Bei Jaroslav Rudiš kommt man um drei Dinge kaum herum: Züge, Bier und die Geschichte Mitteleuropas. Seit über zwanzig Jahren schreibt der tschechische Autor Romane, Comics, Reisebücher und kurze Prosa, anfangs auf Tschechisch und seit „Winterbergs letzte Reise“ (2019) auf Deutsch. Für Neulinge ist das Werk trotzdem leicht zugänglich, denn eine Reihe im eigentlichen Sinn gibt es nur einmal: die beiden Graphic Novels um den Fahrdienstleiter Alois Nebel. Alle Romane stehen für sich.
Dieser Überblick stellt alle Bücher in der Reihenfolge vor, in der sie ursprünglich erschienen sind. Bei den tschechischen Titeln ist damit das Original gemeint, bei den deutsch geschriebenen die Erstausgabe. Die Übersetzungen kamen zum Teil erst Jahre später heraus.
Alle Bücher von Jaroslav Rudiš auf einen Blick
| Nr. | Titel | Art | Original | Deutsch |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Der Himmel unter Berlin | Roman, Debüt | 2002 | 2004 |
| 2 | Alois Nebel | Graphic Novel, Reihe Band 1 | 2003–2006 | 2012 |
| 3 | Grandhotel | Roman | 2006 | 2008 |
| 4 | Die Stille in Prag | Roman | 2007 | 2012 |
| 5 | Alois Nebel – Leben nach Fahrplan | Graphic Novel, Reihe Band 2 | 2008 | 2013 |
| 6 | Vom Ende des Punks in Helsinki | Roman | 2010 | 2014 |
| 7 | Nationalstraße | Roman | 2013 | 2016 |
| 8 | Der Besuch von Herrn Horváth | Kurzprosa | – | 2018 |
| 9 | Winterbergs letzte Reise | Roman | – | 2019 |
| 10 | Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen | Sachbuch | – | 2021 |
| 11 | Nachtgestalten | Graphic Novel | – | 2021 |
| 12 | Durch den Nebel | Poetikvorlesungen | – | 2022 |
| 13 | Weihnachten in Prag | Illustrierte Erzählung | – | 2023 |
| 14 | Zug um Zug durch Europa | Bildband | – | 2023 |
| 15 | Gleise, die die Welt bedeuten | Anthologie, als Herausgeber | – | 2024 |
| 16 | Gebrauchsanweisung für Bier | Sachbuch | – | 2025 |
| 17 | Wo die Toten sprechen | Roman | – | 2026 |
Womit anfangen? Die kurze Antwort
Weil die Romane nicht aufeinander aufbauen, kann man im Grunde überall einsteigen. Drei Bücher eignen sich aber besonders gut:
- Wenn Sie das Hauptwerk lesen möchten: „Winterbergs letzte Reise“. In diesem Roman laufen alle großen Themen des Autors zusammen, und er ist zugleich sein erstes deutsch geschriebenes Buch.
- Wenn Sie es möglichst leicht haben wollen: „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“. Das Buch über seine größte Leidenschaft kommt ohne Romanhandlung aus und lässt sich gut in Etappen lesen.
- Wenn Sie es kurz mögen: „Grandhotel“. Der schmale Roman zeigt auf rund 200 Seiten, wie komisch und wehmütig Rudiš zugleich schreiben kann.
Nur bei Alois Nebel kommt es auf die Reihenfolge an: Der zweite Band setzt den ersten voraus.
Die tschechischen Jahre: Bands, Bahnhöfe und die Zeit nach der Wende

Der Himmel unter Berlin (2002)
Schon das Debüt, Der Himmel unter Berlin, enthält vieles, was Rudiš später ausbauen wird. Der junge Prager Deutschlehrer Petr lässt sein altes Leben hinter sich und landet in Berlin, genauer gesagt im Untergrund der Stadt. Mit dem musikbesessenen Pancho gründet er eine Band, die sie U-Bahn nennen, und verliebt sich in die Tochter eines Zugführers. Erzählt wird das aus der Ich-Perspektive und mit viel Tempo. Die hier verlinkte Ausgabe ist das btb-Taschenbuch von 2016 mit gut 170 Seiten.
Alois Nebel (2003–2006)

Seine bekannteste Figur hat Rudiš gemeinsam mit dem Zeichner Jaromír 99 erfunden. Alois Nebel erschien in Tschechien zunächst in drei Teilen, die 2006 in einem Band zusammengefasst wurden. Die deutsche Ausgabe von Voland & Quist kam 2012 heraus.
Ende der Achtzigerjahre ist Alois Nebel Fahrdienstleiter in Bílý Potok, einem abgelegenen Grenzdorf im ehemaligen Sudetenland. Ihm sind seine alten Fahrpläne lieber als andere Menschen. Wenn Nebel über dem Bahnhof liegt, sieht er Züge vorbeifahren, die Gespenster aus Weltkrieg, Vertreibung und sowjetischer Besatzung mitbringen. Die Visionen verfolgen ihn bis in ein Sanatorium, wo er einem stummen Fremden begegnet, der ihm schließlich hilft, sich seinen Dämonen zu stellen. Die Graphic Novel ist düster und eindringlich. Tomáš Luňák hat den Stoff als Animationsfilm umgesetzt.
Wichtig: Lesen Sie diesen Band vor „Leben nach Fahrplan“.
Grandhotel (2006)
Grandhotel spielt in dem auffälligen, futuristisch gebauten Hotel auf dem Ještěd, einem Berg im Norden Tschechiens. Dort arbeitet Fleischmann als Hilfskraft für alle Fälle. Er hat ein Faible für Wolken, schreibt unermüdlich Briefe an eine Fernsehmeteorologin und bekommt als Antwort doch nur Autogrammkarten. Die Kellnerin Ilja hat andere Pläne mit ihm: Gemeinsam wollen sie aus der Provinz weg. Der Roman ist melancholisch und warmherzig, aber auch sehr witzig, und genau deshalb eignet er sich gut für alle, die Rudiš auf überschaubarem Raum kennenlernen möchten. Die hier verlinkte Neuausgabe bei Wagenbach (2018) hat gut 200 Seiten.
Die Stille in Prag (2007)
Die Revolutionsjahre, in denen Prag wie eine einzige große Party wirkte, sind in Die Stille in Prag längst vorbei. Rudiš erzählt von fünf Menschen, für die sich an einem späten Sommer alles ändert. Die Geschichten sind episodisch angelegt und ergeben zusammen ein Bild der Stadt, die nach dem Aufbruch ernüchtert ist. Auf Deutsch erschien der Roman 2012, heute ist er als btb-Taschenbuch erhältlich.
Alois Nebel – Leben nach Fahrplan (2008)
Der zweite Nebel-Band, Alois Nebel – Leben nach Fahrplan, schlägt einen ganz anderen Ton an als der erste. Statt Geisterzügen gibt es kurze, heitere Episoden aus der Kneipe am Bahnhof von Bílý Potok. Nebel und seine Freunde machen sich über die Hauptstädter lustig, tauschen zwei junge Fußballer gegen einen polnischen Priester und betreiben Schmuggel. Dazu kommt eine Marienerscheinung, die ausgerechnet das Bahnhofsklo zum Wallfahrtsort macht. Der knapp 100 Seiten starke Band lebt von den Figuren, die man aus dem ersten Teil kennt. Ohne Band 1 fehlt ihm deshalb das Fundament.
Vom Ende des Punks in Helsinki (2010)
Ole ist vierzig, und von seiner Zeit als Punk mit erfolgreicher Band ist ihm nicht viel geblieben außer seiner kleinen Kneipe „Helsinki“ in einer ostdeutschen Großstadt. Als diese schließen muss, fährt er nach Tschechien. Die Reise führt ihn ins Jahr 1987 zurück: Damals wollte er als Jugendlicher mit seiner Freundin Nancy über die Grenze in den Westen fliehen, und sie überlebte den Versuch nicht. Vom Ende des Punks in Helsinki ist ein Roman über Schuld, Erinnerung und die Frage, was nach der Jugend kommt. Mit knapp 350 Seiten ist er einer der umfangreicheren Rudiš-Romane.
Nationalstraße (2013)
Nationalstraße ist das härteste Buch des Autors. Erzählt wird es als Monolog von Vandam, der am 17. November 1989 auf der Prager Národní třída dabei gewesen sein will, als die Samtene Revolution begann. Fünfundzwanzig Jahre später lebt er noch immer in seiner Plattenbausiedlung am Stadtrand. Nach Gewaltexzessen hat er den Polizeidienst verlassen müssen, er schlägt sich durchs Leben, und im Stadion zeigt er den Hitlergruß. Rudiš lässt diesen Mann ungefiltert reden, die Figur geht laut Verlag auf ein reales Vorbild zurück. Das Buch ist kurz, aber verstörend. Als Einstieg eignet es sich nicht, für Leser, die Rudiš schon kennen, ist es aber eine wichtige Ergänzung.
Kleine Formen und der große Roman (2018–2019)
Der Besuch von Herrn Horváth (2018)
Der Besuch von Herrn Horváth ist eher etwas für Sammler. Die Ausgabe der Edition Thanhäuser enthält acht kurze, skurrile Geschichten. Sie spielen zum Beispiel in der Bremer Straßenbahn und in einer Prager Kneipe, und ihr Humor erinnert an den braven Soldaten Schwejk. Mit 76 Seiten ist er eine bibliophile Kleinigkeit.
Winterbergs letzte Reise (2019)

Mit Winterbergs letzte Reise hat Rudiš zum ersten Mal einen Roman auf Deutsch geschrieben, und für viele Leser ist es sein Hauptwerk. Jan Kraus stammt aus dem böhmischen Vimperk, das früher Winterberg hieß, und lebt seit 1986 in Berlin. Dort arbeitet er als Altenpfleger und begleitet Sterbende. Einer seiner Patienten ist Wenzel Winterberg, Jahrgang 1918, ein Sudetendeutscher aus Reichenberg, der nach dem Krieg vertrieben wurde. Die beiden brechen zu einer Bahnreise auf, die über Prag, Wien und Budapest bis nach Sarajevo führt und zugleich durch das 20. Jahrhundert. Winterberg sucht eine verlorene Liebe, und beide Männer hüten ein Geheimnis.
Die Eisenbahn, Mitteleuropa, die Vertreibung, die Kneipe, der Humor und die Trauer: In diesem Roman kommt alles zusammen, was man aus früheren Büchern kennt. Mit 540 Seiten ist er der umfangreichste Rudiš-Roman. Wer nur ein einziges Buch des Autors lesen will, sollte dieses wählen.
Seit 2021: Bahn, Bier und neue Wege
Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen (2021)

Der Großvater war Weichensteller, der Onkel Fahrdienstleiter und der Cousin Lokführer. Dass Rudiš das Zugfahren liebt, liegt also schon in der Familie. In der Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen aus der bekannten Piper-Reihe fährt er quer durch Europa, von Sizilien nach Lappland, im Nachtzug durch Polen und die Ukraine, mit der Schmalspurbahn durch den Harz. Er schreibt über Bahnhöfe, Speisewagen und Mitreisende. Und er erklärt, warum es sich lohnt, den langsameren Zug zu nehmen. Das Buch ist leicht zu lesen und ein guter Schlüssel zu den Romanen, in denen die Bahn immer eine Rolle spielt.
Nachtgestalten (2021)
Für Nachtgestalten hat sich Rudiš mit dem Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler zusammengetan. Zwei Freunde ziehen eine Nacht lang durch die Kneipen einer Stadt, und bei jedem Bier kommt eine neue Geschichte dazu, über die Liebe, das Leben und die Geschichte, die überall noch nachwirkt. Mit Alois Nebel hat diese tragikomische Graphic Novel nichts zu tun.
Durch den Nebel (2022)
Durch den Nebel erschien bei Sonderzahl in der Reihe der Stefan-Zweig-Poetikvorlesungen. Der Untertitel lautet „drei Erzählungen über das Erzählen“. Das etwa 100 Seiten lange Buch ist für alle interessant, die nach den Romanen mehr darüber erfahren möchten, wie Rudiš über das eigene Schreiben nachdenkt.
Weihnachten in Prag (2023)

In Weihnachten in Prag ist Rudiš selbst die Hauptfigur. Am Heiligen Abend ist die Stadt verschneit und still, und während er auf seine Freunde wartet, kehrt er in mehrere Wirtshäuser ein. Dort trifft er auf einsame Gestalten, die ihm ihre Weihnachtsgeschichten erzählen, unter anderem von Karpfen und vom Christkind, das mit der Straßenbahn verschwindet. Illustriert hat das Buch Jaromír 99, der Zeichner von Alois Nebel. Mit etwa 90 Seiten lässt es sich an einem Abend lesen und eignet sich gut als Geschenk.
Zug um Zug durch Europa (2023)
Zug um Zug durch Europa ist kein neues Buch im engeren Sinn, sondern ein großformatiger Bildband zum selben Thema wie die Gebrauchsanweisung. Die Reiseroute ist laut Verlagsbeschreibung weitgehend dieselbe, dazu kommen über 160 Fotos. Wer die Gebrauchsanweisung kennt, bekommt hier vor allem etwas zum Anschauen.
Gleise, die die Welt bedeuten (2024)
Auch Gleise, die die Welt bedeuten stammt nicht aus Rudiš‘ eigener Feder: Er ist der Herausgeber dieser Anthologie. Sie versammelt Zuggeschichten, die beim Schreibwettbewerb des Malik-Verlags zum Tag der Schiene eingereicht wurden, mit Fahrten etwa durch Italien, Deutschland, Kenia und die USA. Eine Ergänzung für Bahnbegeisterte, aber kein Rudiš-Buch im engeren Sinn.
Gebrauchsanweisung für Bier (2025)
Das Gegenstück zur Zug-Gebrauchsanweisung widmet sich dem anderen großen Thema des Autors. In der Gebrauchsanweisung für Bier besucht Rudiš Brauereien, Klöster, Biergärten und Pubs in Pilsen, Budweis und Bamberg, aber auch in Belgien, Irland, Italien und Island. Unterwegs spricht er mit Brauern, Hopfenbauern und Biersommeliers.
Wo die Toten sprechen (2026)

Der neueste Roman, Wo die Toten sprechen, wird vom Verlag als neues großes Werk „nach ‚Winterbergs letzte Reise‘“ angekündigt. Gemeint ist damit allerdings nur die zeitliche Abfolge, eine Fortsetzung ist das Buch nicht. Lorenzo, Caspar und Miss Detroit sind Freunde in der Mitte des Lebens, die in einem alten Saab über die Friedhöfe Mitteleuropas fahren. Lorenzo arbeitet an einer Doktorarbeit über tote Dichter, Miss Detroit möchte Friedhofsbotanikerin werden, und der fast blinde Caspar denkt an seinen Vater im Böhmischen Paradies. Als die drei auf einem Berliner Friedhof Reichsbürgern zuvorkommen und mit den Knochen eines NS-Verbrechers davonfahren, beginnt eine absurde Verfolgungsjagd. Der Verlag verspricht eine temporeiche Geschichte mit lakonischem Humor. Wer Winterberg mochte, kann gut hier weiterlesen.
Gibt es eine richtige Reihenfolge?
Für die Romane gibt es sie nicht. Jeder davon hat eigene Figuren und eine abgeschlossene Handlung, Sie können also nach Thema, Umfang oder Laune auswählen.
Die einzige echte Reihe sind die beiden Alois-Nebel-Bände: Zuerst „Alois Nebel“, dann „Leben nach Fahrplan“. „Der Besuch von Herrn Horváth“ und „Durch den Nebel“ richten sich eher an Leser, die Rudiš schon kennen.
Unser Rat: Beginnen Sie mit „Winterbergs letzte Reise“, wenn Sie Zeit für einen großen Roman haben. Wenn Sie es leichter haben möchten, greifen Sie zur „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“, wenn Sie es kurz mögen, zu „Grandhotel“. Der Rest ergibt sich dann fast von selbst.
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