Es gibt Romane, nach denen man eine Weile nicht weiß, was man als Nächstes lesen soll. Der Schatten des Windes gehört dazu. Carlos Ruiz Zafón schickt den jungen Daniel Sempere im Barcelona des Jahres 1945 in den Friedhof der Vergessenen Bücher, wo er sich ein einziges Buch aussuchen darf. Er wählt einen Roman des verschollenen Autors Julián Carax – und gerät damit in eine Geschichte, die über Jahre sein eigenes Leben bestimmt. Zafón verbindet darin vieles: Detektivroman und Liebesgeschichte, Schauerstimmung und Stadtporträt, dazu das lastende Schweigen der Nachkriegsjahre unter Franco.
Gerade diese Mischung macht die Suche nach Anschlusslektüre schwierig. Manche Leser haben sich vor allem in die Idee verliebt, dass ein Buch ein Geheimnis birgt. Andere vermissen die nebligen Gassen Barcelonas, wieder andere den Blick auf eine Generation, die über Krieg und Verrat nicht sprechen will. Die folgenden zehn Romane greifen jeweils einen dieser Fäden auf. Die drei Fortsetzungen der Barcelona-Tetralogie – „Das Spiel des Engels“, „Der Gefangene des Himmels“ und „Das Labyrinth der Lichter“ – haben wir bewusst ausgespart; dass es mit ihnen weitergeht, wissen Zafón-Fans ohnehin.
Bücher über Bücher: die großen Vorbilder
Umberto Eco: „Der Name der Rose“

Wenn ein Roman die Bibliothek als Labyrinth, als Schatzkammer und als Gefahrenzone zugleich zeigt, dann steht er in der Schuld dieses Buches. Der Name der Rose (dtv, 780 Seiten) führt in ein abgelegenes Benediktinerkloster im Italien des Jahres 1327. Dort sterben Mönche auf rätselhafte Weise, einer nach dem anderen. Der Franziskaner William von Baskerville, ein früherer Inquisitor mit wachem Verstand, soll die Todesfälle aufklären. Begleitet von seinem jungen Novizen Adson folgt er einer Spur, die immer wieder in die verwinkelte Klosterbibliothek zurückführt, über die der blinde Jorge von Burgos wacht.
Mit Zafón teilt Eco die Überzeugung, dass Bücher gefährlich sein können – so gefährlich, dass Menschen sie verstecken, verbrennen oder für sie töten. Allerdings ist „Der Name der Rose“ deutlich gelehrter und fordernder: Theologische Streitgespräche und lateinische Zitate gehören dazu, und Eco lässt sich Zeit. Wer sich darauf einlässt, bekommt einen der einflussreichsten Romane des 20. Jahrhunderts und ein Mordrätsel, das seinen Reiz bis heute nicht verloren hat.
Arturo Pérez-Reverte: „Der Club Dumas“

Von allen Büchern dieser Liste ist Der Club Dumas (Insel, 464 Seiten) der nächste Verwandte. Wie Zafón stammt Arturo Pérez-Reverte aus Spanien, und wie Daniel Sempere wird sein Held von einem seltenen Buch in Gefahr gebracht. Lucas Corso verdient sein Geld als Bücherjäger: Er spürt Raritäten für Sammler auf und lässt sich dabei von nichts beeindrucken. Dann erhält er zwei Aufträge zugleich. Er soll ein angeblich handschriftliches Kapitel von Alexandre Dumas auf seine Echtheit prüfen und die letzten erhaltenen Exemplare eines Buches aufspüren, das der Legende nach vom Teufel persönlich stammt. Bald häufen sich seltsame Unfälle, und ein Mann mit einer Narbe im Gesicht scheint Corso auf Schritt und Tritt zu folgen.
Der Roman ist schneller und ironischer als „Der Schatten des Windes“, er spielt mit den Mustern des Abenteuerromans und mit der Frage, wie sehr Lesen das Wirklichkeitsempfinden verschieben kann. Für Bibliophile ist er ein Fest: Es geht um Druckvarianten, Wasserzeichen und Sammlerleidenschaft, die in Besessenheit kippt. Roman Polanski hat den Stoff 1999 unter dem Titel „Die neun Pforten“ verfilmt, konzentriert sich dabei aber auf den Teufelsbuch-Strang.
Familiengeheimnisse und Gänsehaut
Diane Setterfield: „Die dreizehnte Geschichte“

Wer an Zafón vor allem die Schauerromantik mochte – verfallene Häuser, verdrängte Schuld, eine Vergangenheit, die nicht ruht –, findet in Die dreizehnte Geschichte (Heyne, 525 Seiten) einen leichten Einstieg. Vida Winter ist die meistgelesene Schriftstellerin Englands, über ihr eigenes Leben hat sie aber stets nur erfundene Versionen erzählt. Als sie spürt, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, will sie endlich die Wahrheit sagen: über ihre Zwillingsschwester und über die Nacht, in der das Herrenhaus der Familie Angelfield niederbrannte. Zuhören soll ausgerechnet Margaret Lea, die im Antiquariat ihres Vaters lebt und mehr mit Büchern als mit Menschen anzufangen weiß.
Die Parallelen liegen auf der Hand: eine junge Hauptfigur, die von Büchern geprägt ist, und eine Lebensgeschichte, die Schicht um Schicht freigelegt wird. Setterfield verneigt sich in ihrem Debütroman deutlich vor den englischen Klassikern des 19. Jahrhunderts, und auch bei Zafón ist das Erbe des Schauerromans unübersehbar. Ideal für lange Herbstabende.
Elizabeth Kostova: „Der Historiker“

Auch Der Historiker (Berliner Taschenbuch Verlag, 825 Seiten) beginnt mit einem Fund zwischen Büchern: Eine junge Frau entdeckt in der Bibliothek ihres Vaters ein Bündel alter Briefe. Sie führen zu Vlad dem Pfähler, dem historischen Vorbild der Dracula-Legende, und zu der Frage, was mit ihrer Mutter geschehen ist. Was folgt, ist eine Recherche, die sich über mehrere Generationen erstreckt und durch Klöster, Archive und Bibliotheken in halb Europa führt.
Kostova erzählt in mehreren Zeitebenen und über weite Strecken in Briefen und Erinnerungen – ein Verfahren, das Zafón-Lesern vertraut vorkommen dürfte, schließlich setzt sich auch die Geschichte von Julián Carax aus Berichten verschiedener Zeugen zusammen. Der Roman ist umfangreich und eher ruhig erzählt, die Spannung entsteht aus der Akribie der Suche und einer langsam wachsenden Bedrohung. Wer sich gern in Archiven verliert und eine Prise Grusel verträgt, ist hier richtig.
Noch einmal Zafón: „Marina“

Wer einfach mehr von Zafón lesen möchte, ohne gleich die Tetralogie fortzusetzen, greift zu Marina (Fischer Taschenbuch, 343 Seiten). Zafón hat diesen eigenständigen Roman noch vor seinem Welterfolg geschrieben, und schon hier ist Barcelona eine Stadt voller verborgener Winkel. Der junge Óscar Drai begegnet der rätselhaften Marina, die mit ihrem Vater in einer alten Villa lebt, als wäre die Zeit dort stehen geblieben. Gemeinsam folgen die beiden einer geheimnisvollen Frau in Schwarz – und geraten in eine Geschichte, die immer düsterer wird.
„Marina“ ist kürzer und unheimlicher als „Der Schatten des Windes“ und streckenweise beinahe ein Schauermärchen. Die melancholische Grundstimmung, die erste Liebe und das Gefühl, dass hinter jeder Tür eine alte Tragödie wartet, sind aber unverkennbar Zafón. Ein guter Weg, den Ton noch einmal zu hören, bevor man sich für die nächsten großen Bände entscheidet.
Barcelona als heimliche Hauptfigur
Ildefonso Falcones: „Die Kathedrale des Meeres“

Viele Leser kommen über Zafón zu Barcelona – und wollen danach mehr über die Stadt lesen. Die Kathedrale des Meeres (Penguin, 671 Seiten) springt dafür sechs Jahrhunderte zurück. Im 14. Jahrhundert leidet die Landbevölkerung Kataloniens unter ihren Feudalherren, während die Stadt Freiheit und Wohlstand verspricht. Arnau beginnt dort ganz unten, als Lastenträger, und arbeitet sich über Jahrzehnte zu einem angesehenen Bürger hoch. Sein Leben ist eng verbunden mit dem Bau von Santa Maria del Mar, der Kirche im Viertel La Ribera, an der die einfachen Leute selbst mitbauen.
Mit Zafóns Ton hat Falcones wenig gemein, er schreibt einen klassischen, breit angelegten historischen Roman mit Intrigen, Inquisition und Aufstiegsgeschichte. Wer aber nach einem Spaziergang durch das Gotische Viertel wissen möchte, wie diese Stadt einmal entstanden ist, bekommt hier ein farbiges Panorama. Netflix hat den Roman als Serie verfilmt.
Mercè Rodoreda: „Auf der Plaça del Diamant“

Das Barcelona, das bei Zafón im Hintergrund lauert – die Stadt vor, während und nach dem Bürgerkrieg –, steht im Zentrum von Auf der Plaça del Diamant (Suhrkamp, 325 Seiten). Erzählt wird es von Colometa selbst, einer jungen Frau aus dem Viertel Gràcia, die auf einem Tanzfest ihren späteren Mann kennenlernt. Sie heiratet, bekommt Kinder, fügt sich in ein Leben, das andere für sie vorgesehen haben. Dann kommt der Krieg, ihr Mann fällt, und Colometa muss allein zusehen, wie sie sich und ihre Kinder durchbringt.
Der Roman gilt als Klassiker der katalanischen Literatur und ist in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Er ist leise, ganz aus Colometas Innensicht geschrieben, ohne Geheimnis und ohne Schauerkulisse. Gerade deshalb ist er die ideale Ergänzung: Wo Zafón die Nachkriegszeit als Kulisse eines Abenteuers nutzt, zeigt Rodoreda, was Hunger, Angst und Verlust im Alltag einer Frau bedeuten. Rodoreda selbst verbrachte die Franco-Jahre lange im Exil.
Was der Krieg verschüttet hat
Javier Cercas: „Soldaten von Salamis“

Daniel Sempere setzt aus Bruchstücken das Leben eines Mannes zusammen, den alle vergessen wollen. Genau das tut auch der Erzähler von Soldaten von Salamis (Fischer Taschenbuch, 222 Seiten), ein Journalist, der den Namen des Autors trägt. Er stößt auf eine kaum bekannte Episode aus den letzten Tagen des Bürgerkriegs: Rafael Sánchez Mazas, einer der Vordenker der Falange, entkommt einer Massenerschießung und wird kurz darauf von einem republikanischen Soldaten entdeckt. Der Soldat sieht ihm in die Augen – und lässt ihn laufen. Wer war dieser Mann, und warum hat er so gehandelt?
Cercas verwischt bewusst die Grenze zwischen Roman und Reportage. Statt Schauerromantik gibt es Recherchen, Zeitzeugengespräche und Selbstzweifel des Erzählers, doch die Spannung der Spurensuche ist dieselbe wie bei Zafón. Der schmale Band wurde verfilmt und gilt in Spanien inzwischen als moderner Klassiker. Für alle, die nach dem „Schatten des Windes“ wissen wollen, wie Spanien bis heute mit den Erinnerungen an diesen Krieg ringt.
Die rettende Kraft der Geschichten
Markus Zusak: „Die Bücherdiebin“

Ein Kind, eine Diktatur und Bücher als Zuflucht: Die Bücherdiebin (cbj, 587 Seiten) verlegt dieses Motiv nach Deutschland. Die kleine Liesel Meminger kommt Ende der Dreißigerjahre zu den Pflegeeltern Hans und Rosa Hubermann nach Molching bei München. Ihr erstes Buch findet sie im Schnee, ein weiteres zieht sie aus einem Feuer, und mit jedem gestohlenen Band wächst ihre Welt ein Stück. Erzählt wird all das vom Tod persönlich, einem erstaunlich mitfühlenden Beobachter.
Was an Zafón die Erinnerung an das Staunen beim Lesen ist, ist bei Zusak die Erfahrung, dass Worte Halt geben können, wenn ringsum alles zerbricht. Der Roman ist traurig, oft aber auch komisch und vor allem zutiefst menschlich. Obwohl er im Jugendbuchverlag erscheint, lesen ihn längst auch viele Erwachsene. Die Verfilmung kam 2014 in die deutschen Kinos.
Walter Moers: „Die Stadt der träumenden Bücher“

Zum Schluss ein Ausflug ins Fantastische. Die Stadt der träumenden Bücher (Penguin, 475 Seiten) ist so etwas wie der Friedhof der Vergessenen Bücher, gedacht als ganze Stadt. Der junge Lindwurm und Dichter Hildegunst von Mythenmetz erbt von seinem Paten ein vollkommenes Manuskript eines unbekannten Verfassers. Um herauszufinden, wer es geschrieben hat, reist er nach Buchhaim, wo sich Antiquariat an Antiquariat reiht und unter den Straßen ein endloses Labyrinth voller vergessener Bücher liegt – bevölkert von Bücherjägern, Buchlingen und einem geheimnisvollen Schattenkönig.
Moers spielt mit allem, was Leser an Büchern lieben, vom Geruch alten Papiers bis zur Sammlerwut, und hat den Roman selbst illustriert. Er gehört zu seinem Zamonien-Kosmos, lässt sich aber ohne Vorkenntnisse lesen; eine Fortsetzung gibt es mit „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“. Weniger düster als Zafón, dafür voller Witz und Einfallsreichtum – ein Buch, das man am liebsten laut vorlesen möchte.
Alle zehn Bücher im Überblick
| Titel | Autorin/Autor | Verlag | Seiten | Passt, wenn Sie … |
|---|---|---|---|---|
| Der Name der Rose | Umberto Eco | dtv | 780 | gelehrte Mordrätsel in alten Bibliotheken mögen |
| Der Club Dumas | Arturo Pérez-Reverte | Insel | 464 | die Jagd nach einem seltenen Buch lieben |
| Die dreizehnte Geschichte | Diane Setterfield | Heyne | 525 | Schauerromantik und Familiengeheimnisse suchen |
| Der Historiker | Elizabeth Kostova | Berliner Taschenbuch Verlag | 825 | sich gern durch Archive und Briefe lesen |
| Marina | Carlos Ruiz Zafón | Fischer Taschenbuch | 343 | Zafóns Ton ohne die Tetralogie möchten |
| Die Kathedrale des Meeres | Ildefonso Falcones | Penguin | 671 | mehr über Barcelonas Geschichte erfahren wollen |
| Auf der Plaça del Diamant | Mercè Rodoreda | Suhrkamp | 325 | das Barcelona des Bürgerkriegs von innen sehen wollen |
| Soldaten von Salamis | Javier Cercas | Fischer Taschenbuch | 222 | Spurensuche mit dokumentarischem Anspruch schätzen |
| Die Bücherdiebin | Markus Zusak | cbj | 587 | an die Kraft des Lesens in dunklen Zeiten glauben |
| Die Stadt der träumenden Bücher | Walter Moers | Penguin | 475 | es fantastisch und humorvoll mögen |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier verlinkten Ausgaben.
Womit anfangen?
Wenn Sie vor allem das Geheimnis um ein verschollenes Buch gefesselt hat, beginnen Sie mit Der Club Dumas; er kommt dem Kern des „Schattens des Windes“ am nächsten. Mögen Sie es atmosphärisch und leicht gruselig, ist Die dreizehnte Geschichte der zugänglichste Einstieg, Marina der kürzeste Weg zurück zu Zafón selbst. Wer dagegen Barcelona und die Zeit des Bürgerkriegs nicht loslässt, sollte Auf der Plaça del Diamant und Soldaten von Salamis nacheinander lesen: zwei schmale Bücher, die das Bild der Stadt und ihrer verschwiegenen Geschichte um genau die Perspektiven ergänzen, die bei Zafón im Schatten bleiben.
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