Kaum ein amerikanischer Autor ist in Deutschland so innig geliebt worden wie Noah Gordon. Der Schriftsteller aus Massachusetts, geboren 1926 und gestorben am 22. November 2021 in Dedham, schrieb seinen größten Erfolg über einen Baderlehrling aus dem mittelalterlichen London. „Der Medicus“ wurde hierzulande zu einem Dauerbrenner der Bestsellerlisten und 2013 von Philipp Stölzl fürs Kino verfilmt. Wer danach mehr von Gordon lesen möchte, stößt allerdings schnell auf eine Frage: Was gehört eigentlich zur Medicus-Reihe – und was nur dem Titel nach?
Die kurze Antwort: Die Medicus-Reihe ist eine Trilogie über die Ärztefamilie Cole. Sie umfasst „Der Medicus“, „Der Schamane“ und „Die Erben des Medicus“. Alle anderen Romane Gordons sind Einzelwerke, auch „Der Medicus von Saragossa“, so sehr der deutsche Titel etwas anderes nahelegt.
Alle Bücher von Noah Gordon im Überblick
Die Tabelle nennt zuerst die drei Bände der Cole-Trilogie, danach die Einzelromane in der Reihenfolge ihrer Originalveröffentlichung und zum Schluss das Kinderbuch. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die jeweils verlinkte deutsche Ausgabe.
| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Original | Seiten | Einordnung |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Der Medicus | The Physician | 1986 | 845 | Medicus-Reihe, Band 1 |
| 2 | Der Schamane | Shaman | 1992 | 703 | Medicus-Reihe, Band 2 |
| 3 | Die Erben des Medicus | Matters of Choice | 1996 | 414 | Medicus-Reihe, Band 3 |
| – | Der Rabbi | The Rabbi | 1965 | 541 | Einzelroman |
| – | Die Klinik | The Death Committee | 1969 | 477 | Einzelroman |
| – | Der Diamant des Salomon | The Jerusalem Diamond | 1979 | 461 | Einzelroman |
| – | Der Medicus von Saragossa | The Last Jew | 2000 | 518 | Einzelroman |
| – | Der Katalane | The Winemaker | 2007 | 510 | Einzelroman |
| – | Tiergeschichten | – | – | 71 | Kinderbuch |
Eine Besonderheit beim dritten Band: In den USA erschien er unter dem Titel „Choices“, die deutsche Übersetzung kam bereits 1995 heraus und damit vor der amerikanischen Ausgabe.
Die Medicus-Reihe: Reihenfolge der Cole-Trilogie
Bei der Trilogie ist die Sache erfreulich einfach. Die Reihenfolge der Veröffentlichung entspricht der Chronologie der Handlung: vom England und Persien des 11. Jahrhunderts über den amerikanischen Mittleren Westen im 19. Jahrhundert bis ins Massachusetts des späteren 20. Jahrhunderts. Verbunden sind die Bände über die Familie Cole, in der sich die Heilkunst über Jahrhunderte vererbt. Eine durchgehende Handlung gibt es dagegen nicht; jeder Roman erzählt seine eigene, abgeschlossene Geschichte mit neuen Hauptfiguren.
Sie können die drei Bücher deshalb auch einzeln lesen. Trotzdem empfiehlt sich der Einstieg mit Band 1: Er ist das Fundament, auf das sich die späteren Coles berufen, und wer Rob J. Cole aus dem ersten Buch kennt, liest die Familiengeschichte in den Nachfolgern mit anderen Augen.
Band 1: Der Medicus

Der Medicus („The Physician“, 1986, deutsch 1987) ist Gordons bekanntestes Werk und der natürliche Startpunkt. Rob J. Cole wächst im London des 11. Jahrhunderts als Waise auf und kommt bei einem umherziehenden Bader unter, der ihn in sein Handwerk einweist. Als sein Lehrmeister stirbt, macht sich Rob auf einen langen und gefährlichen Weg nach Isfahan, wo der große Arzt Avicenna unterrichtet. Seuchen, Hunger und religiöser Hass begleiten ihn auf der Reise.
Der Roman verbindet einen klassischen Entwicklungsweg mit einem breiten Panorama der mittelalterlichen Welt, in der das medizinische Wissen des Orients dem Europas weit voraus ist. Die verlinkte Taschenbuchausgabe bei Heyne hat rund 850 Seiten – planen Sie also einige Leseabende ein.
Band 2: Der Schamane

In Der Schamane („Shaman“, 1992) springt die Familiengeschichte um gut acht Jahrhunderte nach vorn. Ein Nachfahre des ersten Medicus, der ebenfalls Rob J. Cole heißt, kann seine aussichtsreiche Laufbahn in Schottland nicht fortsetzen und wandert nach Amerika aus. Im Tal des Mississippi kauft er Land, das zuvor dem Volk der Sauk gehörte. Die Begegnung mit den Sauk und vor allem mit ihrer Medizinfrau Makwa-ikwa verändert seinen Blick auf das Heilen grundlegend.
Gordon erzählt hier auch von der Gewalt und den Konflikten des jungen Amerika bis in die Zeit des Bürgerkriegs. Wer am ersten Band das Zusammentreffen verschiedener Kulturen und Heiltraditionen mochte, findet dieses Motiv hier in einem völlig neuen Umfeld wieder.
Band 3: Die Erben des Medicus
Die Erben des Medicus („Matters of Choice“, 1996) schließt die Trilogie in der Gegenwart ab und ist mit gut 400 Seiten der schmalste Band. Dr. Roberta J. Cole steckt in einer Ehekrise und kehrt ihrer Stelle an einem großen Bostoner Krankenhaus den Rücken, um auf dem Land in Massachusetts als Ärztin zu arbeiten. Dort lernt sie David Markus kennen, der New York ebenfalls hinter sich gelassen hat, und wird in die Probleme seiner Familie hineingezogen.
Ton und Tempo unterscheiden sich deutlich von den beiden Vorgängern: Statt großer Reisen durch fremde Welten steht ein ruhigeres, persönlicheres Drama im Mittelpunkt. Wer die Coles bis ans Ende begleiten will, sollte diesen Band dennoch nicht auslassen, denn erst hier rundet sich das Bild einer Familie, in der die Medizin über alle Epochen hinweg die Berufung bleibt.
Noah Gordons Einzelromane
Neben der Trilogie hat Gordon mehrere Romane geschrieben, die für sich stehen. Zwischen ihnen gibt es keine Handlungsverbindungen, eine Lesereihenfolge ist also nicht nötig. Wir stellen sie hier nach ihrem Erscheinungsjahr vor, weil sich so gut verfolgen lässt, wie sich der Autor entwickelt hat: vom jüdisch-amerikanischen Familienroman über den Krankenhausroman bis zu den großen historischen Stoffen.
Der Rabbi (1965)

Mit Der Rabbi („The Rabbi“) debütierte Gordon als Romanautor. Auf Deutsch war das Buch zunächst auch unter dem Titel „Ein Haus für den Herrn“ erhältlich. Michael Kind stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie im Amerika der 1920er-Jahre und scheint für eine bürgerliche Karriere vorgesehen. Eine Begegnung mit einem Rabbiner lenkt sein Leben in eine andere Richtung: Er will selbst Rabbiner werden. Dann verliebt er sich in Leslie, eine Christin, die schließlich zum Judentum übertritt. Beide stoßen mit ihrer Verbindung auf Widerstand, nicht zuletzt in Leslies eigener Familie.
Der Roman zeigt, wo Gordon herkommt. Fragen von Glaube, Herkunft und Zugehörigkeit, die später auch seine historischen Bücher prägen, stehen hier bereits im Zentrum, nur eben im Amerika des 20. Jahrhunderts.
Die Klinik (1969)
Die Klinik („The Death Committee“) beweist, dass die Medizin für Gordon schon lange vor dem „Medicus“ ein Lebensthema war. Schauplatz ist ein Bostoner Krankenhaus in den 1960er-Jahren, wo drei junge Chirurgen unter einem gefürchteten Vorgesetzten arbeiten. Als eine junge Patientin nach einer Nierentransplantation unerwartet stirbt, steht die Frage nach Verantwortung im Raum. Das Buch ist ein Krankenhausroman mit Gewicht auf Hierarchien, Ehrgeiz und ärztlicher Moral – ein guter Tipp für alle, die nach der Lektüre von „Die Erben des Medicus“ mehr Medizin in der Gegenwart lesen möchten.
Der Diamant des Salomon (1979)
In Der Diamant des Salomon („The Jerusalem Diamond“) steht der New Yorker Diamantenhändler Harry Hopeman im Mittelpunkt, der zugleich als Gelehrter gilt und in einer Lebenskrise steckt. Ein Auftrag führt ihn nach Jerusalem: Er soll einen alten Edelstein beschaffen, der für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen bedeutsam ist. Die Suche wird für Hopeman zugleich zu einer Begegnung mit der Geschichte seiner eigenen Familie. Der Roman mischt Abenteuerstoff mit der Frage nach Herkunft und eignet sich für Leser, die Gordon von seiner spannungsorientierten Seite kennenlernen wollen.
Der Medicus von Saragossa (2000)

Hier lohnt ein genauer Blick, denn kein anderes Buch Gordons wird so oft falsch eingeordnet. Der Medicus von Saragossa heißt im Original „The Last Jew“ und gehört nicht zur Medicus-Reihe. Die Familie Cole kommt darin nicht vor; der deutsche Titel spielt lediglich auf den großen Erfolg des ersten Romans an.
Erzählt wird von Jona, dem jungen Sohn eines jüdischen Silberschmieds im Spanien des Jahres 1492. Die Inquisition verfolgt die jüdische Bevölkerung, Jona verliert Bruder und Vater und muss sich allein durchs Land schlagen. Nach Jahren auf der Flucht gelangt er nach Saragossa zu einem alten Arzt und entdeckt dort, dass die Heilkunst seine Bestimmung ist.
Wer „Der Medicus“ mochte, wird sich hier dennoch schnell zu Hause fühlen: wieder ein junger Held, der gegen alle Widerstände zur Medizin findet, wieder ein historisches Panorama, in dem religiöse Verfolgung eine zentrale Rolle spielt. Lesen Sie das Buch also gern im Anschluss an die Trilogie, nur eben als eigenständigen Roman.
Der Katalane (2007)
Der Katalane („The Winemaker“; zuerst 2007 auf Spanisch als „La Bodega“ erschienen, deutsch 2008) ist Gordons letzter Roman. Josep hat einen Mord beobachtet und sich deshalb jahrelang in Frankreich verborgen gehalten. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kehrt er in sein Dorf in Katalonien zurück, um auf dem Familiengut eigenen Wein anzubauen. Doch die Rebstöcke sind in schlechtem Zustand, der Bruder verlangt viel Geld für den Hof, und die Vergangenheit lässt Josep nicht los. Zusammen mit Maria, der Frau an seiner Seite, kämpft er um seinen Neuanfang.
Ausnahmsweise steht hier nicht die Medizin im Zentrum, sondern der Weinbau. Wer Gordons Gespür für Handwerk, Landschaft und Familienbindungen schätzt, kommt trotzdem auf seine Kosten.
Zum Vorlesen: Tiergeschichten

Ganz aus der Reihe fällt Tiergeschichten, Gordons einziges Kinderbuch. Die deutsche Erstausgabe erschien 2004 bei cbj, verlinkt ist eine spätere Taschenbuchausgabe mit gut 70 Seiten. Die kurzen Geschichten handeln von Wildtieren, denen man im Alltag begegnen kann: einer Fuchsfamilie im Winter, einer Schildkröte im Garten, Zugvögeln und weiteren Tieren. Reinhard Michl hat das Buch farbig illustriert. Es eignet sich als Vorlesebuch für Familien und ist für Gordon-Fans eine hübsche Ergänzung, die den Autor von einer unerwartet leisen Seite zeigt.
Häufige Fragen zur Medicus-Reihe
Wie viele Bände hat die Medicus-Reihe?
Drei: „Der Medicus“, „Der Schamane“ und „Die Erben des Medicus“. Gemeinsam bilden sie die Trilogie über die Ärztefamilie Cole.
Gehört „Der Medicus von Saragossa“ zur Reihe?
Nein. Der Roman ist ein eigenständiges Werk mit eigenen Figuren, das im Spanien der Inquisition spielt. Der deutsche Titel erinnert lediglich an den ersten Medicus-Roman.
Muss ich die Trilogie der Reihe nach lesen?
Zwingend ist das nicht, denn jeder Band erzählt eine abgeschlossene Geschichte. Da Veröffentlichung und Handlung aber in derselben Reihenfolge verlaufen und die späteren Bände auf die Familiengeschichte zurückblicken, ist der Einstieg mit „Der Medicus“ die beste Wahl.
In welcher Reihenfolge lese ich die anderen Romane?
In beliebiger. Zwischen „Der Rabbi“, „Die Klinik“, „Der Diamant des Salomon“, „Der Medicus von Saragossa“ und „Der Katalane“ gibt es keine Verbindungen. Wer Gordons Entwicklung nachvollziehen möchte, folgt den Erscheinungsjahren.
Kurz zusammengefasst: So lesen Sie Noah Gordon
- Medicus-Reihe in dieser Folge: „Der Medicus“, „Der Schamane“, „Die Erben des Medicus“ – Erscheinungs- und Handlungschronologie stimmen überein.
- Saragossa ist kein Band 4: „Der Medicus von Saragossa“ ist ein Einzelroman, passt aber thematisch gut zur Trilogie.
- Einzelromane nach Lust und Laune: Für Medizin in der Gegenwart „Die Klinik“, für Gordons Anfänge „Der Rabbi“, für Abenteuer „Der Diamant des Salomon“, für Spanien und Wein „Der Katalane“.
- Für Kinder: „Tiergeschichten“ zum Vorlesen.
Wer sich unsicher ist, wo er anfangen soll, greift zu „Der Medicus“. Fast alles, was Gordons Werk ausmacht – die Faszination für die Heilkunst, das Aufeinandertreffen von Kulturen und Religionen, Helden auf der Suche nach ihrer Berufung –, steckt bereits in diesem einen Buch.
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