Die besten Weihnachtsbücher für Erwachsene: Zehn Tipps vom Klassiker bis zum Krimi

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Weihnachtsbücher haben einen zweifelhaften Ruf: zu süß, zu vorhersehbar, zu sehr auf Lebkuchenduft und Schneeflocken gebürstet. Dabei ist das Fest erzählerisch ein dankbarer Stoff. Familien kommen zusammen, die sich sonst aus dem Weg gehen, alte Rechnungen liegen auf dem Gabentisch, und die Erwartung, dass alles harmonisch sein muss, sorgt zuverlässig für Fallhöhe. Gute Autorinnen und Autoren wissen das – und machen daraus Krimis, Komödien, Sozialstudien oder stille Romane über Verlust und Zusammenhalt.

Die folgenden zehn Weihnachtsbücher für Erwachsene zeigen, wie breit das Spektrum ist. Am Anfang stehen zwei Klassiker, die man an einem Abend lesen kann, danach folgen zwei Krimis, zwei literarische Geschichten, zwei heitere Bücher und zum Schluss zwei Titel, die das Fest selbst unter die Lupe nehmen. Eine Übersichtstabelle am Ende hilft bei der Auswahl – auch, wenn Sie ein Geschenk suchen.

Die Klassiker: Wo die moderne Weihnachtsgeschichte beginnt

Charles Dickens: Der Weihnachtsabend

Charles Dickens, Der Weihnachtsabend

Ohne Der Weihnachtsabend sähe die Weihnachtsliteratur anders aus. Dickens’ Erzählung von 1843 hat ein Muster geprägt, das bis heute in unzähligen Romanen und Filmen nachwirkt: ein verhärteter Mensch, eine Nacht der Heimsuchung, eine Umkehr. Ebenezer Scrooge, Londoner Geschäftsmann und sprichwörtlicher Geizhals, tut die Feiertage als Unsinn ab. Dann erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Kompagnons, und drei weitere Geister führen ihn durch vergangene, gegenwärtige und künftige Weihnachten.

Wer die Geschichte nur aus Verfilmungen kennt, unterschätzt oft, wie viel mehr im Text steckt: ein deutlicher Zorn auf die Armut im viktorianischen London, echter Grusel und ein Erzähler mit trockenem Humor. Die Reclam-Ausgabe umfasst 192 Seiten und ergänzt den Text um Anmerkungen und eine Nachbemerkung – hilfreich für alle, die mehr über Entstehung und Hintergrund wissen möchten.

Marie von Ebner-Eschenbach: Fräulein Susannes Weihnachtsfest

Marie von Ebner-Eschenbach, Fräulein Susannes Weihnachtsfest

Weit weniger bekannt, aber eine echte Entdeckung ist Fräulein Susannes Weihnachtsfest. Marie von Ebner-Eschenbach gehört zu den großen Erzählerinnen der österreichischen Literatur des 19. Jahrhunderts, und diese kurze Geschichte zeigt, warum: Mit feiner Ironie schildert sie eine Frau im alten Wien, die durch eine Erbschaft zu bescheidenem Wohlstand gekommen ist und nichts lieber tut, als ihre Mitmenschen zu bedenken. Sogar der wohlhabende Vetter bekommt etwas. Nur stellt sich die Frage, ob irgendjemand umgekehrt an Susanne denkt.

Wo Dickens mit großen Effekten arbeitet, setzt Ebner-Eschenbach auf genaue Beobachtung und psychologischen Scharfsinn; die Geschichte schlägt zudem einen Haken, den man nicht kommen sieht. Mit gut 50 Seiten ist die Reclam-Ausgabe, ebenfalls mit Anmerkungen und Nachbemerkung, ideal zum Vorlesen an einem Adventsabend – oder als kleines Mitbringsel, das mehr Freude macht als die nächste Duftkerze.

Mord unterm Tannenbaum: Weihnachtskrimis

Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten

Agatha Christie, Hercule Poirots Weihnachten

Familienfeste und Kriminalromane passen erstaunlich gut zusammen, und kaum jemand hat das so konsequent ausgenutzt wie Agatha Christie. In Hercule Poirots Weihnachten (im Original 1938 erschienen) ruft der alte Simeon Lee seine Familie zum Fest auf seinen Landsitz. Großzügigkeit ist es nicht: Lee ist ein Tyrann, der seine Angehörigen mit Vorliebe gegeneinander ausspielt. Kurz darauf ist er tot, getötet in einem verschlossenen Raum, und jeder im Haus hätte einen Grund gehabt.

Hercule Poirot, der zufällig in der Nähe Weihnachten verbringt, entwirrt ein Geflecht aus Kränkungen, Geheimnissen und Erbschaftsfragen. Das ist klassisches Rätselkrimi-Handwerk mit einer überraschenden Lösung, getragen von Christies Blick für Familiendynamik. Formal ist das Buch der 17. Band der Poirot-Reihe, setzt aber keinerlei Vorkenntnisse voraus. Die Atlantik-Ausgabe hat 266 Seiten.

A. K. Benedict: Das tödliche Christmas Game

A. K. Benedict, Das tödliche Christmas Game

Wer Christie mag, aber Lust auf eine zeitgenössische Variante hat, greift zu Das tödliche Christmas Game. Die britische Autorin A. K. Benedict, deren „Mord im Christmas Express“ bereits ein Publikum für weihnachtliche Rätselkrimis gefunden hat, schickt Lily und ihre Familie in ein abgelegenes Herrenhaus, wo sie ein letztes Mal ein traditionelles Familienspiel austragen sollen: zwölf Tage, zwölf Rätsel, zwölf Schlüssel. Wer gewinnt, bekommt das Haus. Ein Schneesturm schneidet alle von der Außenwelt ab – und dann gibt es einen Toten.

Der Reiz liegt in der Verbindung von Whodunit und Knobelei: Die Rätsel sind ins Buch eingearbeitet, sodass Sie selbst mitraten können. Das macht den Roman (Klett-Cotta, 384 Seiten) zu einer guten Wahl für die Tage zwischen den Jahren, wenn man Zeit hat, sich festzulesen. Das Buch ist in sich abgeschlossen.

Stille Wunder: Literarische Weihnachtsgeschichten

Niall Williams: Ein Wunder

Niall Williams, Ein Wunder

Der vielleicht schönste Roman dieser Auswahl ist zugleich der ruhigste. Ein Wunder spielt im Advent 1962 in Faha, dem kleinen Ort im Westen Irlands, in dem Niall Williams schon frühere Romane angesiedelt hat. Doktor Jack Troy, Landarzt und Witwer, hat zum zweiten Mal eine geliebte Frau verloren und mit ihr jede Lebensfreude. Seine älteste Tochter Ronnie führt ihm Haus und Praxis und hält ihre Gedanken in einem Notizbuch fest. Eines Abends bringt ein Junge ein Baby, das er hinter der Kirche gefunden hat und das kaum noch atmet. Der Arzt rettet es – und beschließt, es zu behalten, obwohl das Gesetz etwas anderes vorsieht.

Williams erzählt mit großer sprachlicher Sorgfalt und viel Geduld für seine Figuren. Spannung entsteht weniger aus Ereignissen als aus der Frage, was dieses Kind mit Vater und Tochter macht und was sie für einander zu riskieren bereit sind. Wer gern langsam liest und Sätze genießt, wird hier reich belohnt (Ullstein, 368 Seiten).

Ingvild Hedemann Rishøi: Andere Sterne

Ingvild Hedemann Rishøi, Andere Sterne

Unser besonderer Tipp ist ein Buch, das den Wohlfühl-Weihnachtsroman gewissermaßen auf den Kopf stellt. Andere Sterne der Norwegerin Ingvild Hedemann Rishøi erzählt aus der Sicht der jungen Ronja, die mit ihrer älteren Schwester Melissa und dem Vater in einem Osloer Arbeiterviertel lebt. Der Vater trinkt und hat wieder einmal seine Arbeit verloren. Ronja verschafft ihm eine Stelle auf einem Weihnachtsbaummarkt; als er rückfällig wird, springt Melissa ein, und die Schwestern stehen in der Kälte und verkaufen Tannen.

Was nach Sozialdrama klingt, ist zugleich ein modernes Märchen: Es gibt drei weise Männer, einen Stern und einen Wald, der nicht ganz von dieser Welt scheint. Rishøi gelingt das Kunststück, hart und zärtlich zugleich zu erzählen, ohne in Kitsch zu verfallen. Die Kinderperspektive macht die Geschichte nicht kindlich – sie richtet sich klar an Erwachsene. Mit 157 Seiten (DuMont) ist sie in einem oder zwei Abenden gelesen, wirkt aber deutlich länger nach.

Leicht und heiter: Romantik und Familienchaos

Catherine Walsh: Wir zwei im Dezember

Catherine Walsh, Wir zwei im Dezember

Für alle, die zum Fest schlicht gute Laune lesen wollen: Wir zwei im Dezember ist eine romantische Komödie nach bewährtem Muster. Megan hat vor vier Jahren ihren Verlobten vor dem Altar sitzen lassen und meidet seitdem ihr irisches Heimatdorf. Dieses Jahr hat sie den Eltern versprochen, Weihnachten zu Hause zu verbringen. In Dublin trifft sie zufällig ihren alten Schulfreund Christian, der die pärchenlastigen Feiertage ebenso fürchtet wie sie. Die Lösung: Beide geben sich bei sämtlichen Familienfesten als Paar aus – nur bis Weihnachten vorbei ist, versteht sich.

Wie das ausgeht, ahnt man, und genau darin liegt das Vergnügen. Walsh setzt auf schlagfertige Dialoge und viel Familientrubel. Ein Buch für Sofa, Decke und Tee (Goldmann, 475 Seiten), das keine großen Ansprüche stellt, aber zuverlässig erfüllt, was es verspricht.

Volker Klüpfel und Michael Kobr: Morgen, Klufti, wird’s was geben

Volker Klüpfel, Michael Kobr, Morgen, Klufti, wird's was geben

Kommissar Kluftinger kennen viele aus den Allgäu-Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr. In Morgen, Klufti, wird’s was geben hat er allerdings keinen Mordfall zu lösen, sondern ein deutlich heikleres Problem: Zwei Tage vor Heiligabend stürzt seine Frau Erika von der Leiter, und ausgerechnet jetzt hat sich Besuch aus Japan angekündigt, der ein echtes Allgäuer Weihnachten erleben will. Plätzchen, Christbaum, Festessen – alles bleibt an Kluftinger hängen.

Erzählt wird in 24 kurzen Episoden, die sich ähnlich wie ein Adventskalender portionsweise lesen lassen – Katastrophe für Katastrophe. Das ist Familienkomödie mit Lokalkolorit, kein Krimi, und funktioniert auch ohne Kenntnis der Reihe. Mit 140 Seiten (Ullstein) eignet sich das Buch gut als Geschenk für Leser, die sonst eher selten zu Weihnachtsliteratur greifen.

Anders auf das Fest blicken

O du Selige: Autorinnen über das Weihnachtsfest

O du Selige: Autorinnen über das Weihnachtsfest

Jedes Jahr dieselben Rituale, dasselbe Menü, dieselben Gespräche am selben Tisch – was passiert, wenn man damit bricht? Um diese Frage kreist die Anthologie O du Selige (Diogenes, 240 Seiten). Dreiundzwanzig Autorinnen, darunter Mely Kiyak, Esther Schüttpelz und Joanna Bator, nehmen sich das Fest vor, mal erzählend, mal essayistisch, häufig mit ironischem Unterton.

Der Vorteil einer solchen Sammlung liegt auf der Hand: Sie lässt sich in kleinen Portionen lesen, zwischen Geschenkeinpacken und Familienbesuch. Und sie bietet eine willkommene Gegenstimme für alle, die Weihnachten mögen, aber das Gefühl haben, dass das Fest ein wenig frische Luft vertragen könnte.

Mark Forsyth: Eine kurze Geschichte von Weihnachten

Mark Forsyth, Eine kurze Geschichte von Weihnachten

Zum Schluss ein Sachbuch für Neugierige. In Eine kurze Geschichte von Weihnachten geht der britische Autor Mark Forsyth der Frage nach, woher die Bräuche stammen, die wir für uralt halten. Wer hat den Adventskalender erfunden, wer die erste Weihnachtskarte verschickt, und was hat es mit Knallbonbons auf sich? Forsyth, bekannt für seine unterhaltsamen Bücher über Sprache, verbindet Wissen mit Witz und viel Sinn für Kurioses.

Das Buch (Klett-Cotta, 176 Seiten) ist kurz genug, um es in den Feiertagen nebenbei zu lesen, und liefert genug Anekdoten für mehrere Tischgespräche. Gut kombinierbar übrigens mit Dickens: Wer erfahren möchte, wie sehr der viktorianische Blick auf Weihnachten unser heutiges Fest geprägt hat, findet hier den passenden Hintergrund.

Alle Weihnachtsbücher im Überblick

TitelAutorVerlagSeitenPasst, wenn Sie …
Der WeihnachtsabendCharles DickensReclam192den Klassiker als Buch statt als Film kennenlernen wollen
Fräulein Susannes WeihnachtsfestMarie von Ebner-EschenbachReclam52eine kurze Geschichte zum Vorlesen suchen
Hercule Poirots WeihnachtenAgatha ChristieAtlantik266klassische Rätselkrimis lieben
Das tödliche Christmas GameA. K. BenedictKlett-Cotta384beim Lesen selbst mitknobeln möchten
Ein WunderNiall WilliamsUllstein368einen stillen, sprachlich anspruchsvollen Roman suchen
Andere SterneIngvild Hedemann RishøiDuMont157eine berührende Geschichte ohne Kitsch wünschen
Wir zwei im DezemberCatherine WalshGoldmann475leichte Unterhaltung mit Herz brauchen
Morgen, Klufti, wird’s was gebenVolker Klüpfel, Michael KobrUllstein140über Festtagschaos lachen wollen
O du Seligediverse AutorinnenDiogenes240Weihnachten einmal gegen den Strich lesen möchten
Eine kurze Geschichte von WeihnachtenMark ForsythKlett-Cotta176wissen wollen, woher die Bräuche kommen

Welches Weihnachtsbuch zu welchem Anlass?

Für einen einzelnen Leseabend im Advent eignen sich vor allem die kurzen Titel: Ebner-Eschenbach, Dickens und Rishøi lassen sich jeweils in wenigen Stunden lesen und eignen sich teils auch zum Vorlesen im Familienkreis. Für die langen Tage zwischen Heiligabend und Neujahr sind die beiden Krimis und Niall Williams’ Roman die bessere Wahl, weil sie Raum zum Eintauchen bieten.

Als Geschenk kommt es auf den Empfänger an. Wer Humor schätzt, freut sich über den Kluftinger oder Forsyths Kulturgeschichte; wer Romantik mag, über Catherine Walsh. Für literarisch interessierte Leser sind „Ein Wunder“ und „Andere Sterne“ die sicherste Empfehlung, und die Anthologie „O du Selige“ passt zu allen, die dem Fest mit einem Augenzwinkern begegnen.

Gemeinsam ist allen zehn Büchern, dass sie Weihnachten ernst nehmen, ohne es zu verklären. Sie erzählen von Einsamkeit und Gemeinschaft, von Familien, die sich lieben und auf die Nerven gehen, von kleinen Wundern und großen Katastrophen. Genau das macht gute Weihnachtsliteratur aus – und darum lohnt sie sich auch für Erwachsene, die mit Zuckerguss wenig anfangen können.

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