Schatten der Diktatur

Der bisher reifste der historischen Romane ist für viele Leser Lichtspiel von 2023. Er erzählt vom Regisseur G. W. Pabst, der im Stummfilmkino Weltruhm erlangt hatte und zu Beginn der NS-Herrschaft ins Ausland ging. In Hollywood aber findet er keinen Halt, obwohl er mit Greta Garbo gearbeitet hat. Über Umwege landet er mit seiner Familie wieder in Österreich, das inzwischen zum Deutschen Reich gehört. Bald interessiert sich der Propagandaminister für ihn.
Spannend ist das Buch, weil es keine einfache Antwort gibt. Pabst ist kein überzeugter Nationalsozialist, sondern ein Künstler, der vor allem Filme drehen will und sich einredet, er könne dabei unabhängig bleiben. Kehlmann zeigt, wie ein Mensch Schritt für Schritt in etwas hineingerät, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Der Ton ist ernster als in den früheren Büchern, die Fragen nach Verantwortung und Kompromiss bleiben lange im Kopf. Lesen Sie „Lichtspiel“, wenn Sie Kehlmann von seiner nachdenklichsten Seite kennenlernen möchten.
Der leichteste Einstieg: Ich und Kaminski

Wer erst einmal ausprobieren möchte, ob ihm Kehlmanns Humor liegt, sollte mit Ich und Kaminski (2003) beginnen. Der Roman ist mit gut 170 Seiten schnell gelesen und dabei sehr komisch. Im Mittelpunkt steht Sebastian Zöllner, ein Kunsthistoriker von beträchtlicher Selbstüberschätzung. Er will die Biografie des alten Malers Manuel Kaminski schreiben, der zurückgezogen in den Alpen lebt und angeblich erblindet ist. Zöllner hofft auf den großen Karriereschub, am besten noch bevor der Künstler stirbt.
Erzählt wird aus Zöllners Sicht, und genau darin liegt der Reiz: Sie durchschauen diesen Mann schneller, als er sich selbst durchschaut. Als er Kaminski schließlich auf eine Reise mitnimmt, verschieben sich die Kräfteverhältnisse auf eine Weise, die er nicht kommen sieht. Das Buch ist eine Satire auf den Kunstbetrieb und auf Eitelkeit überhaupt.
Kehlmann in der Gegenwart: Ruhm und F
Ruhm: neun Geschichten, ein Roman
Eine ganz andere Seite zeigt Ruhm (2009). Der Untertitel „Ein Roman in neun Geschichten“ beschreibt die Bauweise genau. Jede Episode steht zunächst für sich, doch nach und nach berühren sich die Figuren: ein Schriftsteller, der Menschen aus seinem Umfeld in Literatur verwandelt, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein Filmstar, der seiner Bekanntheit entkommen möchte, ein Blogger, der sich im Netz verliert. Handys, Internet und vertauschte Identitäten spielen eine große Rolle.
Das Buch hat knapp 240 Seiten und spielt gern mit der Frage, wo Erfindung aufhört und Wirklichkeit anfängt. Manchmal scheinen Figuren zu ahnen, dass sie selbst nur erfunden sind. Wenn Ihnen Erzählexperimente Freude machen, ist „Ruhm“ ein besonderer Tipp. Wer lieber eine durchgehende Handlung möchte, ist mit den historischen Romanen besser bedient.
F: drei Brüder und die Kunst der Fälschung

Anspruchsvoller ist F (2013), ein Familienroman, der im Sommer vor der Finanzkrise spielt. Er handelt von drei Brüdern, die jeder auf eigene Art ein falsches Leben führen. Martin ist katholischer Priester, glaubt aber nicht an Gott. Sein Halbbruder Eric ist Finanzberater, steckt tief in Schulden und wird von unheimlichen Erscheinungen heimgesucht. Dessen Zwillingsbruder Iwan bewegt sich als Kunstkenner in einer Welt, in der Echtes und Gefälschtes schwer zu unterscheiden sind.
Kehlmann erzählt abwechselnd aus den Perspektiven der Brüder, und vieles erschließt sich erst im Rückblick. Es geht um Lüge und Wahrheit, um Zufall und Schicksal und um die Frage, ob ein gut gespieltes Leben weniger wert ist als ein ehrliches. „F“ verlangt etwas mehr Aufmerksamkeit als die anderen Titel hier. Wer die schon gelesen hat, findet in diesem Roman eine dichte Zusammenfassung von Kehlmanns Lieblingsthemen.
Neu erschienen: Afrika

Mit Afrika ist 2026 der neue Roman bei Rowohlt erschienen. Er kehrt zur historischen Satire zurück und führt in den Winter 1884, als in Berlin auf Bismarcks Einladung die Kongokonferenz zusammenkommt. Die Großmächte verhandeln über die Aufteilung eines ganzen Kontinents und reden dabei viel von Zivilisation und dem Kampf gegen die Sklaverei.
Österreich wird dort nicht vom Botschafter vertreten, sondern von Legationsrat Strinetzky, und der hat ganz eigene Sorgen. Er hat Geld für einen Gutachter abgerechnet, den es nicht gibt, um eine Liebschaft zu finanzieren. Nun taucht in Berlin ein Mann auf, der genau so heißt. Dazu kommen Geldnot und eine Duellforderung durch einen preußischen Offizier. Ausgerechnet unter diesem Druck wird Strinetzky zu einem geschickten Unterhändler.
Mit rund 250 Seiten ist „Afrika“ deutlich kürzer als „Tyll“ oder „Lichtspiel“. Die Mischung aus Komik und bitterem Ernst erinnert an „Die Vermessung der Welt“, der Gegenstand ist aber ein dunkles Kapitel der Kolonialgeschichte. Der Roman eignet sich für alle, die Kehlmanns satirische Seite schätzen.
Die frühen Bücher: wo alles anfing
Beerholms Vorstellung: das Debüt mit neuem Nachwort
Kehlmann war 22 Jahre alt, als 1997 Beerholms Vorstellung erschien. Zu seinem 50. Geburtstag hat Zsolnay das Debüt 2025 neu aufgelegt, ergänzt um ein Nachwort des Autors. Erzählt wird von Arthur Beerholm, der schon als Internatsschüler in der Schweiz mit Karten und Zahlen umzugehen weiß. Er beginnt dennoch ein Theologiestudium, findet später zu einem Lehrmeister der Zauberkunst und steigt zum gefeierten Bühnenmagier auf. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs zieht er sich zurück, weil ihm bloße Illusion nicht mehr genügt.
Wer Kehlmanns spätere Bücher kennt, entdeckt hier vieles wieder: die Faszination für Täuschung, die Frage nach der Grenze zwischen Trick und Wunder, das Interesse an hochbegabten, einsamen Figuren. Das Nachwort macht diese Ausgabe auch für Leser interessant, die den Roman schon kennen.
Der fernste Ort: ein Fluchtversuch

Zu Unrecht weniger bekannt ist Der fernste Ort von 2001. Der Versicherungsmathematiker Julian soll auf einer Tagung in Italien einen Vortrag halten. Stattdessen geht er in einem See schwimmen und ertrinkt dabei fast. Danach fasst er einen Entschluss: Er lässt alle glauben, er sei tot, und will ein neues Leben anfangen. Ganz so leicht lässt sich die eigene Vergangenheit aber nicht abschütteln, und bald ist unklar, was Julian tatsächlich erlebt und was er sich nur einbildet.
Der Kurzroman hat knapp 150 Seiten und hält die Spannung bis zum Schluss. Er eignet sich gut für einen langen Abend und zeigt, dass Kehlmann schon früh eine Geschichte straff und rätselhaft zugleich erzählen konnte.
Zum Schluss etwas Unheimliches: Du hättest gehen sollen
Ein Roman ist Du hättest gehen sollen (2016) nicht, sondern eine Erzählung von nicht einmal hundert Seiten, und zwar Kehlmanns Ausflug ins Horrorgenre. Ein junges Paar mit kleiner Tochter mietet im Dezember ein Ferienhaus hoch in den Bergen. Der Mann ist Drehbuchautor und soll die Fortsetzung seiner erfolgreichsten Komödie liefern. In sein Notizbuch schreibt er bald aber anderes: Streit mit seiner Frau und Beobachtungen, die sich nicht erklären lassen. Mit dem Haus stimmt etwas nicht.
Das Unheimliche wächst langsam, und gerade weil die Spannungen in der Ehe so alltäglich wirken, verunsichert der Schrecken umso mehr. Die Erzählung lässt sich gut in einer einzigen Nacht lesen. Ob das bei diesem Stoff eine gute Idee ist, entscheiden Sie besser selbst.
Alle Bücher im Überblick
| Titel | Jahr der Erstausgabe | Art | Für wen? |
|---|---|---|---|
| Die Vermessung der Welt | 2005 | Roman | Der klassische Einstieg |
| Tyll | 2017 | Roman | Leser historischer Epen |
| Lichtspiel | 2023 | Roman | Wer Kunst und Moral ernst nimmt |
| Ich und Kaminski | 2003 | Roman | Kurzer, komischer Zugang |
| Ruhm | 2009 | Roman in neun Geschichten | Freunde verspielter Formen |
| F | 2013 | Roman | Fortgeschrittene Kehlmann-Leser |
| Afrika | 2026 | Roman | Wer historische Satire mag |
| Beerholms Vorstellung | 1997 | Roman | Wer die Anfänge kennenlernen will |
| Der fernste Ort | 2001 | Kurzroman | Spannung an einem Abend |
| Du hättest gehen sollen | 2016 | Erzählung | Leser von Gruselgeschichten |
Womit sollten Sie anfangen?
Für die meisten Leser ist „Die Vermessung der Welt“ nach wie vor der beste erste Kehlmann: zugänglich, witzig und klug. Wenn Sie zunächst nur reinschnuppern wollen, ist „Ich und Kaminski“ die kürzere Alternative mit ähnlich scharfem Humor. Wer danach mehr will, greift zu „Tyll“ und „Lichtspiel“, den gewichtigsten Romanen. Mit „Ruhm“ und „F“ lernen Sie den Gegenwartsautor kennen, mit „Beerholms Vorstellung“ und „Der fernste Ort“ den jungen Kehlmann. „Afrika“ zeigt, wo er heute steht, und „Du hättest gehen sollen“ ist die Ausnahme im Werk: für lange, dunkle Winterabende.
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