Wer gern liest, kennt das Gefühl: Kaum betritt man eine Buchhandlung, wird es ruhiger. Kein Wunder, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller diesen Ort immer wieder zum Schauplatz machen. Ein Buchladen bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden, er ist Rückzugsort und Bühne zugleich – und er ist ständig bedroht, von Mieten, Konzernen oder einer Kleinstadt, die mit Literatur wenig anfangen kann.
Die folgenden zehn Bücher zeigen, wie verschieden dieses Motiv ausfallen kann. Darunter sind zwei Klassiker, mehrere Romane, die zuletzt viele Leser gefunden haben, ein Krimi aus dem goldenen Zeitalter des Genres und zwei Bücher über echte Buchhandlungen. Sie reichen von bitter-ironisch bis ausgesprochen tröstlich. Am Ende finden Sie eine Übersicht und ein paar Hinweise, womit Sie am besten beginnen.
Die Klassiker unter den Buchhandlungsromanen
Penelope Fitzgerald: „Die Buchhandlung“

Kaum ein Roman hat das Thema so nüchtern und so klug behandelt wie Die Buchhandlung (Suhrkamp, 274 Seiten). Penelope Fitzgerald schickt ihre Heldin Florence Green Ende der 1950er-Jahre in das Küstenstädtchen Hardborough in Ostengland. Dort kauft die Witwe ein altes, klammes Haus, in dem es angeblich spukt, und richtet darin einen Buchladen ein – in einem Ort, der bis dahin nicht einmal eine Fish-and-Chips-Bude hatte. Von Geschäften versteht sie wenig, von Büchern umso mehr. Als sie Nabokovs damals neuen und umstrittenen Roman „Lolita“ ins Schaufenster stellt, gerät der Laden endgültig ins Visier der örtlichen Honoratioren.
Fitzgerald erzählt knapp, mit trockenem Humor und großem Gespür für die kleinen Bosheiten einer Dorfgemeinschaft. Wer hier eine Wohlfühlgeschichte erwartet, wird überrascht: Der Roman zeigt, wie Macht in einer Kleinstadt funktioniert und wie wenig Mut allein ausrichtet. Das Buch stand 1978 auf der Shortlist des Booker Prize und wurde 2017 von Isabel Coixet verfilmt. Mit seinen gut 270 Seiten ist es schnell gelesen, wirkt aber lange nach.
Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“

Ganz anders klingt Der Schatten des Windes (Fischer Taschenbuch, 562 Seiten). Daniel Sempere wächst im Barcelona der Nachkriegszeit über der Buchhandlung seines Vaters auf. Im Sommer 1945 nimmt ihn der Vater mit zum Friedhof der Vergessenen Bücher, einem verborgenen Archiv, in dem Daniel sich ein Buch aussuchen darf. Er wählt den Roman eines verschollenen Autors namens Julián Carax und will mehr über diesen Mann wissen. Bald merkt er, dass jemand systematisch alle Exemplare von Carax’ Büchern vernichtet.
Die Buchhandlung Sempere ist hier Heimat und Ausgangspunkt einer Spurensuche, die zum Schauerroman, zur Liebesgeschichte und zum Porträt einer Stadt im Schatten der Franco-Diktatur wird. Zafóns Roman wurde ein weltweiter Erfolg und eröffnet einen Zyklus aus vier Barcelona-Romanen. Die Geschichte ist jedoch in sich abgeschlossen; wer nur diesen Band liest, verpasst nichts Entscheidendes.
Helene Hanff: „84 Charing Cross Road“

Das kürzeste Buch dieser Liste ist zugleich eines der ungewöhnlichsten: 84 Charing Cross Road (Atlantik, 158 Seiten) ist kein Roman, sondern eine Sammlung echter Briefe. Ende der 1940er-Jahre schreibt die New Yorker Autorin Helene Hanff an ein kleines Londoner Antiquariat, weil sie in den Staaten bestimmte Bücher nicht bekommt. Aus der Bestellung wird ein Briefwechsel, der sich über rund zwanzig Jahre hinzieht, vor allem mit dem Buchhändler Frank Doel.
Den Laden betritt Hanff dabei nie; er entsteht nur im Kopf der Leser, aus Bestellungen, Rechnungen und Dankesbriefen für die Lebensmittelpakete, die Hanff ins rationierte Nachkriegsengland schickt. Gerade das macht den Reiz aus. Hanff ist schlagfertig und fordernd, die Briefe aus London höflich und zurückhaltend, und mit den Jahren entsteht eine Freundschaft, die einen ganz unsentimental berührt. Ideal für einen einzigen langen Leseabend.
Wohlfühlromane rund um den Buchladen
Gabrielle Zevin: „Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry“

Wer mit einem zugänglichen Gegenwartsroman einsteigen möchte, ist bei Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry (Eichborn, 255 Seiten) gut aufgehoben. A.J. Fikry betreibt die einzige Buchhandlung auf Alice Island und hat sich nach dem Tod seiner Frau in Groll und Einsamkeit eingerichtet. Der Laden schwächelt, und dann verschwindet auch noch seine wertvolle Poe-Erstausgabe. Ausgerechnet ein kleines Kind, das jemand in seiner Buchhandlung zurücklässt, zwingt ihn, sein Leben neu zu ordnen.
Zevin erzählt in kurzen Kapiteln, denen jeweils A.J.s Gedanken zu einer Erzählung vorangestellt sind – ein schöner Kniff für alle, die Bücher über Bücher mögen. Der Roman ist warmherzig, manchmal komisch, scheut aber auch Verlust und Trauer nicht.
Robin Sloan: „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“

Mehr Rätsel und weniger Sentiment bietet Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra (Heyne, 429 Seiten). Clay Jannon hat seinen Job als Webdesigner in der Wirtschaftskrise verloren und nimmt eine Nachtschicht in einer Buchhandlung in San Francisco an, die rund um die Uhr geöffnet hat. Kunden kommen kaum, und die wenigen, die erscheinen, leihen sich seltsame Bände aus hohen Regalen aus. Clay will verstehen, was dahintersteckt, und stößt mit zwei Freunden auf ein sehr altes Geheimnis.
Sloan bringt zwei Welten zusammen, die oft gegeneinander ausgespielt werden: alte Bücher und neue Technik. Datenanalyse und Typografiegeschichte gehen bei ihm Hand in Hand. Das Ergebnis ist eine verspielte Schnitzeljagd, die eher Abenteuer- als Literaturroman sein will – und genau das gut macht.
Satoshi Yagisawa: „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“

Mit Die Tage in der Buchhandlung Morisaki (Insel, 188 Seiten) wird es leise. Takako ist 25, als ihr Freund ihr beiläufig eröffnet, dass er eine andere heiraten wird. Sie kündigt ihren Job und zieht sich zurück. Ihr Onkel bietet ihr an, im Zimmer über seinem Antiquariat zu wohnen und im Laden auszuhelfen. Das Geschäft liegt in Jimbōchō, dem Tokioter Viertel, das für seine dicht an dicht liegenden Buchhandlungen bekannt ist. Takako hat zunächst wenig Lust darauf, entdeckt zwischen den Regalen aber das Lesen für sich.
Der Roman gehört zu jener japanischen „Healing Fiction“, die in den letzten Jahren auch hierzulande viele Leserinnen und Leser gefunden hat: kurze, episodische Bücher, in denen nicht viel geschieht und gerade deshalb Raum für Heilung bleibt. Yagisawa schreibt unprätentiös und mit Blick für kleine Gesten. Es ist der erste Band einer Reihe; jeder Teil lässt sich aber auch einzeln lesen.
Hwang Bo-reum: „Willkommen in meiner Buchhandlung“

Einen Schritt weiter geht Willkommen in meiner Buchhandlung (Europa Verlag, 366 Seiten) aus Südkorea. Yeong-ju hat alles getan, was von ihr erwartet wurde: Eliteuni, guter Job, passende Ehe. Dann folgten Burn-out und Scheidung. Nun eröffnet sie in einem Seouler Wohnviertel einen kleinen Buchladen und sitzt dort anfangs vor allem lesend herum. Nach und nach wird der Laden zum Treffpunkt: für einen jungen Barista, eine unglücklich verheiratete Stammkundin, einen Schriftsteller, der sich für Yeong-ju interessiert.
Wer Yagisawa mochte, wird sich hier schnell zu Hause fühlen, doch Hwang Bo-reum richtet den Blick stärker auf die Arbeitswelt. Der Roman stellt die Frage, was ein gutes Leben ist, wenn Leistung und Erfolg nicht mehr tragen. Spektakulär ist das nicht, aber ehrlich und genau beobachtet.
Carsten Sebastian Henn: „Der Buchspazierer“

Der einzige deutschsprachige Titel dieser Auswahl hat sich zu einem echten Publikumsliebling entwickelt. In Der Buchspazierer (Piper, 239 Seiten) liefert der ältere Buchhändler Carl Kollhoff ausgewählten Kunden nach Ladenschluss ihre Bestellungen persönlich nach Hause. Für viele von ihnen ist er die wichtigste Verbindung zur Außenwelt, und auch für ihn selbst sind diese Besuche weit mehr als eine Dienstleistung. Dann verliert er überraschend seine Stelle – und erst ein neunjähriges Mädchen, das sich ihm an die Fersen heftet, bringt wieder Bewegung in die Sache.
Hier ist die Buchhandlung weniger Kulisse als Startpunkt: Das eigentliche Geschehen spielt auf Carls abendlichen Wegen durch die Gassen und in den Wohnungen seiner Kunden. Henn erzählt behutsam, fast märchenhaft, über Einsamkeit und die Kraft von Büchern, Menschen miteinander zu verbinden. Der Roman ist inzwischen auch verfilmt worden.
Spannung zwischen den Regalen
Henrietta Hamilton: „Mord in der Charing Cross Road“

Die Charing Cross Road, Londons traditionelle Bücherstraße, kommt in dieser Liste ein zweites Mal vor, diesmal mit einer Leiche. Mord in der Charing Cross Road (Klett-Cotta, 223 Seiten) stammt ursprünglich aus den 1950er-Jahren und wurde für die deutsche Ausgabe wiederentdeckt. In einem traditionsreichen Antiquariat wird der unbeliebte Mr. Butcher tot an seinem Schreibtisch gefunden. Die Buchhändlerin Sally Merton und der Juniorchef Johnny Heldar ermitteln auf eigene Faust, zumal Scotland Yard bald einen Verwandten Johnnys verdächtigt. Und was haben die Bücherdiebstähle in den umliegenden Läden damit zu tun?
Das ist klassischer Rätselkrimi mit überschaubarem Personenkreis, falschen Fährten und viel Dialog, dazu eine zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden Ermittlern. Der Band eröffnet eine Reihe um Sally und Johnny und ist deshalb der richtige Einstieg.
Die Wirklichkeit hinter der Ladentheke
Shaun Bythell: „Tagebuch eines Buchhändlers“

Zum Schluss ein Gegengift gegen allzu viel Romantik. Tagebuch eines Buchhändlers (btb, 446 Seiten) stammt vom Inhaber von The Book Shop im schottischen Wigtown, das als größtes Antiquariat Schottlands gilt. Shaun Bythell hält ein Jahr lang Tag für Tag fest, was in seinem Laden passiert: wie viele Onlinebestellungen eingehen, wie viele Bücher er davon tatsächlich findet, was in der Kasse liegt – und welche Kunden ihn an diesem Tag zur Verzweiflung getrieben haben.
Bythell ist mürrisch, sarkastisch und oft sehr komisch, etwa wenn er über feilschende Kunden schreibt oder über den Druck durch Amazon. Zwischen den Pointen wird deutlich, wie mühsam es ist, mit gebrauchten Büchern über die Runden zu kommen. Wer einmal davon geträumt hat, einen eigenen Buchladen zu eröffnen, sollte dieses Buch vorher lesen. Weil es aus vielen kurzen Einträgen besteht, eignet es sich gut zum Lesen in Etappen.
Alle zehn Bücher im Überblick
| Titel | Autorin/Autor | Verlag | Seiten | Schauplatz | Passt, wenn Sie … |
|---|---|---|---|---|---|
| Die Buchhandlung | Penelope Fitzgerald | Suhrkamp | 274 | Ostengland | ironische, ungeschönte Literatur schätzen |
| Der Schatten des Windes | Carlos Ruiz Zafón | Fischer Taschenbuch | 562 | Barcelona | große, geheimnisvolle Romane lieben |
| 84 Charing Cross Road | Helene Hanff | Atlantik | 158 | New York und London | eine wahre, kurze Geschichte suchen |
| Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry | Gabrielle Zevin | Eichborn | 255 | Alice Island | einen warmherzigen Einstieg möchten |
| Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra | Robin Sloan | Heyne | 429 | San Francisco | Rätsel und Technik mögen |
| Die Tage in der Buchhandlung Morisaki | Satoshi Yagisawa | Insel | 188 | Tokio | ein leises, tröstliches Buch brauchen |
| Willkommen in meiner Buchhandlung | Hwang Bo-reum | Europa Verlag | 366 | Seoul | über Arbeit und gutes Leben nachdenken wollen |
| Der Buchspazierer | Carsten Sebastian Henn | Piper | 239 | eine nicht benannte Stadt | eine behutsame, fast märchenhafte Geschichte suchen |
| Mord in der Charing Cross Road | Henrietta Hamilton | Klett-Cotta | 223 | London | klassische Rätselkrimis mögen |
| Tagebuch eines Buchhändlers | Shaun Bythell | btb | 446 | Wigtown, Schottland | den echten Buchhandelsalltag kennenlernen wollen |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier verlinkten Ausgaben.
Womit anfangen?
Wenn Sie nur ein Buch lesen möchten, das dem Motiv literarisch am meisten abgewinnt, greifen Sie zu Fitzgeralds Die Buchhandlung – rechnen Sie aber nicht mit einem versöhnlichen Ende. Suchen Sie eher Trost, sind Die Tage in der Buchhandlung Morisaki und Willkommen in meiner Buchhandlung die richtige Wahl, wobei der japanische Roman kürzer und leichter ist. Für einen Abend eignet sich 84 Charing Cross Road, für lange Winterwochen Der Schatten des Windes. Und wer selbst schon einmal hinter einer Ladentheke stand oder davon träumt, wird bei Shaun Bythell am meisten lachen – und vielleicht am meisten wiedererkennen.
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