Am 6. Oktober 2008 bat Islands Ministerpräsident Geir H. Haarde im Fernsehen Gott um seinen Segen für das Land. Am selben Tag zieht in Halldór Armands Roman ein Müllmann eine menschliche Nase aus der Tonne einer Villa. Besser lässt sich kaum zusammenfassen, worauf „Important Trash“ hinauswill: Während oben die Milliarden verschwinden, kommt unten der Abfall der Reichen an. Das isländische Original „Mikilvægt rusl“, wörtlich etwa „wichtiger Müll“, erschien 2024; seit September 2026 liegt das Buch in der Übersetzung von Freyja Melsted bei HarperCollins vor, als Klappenbroschur von gut 250 Seiten. Lohnt sich der Island-Thriller? Ja, allerdings vor allem dann, wenn Sie gar keinen Thriller suchen.

Ein Fund, für den sich niemand interessiert
Die Prämisse ist schnell erzählt. Gómur Barðdal fährt für die Müllabfuhr von Reykjavík, die Nase findet er im noblen Viertel Þingholt. Die Polizei hat in diesen Tagen andere Sorgen, also forscht er gemeinsam mit seiner Kollegin Didda selbst nach, wem das Körperteil fehlt. Hinzu kommt sein Cousin Geir, ein glückloser Dichter, der ausgerechnet in jenem Haus als Lyriklehrer anheuert. Mit der Autohändlerin Kata, Gómurs Angebeteter Zipo und einem früheren Gefängniswärter wächst daraus eine Laientruppe, die einer Verschwörung bis in die obersten Kreise des Landes auf die Spur kommt.
Dass ein Lyriklehrer zufällig im verdächtigen Haushalt landet, wäre in einem ernsten Krimi ein Konstruktionsfehler. Hier gehört es zum Programm: Armand baut keinen Mechanismus, in dem jedes Rädchen greifen muss, sondern eine Farce, die vom Zufall und von der Absurdität ihrer Zeit lebt. Eine Giraffe spielt ebenfalls eine Rolle. Mehr sei dazu nicht verraten.
Das Etikett führt in die Irre
Die größte Schwäche der deutschen Ausgabe ist ihre Verpackung. Der Verlag verspricht einen „rasanten Thriller“, der Untertitel „Islands schmutziges Geheimnis“ klingt nach düsterem Nordic Noir. Beides weckt falsche Erwartungen. In Island wurde das Buch als komische Liebes- und Spannungsgeschichte angekündigt, und der Autor selbst stellte es dort als heitere Geschichte vor. Das trifft die Sache vermutlich besser.
Selbst die Kritik ist sich uneins, was sie da vor sich hat. Philipp Seehausen spricht bei WDR 2 von einem „außergewöhnlichen Finanzthriller“, Simone Buchholz laut Verlag in der „Zeit“ von einem „absurd-komischen“ Roman, NDR Kultur von einem Kriminalroman der besonderen Art. Dort ist obendrein von einem Debüt die Rede, doch das trifft höchstens auf den deutschen Markt zu: „Important Trash“ ist Armands fünfter Roman, und hierzulande führt der Verlag bislang nur diesen Titel von ihm.
Aufschlussreich sind die ersten deutschsprachigen Leserstimmen. Sie kreisen auffallend einig um denselben Punkt: Die Ermittlung entwickle sich langsam und werde ständig von anderem unterbrochen, weniger Thriller also als Gesellschaftssatire mit Krimi-Elementen. Das ist kein Mangel des Romans, wohl aber seiner Vermarktung. Wer ihn in dieser Erwartung aufschlägt, dürfte das Buch fairer beurteilen; wer Tempo und Wendungen im Minutentakt sucht, ist bei ihm falsch.
Die Finanzkrise aus der Perspektive der Tonne
Die eigentliche Stärke ist die Idee, und sie ist besser als der Plot, den sie trägt. Armand erzählt den Crash von 2008 nicht aus den Chefetagen, sondern durch die Leute, die buchstäblich hinter den Villen aufräumen und deshalb wissen, was dort weggeworfen wird. Wer in der Gesellschaft als Bodensatz gilt, sieht hier am klarsten; der Clown bekommt die wahren Sätze. Das ist ein altes Muster, aber in diesem Stoff zündet es, weil es den Dünkel gegenüber bestimmten Berufen und den Größenwahn der Finanzbranche im selben Zug trifft.
Der Autor bringt auch die nötige Übung für das Thema mit. In Island ist er als Kolumnist und Radiomoderator bekannt, in seinen Essays nimmt er sich die Marktgesellschaft seines Landes vor. Das merkt man der Stoßrichtung an: Aggressive Bankenwerbung und die Ohnmacht von Kleinanlegern, die nicht durchschauen können, was mit ihrem Geld geschieht, sind Themen dieses Romans, keine Dekoration.
Eine Farce ist für diesen Stoff zudem die passende Form. So vieles an Islands Boomjahren war schon in Wirklichkeit grotesk, dass eine nüchterne Verschwörungsgeschichte ihr gegenüber fast harmlos wirken müsste. Die satirische Übertreibung holt die Ereignisse eher ein, als dass sie sie verzerrt.
Eine Hauptfigur, die das Buch zusammenhält
Gómur ist der große Gewinn des Buchs. Bemerkenswert daran: Auch Leser, denen der Roman insgesamt wenig gibt, nennen ihn als Grund zum Weiterlesen. Ein unerschütterlicher Müllmann, dem niemand etwas zutraut und der dann doch mehr durchschaut als die Entscheidungsträger, ist eine dankbare Figur. Sie verhindert, dass die Satire zynisch wird. Auch der zunächst wenig einnehmende Geir soll im Lauf der Handlung gewinnen.
Beim übrigen Ensemble gehen die Urteile auseinander. Manche loben die liebevolle Zeichnung, eine isländische Leserstimme dagegen sieht bloße Karikaturen, die unter dem pausenlosen Witzeln litten und erst gegen Ende Raum bekämen. Der Einwand ist plausibel: Auf gut 250 Seiten müssen Liebesgeschichte, Verschwörung, Finanzkrise und zahlreiche Abschweifungen unterkommen. Dieser Roman will viel auf einmal, und für feine Charakterstudien bleibt da wenig Platz.
Ein Humor, der sich nicht jedem erschließt
Die entscheidende Frage ist die nach dem Witz, und an ihr scheiden sich die Geister. In Island wie in Deutschland reichen die Reaktionen von herzhaftem Gelächter bis zu offenem Verdruss. Den Anhängern gilt das Buch als willkommene Ausnahme in einer Literatur, der es sonst an Humor fehle, einer zog den Vergleich mit den Filmen der Coen-Brüder heran. Skeptiker stören sich an einer aufgeblähten, wortreichen Erzählweise und einem Humor, den sie kindisch finden; ein Leser dachte kurz an den braven Soldaten Schwejk, musste aber zu selten wirklich lachen. Selbst Wohlgesonnene sprechen von Teenager-Humor. Eine Szene, die in einer isländischen Leserstimme als besonders komisch gilt, handelt von einem rutschigen Boden und Fäkalien.
Sie sollten also wissen, worauf Sie sich einlassen: Armand zielt auf die Finanzelite, schlägt dabei auch unter die Gürtellinie. Das kann befreiend wirken und dem Thema die Feierlichkeit nehmen. Es kann auch ermüden, gerade wenn sich Gags und Exkurse über die Handlung legen. Wir halten das für das eigentliche Risiko des Buchs, denn eine Satire, die auf Dauer mehr albert als trifft, verschenkt ihre Pointe. Werfen Sie deshalb vor dem Kauf einen Blick in die Leseprobe des Verlags: Sie dürfte schnell zeigen, ob dieser Ton der Ihre ist.
Kein Klassiker, aber eine Entdeckung
Steinar Bragis Umschlagsatz, das Buch sei „schon jetzt ein Klassiker“ und die Zukunft der isländischen Literatur, gehört zur Kategorie Werbung. Die Reaktionen in Island fallen freundlich, aber nüchterner aus: Laut Armands Literaturagentur sieht der Morgunblaðið darin seine bisher gelungenste Arbeit. Bei Goodreads steht der Roman nach 164 Bewertungen bei 3,79 von 5 Punkten. Das spricht für einen unterhaltsamen, klugen Spaß, nicht für ein Jahrhundertbuch.
Mit den melancholischen Ermittlern von Arnaldur Indriðason hat „Important Trash“ wenig gemein. Näher steht es dem schwarzen Witz von Hallgrímur Helgasons „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“, nur mit stärkerem Zug zur Gesellschaftskritik. Einer Reihe gehört der Roman nicht an, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Wer die Ereignisse von 2008 grob kennt, dürfte manche Anspielung aber besser einordnen können. Das Hörbuch, gelesen von Caro Scrimali, läuft gut acht Stunden.
Fazit: Für wen lohnt sich „Important Trash“?
Halldór Armand hat weniger einen Thriller geschrieben als eine originelle, derbe und im Kern ernste Satire auf eine Gesellschaft, die den Verstand ans Geld verloren hat. Die Perspektive von unten und die Figur des Gómur tragen weit; die aufgedrehte Komik und die vielen Abschweifungen kosten dagegen Wirkung. Unser Urteil: lesenswert, aber nicht für jeden und nicht wegen der Spannung.
Lohnend ist „Important Trash“ für Leser, die schwarzen, auch groben Humor mögen, sich für die isländische Krise interessieren und einen Krimi eher als Vorwand schätzen, um über Geld, Klasse und Dünkel zu reden. Auch wer nach all den düsteren Skandinavien-Krimis etwas Abwechslung sucht, ist hier gut aufgehoben. Enttäuscht werden dürften dagegen alle, die einen straffen Spannungsbogen oder einen raffinierten Finanzplot erwarten, und alle, denen Klamauk schnell zu viel wird.
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