Im Herbst 2018 erschien bei Wallstein ein Roman von gut 800 Seiten, für den sich die großen Zeitungen ungewöhnlich viel Platz nahmen. Die FAZ, die Süddeutsche, die Zeit, die Frankfurter Rundschau und Deutschlandfunk Kultur besprachen ihn, durchweg begeistert. Christoph Hein schrieb: „Ich stehe fassungslos vor dieser Leistung … alle Preise der Welt gebühren dem Autor.“ Die großen Preise blieben trotzdem aus, auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis desselben Jahres stand das Buch nicht. Heute liegt „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching als Taschenbuch bei btb vor – und ist, soweit erkennbar, außerhalb des Feuilletons nur wenigen Lesern bekannt. Genau deshalb ist es unser Geheimtipp der Woche.

Worum es geht: ein Handschriftendeuter im Gulag
Rafael Schermann hat es wirklich gegeben. Der aus Krakau stammende Graphologe war in den 1920er Jahren eine Figur der Wiener Kaffeehauswelt. Er behauptete, aus Handschriften Charakter und Schicksal lesen zu können, und verkehrte mit Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler und Magnus Hirschfeld. Karl Kraus soll gehofft haben, Schermanns Kunst helfe ihm bei seinem Werben um Sidonie Nádherný. Danach verliert sich Schermanns Spur; offiziell gilt er seit 1943 als verschollen.
An dieser Lücke setzt Mensching an. Sein Roman spielt um 1940/41 in einem erfundenen sowjetischen Straflager namens Artek, rund 150 Kilometer östlich von Kotlas an der Bahnstrecke nach Workuta. Dorthin ist Schermann geraten, krank, heruntergekommen und ohne jeden Glanz. Doch seine Gabe spricht sich schnell herum: Der Lagerkommandant interessiert sich für ihn, die Mitgefangenen auch. Schermann besteht darauf, kein Russisch zu sprechen, und verlangt einen Dolmetscher. So bekommt er Otto Haferkorn zur Seite gestellt, einen jungen deutschen Kommunisten und Schriftsetzer aus Berlin.
Aus dieser Konstellation entwickelt sich der Roman. Haferkorn übersetzt nicht nur, er hört zu, wie Schermann von seinem früheren Leben erzählt – vom Wien der Zwischenkriegszeit, von Künstlern, Salons und Prominenten, die ihm ihre Handschriften vorlegten. Zwei Welten stehen sich so gegenüber: die schillernde Kulturmetropole, aus der Schermann kommt, und das Lager, in dem Hunger, Kälte und Willkür über das Überleben entscheiden.
Was den Roman besonders macht
Zwölf Jahre Recherche, ein erfundenes Lager
Mensching hat nach Angaben mehrerer Rezensenten zwölf Jahre an diesem Stoff gearbeitet. Weil er die sowjetischen Lager nicht aus eigener Erfahrung kannte, erfand er einen Ort, den er aus Berichten über vergleichbare Lager zusammensetzte. Das Ergebnis hat gerade die Kritiker verblüfft, die sich mit Lagerliteratur auskennen. Christoph Dieckmann fragte in der Zeit, wie jemand, der diese Hölle nicht erlebt hat, sie so genau beschreiben könne, und stellte Mensching neben Herta Müller. Cornelia Geißler fand in der Frankfurter Rundschau, dass sich Erfundenes und Belegtes kaum noch auseinanderhalten ließen – und verstand das als Stärke.
Ein Roman im Format der großen Vorbilder
Andreas Platthaus zog in der FAZ Vergleiche, die man sonst selten liest: mit Peter Weiss’ „Die Ästhetik des Widerstands“, mit Thomas Manns „Zauberberg“ und mit Boccaccios „Decamerone“. Das ist hoch gegriffen, aber nachvollziehbar. Wie im „Zauberberg“ sind Menschen an einem abgeschlossenen Ort festgesetzt, wie im „Decamerone“ wird erzählt, während draußen der Tod regiert, und wie bei Weiss verbinden sich Zeitgeschichte, Kunst und politische Überzeugung. Hans-Peter Kunisch nannte das Buch in der Süddeutschen Zeitung einen realistischen Roman, aus dem man immer neue Geschichten zutage fördern könne.
Die Frage nach der Wahrheit
Reizvoll ist schon die Grundidee. Schermann lebt davon, dass andere ihm glauben – ob seine Deutungen stimmen, war schon zu Lebzeiten umstritten. Im Lager aber, wo die Aufmerksamkeit des Kommandanten Schutz wie Bedrohung bedeuten kann, bekommt diese Frage ein ganz anderes Gewicht. Hinzu kommt, dass alles, was Schermann sagt, durch Haferkorn hindurchgeht. Der Roman handelt so auch davon, wie Macht und Wahrheit zusammenhängen, wenn Worte über das Überleben entscheiden können. Dass ausgerechnet ein junger Kommunist an einem Ort, den der Sowjetstaat geschaffen hat, zum Mittler wird, gibt dem Ganzen eine zusätzliche, bittere Ebene.
Warum „Schermanns Augen“ ein Geheimtipp ist
Ein Geheimtipp ist ein Buch, das mehr Leser verdient, als es hat. Bei „Schermanns Augen“ sprechen mehrere Gründe dafür.
Die Kritik war sich einig. FAZ, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Rundschau und Deutschlandfunk Kultur haben den Roman besprochen, und keine dieser Rezensionen fiel, soweit sie sich nachvollziehen lassen, negativ aus. Michael Opitz nannte ihn bei Deutschlandfunk Kultur „ein außergewöhnliches literarisches Ereignis“. Frank Meyer meinte im selben Sender: „Wenn man den Roman zu lesen beginnt, dann wird man sofort gepackt.“
Die Auszeichnungen kennt kaum jemand. 2019 erhielt Mensching für den Roman den österreichischen Erich-Fried-Preis, außerdem den Preis der Uwe-Johnson-Gesellschaft. Beide genießen in der Literaturwelt Ansehen, erreichen aber nicht die Öffentlichkeit eines Deutschen Buchpreises – und dessen Jury ließ das Buch 2018 unbeachtet.
Der Autor gilt nicht als Romancier. Wer Steffen Mensching kennt, kennt ihn meist als Clown, Liedermacher oder Theatermann (siehe unten). Ein 800-Seiten-Roman über den Gulag ist nicht das, was man von ihm erwartet, und vermutlich hat das dem Buch geschadet.
Die Leser fehlen noch. Auf großen Leserplattformen hat der Roman nur eine Handvoll Bewertungen, auf Bestsellerlisten ist er, soweit erkennbar, nie erschienen. Für ein Buch dieses Rangs ist das erstaunlich wenig.
Wo der Roman fordert
„Schermanns Augen“ ist kein Buch für zwischendurch. Schon der Umfang verlangt Ausdauer, und das Thema ist schwer: Mensching beschreibt Hunger, Erniedrigung und Gewalt im Lager genau und ohne Beschönigung. Wer das nicht lesen möchte, sollte das wissen.
Hinzu kommt die Vielzahl der Figuren. Neben Schermann und Haferkorn treten zahlreiche Häftlinge, Wärter und Funktionäre auf, in den Erinnerungen dazu die Wiener Prominenz der 1920er Jahre. Wer mit Loos, Kokoschka oder Kraus wenig anfangen kann, verliert in diesen Passagen leichter den Faden. Selbst Platthaus, einer der größten Befürworter des Romans, merkte an, dass Mensching im zweiten Teil, wenn Schermann sich an Wien erinnert, die Zügel etwas schleifen lasse. Das störte ihn nicht ernsthaft, kann aber für Leser, die vor allem der Lagerhandlung folgen wollen, zur Geduldsprobe werden.
Unser Eindruck aus den Kritiken: Diese Einwände betreffen das Tempo, nicht die Substanz. Wer sich auf die Länge einlässt, bekommt einen Roman, der zwei der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts – den Untergang der mitteleuropäischen Kultur und das sowjetische Lagersystem – in einer einzigen Lebensgeschichte zusammenführt. Lesen Sie ihn am besten in größeren Abschnitten statt in kurzen Etappen, damit die vielen Figuren präsent bleiben.
Wer ist Steffen Mensching?
Steffen Mensching wurde 1958 in Ost-Berlin geboren und studierte Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Bekannt wurde er in der DDR als eine Hälfte des Clownsduos Wenzel & Mensching, das er mit dem Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel bildete; zu ihren Programmen gehörte „Letztes aus der DaDaeR“. Daneben schrieb Mensching immer Gedichte. Um das Jahr 2000 zog er sich weitgehend von der Clownsbühne zurück, seit 2008 ist er Intendant des Theaters Rudolstadt in Thüringen.
Vor „Schermanns Augen“ hatte er bereits den Roman „Lustigs Flucht“ veröffentlicht, über einen Germanisten, der sich in einer Berliner Wohnung verbarrikadiert und an einer Schiller-Biografie arbeitet. Später folgte „Hausers Ausflug“. 2021 erhielt Mensching den Thüringer Literaturpreis, 2022 den Berliner Literaturpreis.
Für wen sich das Buch eignet
„Schermanns Augen“ empfiehlt sich zuerst Lesern, die große historische Romane mögen und keine Angst vor dicken Büchern haben. Wer Herta Müllers „Atemschaukel“, Warlam Schalamows Erzählungen oder Alexander Solschenizyn gelesen hat, findet hier eine deutschsprachige Stimme, die sich daneben behaupten kann.
Ebenso lohnt sich der Roman für alle, die sich für das Wien der Zwischenkriegszeit interessieren. Die Erinnerungen Schermanns geben einen lebendigen Einblick in eine Welt, die wenige Jahre später zerstört war. Und schließlich ist er ein Buch für Leser, die sich für die Frage interessieren, was Wahrheit wert ist, wenn man von der Gunst der Mächtigen abhängt. Weniger geeignet ist er für alle, die eine straffe, spannungsgetriebene Handlung oder leichte Lektüre suchen.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Titel | Schermanns Augen |
| Autor | Steffen Mensching |
| Verlag | Wallstein, 2018; Taschenbuch bei btb, 2021 |
| Umfang | gut 800 Seiten |
| Genre | Historischer Roman |
| Schauplätze | Sowjetisches Straflager 1940/41, Wien der 1920er Jahre |
| Auszeichnungen | Erich-Fried-Preis 2019; Preis der Uwe-Johnson-Gesellschaft |
| Lesen, wenn Sie … | große historische Romane, Zeitgeschichte und die Frage nach Wahrheit und Macht schätzen |
„Schermanns Augen“ ist ein Roman, wie er in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur selten geschrieben wird: weit ausgreifend, gründlich recherchiert und erzählerisch ehrgeizig. Dass das Feuilleton ihn gefeiert hat, die meisten Leser aber nie von ihm gehört haben, ist der beste Grund, ihn jetzt zu entdecken.
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