Bergromane gibt es viele, und die meisten erzählen von Gipfelsiegen, Abstürzen oder Rettungen in letzter Minute. „Hohe Berge“ von Silke Stamm ist anders. Der Roman, im September 2022 im Berlin Verlag erschienen, hat gerade einmal 160 Seiten, kommt fast ohne äußere Dramatik aus und ist in einer Form geschrieben, die man so kaum je gelesen hat: Die Erzählerin spricht ausschließlich in Infinitivsätzen. 2023 erhielt das Buch den Literaturpreis Fulda als bestes Debüt des Jahres. Die großen Feuilletons haben es, soweit erkennbar, kaum besprochen, auf Bestsellerlisten tauchte es nicht auf. Für ein Buch dieser Eigenart ist das zu wenig – und deshalb ist „Hohe Berge“ unser Geheimtipp der Woche.

Worum es geht: eine Woche im Hochgebirge
Sechs Menschen, die sich nicht kennen, brechen zu einer Skidurchquerung in den Schweizer Alpen auf: fünf Männer und eine Frau. Eine Woche lang ziehen sie gemeinsam durch das Hochgebirge, übernachten in Hütten, steigen bei Wind und Kälte auf und fahren wieder ab. Wer eine solche Tour mitmacht, kann sich nicht aus dem Weg gehen. Man ist auf die anderen angewiesen, beim Spuren, bei der Orientierung, im Ernstfall beim Überleben.
Erzählt wird aus der Sicht der einzigen Frau in der Gruppe. Sie merkt im Lauf der Tage, wie schwer es ihr fällt, die Kontrolle abzugeben, und wie sehr sie die Erwartungen der anderen lähmen – oder das, was sie dafür hält. Die Tour wird so auch zu einer Prüfung, die weniger mit Technik und Kondition zu tun hat als mit der Frage, wie viel Vertrauen man Fremden schenken kann und wie viel Zutrauen man in sich selbst hat. Dann geht eine Lawine ab, und das ohnehin fragile Gefüge der Gruppe gerät in Bewegung.
Mehr Handlung im klassischen Sinn gibt es nicht. Eine Rezensentin auf juLiteratur fasste es nüchtern zusammen: „Plot? Gibt es hier nicht viel.“ Das ist kein Mangel, sondern Programm. Der Roman lebt von der Wahrnehmung, von Wetter, Licht und Gelände, von kleinen Gesten und Verschiebungen innerhalb der Gruppe – und davon, wie aus Fremden für ein paar Tage Gefährten werden und am Ende doch wieder Fremde.
Erzählt in Infinitiven: das Wagnis dieses Romans
Was „Hohe Berge“ von fast allen anderen Romanen unterscheidet, zeigt schon der erste Blick auf eine beliebige Seite. Die Erzählerin sagt nicht „ich sehe“ oder „ich gehe“, sondern reiht Infinitivkonstruktionen aneinander. Ein Satz, den juLiteratur zitiert, gibt einen Eindruck davon: „Im Nebel diffuse Flecken zu erkennen, aus denen beim Näherkommen vier Figuren werden …“
Diese Form hat Folgen. Das „Ich“ verschwindet fast ganz aus dem Text, und mit ihm die üblichen Erklärungen, Gefühlsbeschreibungen und Begründungen. Übrig bleibt eine Folge von Wahrnehmungen und Handlungen, die dem Rhythmus einer Skitour erstaunlich nahekommt: einen Schritt vor den anderen setzen, atmen, schauen, weitergehen. Man kann darin eine Erzählerin erkennen, die sich selbst auf Abstand hält – passend zu einer Figur, die Angst hat, die Kontrolle zu verlieren. Und man kann darin eine Sprache sehen, die so knapp ist wie die Luft in großer Höhe.
Die Jury, die Silke Stamm für 2025 ein Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg zusprach, beschrieb das so: „Raffiniert verdichtet, entfaltet sich Stamms Erzählung in rasanten Infinitivsätzen und stellt damit ein temporeiches stilistisches Wagnis dar.“ Das Wort „Wagnis“ trifft es. Ein solches Verfahren über einen ganzen Roman durchzuhalten, ohne dass es zur Masche wird, ist schwierig. Dass das Buch so kurz ist, hilft dabei: Die Form trägt, weil sie nicht überdehnt wird.
Auch Kolleginnen und Kritiker haben vor allem die Sprache hervorgehoben. Die Schriftstellerin Isabel Bogdan schrieb über den Roman: „Was hier alles unter dem Schnee verborgen liegt, ist nur zu erahnen. Aber man weiß, es ist viel.“ Und auf literaturcafe.de hieß es: „Wer sich auf die Sprache von Silke Stamm einlässt, erlebt mit ‚Hohe Berge‘ ein nicht alltägliches Leseabenteuer.“
Warum „Hohe Berge“ ein Geheimtipp ist
Ein Geheimtipp ist ein Buch, das mehr Leser verdient, als es hat. Bei „Hohe Berge“ spricht dafür einiges.
Die Auszeichnungen kamen früh – und blieben unter dem Radar. Schon 2020, zwei Jahre vor Erscheinen des Buchs, erhielt Silke Stamm für einen Auszug daraus einen Hamburger Literaturpreis. 2023 folgte der Literaturpreis Fulda, mit dem die Stadt Fulda jährlich ein Romandebüt auszeichnet. Später kam das erwähnte Stipendium aus Baden-Württemberg hinzu. Das sind ernstzunehmende Anerkennungen, aber keine, die eine breite Öffentlichkeit erreichen. Wer nicht gezielt nach neuen Stimmen sucht, bekommt sie kaum mit.
Die Resonanz blieb überschaubar. Besprochen wurde das Buch vor allem in Regionalzeitungen, Radiosendungen, Podcasts und Literaturblogs, dazu in alpinen Fachmedien. In den großen überregionalen Feuilletons ist es, soweit wir sehen, kaum vorgekommen. Für ein schmales Debüt ist das nicht ungewöhnlich, aber bedauerlich.
Es füllt eine Lücke. Literarische Bergbücher sind im Deutschen nicht selten, doch meist handelt es sich um Erinnerungen von Alpinisten, Abenteuerberichte oder Romane, die das Gebirge als Kulisse für ein Drama nutzen. „Hohe Berge“ nimmt die Erfahrung einer Skitour selbst ernst und macht sie zur Form des Erzählens. Dass eine Frau unter fünf Männern die Perspektive liefert, gibt dem Buch zusätzlich eine Ebene, die über das Bergsteigen hinausweist: Es geht um Rollen, Zuschreibungen und das Gefühl, sich beweisen zu müssen.
Wo der Roman fordert
Man sollte nicht verschweigen, dass „Hohe Berge“ polarisiert. Die Leserstimmen auf Buchportalen und bei Händlern gehen deutlich auseinander, und die Gründe sind leicht nachzuvollziehen.
Der wichtigste ist die Form selbst. Wer erwartet, sich mit einer Erzählerin zu identifizieren, ihre Gedanken zu lesen und ihre Vorgeschichte zu erfahren, wird zunächst irritiert sein. Auch wohlwollende Rezensenten berichten, sie hätten anfangs nur schwer in den Text hineingefunden; juLiteratur nannte den Stil „sehr gewöhnungsbedürftig“. Dieselbe Rezensentin beschreibt allerdings, wie aus der anfänglichen Distanz nach einer Weile „ein Sog“ wurde, dem sie sich schwer entziehen konnte. Ähnlich äußern sich andere Leser: Der Text verlangt ein paar Seiten Eingewöhnung und belohnt sie dann.
Ein zweiter Einwand betrifft die Handlungsarmut. Wer Spannung im Sinne eines Bergthrillers sucht, wird enttäuscht. Selbst die Lawine dient dem Verlag zufolge vor allem dazu, das Gefüge der Gruppe in Bewegung zu bringen. Manchen Lesern fehlte außerdem der Bezug zur Welt jenseits der Berge; der Roman bleibt konsequent in der Woche der Tour und in der Wahrnehmung seiner Erzählerin.
Und schließlich hilft es, eine gewisse Neigung zur Bergwelt mitzubringen; auch juLiteratur meint, eine „Affinität zur Bergwelt“ sollte vorhanden sein. Wer selbst schon auf Skiern oder zu Fuß von Hütte zu Hütte unterwegs war, findet vermutlich leichter hinein.
Unser Urteil nach Lage der Kritiken: Diese Einwände sind berechtigt, beschreiben aber eher die Bedingungen, unter denen das Buch funktioniert, als Schwächen in seiner Ausführung. Wer sich auf Form und Tempo einlässt, bekommt einen Roman, der in sehr wenigen Seiten sehr viel verdichtet. Unser Rat: Lesen Sie die ersten zwanzig, dreißig Seiten ohne Eile und am besten in einem Zug. Wenn sich der Rhythmus dann nicht einstellt, ist das Buch vermutlich nichts für Sie – wenn doch, lesen Sie es wahrscheinlich in einem Abend zu Ende.
Wer ist Silke Stamm?
Silke Stamm wurde 1968 geboren und wuchs in Schwenningen auf. Sie studierte Mathematik und Physik in Freiburg und Edinburgh, arbeitet als Lehrerin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. 2013 erhielt sie einen Förderpreis für Literatur der Stadt Hamburg, 2017 erschien ihr Buch „Besser wird es nicht. Achtundneunzig Arten, eine Antwort zu erhalten“. „Hohe Berge“ ist ihr erster Roman. 2024 saß sie selbst in der Jury des Literaturpreises Fulda, den sie im Jahr zuvor gewonnen hatte.
Der nächste Roman: „Wo Jakob ist“
Für Januar 2027 hat der Berlin Verlag Stamms zweiten Roman angekündigt: „Wo Jakob ist“. Nach den Verlagsangaben wartet darin eine Mutter am Bahnsteig vergeblich auf ihren 16-jährigen Sohn, der von einem Auslandshalbjahr in Spanien zurückkehren sollte. Sie folgt seiner Route in umgekehrter Richtung bis nach Valencia, und im Kontakt mit der Polizei wird aus dem Vermissten plötzlich ein Verdächtiger. Ob Stamm darin erneut mit einer so ungewöhnlichen Erzählform arbeitet, geht aus der Ankündigung nicht hervor. Wer „Hohe Berge“ jetzt liest, ist jedenfalls gut vorbereitet, wenn das neue Buch erscheint.

Für wen sich das Buch eignet
„Hohe Berge“ ist zuerst ein Buch für Leser, die sprachlich ungewöhnliche Literatur mögen und sich gern auf eine Form einlassen, die erst einmal fremd wirkt. Wer kurze, dichte Romane schätzt, in denen jedes Wort Gewicht hat, ist hier richtig.
Ebenso lohnend ist der Roman für alle, die selbst in den Bergen unterwegs sind und sich fragen, warum die Literatur das Erlebnis einer mehrtägigen Tour so selten wirklich einfängt: die Mühsal, die Konzentration, die eigentümliche Nähe zu Menschen, die man danach nie wieder sieht. Auch für Lesekreise eignet sich das Buch, gerade weil es so unterschiedliche Reaktionen hervorruft und kurz genug ist, um es gemeinsam gründlich zu besprechen.
Weniger geeignet ist es für alle, die eine spannungsgeladene Abenteuergeschichte oder einen Bergthriller erwarten, und für Leser, die von einem Roman vor allem eine klar erzählte Handlung und ausführliche Figurenpsychologie wollen.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Titel | Hohe Berge |
| Autorin | Silke Stamm |
| Verlag | Berlin Verlag, 2022 |
| Umfang | 160 Seiten (gebunden), auch als E-Book |
| Genre | Roman, Gegenwartsliteratur |
| Auszeichnungen | Literaturpreis Fulda 2023 (bestes Debüt); Hamburger Literaturpreis 2020 für einen Auszug |
| Lesen, wenn Sie … | dichte, formal eigenwillige Romane und die Atmosphäre des Hochgebirges mögen |
„Hohe Berge“ ist ein kleines Buch mit großem Anspruch: ein Roman, der eine Skitour nicht nur beschreibt, sondern in seiner Sprache nachvollzieht. Er fordert Geduld und ist nicht für jeden gemacht. Doch gerade weil er so eigen ist und bisher so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat, ist er einer der lohnendsten Geheimtipps der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
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