Die besten Bücher wie „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski

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Kaum ein Roman der letzten Jahrzehnte hat so viele Leser gleichzeitig verstört und begeistert wie „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski, auf Deutsch als „Das Haus“ erschienen. Im Kern steht ein Haus, das innen größer ist als außen. Erzählt wird davon allerdings nicht direkt: Der Tätowierer-Gehilfe Johnny Truant findet das Manuskript des verstorbenen Zampanò, eine akribische Abhandlung über einen Dokumentarfilm, den es womöglich nie gegeben hat. Truant kommentiert, schweift ab, verliert den Halt – und der Leser muss sich durch Fußnoten, Anhänge, gespiegelte und auf dem Kopf stehende Textblöcke kämpfen.

Wer danach etwas Ähnliches sucht, merkt schnell: Ein zweites Buch dieser Art gibt es nicht. Wohl aber Romane, die einzelne Elemente aufgreifen – die Lust am Kommentar, das unheimliche Gebäude, den Film als Obsession, das Lesen als Labyrinth. Die folgenden zehn Empfehlungen sind danach sortiert, welcher Aspekt von „House of Leaves“ Sie am meisten gepackt hat.

Bücher im Buch: Randnotizen und Kommentare

J. J. Abrams und Doug Dorst: „Das Schiff des Theseus“

J. J. Abrams, Doug Dorst, Das Schiff des Theseus

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Wenn es einen nahen Verwandten gibt, dann diesen. Das Schiff des Theseus (Kiepenheuer & Witsch, 522 Seiten), im Original schlicht „S.“, ist eigentlich zwei Bücher auf einmal. Das eine ist ein Roman des geheimnisvollen Autors V. M. Straka, versehen mit Fußnoten eines Übersetzers, der seine Identität ebenfalls verbirgt. Das andere entsteht an den Rändern: Die Studentin Jen findet das Exemplar in einer Bibliothek, voller Notizen des Literaturstudenten Eric, der Straka auf der Spur ist. Sie schreibt zurück, und zwischen den beiden entwickelt sich ein Briefwechsel, der nur auf diesen Seiten existiert.

Bald stellen die zwei fest, dass sich in den Anmerkungen des Übersetzers ein Code verbirgt – und dass jemand kein Interesse daran hat, dass Strakas Identität ans Licht kommt. Wie bei Danielewski liest man mehrere Geschichten parallel, springt zwischen Haupttext und Marginalien und fragt sich, welcher Ebene man trauen kann. Das Buch ist als Objekt gedacht, mit eingelegten Fundstücken wie Briefen und Postkarten; greifen Sie deshalb unbedingt zur gedruckten Ausgabe.

Vladimir Nabokov: „Fahles Feuer“

Vladimir Nabokov, Fahles Feuer

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Ohne Fahles Feuer (Rowohlt Taschenbuch, 541 Seiten) wäre Johnny Truant kaum denkbar. Nabokovs Roman von 1962 tarnt sich als wissenschaftliche Edition: Am Anfang steht ein Gedicht von 999 Zeilen, geschrieben vom Lyriker John Shade, der erschossen wurde, bevor er die letzte Zeile vollenden konnte. Herausgegeben hat es sein Nachbar Charles Kinbote – und dessen Kommentar hat mit dem Gedicht, in dem Shade um seine tote Tochter trauert, immer weniger zu tun.

Stattdessen erzählt Kinbote Zeile um Zeile seine eigene Geschichte: Er sei der vertriebene König eines fernen Landes namens Zembla, und eigentlich habe die Kugel ihm gegolten. Ob das stimmt, bleibt offen. Wie in „House of Leaves“ wird der Anmerkungsapparat zum eigentlichen Schauplatz, und ein Kommentator, der den Boden unter den Füßen verliert, erzählt mehr über sich selbst als über seinen Gegenstand. Nabokovs Ton ist dabei viel ironischer und eleganter; Gänsehaut erzeugt er eher durch die Frage, wie tief Kinbotes Wahn reicht.

Wenn der Text zur Bedrohung wird

Steven Hall: „Gedankenhaie“

Steven Hall, Gedankenhaie

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Wer einen leichteren Einstieg in dieses Feld sucht, ist mit Gedankenhaie (Piper, 430 Seiten) gut beraten. Eric Sanderson erwacht ohne Erinnerung und findet Briefe, die er selbst geschrieben haben muss, unterzeichnet vom „Ersten Eric Sanderson“. Sie geben ihm Anweisungen, wem er sich anvertrauen soll und wovor er sich hüten muss. Denn etwas jagt ihn – ein Wesen, das sich nicht im Wasser bewegt, sondern in Gedanken und Erinnerungen.

Steven Hall erzählt das als rasanten Thriller, nutzt aber wie Danielewski die Seite selbst als Bühne: An einigen Stellen setzt sich die Bedrohung buchstäblich aus Wörtern und Zeichen zusammen und nähert sich über mehrere Seiten hinweg. Das Ergebnis ist weniger verschachtelt als „House of Leaves“, teilt aber dessen Grundgefühl, dass Sprache nicht nur beschreibt, sondern gefährlich werden kann. Offen bleibt bis zuletzt, wie viel davon nur in Erics Kopf geschieht.

Marisha Pessl: „Die amerikanische Nacht“

Marisha Pessl, Die amerikanische Nacht

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Ein Werk, um das sich Legenden ranken, ein Filmemacher, über den kaum etwas bekannt ist, und eine Recherche, die ihren Urheber auffrisst: In Die amerikanische Nacht (Fischer Taschenbuch, 798 Seiten) findet sich vieles, was an Zampanòs Besessenheit vom „Navidson Record“ erinnert. In einer leer stehenden Lagerhalle in Manhattan wird die Leiche der jungen Ashley Cordova gefunden. Ihr Vater Stanislas Cordova dreht Horrorfilme, die nur im Untergrund kursieren und deren Fans sich wie eine Geheimgesellschaft verhalten. Ein Journalist, der schon einmal an Cordova gescheitert ist, beginnt zu ermitteln.

Pessl streut in den Text nachgestellte Webseiten, Fotos, Zeitungsartikel und Dokumente ein, sodass man beim Lesen selbst zum Rechercheur wird. Der Roman ist deutlich mehr Spannungsroman als Formexperiment, und mit knapp 800 Seiten verlangt er Ausdauer. Wer an „House of Leaves“ das Unbehagen liebte, dass ein Film die Wirklichkeit seiner Zuschauer verändern könnte, kommt hier auf seine Kosten.

Häuser und Zonen, die sich nicht vermessen lassen

Susanna Clarke: „Piranesi“

Susanna Clarke, Piranesi

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Die Hallen, durch die Will Navidson und seine Begleiter irren, sind dunkel, kalt und leer. Das Gebäude in Piranesi (Heyne, 269 Seiten) ist dagegen voller Statuen, und in seinen unteren Etagen tobt ein Meer, dessen Gezeiten bis in die Treppenhäuser steigen. Der Erzähler, der sich Piranesi nennt, kennt nichts anderes als dieses Haus. Er erkundet es systematisch, führt penibel Tagebuch und trifft regelmäßig den einzigen anderen lebenden Menschen, den er kennt.

Nach und nach beginnen die eigenen Aufzeichnungen ihm zu widersprechen, und der Leser ahnt früher als Piranesi, dass mit seiner Erinnerung etwas nicht stimmt. Susanna Clarke erzählt das leise und fast zärtlich, ohne Schockeffekte. Mit „House of Leaves“ teilt der schmale Roman die Idee eines Raums, der jede Logik übersteigt, und eines Erzählers, dessen Wahrnehmung man nicht trauen kann. Er ist das sanfteste Buch dieser Liste und zugleich eines der schönsten.

Jeff VanderMeer: „Auslöschung“

Jeff VanderMeer, Auslöschung

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Die Expeditionen ins Innere des Navidson-Hauses haben eine Entsprechung in Auslöschung (Knaur, 233 Seiten). Seit einem rätselhaften Ereignis vor dreißig Jahren ist ein Küstenstreifen in den USA abgeriegelt. Elf Expeditionen sind in die sogenannte Area X aufgebrochen, ihre Teilnehmer kamen nicht oder verändert zurück. Nun bricht die zwölfte auf, und eine Biologin hält in ihrem Bericht fest, was sie dort erlebt.

VanderMeer gilt als einer der wichtigsten Autoren der Weird Fiction, und dieser Roman zeigt, warum: Das Unheimliche entsteht nicht durch Monster, sondern dadurch, dass sich die Zone jeder Messung und Beschreibung verweigert. Der Bericht der Biologin ist dabei so unzuverlässig wie die Aufzeichnungen bei Danielewski. „Auslöschung“ ist der erste Band der Southern-Reach-Trilogie, lässt sich aber auch für sich lesen. Alex Garland hat ihn 2018 verfilmt.

Shirley Jackson: „Spuk in Hill House“

Shirley Jackson, Spuk in Hill House

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Wenn Sie an „House of Leaves“ vor allem der Horror gefesselt hat, führt kein Weg an Spuk in Hill House (Festa, 320 Seiten) vorbei. Shirley Jacksons Roman von 1959 gilt als Grundtext des psychologischen Spukhausromans. Ein Forscher lädt eine kleine Gruppe in eine abgelegene Villa ein, um die angeblichen übernatürlichen Vorgänge dort zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht die zurückhaltende Eleanor, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl hat, irgendwo dazuzugehören – ausgerechnet in einem Haus, das es auf sie abgesehen zu haben scheint.

Formal ist Jackson ganz konventionell, doch die Wirkung ist verwandt: Das Grauen liegt weniger in dem, was man sieht, als in der Frage, ob das Haus oder der eigene Kopf die Bewohner zerstört. Ihr Stil ist präzise und unheimlich ruhig; Autoren wie Stephen King berufen sich bis heute auf sie. Die Netflix-Serie „Spuk in Hill House“ von 2018 nimmt sich übrigens große Freiheiten gegenüber der Vorlage.

Die Klassiker des nichtlinearen Lesens

Julio Cortázar: „Rayuela. Himmel und Hölle“

Julio Cortázar, Rayuela

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Lange vor Danielewski hat Julio Cortázar Leser dazu gebracht, nicht von vorn nach hinten zu lesen. Rayuela. Himmel und Hölle (Suhrkamp, 645 Seiten) erschien 1963 und lässt sich auf mindestens zwei Arten lesen: einmal der Reihe nach bis Kapitel 56, einmal nach einer vom Autor vorgegebenen Sprungfolge, die die übrigen Kapitel einbezieht – wie beim Kinderspiel, das dem Buch den Titel gibt. Erzählt wird von Horacio Oliveira, einem Argentinier in Paris, seiner Geliebten La Maga und einem Kreis von Künstlern und Intellektuellen, die über Jazz, Philosophie und Liebe streiten. Später kehrt Oliveira nach Buenos Aires zurück und verliert sich zunehmend in Wunschbildern.

Unheimlich ist das nicht, eher melancholisch, verspielt und gelegentlich anstrengend. Doch wer an „House of Leaves“ das Gefühl mochte, das eigene Lesen werde Teil der Geschichte, findet hier eines der großen Vorbilder.

Italo Calvino: „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“

Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht

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In Wenn ein Reisender in einer Winternacht (Fischer Taschenbuch, 412 Seiten) sind Sie selbst die Hauptfigur. Calvino spricht den Leser direkt an: Sie haben gerade den neuen Calvino gekauft, schlagen ihn auf – und stellen fest, dass das Exemplar fehlerhaft gebunden ist. Bei der Suche nach dem richtigen Text geraten Sie von einem Romananfang zum nächsten, und keiner davon wird zu Ende erzählt. Unterwegs begegnen Sie einer Leserin, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht.

Mit Danielewski verbindet Calvino die Frage, was ein Buch eigentlich ist und wer es zusammensetzt: Autor, Übersetzer, Verlag oder Leser? Der Ton ist allerdings heiter und spielerisch, jede Unterbrechung bringt eine neue Stilprobe. Ein ideales Buch, wenn Sie die Lust an der Metafiktion behalten, aber auf Albträume verzichten möchten.

Milorad Pavić: „Das chasarische Wörterbuch“

Milorad Pavić, Das chasarische Wörterbuch

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Zum Schluss ein Buch, das zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Das chasarische Wörterbuch (dtv, 366 Seiten) ist als Lexikon aufgebaut, dessen Einträge aufeinander verweisen; eine verbindliche Reihenfolge gibt es nicht. Im Zentrum steht ein historisches Rätsel: Der Herrscher der Chasaren lässt einen Traum deuten, und ein christlicher, ein islamischer und ein jüdischer Gelehrter wetteifern um die richtige Auslegung – und damit darum, welchen Glauben das Volk annimmt. Drei Teile versammeln die Überlieferungen der drei Religionen, die sich widersprechen und ergänzen, vom Mittelalter über das 17. Jahrhundert bis in die 1980er-Jahre.

Den Leser zum Archäologen zu machen, der aus Fragmenten und Querverweisen selbst eine Geschichte zusammensetzt, ist genau das Verfahren, das auch „House of Leaves“ prägt. Eine Besonderheit hat Pavić noch eingebaut: Das Buch erschien in einer weiblichen und einer männlichen Fassung, die sich in einer einzigen Passage unterscheiden.

Alle zehn Bücher im Überblick

TitelAutorin/AutorVerlagSeitenPasst, wenn Sie …
Das Schiff des TheseusJ. J. Abrams, Doug DorstKiepenheuer & Witsch522Randnotizen, Fußnoten und Codes lieben
Fahles FeuerVladimir NabokovRowohlt Taschenbuch541einen wahnhaften Kommentator erleben wollen
GedankenhaieSteven HallPiper430Formexperimente mit Thrillertempo suchen
Die amerikanische NachtMarisha PesslFischer Taschenbuch798einer Film-Obsession nachspüren möchten
PiranesiSusanna ClarkeHeyne269das endlose Haus in poetischer Tonlage mögen
AuslöschungJeff VanderMeerKnaur233Expeditionen ins Unerklärliche fesseln
Spuk in Hill HouseShirley JacksonFesta320vor allem den psychologischen Horror schätzen
Rayuela. Himmel und HölleJulio CortázarSuhrkamp645durch ein Buch springen statt blättern wollen
Wenn ein Reisender in einer WinternachtItalo CalvinoFischer Taschenbuch412Metafiktion mit Witz suchen
Das chasarische WörterbuchMilorad Pavićdtv366sich gern durch Querverweise lesen

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier verlinkten Ausgaben.

Womit anfangen?

Wenn Ihnen an „House of Leaves“ vor allem das Spiel mit Fußnoten und mehreren Erzählebenen gefallen hat, beginnen Sie mit Das Schiff des Theseus und lesen danach Fahles Feuer, um zu sehen, woher diese Tradition kommt. Suchen Sie das Unheimliche, ist Auslöschung der kürzeste Weg zurück in die Dunkelheit, Spuk in Hill House der klassischere. Gedankenhaie eignet sich für alle, denen Danielewski zu sperrig war, die aber das Formexperiment nicht missen wollen. Und wer einfach ein Buch sucht, das nach der Lektüre lange nachhallt, sollte Piranesi nicht verpassen.

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