Lesen wir immer weniger? Was die Zahlen über die Zukunft des Lesens verraten

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Kaum eine Frage wird zur Frankfurter Buchmesse so zuverlässig gestellt wie diese: Lesen wir noch? Die Antwort hängt davon ab, was man misst – gekaufte Bücher, gelesene Minuten, Lesegewohnheiten oder die Fähigkeit, einen Text zu verstehen. Die Zahlen dazu stammen aus sehr unterschiedlichen Quellen, und sie zeigen nicht alle in dieselbe Richtung. Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Erhebungen ein (Stand: Oktober 2026).

Die kurze Antwort

Ja, im Durchschnitt wird in Deutschland weniger gelesen als vor zehn oder zwanzig Jahren, und weniger Menschen kaufen Bücher. Am deutlichsten ist der Rückgang aber nicht beim Lesen als Freizeitbeschäftigung, sondern bei der Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig wachsen einzelne Bereiche: Hörbücher, Bücher für junge Erwachsene, und unter Jugendlichen ist der Anteil regelmäßiger Leser seit Jahren erstaunlich stabil. Das Bild ist eher das einer Spaltung als eines gleichmäßigen Niedergangs.

Weniger Buchkäufer – aber nicht unbedingt weniger Leser

Die meistzitierte Zahl stammt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Laut seinem Bericht „Buchmarkt kompakt 2025/2026“ (pdf-Datei) vom 9. Juli 2026 kauften 2025 rund 25,9 Millionen Menschen in Deutschland mindestens ein Buch. 2020 waren es noch 30,6 Millionen. Gemessen an der Bevölkerung ab zehn Jahren sank der Anteil der Buchkäufer in diesem Zeitraum von 41,1 auf 34,4 Prozent, allein 2025 um 4,9 Prozent. Der Umsatz der Branche ging 2025 um 2,7 Prozent auf geschätzt 9,62 Milliarden Euro zurück.

Zwei Einschränkungen gehören zu diesen Zahlen. Erstens erfasst das zugrunde liegende Verbraucherpanel Käufe, nicht Lektüre: Wer aus der Bibliothek leiht, gebraucht kauft, geschenkte Bücher liest oder ältere Bestände abarbeitet, taucht darin nicht als Leser auf. Schul- und Fachbücher sind ausgeklammert. Zweitens hat der Börsenverein 2025 die Stichprobe angepasst und die Werte rückwirkend bis 2020 neu berechnet; ältere Veröffentlichungen nennen deshalb andere Zahlen.

Innerhalb des schrumpfenden Marktes verschieben sich die Gewichte. Belletristik legte 2025 um 1,2 Prozent zu und macht inzwischen gut 38 Prozent des Umsatzes im Handel aus. Hörbücher wuchsen um 13,2 Prozent, die Zahl der Käufer digitaler Hörbücher stieg von 2,6 Millionen (2020) auf 4,2 Millionen (2025). E-Books dagegen stagnieren bei einem Umsatzanteil von gut sechs Prozent, die Zahl ihrer Käufer sank im selben Zeitraum von 4,1 auf 3,4 Millionen.

Eine zweite, unabhängige Quelle zeigt in dieselbe Richtung: Nach der Markt-Media-Studie „best for planning“, über die die Leipziger Internet Zeitung zur Buchmesse 2026 berichtet, gaben in der Ausgabe 2022 noch 20,0 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren an, häufig Bücher zu lesen, 2025 waren es 18,5 Prozent. 26,0 Prozent sagten, sie griffen nie zu einem Buch.

Weniger Lesezeit: Was die Zeitverwendung zeigt

Wie viel Zeit Menschen tatsächlich mit Lesen verbringen, erhebt das Statistische Bundesamt etwa alle zehn Jahre in der Zeitverwendungserhebung. Teilnehmende ab zehn Jahren führen dafür an drei Tagen ein Tagebuch. Nach der Auswertung, die Destatis im Oktober 2024 veröffentlicht hat, lasen die Menschen 2022 im Schnitt 27 Minuten am Tag, fünf Minuten weniger als 2012/2013. Auf Bücher entfielen davon 12 Minuten, auf Zeitungen 9. Zum Vergleich: Fernsehen und Streaming kamen auf 2 Stunden und 8 Minuten.

Mitgezählt wird gedrucktes wie digitales Lesen in der Freizeit, nicht aber das Lesen in Schule, Ausbildung und Beruf oder das Vorlesen. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen sind groß: Menschen ab 65 lasen 54 Minuten am Tag, 18- bis 29-Jährige nur 11, 30- bis 44-Jährige 13 Minuten. Frauen lasen mit 30 Minuten etwas mehr als Männer mit 24. (Das Amt hat die Ergebnisse im Juni 2025 auf Basis des Zensus 2022 revidiert; die revidierten Werte können geringfügig abweichen.)

Jugendliche: stabiler Kern, einbrechender Kauf

Besonders aufmerksam wird beobachtet, was junge Menschen tun. Hier liefern zwei Quellen ein auf den ersten Blick widersprüchliches Bild.

Beim Börsenverein ist der Einbruch drastisch: Die Zahl der Buchkäufer zwischen 10 und 15 Jahren sank 2025 um 30,6 Prozent, ihre Ausgaben um 23,8 Prozent. Bei den 20- bis 29-Jährigen gingen die Käuferzahlen um 17,8 Prozent zurück, bei den 16- bis 19-Jährigen stiegen sie dagegen um 7,7 Prozent, wie das Börsenblatt aus den Branchenzahlen berichtet. Ein Wachstumsfeld sind Young- und New-Adult-Titel, deren Käuferzahl laut Börsenverein von 3,0 Millionen (2021) auf 4,5 Millionen (2025) stieg.

Die JIM-Studie 2025 (pdf-Datei) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, für die im Juni und Juli 2025 1.200 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren befragt wurden, misst dagegen das Lesen selbst. Demnach lesen 35 Prozent regelmäßig, also täglich oder mehrmals pro Woche, gedruckte Bücher oder Comics, Schullektüre nicht eingerechnet. Dieser Anteil ist laut Studie über die letzten zehn Jahre weitgehend konstant geblieben. 84 Prozent schlagen zumindest selten ein Buch auf. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist deutlich: 42 Prozent der Mädchen lesen regelmäßig, aber nur 28 Prozent der Jungen. Ein Fünftel der Befragten hatte im Jahr 2025 bis zum Befragungszeitpunkt noch kein einziges Buch gelesen.

Beides passt zusammen, wenn man es als Polarisierung liest: Ein stabiler Kern liest viel, ein wachsender Teil gar nicht – und gerade die Jüngsten kaufen deutlich weniger selbst.

Können wir noch lesen? Die Kompetenzfrage

Die schärfsten Befunde betreffen nicht die Lust am Lesen, sondern das Können. Bei der Grundschulstudie IGLU 2021 erreichten 25,4 Prozent der Viertklässler in Deutschland nicht den Mindeststandard im Lesen, 2016 waren es 19 Prozent, 2001 noch 17 Prozent. Der Mittelwert fiel von 539 Punkten (2001) auf 524, wie die Kultusministerkonferenz im Mai 2023 mitteilte.

Bei den 15-Jährigen setzt sich der Trend fort. In der PISA-Runde 2022 konnten laut Stiftung Lesen (pdf-Datei) knapp 26 Prozent der Jugendlichen in Deutschland nur sehr eingeschränkt lesen, fünf Prozentpunkte mehr als 2018. Die am 8. September 2026 vorgestellten Ergebnisse von PISA 2025 zeigen einen weiteren Rückgang: Deutschland kommt im Lesen auf 465 Punkte, knapp über dem OECD-Durchschnitt von 461, und rund ein Drittel der Jugendlichen verfügt nach Angaben des Bundesbildungsministeriums nicht über ausreichende Basiskompetenzen. Die Stiftung Lesen weist darauf hin (pdf-Datei), dass sich dieser Anteil gegenüber 2015 verdoppelt hat und zugleich der Anteil sehr guter Leser von 12 auf 7 Prozent gesunken ist.

Bei Erwachsenen ist die Lage stabil, aber nicht gut: Eine Sonderauswertung der PIAAC-Daten durch die Universität Hamburg, auf die die Stiftung Lesen im September 2025 hinwies (pdf-Datei), kommt auf rund 20 Prozent der 16- bis 65-Jährigen, die nur schlecht lesen und schreiben können – etwa 10,6 Millionen Menschen. Verschlechtert hat sich der Wert nicht.

Die Buchbranche zieht hier eine direkte Linie zu ihren Umsätzen. Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff nannte die „eklatant rückläufige“ Lesekompetenz 2026 neben Konjunktur und Verbraucherunsicherheit als Grund für die sinkenden Zahlen. Das ist plausibel, aber eine Einschätzung, kein gemessener Zusammenhang.

Kein deutscher Sonderweg

Ähnliche Entwicklungen zeigen sich anderswo. In den USA ist der Anteil der Menschen, die an einem gewöhnlichen Tag zum Vergnügen lesen, zwischen 2003 und 2023 um mehr als 40 Prozent gesunken, so eine Studie der University of Florida und des University College London auf Basis von Zeitverwendungsdaten von über 236.000 Personen. Bemerkenswert ist ein Nebenbefund: Wer noch liest, liest sogar etwas länger als früher. Die Forscher deuten das als Polarisierung zwischen Viellesern und Menschen, die ganz aufgehört haben.

In Großbritannien gaben 2025 nur 32,7 Prozent der 8- bis 18-Jährigen an, in ihrer Freizeit gern zu lesen – der niedrigste Wert, seit der National Literacy Trust 2005 mit der Erhebung begann. Täglich lasen 18,7 Prozent. In der Befragung Anfang 2026 stieg der Anteil leicht auf 36,1 Prozent; ob das eine Trendwende ist, lässt sich nach einem Jahr nicht sagen.

Wie die Zahlen gedeutet werden

Über die Bedeutung dieser Befunde wird gestritten. Grob lassen sich drei Positionen unterscheiden.

Die Verlustthese: Wer weniger Bücher liest, übt das konzentrierte, lange Lesen weniger, und genau diese Fähigkeit lässt sich nicht beliebig durch Kurztexte und Videos ersetzen. Gestützt wird das durch Forschung zum Lesen am Bildschirm. Eine Meta-Analyse von Delgado und Kollegen (2018), die die TU München zusammenfasst, über 54 Studien mit mehr als 170.000 Teilnehmenden fand einen kleinen, aber stabilen Verständnisvorteil für Papier – bei Sachtexten und unter Zeitdruck, nicht bei erzählenden Texten. Der Vorteil wuchs über die Jahre eher, als dass „Digital Natives“ ihn ausglichen.

Die Verschiebungsthese: Gelesen wird heute mehr Text als je zuvor, nur eben auf dem Smartphone, in Nachrichten, Foren und Untertiteln. Dazu kommen Hörbücher, deren Umsätze wachsen. Wer ausschließlich gedruckte Bücher zählt, misst danach ein bestimmtes Format, nicht das Lesen an sich. Gegen diese Sicht spricht, dass gerade die Kompetenzstudien Textverständnis und nicht das Medium prüfen – und dort sind die Ergebnisse gesunken.

Die Spaltungsthese: Sowohl die JIM-Studie als auch die US-Daten legen nahe, dass das Lesen nicht überall gleich abnimmt, sondern sich auf eine kleinere, aber sehr lesefreudige Gruppe konzentriert. Herkunft spielt dabei eine große Rolle: Die Stiftung Lesen verweist darauf, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lesekompetenz bei PISA 2025 noch enger geworden ist. Aus dieser Sicht ist das Problem weniger, dass „wir“ weniger lesen, als dass bestimmte Gruppen den Zugang verlieren.

Diese Deutungen schließen sich nicht aus; welche man für die wichtigste hält, ist auch eine Wertungsfrage.

Maryanne Wolf, Schnelles Lesen, langsames Lesen

Wer die Verlustthese in ihrer stärksten Form kennenlernen möchte, findet sie bei der US-amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf. In Schnelles Lesen, langsames Lesen (Penguin Verlag, 2019, 300 Seiten, übersetzt von Susanne Kuhlmann-Krieg) argumentiert sie, dass das Gehirn beim überfliegenden Lesen am Bildschirm anders arbeitet als bei der vertieften Lektüre eines Buchs, und dass Fähigkeiten wie das Durchdenken komplexer Zusammenhänge geübt werden müssen, wenn sie nicht verkümmern sollen. Das Buch ist kein Plädoyer gegen digitale Medien; Wolf wirbt vielmehr dafür, dass Kinder neben dem digitalen Lesen von klein auf das Lesen gedruckter Bücher lernen. Man muss nicht jede Schlussfolgerung teilen, um darin eine gut begründete Gegenposition zur bloßen Formatfrage zu finden.

Was das für die Zukunft des Lesens bedeutet

Prognosen sind aus diesen Zahlen nur mit Vorsicht abzuleiten. Einiges spricht aber dafür, dass sich drei Entwicklungen fortsetzen werden:

  • Der Buchmarkt schrumpft in der Breite, nicht überall. Weniger Käufer insgesamt, aber stabile oder wachsende Segmente wie Belletristik, New Adult und Hörbuch.
  • Lesezeit verlagert sich ins Alter. Ältere lesen deutlich mehr als Jüngere; ob die heutigen 30-Jährigen später ebenso viel lesen werden, ist offen.
  • Die Kompetenzfrage entscheidet mit. Wer nicht flüssig liest, liest selten zum Vergnügen. Ob die Investitionen in Leseförderung, Stiftung Lesen und Buchbranche fordern, die Kurve drehen, werden frühestens die nächsten IGLU- und PISA-Runden zeigen.

„Lesen wir immer weniger?“ lässt sich also mit einem vorsichtigen Ja beantworten – mit dem Zusatz, dass es nicht alle gleichermaßen betrifft. Die Leserschaft wird kleiner und ungleicher verteilt – und derzeit lesen ältere Menschen deutlich mehr als jüngere. Wer liest, liest dafür oft mit großer Hingabe.

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