Eine Buchhandlung am Meer, eine Kleinstadt im Winter, eine Heldin mit schlechter Laune und ein Junge, der ihr gegenüber unerschütterlich gute Laune zeigt: „Winter at the Wildest Dreams Bookshop“ von Gracie Page bedient eine ganze Reihe beliebter Romance-Versprechen auf einmal. Der Roman ist am 27. Oktober 2026 als Taschenbuch bei Dragonfly erschienen und richtet sich an junge Leserinnen und Leser ab etwa 14 Jahren. Ob die Mischung aus Cosy-Atmosphäre und Slow Burn trägt und für wen sich die Lektüre lohnt, klärt diese Rezension.

Reihe, Original und Ausgabe
„Winter at the Wildest Dreams Bookshop“ ist der zweite Band der Reihe um den Buchladen im fiktiven Küstenort Fox Bay in Cornwall. Im englischen Original ist er im November 2025 unter dem Titel „Snowed in at the Wildest Dreams Bookshop“ erschienen. Die deutsche Ausgabe behält zwar einen englischen Titel, wählt aber eine andere Formulierung – dazu später mehr. Sie umfasst 288 Seiten.
Den Auftakt bildete Pages Debüt „The Wildest Dreams Bookshop“, das im März 2026 auf Deutsch erschien: ein Sommerroman, in dem die 17-jährige Anna ihrer Tante hilft, den finanziell angeschlagenen Laden zu retten, und sich dabei mit einem Surfer zusammenrauft. Für Februar 2027 ist mit „Movie Magic at the Wildest Dreams Bookshop“ bereits ein dritter Band angekündigt, in dem ein Filmdreh nach Fox Bay kommt.
Die gute Nachricht für Quereinsteiger: Jeder Band stellt ein neues Paar in den Mittelpunkt. Der Originalverlag bewirbt den zweiten Teil ausdrücklich als eigenständig lesbar, und auch Leserstimmen zum Original bestätigen, dass man ohne Vorkenntnisse gut hineinfindet. Wer den ersten Band kennt, trifft auf vertraute Schauplätze, verpasst ohne ihn aber nichts Wesentliches.
Worum es geht
Ivy Pearson hat sich von der Kunsthochschule viel erhofft und wenig bekommen. Nach dem ersten Semester kehrt sie ohne neue Freundschaften, ohne Inspiration und mit einer offenen Semesterarbeit nach Fox Bay zurück. Sie plant ruhige Winterferien und einen Aushilfsjob im Wildest Dreams Bookshop, der inzwischen auch Gästezimmer vermietet. Doch der verschlafene Ort hat sich zum Touristenziel entwickelt. Über dem Laden quartieren sich zwei Amerikaner ein: Trip Wakefield, ein Frühaufsteher von geradezu provozierender Fröhlichkeit, und seine deutlich reserviertere Schwester Brooke.
Trip möchte, dass Ivy ihm die Gegend zeigt. Ivy hält ihre Heimat dagegen für denkbar unspektakulär. Als die beiden dann auch noch gemeinsam bei der Schulaufführung von Ivys kleiner Schwester einspringen sollen, ist die Konstellation komplett. Mehr muss man über die Handlung nicht wissen: Wohin sich diese Grumpy-trifft-Sunshine-Geschichte bewegt, ahnen Genrekenner ohnehin. Spannend ist eher, wie Page dorthin kommt.
Die Stärke: eine Liebesgeschichte über kreative Blockaden
Das Interessanteste an diesem Roman ist nicht die Romanze, sondern Ivys Krise. Page erzählt von einer jungen Frau, die mit großen Erwartungen ins Studium gegangen ist und an der Realität erst einmal scheitert. Das Gefühl, als Einzige nicht anzukommen, während die beste Freundin Raye in Glasgow scheinbar mühelos ein neues Leben samt neuer Freundin beginnt, dürfte viele Leserinnen und Leser im Übergang von Schule zu Studium oder Ausbildung direkt ansprechen. Darin liegt der eigentliche Mehrwert des Buchs gegenüber vielen austauschbaren Weihnachtsromanzen.
Klug ist die Verbindung beider Ebenen: Indem Ivy Fox Bay durch die Augen eines Fremden sieht, lernt sie ihren Ort neu kennen – und findet zugleich einen Zugang zu ihrer Kunst zurück. Die US-Fachzeitschrift Kirkus Reviews hebt genau diese Entwicklung als emotionales Zentrum hervor und nennt das Buch mitreißend und ermutigend. Auch Trip ist, wie sich nach und nach zeigt, mehr als die Sonnenschein-Schablone, als die er eingeführt wird. Hinter seiner Dauerheiterkeit verbirgt sich eigener Kummer, der der Geschichte etwas Gewicht verleiht, ohne sie zu verdüstern.
Atmosphärisch spielt die Reihe ihre bewährte Karte aus. Fox Bay mit seinem eigenwilligen Buchladen, den Nachbarn und dem Wintertourismus wirkt in vielen Leserstimmen fast wie eine eigene Figur. Der Ton bleibt leicht und humorvoll, die Romanze zurückhaltend: Explizite Szenen gibt es nicht, was das Buch auch für jüngere Teenager unproblematisch macht.
Die Schwächen: wenig Schnee, viel Geduld
Bei aller Wärme hat der Roman erkennbare Schwachstellen, und sie decken sich mit den häufigsten Einwänden englischsprachiger Leser. Auf Goodreads liegt das Original mit rund 3,4 von 5 Sternen spürbar unter dem ersten Band, die meisten Bewertungen vergeben drei Sterne.
Der wichtigste Punkt betrifft die Heldin selbst. Ivys Abwehrhaltung ist für die Geschichte notwendig, doch wer mit mürrischen, urteilsfreudigen Hauptfiguren wenig anfangen kann, wird mit ihr lange fremdeln. Weil Trip als Gegenpol zunächst sehr eindimensional positiv angelegt ist, fehlt der Dynamik in der ersten Hälfte die Reibung auf Augenhöhe. Das Prinzip Grumpy trifft Sunshine lebt von Funken – hier glimmen sie lange nur.
Das hängt mit der Slow-Burn-Anlage zusammen, die der Verlag offensiv bewirbt. Wer ein langsames Annähern schätzt, ist hier richtig. Wer aber auf intensive Gespräche und spürbare Chemie hofft, dürfte die Romanze zu verhalten finden. Hinzu kommt eine gewisse Zerfaserung: Kunstprojekt, Schulaufführung, Stadtführungen, Familie, Freundschaft und Brookes eigene Rolle konkurrieren um Raum, und der titelgebende Buchladen tritt dabei stärker in den Hintergrund, als man erwarten würde.
Ein Ärgernis des Originals betrifft die deutsche Ausgabe übrigens nicht: Viele englischsprachige Leser monierten, dass „Snowed in“ zu viel verspreche, weil weder nennenswert Schnee fällt noch jemand eingeschneit wird. Der deutsche Titel „Winter at …“ ist hier ehrlicher. Wer allerdings eine durchgängig weihnachtliche Kulisse mit Lichterketten und Glühwein erwartet, sollte die Erwartungen dennoch etwas zurückschrauben – die Wintersaison ist eher Rahmen als Hauptdarsteller.
Einordnung im Genre
Der Verlag vergleicht die Reihe mit Jenny Han und Lynn Painter, und in der Zielgruppe ist der Vergleich nachvollziehbar: Auch hier geht es um junge Liebe mit viel Herz und wenig Drama. Wer allerdings den Schlagabtausch und das Tempo erwartet, mit denen Painter ihre Romcoms antreibt, wird hier nach allem, was Leserstimmen zum Original berichten, eher enttäuscht. Pages Stärke liegt im Gemütlichen und im Gemeinschaftsgefühl eines kleinen Ortes. Damit steht „Winter at the Wildest Dreams Bookshop“ näher am Wohlfühlroman als an der temporeichen Romantic Comedy. Für Leserinnen und Leser, die gerade den Schritt aus dem Elternhaus erleben, ist zudem das Thema des Scheiterns im ersten Studienjahr ein echter Anknüpfungspunkt.
Fazit: Für wen lohnt sich die winterliche Buchladen-Romance?
„Winter at the Wildest Dreams Bookshop“ ist kein Genre-Highlight, aber ein solider, warmherziger Jugendroman mit einem überraschend nachvollziehbaren Kern. Seine Stärke liegt weniger in der Liebesgeschichte als in Ivys Weg zurück zu sich selbst und zu ihrer Kunst. Die Schwächen – eine anstrengende Heldin, eine sehr langsame Romanze und eine etwas zerstreute Handlung – fallen umso mehr ins Gewicht, je höher die Erwartungen an Knistern und Tempo sind.
Lesen Sie das Buch, wenn Sie (oder die Teenager, für die Sie ein Geschenk suchen) ab etwa 14 Jahren Cosy-Settings, Kleinstadtflair und ruhig erzählte Liebesgeschichten ohne explizite Szenen mögen, wenn Ihnen der erste Band gefallen hat oder wenn Sie sich in einer Figur wiedererkennen möchten, deren Neuanfang holpert. Weniger geeignet ist der Roman für alle, die eine spritzige Romcom mit schlagfertigen Wortgefechten, eine durchgehend weihnachtliche Kulisse oder eine Hauptfigur zum sofortigen Mögen suchen. Erwachsene Romance-Leser finden im Genre intensivere Alternativen; als leichte Lektüre für dunkle Nachmittage erfüllt das Buch seinen Zweck dennoch zuverlässig.
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