Norbert Gstrein gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Erzählern der österreichischen Gegenwartsliteratur. Der 1961 in Tirol geborene Autor, der Mathematik studiert hat, debütierte 1988 und hat seither ein Werk vorgelegt, das von abgelegenen Tiroler Dörfern bis nach Argentinien, Israel und Kalifornien reicht. Wer mit ihm anfangen möchte, fragt sich schnell: Gibt es eine Reihenfolge, die man einhalten sollte? Und welches Buch eignet sich für den Anfang?
Die kurze Antwort: Sie können praktisch überall beginnen. Die längere finden Sie hier – mit allen Romanen im Überblick, den wenigen Verbindungen zwischen ihnen und konkreten Empfehlungen für den Einstieg.
Gibt es bei Gstrein eine Lesereihenfolge?
Nein, jedenfalls keine verbindliche. Gstrein schreibt keine Reihe, seine Romane sind in sich abgeschlossen, und keine Hauptfigur kehrt in einem späteren Buch wieder. Die Übersicht unten folgt deshalb einfach dem Erscheinen der Erstausgaben. Achtung bei den Jahreszahlen im Handel: Viele der verlinkten Ausgaben sind Taschenbücher, die erst Jahre nach dem Original herauskamen.
Zwei Verbindungen gibt es trotzdem. Die eine betrifft ein Buch, das nicht in dieser Liste steht: Die Erzählung „Selbstportrait mit einer Toten“ (2000) war ursprünglich als Rahmen für Die englischen Jahre gedacht. Die zweite ist für Leser wichtiger: Die Winter im Süden nimmt den Stoff von Das Handwerk des Tötens wieder auf, die Kriege beim Zerfall Jugoslawiens. Beide Romane stehen für sich, zusammen gelesen ergänzen sie sich aber.
Darüber hinaus verbinden das Werk vor allem Motive. Immer wieder geht es um Schuld, um die Frage, was man über andere Menschen wirklich wissen kann, und um den Zweifel, ob sich ein Leben überhaupt wahrheitsgemäß erzählen lässt. Oft rekonstruiert ein Erzähler die Geschichte eines anderen und muss sich dabei selbst befragen. Und auffällig oft führt der Weg zurück nach Tirol.
Alle Romane in der Übersicht
| Nr. | Titel | Erstausgabe | Gut für |
|---|---|---|---|
| 1 | Einer | 1988 | das Debüt |
| 2 | Das Register | 1992 | das Frühwerk |
| 3 | Der Kommerzialrat | 1995 | Komplettisten |
| 4 | Die englischen Jahre | 1999 | den Einstieg |
| 5 | Das Handwerk des Tötens | 2003 | das Hauptwerk |
| 6 | Die Winter im Süden | 2008 | die Fortführung des Balkan-Stoffs |
| 7 | Die ganze Wahrheit | 2010 | Ironie und Literaturbetrieb |
| 8 | Eine Ahnung vom Anfang | 2013 | Schuld und Erinnerung |
| 9 | In der freien Welt | 2016 | Fortgeschrittene |
| 10 | Die kommenden Jahre | 2018 | einen Gegenwartsroman |
| 11 | Als ich jung war | 2019 | den leichteren Einstieg |
| 12 | Der zweite Jakob | 2021 | Väter und Töchter |
| 13 | Vier Tage, drei Nächte | 2022 | einen Lockdown-Roman |
| 14 | Im ersten Licht | 2026 | den aktuellen Gstrein |
| 15 | Mehr als nur ein Fremder (Essay) | 2023 | die Lektüre danach |
Womit anfangen?
Für die meisten Leser ist „Die englischen Jahre“ der beste Start. Mit diesem Roman gelang Gstrein der Durchbruch, und bis heute ist er sein bekanntestes Buch. Wer es etwas leichter haben möchte, beginnt mit „Als ich jung war“: Der Roman ist ebenso vielschichtig, aber spannender gebaut und schneller im Sog. Und wer wissen will, wo Gstrein heute steht, greift zu „Im ersten Licht“.
Weniger geeignet für den Anfang sind das Frühwerk, das eher die Entwicklung des Autors zeigt, und „In der freien Welt“, das mit fast 500 Seiten seine Leser fordert.
Das Frühwerk: Tirol als Ausgangspunkt
1. „Einer“ (1988)

Gstreins erstes Buch ist eine Erzählung von gut hundert Seiten. Im Mittelpunkt steht Jakob, ein junger Mann aus einem Tiroler Fremdenverkehrsort, der selbst nicht zu Wort kommt: Seine Geschichte setzt sich aus den widersprüchlichen Aussagen seines Umfelds zusammen. Damit ist schon hier angelegt, was später Gstreins Romane prägt: die Frage, wer eigentlich das Recht hat, die Geschichte eines anderen zu erzählen.
Für wen? Für Komplettisten und alle, die sehen wollen, wo dieses Werk seinen Anfang nimmt.
2. „Das Register“ (1992)

Nach der Erzählung „Anderntags“ (1989) folgte mit „Das Register“ der erste Roman im engeren Sinn. Er erzählt von zwei Brüdern aus Tirol und ist mit rund 300 Seiten deutlich umfangreicher als das Debüt. Wie schon im Debüt bildet Tirol den Hintergrund, eine Landschaft, zu der Gstrein auch in späteren Büchern immer wieder zurückkehrt.
Für wen? Für Leser, die das Frühwerk vollständig kennen möchten.
3. „Der Kommerzialrat“ (1995)

Zwischen „Das Register“ und diesem Buch erschien noch die Novelle „O2“ (1993). „Der Kommerzialrat“ trägt die Gattungsbezeichnung „Bericht“, ist knapp 150 Seiten kurz und spielt wieder im Tiroler Umfeld. Mit ihm endet die frühe Phase, bevor Gstrein sich größeren historischen Stoffen zuwendet.
Für wen? Für alle, die nach einem späteren Roman neugierig auf die Anfänge geworden sind.
Der Durchbruch und die Balkan-Romane
4. „Die englischen Jahre“ (1999)

Im Juli 1940 sinkt im Nordatlantik die Arandora Star, ein Schiff mit über tausend Internierten an Bord, das nach Neufundland unterwegs war. Mehr als fünfzig Jahre später stößt eine junge Frau auf diese Katastrophe, als sie dem Leben des österreichisch-jüdischen Schriftstellers Gabriel Hirschfelder nachgeht, der als Emigrant in England lebte und dort starb. Ihre Suche führt sie auf die Isle of Man, wo während des Krieges Flüchtlinge und Anhänger der Nationalsozialisten gemeinsam in Lagern festgehalten wurden. Was als Spurensuche beginnt, entwickelt sich zu einem Rätsel um Identität: Wer war dieser Mann wirklich?
Der Roman verbindet Zeitgeschichte mit der Spannung eines Kriminalfalls, und er zeigt Gstreins Stärke, Wahrheit aus mehreren, einander widersprechenden Perspektiven zusammenzusetzen.
Für wen? Für alle, die Gstrein kennenlernen wollen. Wer nur einen Roman von ihm liest, sollte diesen wählen.
5. „Das Handwerk des Tötens“ (2003)

Der Kriegsreporter Christian Allmayer ist im Kosovo in einen Hinterhalt geraten und getötet worden. Der Roman fragt, ob und wie man über einen solchen Tod schreiben darf – und wie über den Krieg selbst, ohne in Propaganda oder Rührseligkeit abzurutschen. Vielen gilt das Buch als eines von Gstreins Hauptwerken. Wer das Thema vertiefen will, findet im Essay „Wem gehört eine Geschichte?“ (2004) Gstreins eigenes Nachdenken über das Erzählen fremder Lebensgeschichten.
Für wen? Für Leser, die einen ernsten, reflektierten Roman suchen. Lesen Sie ihn, wenn möglich, vor „Die Winter im Süden“.
6. „Die Winter im Süden“ (2008)

Ein Vater hat seine Tochter nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien zurückgelassen und ist nach Argentinien ausgewandert. Sie hat lange daran getragen, dass er im Krieg auf der falschen Seite stand. Fast fünfzig Jahre später zieht es beide zurück in ihre jugoslawische Heimat, gerade als das Land auseinanderbricht. So knüpft Gstrein an den Stoff von „Das Handwerk des Tötens“ an, erzählt aber eine ganz eigene Familiengeschichte über Schuld, die von einer Generation an die nächste weitergereicht wird.
Für wen? Für Leser von „Das Handwerk des Tötens“, aber ebenso für alle, die einen Vater-Tochter-Roman vor historischem Hintergrund suchen. Vorkenntnisse brauchen Sie nicht.
Die Romane der 2010er-Jahre
7. „Die ganze Wahrheit“ (2010)

Der Wiener Verleger Heinrich Glück verbringt seine letzten Jahre mit der jüngeren, exzentrischen Dagmar, die ihn immer mehr vereinnahmt. Nach seinem Tod schreibt sie ein Buch über ihn – und damit beansprucht sie auch die Deutung seines Lebens. Gstrein erzählt das mit spürbarer Ironie und spielt dabei mit Fakten und Fiktion. Der Roman wurde von manchen als Schlüsselroman über den Literaturbetrieb gelesen.
Für wen? Für Leser, die Gstrein von seiner bissigeren Seite kennenlernen möchten.
8. „Eine Ahnung vom Anfang“ (2013)

In einer Provinzstadt wird am Bahnhof eine Bombe entdeckt. Auf einem Fahndungsbild meint ein Lehrer Daniel zu erkennen, seinen früheren Lieblingsschüler. Der hatte sich nach einer Reise nach Israel in religiöse und politische Wahnvorstellungen verstrickt. Der Lehrer fragt sich nun, welche Rolle ein amerikanischer Prediger dabei spielte – und welche er selbst, nach einem Sommer, den er mit dem Jungen verbracht hat.
Für wen? Für alle, die sich für Radikalisierung, Erinnerung und Mitschuld interessieren.
9. „In der freien Welt“ (2016)

John, amerikanischer Jude und früher Freiwilliger in der israelischen Armee, wird in San Francisco auf der Straße erstochen. Sein Freund Hugo, ein Schriftsteller aus Österreich, versucht zu verstehen, wer dieser Mann war. Er reist nach Kalifornien, wo sich die beiden vor langer Zeit kennengelernt haben, und weiter nach Israel, wo er während des Gaza-Kriegs beide Seiten des Konflikts erlebt. Wie bei „Das Handwerk des Tötens“ steht hinter der Handlung die Frage, ob man das Leben eines anderen überhaupt erzählen kann.
Für wen? Für Leser, die Gstrein schon kennen. Mit fast 500 Seiten in der Taschenbuchausgabe ist dies das umfangreichste Buch dieser Liste.
10. „Die kommenden Jahre“ (2018)

Richard ist Glaziologe, seine Frau Natascha Schriftstellerin. Als sie eine Familie, die aus Damaskus geflohen ist, in ihrem Haus aufnimmt, gerät die Ehe in Bewegung. Während Natascha sich einlässt, zieht Richard sich immer weiter zurück, träumt sich nach Kanada und zweifelt an allem. Gstrein erzählt einen Sommer im Leben eines Paares in mittleren Jahren und verknüpft ihn mit den politischen Fragen der Gegenwart.
Für wen? Für Leser, die Ehe- und Gesellschaftsromane mögen.
11. „Als ich jung war“ (2019)

Franz wächst in einem entlegenen Winkel Tirols auf und verdient Geld als Hochzeitsfotograf. Bei einer Feier stirbt die Braut, und Franz fragt sich, ob das mit einem Kuss zu tun hat, den er wenige Wochen zuvor am selben Ort einem Mädchen gegeben hat. Er geht nach Amerika, doch auch dort stirbt ein Freund unter ungeklärten Umständen. Gstrein baut die Geschichte wie ein Rätsel, dessen Lösung er den Lesern bis zuletzt vorenthält. Ausgezeichnet wurde der Roman 2019 mit dem Bayerischen Buchpreis.
Für wen? Für alle, die einen spannenden Zugang zu Gstrein suchen. Neben „Die englischen Jahre“ der beste Einstieg.
Die neuesten Romane
12. „Der zweite Jakob“ (2021)

Ein alternder Schauspieler soll eine Biografie bekommen, und schon deshalb steht sein Leben auf dem Prüfstand. Dann fragt ihn auch noch seine Tochter, was das Schlimmste sei, das er je getan habe. Der Roman folgt der Spur dieser Frage und kreist erneut um Schuld und darum, wie viel ein Mensch von sich selbst weiß und preisgeben will. 2021 stand „Der zweite Jakob“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Für wen? Für Leser, die psychologisch genaue Figurenporträts schätzen.
13. „Vier Tage, drei Nächte“ (2022)

Die Halbgeschwister Elias und Ines sind sich näher, als es Geschwistern üblicherweise erlaubt ist. Elias hat jeden ihrer Liebhaber erst an sich gebunden und dann vertrieben. Während des Lockdowns bekommen die beiden Besuch von Carl, der wie Elias als Flugbegleiter arbeitet, und unter den dreien entwickelt sich eine Dynamik, in der es um Begehren, Geschwisterliebe und Rassismus geht. Thematisch steht der Roman „Der zweite Jakob“ nahe, denn wieder fragt Gstrein nach den Abgründen, die Menschen in sich selbst übersehen. Eine Fortsetzung ist er aber nicht.
Für wen? Für Leser, die verdichtete Konstellationen mit wenigen Figuren mögen.
14. „Im ersten Licht“ (2026)

Gstreins jüngster Roman beginnt mit Gewalt: Adrians Vater verletzt den Jungen mit einer Axt, damit er nicht in den Ersten Weltkrieg ziehen muss – und bewahrt ihn so womöglich vor dem Tod. Mit dem Hinken lebt Adrian danach mehr als achtzig Jahre. Er erlebt zwei Weltkriege, begegnet zweimal jungen Männern, die weniger Glück hatten als er, und findet erst im Alter zu einer Liebe, auf die ihn nichts vorbereitet hat. So umspannt der Roman ein ganzes Jahrhundert. Für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 war er nominiert.
Für wen? Für alle, die den aktuellen Gstrein lesen möchten – und für Leser historischer Romane, die mehr als Zeitkolorit suchen.
Zum Weiterlesen: der Essay „Mehr als nur ein Fremder“ (2023)

Kein Roman, sondern eine Selbstauskunft: In diesem Essay spricht Gstrein über die Bücher, die ihn geprägt haben, über sein Schreiben und über die eigenen Romane. Er geht dabei vom ersten Satz seines Debüts „Einer“ aus und verfolgt die Linien bis in die Gegenwart. Es geht um Scham, Schuld und Angst, um das Verhältnis von Schreiben und Moral, um die Frage, wer in seinen Büchern „ich“ sagt – und sogar um Mathematik.
Für wen? Für alle, die schon einige Gstrein-Romane kennen.
Fazit: So finden Sie Ihren Weg durch Gstreins Werk
Eine Pflichtreihenfolge gibt es nicht. Beginnen Sie mit „Die englischen Jahre“ oder, wenn Sie es spannender und etwas zugänglicher mögen, mit „Als ich jung war“. Gefällt Ihnen der Einstieg, lohnt sich das Paar aus „Das Handwerk des Tötens“ und „Die Winter im Süden“, am besten in dieser Folge. Für den aktuellen Stand greifen Sie zu „Im ersten Licht“. Das Frühwerk und „In der freien Welt“ heben Sie sich für später auf, ebenso „Mehr als nur ein Fremder“: Dieser Essay liest sich am besten, wenn Sie Gstreins Romane schon kennen.
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