Eine Mutter liegt wach, weil die Tochter von einem Date mit einem Unbekannten noch nicht zurück ist. Unten im Haus hört sie Schritte, sie hat ein ungutes Gefühl und geht trotzdem hinunter, weil sie sich nicht lächerlich machen will. Mit dieser Szene beginnt „Kalte Tage“, der sechste Fall für Kate Linville, am 23. September 2026 bei Blanvalet erschienen. Auf 624 Seiten erzählt Charlotte Link einen Winterthriller, der weniger nach dem Täter fragt als danach, warum Menschen ihrem Gespür misstrauen. Das gelingt über weite Strecken, auch wenn der Roman manches deutlicher ausspricht, als es nötig wäre.

Worum es in „Kalte Tage“ geht
Scarborough, Anfang Januar 2026, Schnee und strenger Frost an der Nordostküste Englands. Die 22-jährige Gillian Tremblay trifft sich in einem Pub am Hafen mit einem Mann, den sie über eine Dating-App kennengelernt hat. In derselben Nacht dringt ein Maskierter in das Haus ihrer Eltern ein, fesselt die Mutter Mariana und erschießt den Vater. Am Morgen ist Gillian verschwunden. Kurz darauf meldet eine Frau aus Scalby ihren Mann als vermisst, einen ehrgeizigen Familienvater, der an diesem Morgen eigentlich nur rasch einkaufen wollte. Unterstützung erhält Kate von Detective Chief Inspector Andrew Seymour von der Humberside Police, der seit Monaten einen Vermisstenfall bearbeitet, in dem eine junge Frau auf einem Supermarktparkplatz einen Mann in ihr Auto steigen ließ. Ob und wie die Fälle zusammenhängen, ist die Frage, die den Roman trägt.
Dem gegenüber steht ein Prolog aus dem Jahr 1998. Er zeigt einen Dreizehnjährigen, dessen Vater wegen der Vergewaltigung und Ermordung einer Anhalterin verurteilt wird und sich in der Haft das Leben nimmt. Aus dem Jungen wird ein Mann, der Polizei und Justiz hasst – und Frauen.
Kate Linville ohne Netz
Wer die Reihe kennt, merkt schnell, dass sich die Ausgangslage verschoben hat. Kate, Ende vierzig, hat das Haus ihrer Eltern in Scalby verkauft und ist kurz vor Silvester mit ihrer Katze in ein abgelegenes, schmales Haus bei Robin Hood’s Bay gezogen. Sie selbst nennt es nur „das schreckliche Haus“. Ihre Vorgesetzte hält den Umzug für eine Flucht, und Kate widerspricht nicht sehr überzeugend. Die Gründe dafür liegen in den Ereignissen von Band 5, die nachwirken und den Ton dieses Buches bestimmen. Dazu kommt ein früherer Fall, der ihr entzogen wurde und der sie nicht loslässt.
Darin liegt eine Stärke des Romans. Link nimmt ihrer Ermittlerin das gewohnte Gegenüber und zeigt sie isoliert, gereizt und zugleich auf eine Weise hellwach, die ihr im Dienst nützt. Der Neuanfang, von dem manche Kritik spricht, ist darum auch ein Neuanfang für die Figur: Kate muss lernen, wieder ihrer eigenen Wahrnehmung zu trauen. Das passt genau zum Thema des Falls, denn auch Mariana Tremblay und eine Nachbarin, die in jener Nacht einen fremden Mann hinter einem Fenster sieht und lieber nichts unternimmt, scheitern weniger an fehlenden Informationen als am Zögern.
Eine Spannung aus dem Alltag
Charlotte Link war nie eine Autorin der kühlen Rätselkonstruktion. Ihre Spannung entsteht aus Alltagsszenen, die kippen, und „Kalte Tage“ ist dafür ein gutes Beispiel. Der Eröffnungsteil wechselt zwischen der Mutter, der Nachbarin, zwei Streifenpolizisten, Kate und dem Ehemann, der morgens zum Supermarkt fährt. Jede Perspektive fügt ein Detail hinzu, das spätere Ereignisse vorbereitet, etwa ein Familienauto, das nicht zuverlässig anspringt und dem Täter in jener Nacht zum Problem wird. Die Kälte ist dabei mehr als Kulisse: Sie bestimmt Wege und Fluchtmöglichkeiten, und sie verstärkt die Einsamkeit der Figuren.
Thematisch kreist der Roman um Macht über Frauen in verschiedenen Formen. Das reicht vom Täter mit seinem Hass bis zu leiseren Spielarten, die Link genau beobachtet: Der Familienvater aus Scalby plant den Umzug in ein repräsentatives Landhaus, ohne seine Frau zu fragen, und führt „seine schöne Frau“ gern Gästen vor. Dass solche Figuren nicht bloß Zierrat sind, sondern in die Handlung verwoben werden, gibt dem Buch eine gesellschaftliche Ebene, die über den reinen Thrill hinausgeht. Auch das Thema Onlinedating behandelt Link ohne Kulturpessimismus, aber mit Blick auf seine Risiken: die Angst der Mutter, die genervte Selbstverständlichkeit der Tochter.
Wo der Roman schwächelt
Die Kehrseite zeigt sich vor allem im Umgang mit dem Täter. Der Prolog liefert sein psychologisches Fundament gleich mit: ein Kindheitstrauma, ein Vater, an dessen Unschuld nur der Sohn glaubt, Hass als Schmerzersatz. Das ist schlüssig, aber auch sehr erklärend. Wenn es am Ende des Prologs heißt, er sei „sehr schlau“, „sehr gerissen“ und „sehr hasserfüllt“, nähert sich die Figur dem Klischee des genialen Bösewichts. Seine Identität bleibt zwar zunächst offen, doch die Spannung verlagert sich stärker auf das Wie und Wann – eine legitime Entscheidung, um die Leser wissen sollten, die vor allem miträtseln wollen.
Auch stilistisch neigt Link dazu, das Offensichtliche auszuformulieren. Die Sprache ist klar und gut lesbar, setzt aber oft einen Kommentar hinter die Szene, wo die Szene selbst genügt hätte. Die Vorausdeutung, dass Mariana ihre Entscheidung „für den Rest ihres Lebens bereuen“ werde, kommt genau in dem Moment, in dem die Situation ohnehin am bedrohlichsten ist. Das erzeugt Sog, nimmt der Szene aber etwas von ihrer Wucht.
Schließlich der Umfang: Gut 600 Seiten mit mehreren Ermittlungssträngen, einem offenen Nebenfall und einer ganzen Reihe von Nebenfiguren verlangen Geduld. Wer Links frühere Bände kennt, weiß, dass sie sich Zeit für Familienkonstellationen und Nebenfiguren nimmt. Wer einen schnellen, schlanken Thriller erwartet, könnte die Breite als Umweg empfinden. Hinzu kommt, dass der Roman Besprechungen zufolge offen endet und erkennbar auf einen siebten Band hinarbeitet.
Muss man die Reihe kennen?
Der Verlag betont, dass alle Bände unabhängig voneinander lesbar sind, und der Fall selbst ist in sich verständlich. Ganz ohne Vorwissen geht dennoch etwas verloren: Kates Zustand erschließt sich nur zur Hälfte, wenn man nicht weiß, was hinter ihr liegt. Wichtiger noch: Bereits im ersten Kapitel mit Kate wird verraten, wie „Dunkles Wasser“ endet. Wer Band 5 noch lesen möchte, sollte das vorher tun.

Wer die winterliche Stimmung schätzt, findet im vierten Band, „Einsame Nacht“, einen verwandten Vorgänger: Auch dort beginnt alles in einer kalten Nacht mit einer jungen Frau und einem Mann, der in ihr Auto steigt. Der beste Einstieg in die Reihe bleibt allerdings „Die Betrogene“, in der Kate noch bei Scotland Yard arbeitet und der Mord an ihrem Vater sie zurück nach Yorkshire führt.
Fazit: Für wen lohnt sich „Kalte Tage“?
„Kalte Tage“ ist kein Bruch mit Links Stärken, sondern eine Verdichtung: eine glaubwürdig beschädigte Ermittlerin, ein Fall, der aus Alltagssituationen erwächst, und eine Atmosphäre, in der Kälte und Einsamkeit zusammenfallen. Die Schwächen liegen dort, wo der Roman seinen Lesern zu wenig zutraut – in einem allzu erklärten Täter und in Kommentaren, die Spannung behaupten, statt sie wirken zu lassen. Ob er der stärkste Band der Reihe ist, wie einzelne Leserstimmen meinen, darf man bezweifeln; ein wichtiger ist er wegen der neuen Lage, in der er Kate zeigt, allemal.
Lesen Sie den Roman, wenn Sie die Kate-Linville-Reihe verfolgen und wissen möchten, wie es nach „Dunkles Wasser“ weitergeht, oder wenn Sie psychologisch grundierte Thriller mit viel Raum für Figuren und Atmosphäre mögen. Weniger geeignet ist er für Leser, die einen knappen, temporeichen Thriller oder ein klassisches Rätsel suchen. Neueinsteigern sei geraten, mit „Die Betrogene“ zu beginnen.
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