„Unwucht“ von Sarah Elena Müller: Rezension – für wen lohnt sich der Roman?

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Mit ihrem Debüt „Bild ohne Mädchen“ (2023) stand Sarah Elena Müller bereits auf der Nominiertenliste des Schweizer Buchpreises. Ihr zweiter Roman „Unwucht“, im August 2026 im Zürcher Limmat Verlag erschienen, hat es dort wieder auf die Shortlist geschafft; auf der SRF-Bestenliste stand er im Oktober auf Platz 1. Die Erwartungen sind also hoch. Erfüllt das Buch sie – und wem ist es zu empfehlen?

Sarah Elena Müller, Unwucht

Worum es in „Unwucht“ geht

Alice und Rio haben sich im Kunststudium kennengelernt. Aus beiden ist nicht geworden, was sie sich vielleicht einmal erhofft hatten. Alice kellnert, schreibt an Liebesliedern, die nie fertig werden, und hält mit einem rostigen Fiat den Rest an Normalität aufrecht. Rio ist drogenabhängig, dealt, verschwindet tagelang, landet im Gefängnis. Alice wartet, sucht, hofft – sieben Jahre lang, zwischen heruntergekommenen Wohnungen, Raves, Sozialamt und Besuchszimmer. Erst als Freundinnen eingreifen, gelingt die Trennung.

Das ist allerdings nur die eine Hälfte des Romans. Die andere spielt sieben Jahre später: Alice steht vor Rios Tür, weil sie über die gemeinsame Zeit ein Buch schreibt und mit ihm darüber reden will. Rio ist inzwischen clean, aber wenig begeistert davon, als Figur in ihrem Text zu enden. Beide Zeitebenen wechseln sich ab, unterbrochen von Traumsequenzen und Erinnerungssplittern. Was davon tatsächlich geschehen ist und was Alice zuspitzt, umdeutet oder erfindet, bleibt bewusst in der Schwebe.

Eine Liebesgeschichte, vom Ende her erzählt

Sarah Elena Müller hat ihr Buch selbst einen Liebesroman genannt, der vom Ende her erzählt wird. Das trifft es gut. Spannung entsteht hier nicht aus der Frage, ob die Beziehung scheitert, sondern daraus, wie lange sie hält und warum. Der Roman zeigt Sucht konsequent aus der Perspektive derjenigen, die daneben steht. Das ist seine erste große Stärke: Rios Abhängigkeit wird weder verklärt noch moralisch verurteilt; im Mittelpunkt stehen ihre Folgen für Alice, die sich in Warten, Geldnot und Rechtfertigungen verliert und dabei nach und nach Freundschaften, Besitz und Selbstachtung einbüßt.

Bemerkenswert ist, wie genau das Umfeld gezeichnet ist. Rios Mutter etwa, die Alice als Informationsquelle über den Sohn benutzt und ihr damit zusätzliche Verantwortung aufbürdet, ist keine Nebenfigur zum Abhaken, sondern Teil eines Systems, in dem jeder an jemandem zerrt. Auch die Behörden, Vermieter und Gerichte, die über das Leben der beiden entscheiden, gehören zu diesem Geflecht. „Unwucht“ ist damit auch ein Roman über Prekariat und über die Einsamkeit, die entsteht, wenn alle mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt sind.

Wem gehört die gemeinsame Geschichte?

Die zweite Zeitebene macht aus dem Beziehungsroman einen Roman über das Erzählen. Alice hat die Deutungsmacht: Sie entscheidet, was in ihrem Text steht und wie Rio darin erscheint. Rio wehrt sich dagegen, dass ihre Version zu seiner endgültigen werden könnte. Alice hält dagegen, dass ihr Buch ihm weniger antun kann, als jene Jahre ihr angetan haben. Beide haben auf ihre Weise recht, und der Roman entscheidet diesen Streit nicht.

Das ist klug, denn so stellt Müller Fragen, die über ihre beiden Figuren hinausreichen: Darf man über reale Menschen schreiben, die man geliebt hat? Wird eine Erinnerung durch das Aufschreiben wahrer – oder nur fester? Müller arbeitet seit 2024 in einem Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds zu Autofiktion und Bewusstsein, und diese Beschäftigung ist dem Buch anzumerken.

Genau hier liegt aber auch der Punkt, an dem sich die Kritik geteilt hat. Die Meta-Ebene nimmt der Beziehungsgeschichte gelegentlich Wucht. Wo die Rückblenden durch Rausch, Gewalt und Abhängigkeit eine fast körperliche Dringlichkeit entwickeln, wirken die Gespräche in der Gegenwart mitunter wie eine Versuchsanordnung, die das Thema Autofiktion eher vorführt als erzählt. Diesen Einwand teilen wir: Der Roman will viel, und nicht jede seiner Ebenen trägt gleich schwer – was zum Titel passt, aber nicht immer zum Lesefluss beiträgt.

Sprache mit Eigensinn und trockenem Humor

Was „Unwucht“ über das Thema hinaus auszeichnet, ist die Sprache. Müller, die auch als Musikerin und Performancekünstlerin arbeitet, schreibt rhythmisch, mit Wiederholungen, Alliterationen und unerwarteten Wortverbindungen. Alice und Rio pflegen eine Art Privatsprache, in der Dinge Tarnnamen tragen und in der sich beide als „Halbkatzen“ sehen; Anleihen bei Kinderbüchern wie „Pu der Bär“ gehören ausdrücklich zu den Bezugspunkten der Autorin. Das verleiht der Geschichte etwas Traumartiges, das in reizvollem Kontrast zur Härte des Stoffs steht.

Dazu kommt ein Humor, den man bei diesem Thema nicht erwarten würde. Die Inspektion des maroden Fiats in der Werkstatt, eine Waldparty voller exzentrischer Gestalten oder eine Badeszene am Fluss, die eine unerwartete Wendung nimmt, sind Kabinettstücke trockener Situationskomik. Der Witz dient dabei nicht der Entlastung: Er schafft Abstand, ohne die Beklemmung aufzulösen. Und der Fiat mit seinen ungleich belasteten Rädern ist mehr als Requisit. In ihm verdichtet sich das Leitmotiv des Buchs – eine Beziehung, in der das Gewicht nie gleich verteilt ist.

Allerdings ist die Symbolik an manchen Stellen deutlich gesetzt: Gewichte, Waagen, Ungleichgewichte tauchen so häufig auf, dass man die Konstruktion durchschimmern sieht. Und nicht jede Alltagsszene ist so dicht wie die besten; mitunter verliert sich der Text in Nebensächlichkeiten, die das Tempo drosseln.

Anspruchsvoll gebaut

„Unwucht“ ist kein Buch zum schnellen Weglesen. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen, die Traumpassagen und die collageartige Struktur verlangen Aufmerksamkeit; nicht immer ist sofort klar, wo und wann man sich gerade befindet. Das ist gewollt – eine Erzählerin, die ihrer eigenen Erinnerung misstraut, schreibt keinen linearen Bericht –, macht die Lektüre aber fordernd. Hinzu kommen Szenen von Gewalt, auch sexueller Art, die nicht abgefedert werden. Wer empfindlich auf solche Inhalte reagiert, sollte das wissen.

Eine Frage lässt der Roman offen, die man ihm vorhalten kann: Warum bleibt eine so wache, selbstironische Frau wie Alice so lange? Müller verzichtet auf Psychologisierung, und das ist meist eine Stärke, weil keine der Figuren auf eine Diagnose reduziert wird. An dieser Stelle hätte man sich dennoch etwas mehr Einblick gewünscht. Die Abhängigkeit, die Alice von der Liebe selbst hat, ist angedeutet, aber nicht ganz ausgeleuchtet.

Einordnung: Zweitling mit eigenem Ton

„Unwucht“ ist ein eigenständiger Roman, keine Fortsetzung; Vorkenntnisse sind nicht nötig. Mit dem Debüt verbindet ihn das Interesse an Machtgefällen und an Gewalt, die sich im Verborgenen abspielt. Erzählte „Bild ohne Mädchen“ von Missbrauch aus der Sicht eines Kindes, ist der neue Roman schneller, direkter und bösartiger im Ton. Hervorgegangen ist er aus einem Text über eine Beziehung im Bann der Sucht, mit dem die 1990 geborene Autorin, die in Bern-Bümpliz lebt, 2024 beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt antrat.

Im Feld der Schweizer Buchpreis-Shortlist, auf der unter anderem Lukas Bärfuss und Yael Inokai stehen, gehört „Unwucht“ zu den sprachlich eigenwilligsten Titeln. Ob er gewinnt, entscheidet sich am 15. November 2026 in Basel.

Fazit: Für wen lohnt sich „Unwucht“?

„Unwucht“ ist ein sprachlich herausragender, komischer und schmerzhafter Roman über eine Liebe unter dem Einfluss der Sucht und über die Macht dessen, der die Geschichte aufschreibt. Seine Stärken liegen in der unverwechselbaren Sprache, im genauen Blick auf Co-Abhängigkeit und Prekariat und in der Weigerung, über die Figuren zu urteilen. Seine Schwächen sind die Kehrseite des Ehrgeizes: Die Meta-Ebene wirkt stellenweise konstruiert, die Symbolik ist mitunter zu deutlich, und das Erzähltempo leidet an einigen Stellen unter Nebensächlichkeiten.

Lohnend ist der Roman für Leser anspruchsvoller Gegenwartsliteratur, die sprachlich ungewöhnliche Texte schätzen und sich gern auf Erzählungen einlassen, denen man nicht ganz trauen kann. Wer sich für Autofiktion und die Frage interessiert, wie viel Wahrheit Erinnerung verträgt, findet hier reichlich Stoff, ebenso Leser, die selbst erlebt haben, wie Sucht eine Beziehung und ihr Umfeld verändert. Für Lesekreise bietet das Buch viel Diskussionsstoff, gerade weil es keine eindeutigen Antworten gibt.

Weniger geeignet ist „Unwucht“ für alle, die eine geradlinige Liebesgeschichte, eine klare Handlung oder ein versöhnliches Ende suchen. Wer jedoch bereit ist, langsam zu lesen, wird mit einem der eigenständigsten deutschsprachigen Romane dieses Herbstes belohnt.

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