Wisława Szymborska: Die wichtigsten Bücher und Gedichtbände auf Deutsch – womit anfangen?

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Wisława Szymborska gehört zu den wenigen Lyrikerinnen, deren Bücher auch Menschen im Regal stehen haben, die sonst kaum Gedichte lesen. Die Polin, 1923 geboren und 2012 gestorben, erhielt 1996 den Literaturnobelpreis und schrieb Verse, die mit Witz, Neugier und großer Präzision auf die Welt schauen. Ihre Gedichte kommen ohne Pathos aus, stellen lieber Fragen, als Antworten zu verkünden, und sind trotzdem oft tief berührend.

Wer auf Deutsch einsteigen will, steht allerdings vor einer kleinen Hürde: Es gibt Auswahlbände, Einzelbände, eine zweisprachige Ausgabe, eine Gesamtausgabe – und dazu Prosa und eine Biografie. Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Titel und hilft Ihnen, den richtigen Anfang zu finden, ohne versehentlich dieselben Gedichte zweimal zu kaufen.

Szymborska auf Deutsch: die Übersetzer

Dass Szymborska im deutschsprachigen Raum so bekannt ist, verdankt sie zu einem großen Teil Karl Dedecius. Der Übersetzer, Freund und langjährige Vermittler polnischer Literatur hat den Großteil ihrer Gedichte übertragen und die frühen Auswahlbände zusammengestellt. In den späteren Jahren kam Renate Schmidgall hinzu, die an den letzten Gedichten mitarbeitete und auch Szymborskas Prosa ins Deutsche gebracht hat. Fast alle hier vorgestellten Bücher sind bei Suhrkamp erschienen.

Alle Bücher auf einen Blick

TitelArtErschienenSeitenGut für
Hundert FreudenAuswahl 1945–1986Suhrkamp 1996223den Einstieg
Gesammelte GedichteGesamtausgabeSuhrkamp 2023444das ganze Werk
Auf Wiedersehn, bis morgenAuswahlSuhrkamp 1998 (zuerst 1995)75einen schmalen zweiten Band
Der AugenblickGedichtband, zweisprachigSuhrkamp 2005106Leser mit Interesse am Original
Glückliche Liebe und andere GedichteLetzte Gedichte 2005–2011Suhrkamp 201299das Spätwerk
Sie sollten dringend den Kugelschreiber wechselnProsaSuhrkamp 2023151Humor und Schreibende
Nichts kommt zweimal vorBiografie von Marta KijowskaSchöffling 2023316Leben und Zeit

Womit anfangen? Die kurze Antwort

Beginnen Sie mit „Hundert Freuden“. Wenn Sie danach mehr wollen, greifen Sie direkt zu den „Gesammelten Gedichten“ – damit haben Sie alles, was an Lyrik von Szymborska auf Deutsch vorliegt. Die Einzelbände lohnen sich vor allem, wenn Sie lieber schmale Bücher lesen, das polnische Original sehen möchten oder einen bestimmten Werkabschnitt suchen. Prosa und Biografie ergänzen beides.

Der Einstieg: „Hundert Freuden“

Wisława Szymborska: Hundert Freuden

Diese Auswahl ist seit Jahrzehnten der klassische Weg zu Szymborska. Karl Dedecius hat darin Gedichte aus gut vier Jahrzehnten versammelt, von 1945 bis 1986. Der Band zeigt also nicht nur einzelne Höhepunkte, sondern auch, wie sich die Dichterin über die Zeit entwickelt hat – von den frühen Texten der Nachkriegsjahre bis zu den Gedichten ihrer reifen Jahre.

Für den Anfang ist das ideal. Auf rund 220 Seiten lernen Sie den typischen Szymborska-Ton kennen: die Ironie, die nie zynisch wird, das Staunen über scheinbar Selbstverständliches und die Genauigkeit, mit der sie auf kleine Dinge blickt. Das Buch ist kompakt, günstig und gut zum Blättern geeignet. Sie müssen es nicht von vorn bis hinten lesen, um etwas davon zu haben.

Für wen? Für alle, die Szymborska noch nicht kennen und erst einmal herausfinden wollen, ob diese Art von Lyrik zu ihnen passt.

Das Standardwerk: „Gesammelte Gedichte“

Wisława Szymborska: Gesammelte Gedichte

Zum 100. Geburtstag der Dichterin im Jahr 2023 hat Suhrkamp alle auf Deutsch veröffentlichten Gedichte in einem Band zusammengeführt. Er reicht vom ersten Gedicht aus dem Jahr 1945 bis zu ihrem letzten Band, den sie kurz vor ihrem Tod noch mitgeplant hatte. Die Übersetzungen stammen von Karl Dedecius und Renate Schmidgall.

Wichtig vor dem Kauf: Was steckt schon drin?

Die „Gesammelten Gedichte“ enthalten die Gedichte aller weiteren Lyrikbände dieser Liste. Das gilt für die Auswahlbände „Hundert Freuden“ und „Auf Wiedersehn, bis morgen“ ebenso wie für „Der Augenblick“ und „Glückliche Liebe“. Wer die Gesamtausgabe besitzt, braucht die Einzelbände also nicht, um die Gedichte zu lesen. Eine Ausnahme ist der Wunsch nach dem polnischen Originaltext: Der steht nur in der zweisprachigen Ausgabe von „Der Augenblick“.

Ob Sie zuerst „Hundert Freuden“ kaufen oder gleich zur Gesamtausgabe greifen, ist daher eine Frage des Temperaments. Die Auswahl ist leichter und lädt eher zum Hineinlesen ein. Die Gesamtausgabe ist die sinnvollere Anschaffung, wenn Sie schon wissen, dass Sie Szymborska mögen, oder wenn das Buch ein Geschenk für jemanden ist, der Lyrik liebt.

Für wen? Für alle, die nach dem ersten Eindruck das gesamte Werk wollen – und für Leser, die nur ein einziges Szymborska-Buch im Regal haben möchten.

Die Einzelbände: schmal, gezielt, besonders

Wenn Ihnen ein dicker Band zu schwer in der Hand liegt oder Sie eine bestimmte Phase ihres Werks kennenlernen wollen, sind die Einzelbände eine gute Wahl. Inhaltlich überschneiden sie sich mit der Gesamtausgabe, doch jeder setzt einen eigenen Akzent.

„Auf Wiedersehn, bis morgen“: der schlanke Zweitband

Wisława Szymborska: Auf Wiedersehn, bis morgen

Auch dieser Band geht auf Karl Dedecius zurück, der die Gedichte ausgewählt und übertragen hat. Er erschien erstmals 1995, also kurz bevor Szymborska den Nobelpreis erhielt; die Taschenbuchausgabe folgte 1998. Mit 75 Seiten ist er das schmalste Buch in dieser Übersicht.

Neben „Hundert Freuden“ zeigt er die Dichterin in einer anders zusammengestellten Auswahl. Das macht ihn zu einer guten Ergänzung, wenn Ihnen der erste Band gefallen hat, Sie sich aber noch nicht auf die Gesamtausgabe festlegen möchten. Wegen des geringen Umfangs eignet er sich auch als kleines Mitbringsel.

„Der Augenblick“: zweisprachig lesen

Wisława Szymborska: Der Augenblick

Nach dem Nobelpreis ließ sich Szymborska Zeit mit neuen Gedichten. „Chwila“, auf Deutsch „Der Augenblick“, war ihr erster Gedichtband danach. Die deutsche Ausgabe von 2005 ergänzt ihn um weitere neue Gedichte und stellt den polnischen Text und die Übertragung von Karl Dedecius nebeneinander.

Gerade das macht den Band interessant. Auch ohne Polnischkenntnisse lässt sich am Original ablesen, wie die Gedichte gebaut sind, wie lang die Zeilen sind und wo die Übersetzung andere Wege gehen musste. Wer Polnisch lernt oder spricht, kann ohnehin direkt vergleichen. Für reine Lektüre auf Deutsch ist der Band verzichtbar, wenn Sie die Gesamtausgabe haben.

„Glückliche Liebe und andere Gedichte“: das Vermächtnis

Wisława Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte

Dieser Band versammelt Gedichte aus den Jahren 2005 bis 2011. Szymborska hat ihn noch selbst mitgeplant, erschienen ist er 2012, im Jahr ihres Todes. So wurde er zu ihrem letzten Wort als Dichterin. Übersetzt haben ihn Renate Schmidgall und Karl Dedecius gemeinsam.

Die Kritik, etwa in der „Zeit“ und der „NZZ“, hob hervor, wie listig und zugleich einfach diese späten Gedichte sind und dass sie eher fragen, als zu behaupten. Das passt zu dem, was Szymborska über ihr ganzes Leben ausgezeichnet hat: Der neugierige, beinahe kindliche Blick auf das Leben bleibt bis zum Schluss erhalten. Wenn Sie wissen wollen, wo die Dichterin am Ende angekommen ist, lesen Sie diesen Band – gern auch nach „Hundert Freuden“, um den Bogen über das ganze Leben zu sehen.

Szymborska in Prosa: „Sie sollten dringend den Kugelschreiber wechseln“

Wisława Szymborska: Sie sollten dringend den Kugelschreiber wechseln

Dieses Buch ist der vielleicht überraschendste Titel der Liste und unser besonderer Tipp. Regelmäßig beantwortete Szymborska in der polnischen Wochenzeitschrift „Literarisches Leben“ die Zuschriften von Menschen, die selbst schreiben wollten. Sie nahm Stellung zu eingesandten Manuskripten und gab Rat aus ihrer eigenen Erfahrung als Leserin und Autorin.

Die gesammelten Antworten, übersetzt von Renate Schmidgall und 2023 bei Suhrkamp erschienen, zeigen ihren Humor von einer ganz anderen Seite: pointiert, heiter und mit viel Selbstironie, denn die Tücken des Literaturbetriebs kannte sie aus eigener Erfahrung. Der Untertitel „Anregungen für angehende Literaten“ ist dabei durchaus ernst gemeint. Wer selbst Gedichte oder Geschichten schreibt, findet hier manchen nützlichen Hinweis.

Für wen? Für alle, die Szymborska von ihrer heiteren Seite kennenlernen möchten, für Schreibende und als Geschenk für Menschen, die mit Lyrik sonst wenig anfangen können.

Die Biografie: „Nichts kommt zweimal vor“ von Marta Kijowska

Marta Kijowska: Nichts kommt zweimal vor

Mit diesem Buch legte Marta Kijowska 2023 die erste deutschsprachige Biografie der Dichterin vor. Sie erzählt von einer Kindheit auf einem Landgut bei Posen, vom Umzug der Familie nach Krakau und von einem Leben, das die großen Brüche des 20. Jahrhunderts durchlief: Krieg und Besatzung, die kommunistische Herrschaft, die Solidarność-Bewegung und schließlich der Nobelpreis, der die zurückhaltende Dichterin 1996 auf einen Schlag weltberühmt machte.

Kijowska beschreibt nicht nur die Lebensstationen, sondern auch, wie sich die Zeitgeschichte auf Szymborskas Gedichte und ihre Beziehungen ausgewirkt hat. Dazu kommt die private Seite einer Frau, die in der Öffentlichkeit eher verschlossen wirkte, unter Freunden aber aufblühte und Spaß an Limericks und Scherzen hatte. Die Biografie umfasst gut 300 Seiten und ist bei Schöffling & Co. erschienen.

Für wen? Für alle, die die Gedichte besser verstehen wollen, indem sie wissen, wann und unter welchen Umständen sie entstanden sind. Die Biografie lässt sich gut parallel zu den „Gesammelten Gedichten“ lesen.

Unsere Empfehlung in drei Schritten

  1. Kennenlernen: „Hundert Freuden“ zeigt Ihnen in kompakter Form, wie Szymborska klingt.
  2. Vertiefen: Die „Gesammelten Gedichte“ bieten das gesamte lyrische Werk auf Deutsch. Damit sind die Einzelbände inhaltlich abgedeckt – nur die zweisprachige Ausgabe „Der Augenblick“ bietet zusätzlich das polnische Original.
  3. Ergänzen: Mit den Briefkasten-Antworten lernen Sie die humorvolle Prosaautorin kennen, mit Marta Kijowskas Biografie den Menschen und die Zeit hinter den Gedichten.

Wer lieber schmale Bücher liest, kann statt der Gesamtausgabe auch den Weg über die Einzelbände gehen: von „Auf Wiedersehn, bis morgen“ über „Der Augenblick“ bis zu „Glückliche Liebe“, dem letzten Band. So folgen Sie Szymborska Schritt für Schritt bis zu ihren letzten Gedichten.

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