„Amseln“ von Anna Baar: Rezension – für wen lohnt sich der Roman?

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Am Anfang steht ein Koffer. Eines Wintermorgens liegt ein grauer Hartschalenkoffer vor der Wohnungstür eines namenlosen Ich-Erzählers, und was sich darin findet, ist der Stoff dieses Romans: Briefe, Notizzettel, Protokolle und Traumaufzeichnungen einer Frau, die verschwunden ist. Mit „Amseln“ legt Anna Baar ihren vierten Roman vor, erschienen im August 2026 bei Wallstein. Das Buch steht auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises, und die Kritik hat es auffallend unterschiedlich aufgenommen – von hymnisch bis ratlos. Diese Rezension fragt deshalb vor allem: Was leistet der Roman, wo verlangt er zu viel, und für wen lohnt sich die Lektüre?

Anna Baar, Amseln

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Worum es in „Amseln“ geht

Im Zentrum steht Dr. Elda Vera, eine Nervenärztin in leitender Position, gegen die der Vorwurf erhoben wird, einen jungen Patienten sexuell genötigt zu haben. Ihr Beruf ist damit verloren, ihr Ansehen ebenso. Sie zieht sich in die ehemalige Wohnung ihrer Eltern zurück und vereinsamt. Ein altes Foto, das sie mit ihrer Schwester an einem Hotelpool in Luxor zeigt, wird zum Auslöser: Elda beginnt, dem Mann, der auf jener Reise aus ihrem Leben verschwand, Briefe zu schreiben. Abgeschickt werden sie nie.

Aus diesen Briefen an den früheren Geliebten Lev und aus den übrigen Papieren ergibt sich nach und nach eine Lebensgeschichte. Sie führt zurück in eine Familie, in der Elda aus Ergebenheit gegenüber Mutter und Schwester das eigene Glück verhindert, und sie führt nach vorn in eine Gegenwart, in der sich die Isolation zuspitzt. Elda vertraut sich einer Online-Astrologin an, die sie erkennbar ausnutzt, frisiert ihre Profile im Netz und inszeniert für eine imaginierte Nachwelt ein Leben, das es so nie gab. Wie die Geschichte endet und was es mit dem Verschwinden auf sich hat, soll hier offenbleiben – der Roman lebt zu einem guten Teil davon, dass man es nicht weiß.

Eine Herausgeberfiktion mit doppeltem Boden

Formal knüpft Baar an eine alte Tradition an: Ein angeblicher Herausgeber stellt fremde Papiere vor und ordnet sie. Schon im Vorwort wird dieses Spiel gebrochen, denn die Autorin selbst taucht darin nur als jemand auf, der seinen Namen für die Veröffentlichung hergibt. Das ist mehr als eine Pointe. Es macht von der ersten Seite an klar, dass hier niemandem blind zu trauen ist – weder Elda, die ihre Geschichte erzählt, noch dem Herausgeber, der sie auswählt, noch der Instanz, die auf dem Umschlag steht.

Das Material ist bewusst heterogen: datierte Briefe neben undatierten Notizen, Beobachtungsprotokolle neben Gesprächsverläufen und Fußnoten. Kritiker haben das Buch wahlweise als Briefroman, als Montage oder als poetisches Selbstgespräch beschrieben, und alle drei Etiketten treffen etwas. Die Frage, ob Eldas Briefe eine Beichte sind oder eine geschickte Selbstverteidigung, womöglich sogar eine gezielte Irreführung künftiger Gutachter, zieht sich als Spannung durch das ganze Buch.

Hier liegt die große Stärke des Romans und zugleich seine Angriffsfläche. Wer gern mitarbeitet, Widersprüche notiert und Motive verfolgt, wird reich belohnt. Die Amsel, die dem Buch den Titel gibt, erscheint weniger als Singvogel denn als dunkler Todesbote; schon der Titel ruft die Lyrik Georg Trakls auf, in der die Amsel ein wiederkehrendes Bild ist. Auch der Name der Hauptfigur lädt, wie die Autorin selbst nahelegt, zum Umstellen der Buchstaben ein. Wer dagegen eine nachvollziehbare Chronologie erwartet, gerät schnell ins Schlingern. Die Erzählung springt durch Jahrzehnte, Identitäten verschieben sich, und gegen Ende hat die Konstruktion so viele Ebenen, dass selbst wohlwollende Leser die Übersicht verlieren können. Der Einwand, das Gefüge sei eher verschachtelt als raffiniert, ist deshalb nicht von der Hand zu weisen – auch wenn man ihm entgegenhalten kann, dass die Unordnung genau zum Kontrollverlust der Figur passt.

Elda Vera: eine Zumutung von Figur

Baar macht es ihren Lesern mit der Hauptfigur nicht leicht, und das ist Absicht. Elda ist beruflich erfolgreich, privat ein Trümmerfeld: getrieben von einem zwanghaften Begehren, das sie in riskante Begegnungen mit Fremden führt, auf der Flucht in Schmerzmittel und Alkohol, anfällig für Esoterik und zugleich messerscharf, wenn sie über andere urteilt. Sie ist Täterin, und sie ist zugleich eine Frau, deren Prägung durch eine lieblose, von Macht und Missbrauch gezeichnete Familie das Buch eindringlich sichtbar macht.

Diese Doppelung ist der eigentliche Kern des Romans. Er verlangt weder, Elda zu entschuldigen, noch erlaubt er die bequeme Verurteilung. Dass eine Psychiaterin, die beruflich in fremde Abgründe blickt, die eigenen nicht erkennt und der Manipulation durch eine Wahrsagerin schutzlos ausgeliefert ist, hat etwas zutiefst Beklemmendes und mitunter grotesk Komisches. Wenn sie ihren Kühlschrank mit teuren Delikatessen füllt, damit die Nachwelt ein erfülltes Leben vermutet, verdichtet sich die ganze Tragik der Selbstinszenierung in einem einzigen Bild.

In der Kritik wurde gefragt, ob eine solche Figur nicht antifeministisch zu lesen sei. Baar hat dem widersprochen: Gerade weil der Roman seine Heldin nicht beschönige, sei er feministisch. Das überzeugt, weil das Buch Frauen nicht als bloße Opfer zeichnet, sondern ihnen dieselbe moralische Ambivalenz zugesteht, die man männlichen Antihelden längst einräumt. Einfach auszuhalten ist das trotzdem nicht. Wer eine Identifikationsfigur sucht, findet hier keine.

Sprache zwischen Schönheit und Beklemmung

Anna Baar gilt seit ihrem Debüt als ausgesprochen sprachbewusste Autorin, und „Amseln“ bestätigt diesen Ruf. Die Sätze sind genau, rhythmisch und oft von harter Klarheit; im Verfall, den sie beschreiben, liegt eine eigentümliche Leuchtkraft. Baar wechselt dabei die Register mit großer Sicherheit: vom bitteren Witz über die nüchterne Notiz bis zum fast lyrischen Monolog.

Gleichwohl ist die Tonlage dunkler als in früheren Büchern. Die Beklemmung überwiegt die Schönheit, und das Lesen kann über weite Strecken anstrengend sein – nicht wegen schwieriger Sätze, sondern wegen der Nähe zu einer Stimme, die sich selbst und anderen wehtut. Vergleiche mit Thomas Bernhards Figuren der Verachtung oder mit Ingeborg Bachmanns „Malina“, die in mehreren Besprechungen gezogen werden, sind nachvollziehbar: Auch dort zerfällt das Erzählen im Maß, in dem das Ich zerfällt. Baar ahmt diese Vorbilder allerdings nicht nach, sondern findet einen eigenen, gegenwärtigen Ton, in dem Internetforen und Online-Astrologie ebenso selbstverständlich vorkommen wie Erinnerungen an die Kindheit.

Einordnung in Anna Baars Werk

Anna Baar, in Zagreb geboren und in Klagenfurt und Wien lebend, wurde 2022 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Ihr Debüt „Die Farbe des Granatapfels“ war stark autobiografisch grundiert, ihr Roman „Nil“ (2021) stand ebenfalls auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Gegenüber diesen Büchern wirkt „Amseln“ wie ein Gegenentwurf: weniger Erinnerungsprosa, mehr Rollenspiel und Maskerade, mehr Zweifel an der Möglichkeit, über sich selbst die Wahrheit zu sagen. Der Roman ist ein Einzelwerk; Kenntnisse früherer Bücher sind nicht nötig, auch wenn Kenner Baars die Verschiebung hin zur Groteske besonders deutlich wahrnehmen dürften. Ob „Amseln“ den Österreichischen Buchpreis erhält, entscheidet sich am 23. November 2026.

Fazit: Für wen lohnt sich „Amseln“?

„Amseln“ ist ein kompromissloser, sprachlich glänzender Roman, der seine Leser bewusst im Unklaren lässt. Seine Stärken liegen in der vielschichtigen Hauptfigur, die sich jedem schnellen Urteil entzieht, in einer Sprache, die Verfall präzise und eindringlich fasst, und in einer Form, die das Thema – Selbstinszenierung, Selbsttäuschung, Wahrheit und Lüge – nicht nur behandelt, sondern erfahrbar macht. Seine Schwächen liegen dort, wo die Konstruktion sich verselbständigt: Mit zunehmender Dauer droht das Spiel mit Ebenen und Masken die Figur zu überlagern, und nicht jede Irritation scheint wirklich notwendig.

Lohnend ist das Buch vor allem für Leser anspruchsvoller Gegenwartsliteratur, die formale Experimente schätzen und Freude daran haben, ein Textgeflecht selbst zu entschlüsseln. Wer Bachmann, Bernhard oder Jelinek gern liest, wer unzuverlässige Erzählerinnen und moralisch ambivalente Figuren sucht und wer in einem Lesekreis über Schuld, Mitleid und weibliche Täterschaft streiten möchte, findet hier reichlich Stoff.

Weniger geeignet ist der Roman für alle, die eine klare Handlung, eine sympathische Hauptfigur oder eine aufgelöste Geschichte erwarten. Auch wer schwere Stoffe wie sexuelle Gewalt, Sucht und psychischen Zerfall derzeit meiden möchte, sollte zurückhaltend sein. Wer sich aber auf Elda Vera einlässt, liest einen der eigenwilligsten deutschsprachigen Romane dieses Herbstes – unbequem, rätselhaft und gerade deshalb lange nachwirkend.

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