Lukas Bärfuss ist einer der profiliertesten Schweizer Schriftsteller der Gegenwart: Dramatiker, Essayist, streitbarer Zeitdiagnostiker – und Romancier. Gerade als Romanautor ist sein Werk überschaubar geblieben. Bislang liegen vier Romane vor, dazu eine frühe Novelle und mehrere Essaybände. Wer ihn kennenlernen möchte, hat also keinen Berg vor sich, sondern eine kleine Auswahl sehr unterschiedlicher Bücher. Wir stellen sie in der Reihenfolge ihres Erscheinens vor und sagen Ihnen, womit Sie am besten anfangen.
Gibt es eine Lesereihenfolge bei Lukas Bärfuss?
Nein. Alle vier Romane stehen für sich, es gibt keine wiederkehrenden Figuren und keine Handlung, die sich über mehrere Bücher erstreckt. Sie können also mit jedem Titel beginnen. Die einzige Ausnahme kündigt sich erst an: „Die Krume Brot“ (2023) gilt als Auftakt einer Trilogie. Die Folgebände sind bislang allerdings nicht erschienen, und der Roman lässt sich ohne Weiteres als abgeschlossenes Buch lesen.
Was die Bücher verbindet, ist weniger ein Stoff als eine Haltung. Bärfuss interessiert sich für Menschen, die sich für anständig halten und dann in Situationen geraten, in denen dieses Selbstbild nicht mehr trägt. Schuld, Mitverantwortung und die Frage, was ein Einzelner einem Unglück entgegenzusetzen hat, ziehen sich durch sein Werk. Seine Sprache ist dabei auffallend kontrolliert: kühl, genau, oft unbequem.
Alle Bücher von Lukas Bärfuss auf einen Blick
| Nr. | Titel | Gattung | Erstausgabe | Hier vorgestellte Ausgabe | Seiten |
|---|---|---|---|---|---|
| – | Die toten Männer | Novelle | 2002 | Suhrkamp 2002 | 125 |
| 1 | Hundert Tage | Roman | 2008 | btb 2010 | 207 |
| 2 | Koala | Roman | 2014 | btb 2016 | 182 |
| 3 | Hagard | Roman | 2017 | btb 2019 | 173 |
| 4 | Die Krume Brot | Roman | 2023 | Rowohlt Taschenbuch 2025 | 222 |
| – | Vaters Kiste | Essay | 2022 | Rowohlt 2022 | 95 |
Die ersten drei Romane erschienen zuerst im Wallstein Verlag, „Die Krume Brot“ bei Rowohlt. Die Jahresangaben in der Spalte „Erstausgabe“ beziehen sich auf diese Originalausgaben; vorgestellt werden hier die heute gut erhältlichen Taschenbücher.
Der Auftakt: „Die toten Männer“ (2002)

Bevor Bärfuss Romane schrieb, war er vor allem als Theaterautor bekannt. Sein erstes Prosabuch ist eine Novelle von rund 125 Seiten: „Die toten Männer“ erzählt von einem Buchhändler, dem es beruflich gut geht und der dennoch beschließt, Frau und Tochter zu verlassen und sich von der Liebe überhaupt loszusagen. Ganz gelingt ihm der Bruch nicht: Er kommt von seiner Frau nicht los, obwohl ihn mit ihr nur noch Überdruss verbindet – und steuert auf eine Entscheidung zu, die nicht nur für ihn gefährlich ist.
Schon hier zeigt sich, was Bärfuss später ausbaut: eine Figur, die konsequent ihrer eigenen Logik folgt, und ein Erzählen, das diese Logik mit beinahe klinischer Distanz begleitet. Weil es sich um eine Novelle handelt, zählt das Buch nicht zu den Romanen.
Für wen? Für Leser, die nach den Romanen wissen wollen, wo alles begann. Als Einstieg ist die Novelle weniger geeignet, weil sie sehr verdichtet und emotional spröde ist.
Die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens
„Hundert Tage“ (2008) – der beste Einstieg

Sein Romandebüt ist bis heute das bekannteste Buch von Lukas Bärfuss – und der Titel, mit dem wir den Einstieg empfehlen. „Hundert Tage“ spielt in Ruanda. Der junge Schweizer David reist 1990 als Entwicklungshelfer in das Land, das damals als Musterbeispiel erfolgreicher Hilfe galt. Er ist idealistisch, will Gutes tun und glaubt an die Arbeit seiner Organisation. Vier Jahre später beginnt der Völkermord, und David bleibt im Land. Er erlebt, wie seine Geliebte Agathe, Tochter eines Beamten, auf die Seite der Täter gerät, und er selbst macht sich zum Mitwisser und Helfer, um zu überleben.
Der Roman ist mehr als eine Liebesgeschichte vor schrecklicher Kulisse. Er stellt die unbequeme Frage, welche Rolle wohlmeinende Helfer aus dem Ausland in einem Land spielen, dessen Verhältnisse sie zu verstehen glauben. Gerade weil David kein Bösewicht ist, sondern jemand, mit dem man sich zunächst leicht identifiziert, trifft das Buch so empfindlich.
Für wen? Für alle, die Bärfuss zum ersten Mal lesen. Die Handlung ist klar gebaut, das Thema groß, und der Roman führt direkt ins Zentrum seines Schreibens: die Verstrickung des scheinbar Unbeteiligten. Rechnen Sie allerdings mit harter Lektüre – das Grauen des Genozids bleibt nicht im Hintergrund.
„Koala“ (2014) – der persönlichste Roman

Sechs Jahre später erschien ein Buch, das ganz anders funktioniert. „Koala“ beginnt mit einem realen Verlust: Der Bruder des Erzählers hat sich das Leben genommen, und der Erzähler – erkennbar nah am Autor selbst – will verstehen, warum. Er stößt auf Schweigen, auf Lücken und auf einen Spitznamen, den die Freunde des Bruders ihm gegeben hatten: Koala. Woher kommt er, und was sagt er über den Menschen, der ihn trug?
Aus dieser Frage entwickelt Bärfuss eine Spurensuche, die zwischen Erzählung und Essay wechselt. Es geht um Trauer, aber auch um die gesellschaftliche Sprachlosigkeit gegenüber dem Suizid und letztlich um die Gegenfrage: Was bewegt Menschen eigentlich dazu, am Leben festzuhalten? Für „Koala“ erhielt Bärfuss 2014 den Schweizer Buchpreis.
Für wen? Für Leser, die Reflexion und Abschweifung schätzen und sich auf einen Text einlassen wollen, der keine konventionelle Romanhandlung bietet. Wer klassisches Erzählen erwartet, sollte eher mit einem der anderen Romane beginnen.
„Hagard“ (2017) – der Kurze mit Sog

Wer Bärfuss von seiner spannendsten Seite kennenlernen will, greift zu „Hagard“. Die Ausgangslage ist denkbar simpel: Ein Mann steht im abendlichen Gedränge vor einem Kaufhaus und beginnt aus einer Laune heraus, einer Frau zu folgen, die er nur von hinten sieht. Zunächst ist es ein Spiel mit selbst gesetzten Regeln, folgenlos, scheinbar harmlos. Doch er hört nicht auf, und mit jeder Straße, die er ihr nachgeht, verliert er ein Stück mehr von dem Leben, das er bis dahin geführt hat.
Bärfuss lässt bewusst offen, was diesen Mann antreibt. Langeweile, Wahnsinn, kriminelle Absicht oder eine Flucht vor sich selbst – der Roman hält die Möglichkeiten in der Schwebe und erzeugt gerade dadurch einen Sog, der an einen Psychothriller erinnert, ohne einer zu sein. Mit unter 200 Seiten ist das Buch zudem schnell gelesen.
Für wen? Für alle, die es knapp und spannend mögen. „Hagard“ ist der beste Alternativeinstieg, wenn Ihnen das Thema von „Hundert Tage“ zu schwer erscheint oder Sie lieber mit einem Buch beginnen, das sich in einem Zug lesen lässt.
„Die Krume Brot“ (2023) – der Auftakt einer Trilogie

Sein bislang jüngster Roman erschien nach dem Wechsel zu Rowohlt und erweitert den Blick auf eine soziale Frage, die bei Bärfuss zuvor eher am Rand stand: die Armut. Im Mittelpunkt steht Adelina, Tochter italienischer Einwanderer, die Anfang der 1970er Jahre in einer Zürcher Fabrik arbeitet. Nach einer kurzen Beziehung ist sie mit ihrem Kind allein, verliert Arbeit und Wohnung und rutscht ins Elend. Ein Mann namens Emil übernimmt ihre Schulden und nimmt sie und die kleine Emma bei sich auf – materiell ist sie gerettet, glücklich wird sie nicht.
Als das Kind plötzlich verschwindet, führt Adelinas Suche sie nach Mailand, in eine Kommune politisch radikalisierter Menschen, die ihr Hilfe versprechen und dafür etwas verlangen. Bärfuss verbindet hier die Geschichte einer Frau ohne Rückhalt mit der Atmosphäre einer Zeit, in der revolutionäre Gruppen in Italien Gewalt als politisches Mittel verstanden.
Der Roman ist als erster Band einer Trilogie angekündigt; weitere Teile liegen bisher nicht vor. Die Kritik war bei Erscheinen deutlich geteilt: Während etwa die „Welt“ und die „Süddeutsche Zeitung“ das Buch lobten, fielen die Urteile in der „NZZ“ und der „Zeit“ ablehnend aus.
Für wen? Für Leser, die sich für Schweizer Sozialgeschichte, Migration und die politischen Konflikte der 1970er interessieren. Wer Bärfuss bereits kennt, findet hier eine neue Seite seines Erzählens. Wer Wert auf Abgeschlossenheit legt, sollte wissen, dass die Geschichte auf eine Fortsetzung hin angelegt ist.
Ergänzend: „Vaters Kiste“ (2022)

Kein Roman, aber eine lohnende Begleitlektüre ist „Vaters Kiste“, ein schmaler Essay von knapp 100 Seiten mit dem Untertitel „Eine Geschichte über das Erben“. Bärfuss geht darin von seiner eigenen Familie aus: Das Erbe seines Vaters hat er ausgeschlagen, weil es im Wesentlichen aus Schulden bestand. Von dieser persönlichen Erfahrung aus fragt er grundsätzlich, warum uns ein auf Privatvermögen ausgerichtetes Erbrecht so selbstverständlich erscheint, und was eine Gesellschaft künftigen Generationen tatsächlich hinterlässt.
Gerade im Zusammenhang mit „Die Krume Brot“ ist der Essay aufschlussreich, denn er zeigt, wie nah dem Autor das Thema Armut und Verschuldung biografisch ist. Wer den Roman gelesen hat, versteht nach „Vaters Kiste“ besser, woher seine Dringlichkeit rührt.
Für wen? Für alle, die nach den Romanen den Menschen hinter dem Werk kennenlernen möchten, und für Leser, die sich für gesellschaftspolitische Fragen rund um Besitz und Erbschaft interessieren.
Was es sonst noch von Lukas Bärfuss gibt
Neben den hier vorgestellten Titeln hat Bärfuss weitere Prosa- und Essaybände veröffentlicht. Dazu gehören der Erzählungsband „Malinois“ (2019) sowie die Essaysammlungen „Stil und Moral“ (2015) und „Die Krone der Schöpfung“ (2020). 2026 erschien bei Rowohlt „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“, das an das autobiografische Schreiben von „Vaters Kiste“ anschließt. Hinzu kommt ein umfangreiches Werk für das Theater, mit dem Bärfuss ursprünglich bekannt wurde.
Fazit: Womit sollten Sie bei Lukas Bärfuss anfangen?
Beginnen Sie mit „Hundert Tage“. Der Roman ist sein bekanntestes Buch, erzählt eine klare, fesselnde Geschichte und führt Sie direkt zu der Frage, die Bärfuss am meisten umtreibt: wie Menschen, die Gutes wollen, an Unrecht beteiligt werden. Wenn Sie lieber mit etwas Kürzerem und Spannenderem einsteigen, nehmen Sie „Hagard“ – ein schmales Buch, das kaum loslässt.
Danach empfiehlt sich „Koala“ für alle, die einen ruhigeren, nachdenklichen Text suchen, und „Die Krume Brot“ für Leser, die sich auf einen breiter angelegten Zeitroman einlassen wollen, auch wenn dessen Fortsetzung noch aussteht. „Die toten Männer“ und „Vaters Kiste“ runden das Bild ab: die eine als Blick auf die Anfänge, der andere als persönlicher Schlüssel zum jüngsten Roman.
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