Der buchtipp.de Geheimtipp der Woche: „Ja, Schnecke, ja“ von Jan Snela

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Es gibt Bücher, die man nach wenigen Seiten entweder liebt oder weglegt. „Ja, Schnecke, ja“ von Jan Snela gehört dazu – und wer es nicht weglegt, entdeckt einen der eigenwilligsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre. Er ist im Februar 2025 bei Klett-Cotta erschienen, hat eine Reihe begeisterter Kritiken bekommen, war für zwei Literaturpreise nominiert und wurde 2026 ausgezeichnet. Auf den Bestsellerlisten ist er trotzdem nicht aufgetaucht. Genau das macht ihn zu unserem Geheimtipp der Woche.

Jan Snela, Ja, Schnecke, ja

Worum es geht: eine Fernbeziehung zwischen Deutschland und Japan

Die Ausgangslage ist schnell erzählt. Amanda, Biologin, geht an die Frauenuniversität im japanischen Nara, um eine ganz besondere Meeresschnecke zu erforschen. Ihr Freund Hannes bleibt in Deutschland zurück, zusammen mit Amandas zwei Mäusen, Isidor und Isadora. Er hält wenig von ihrem Aufbruch und noch weniger davon, sich damit auseinanderzusetzen, was er für die gemeinsame Zukunft bedeuten könnte. Also zieht er sich zurück: Er bleibt im Haus, kümmert sich lustlos um die Tiere und schreibt Amanda Nachrichten, die immer länger werden. Bewegung kommt erst in die Sache, als ein Mann namens Hajo auftaucht – der sich allerdings vor allem für die Mäuse interessiert.

Wer nach dieser Zusammenfassung eine leise Beziehungsgeschichte erwartet, wird überrascht. In Snelas Roman reden nicht nur Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Dinge kommen zu Wort, die Mäuse ebenso wie das Haus, in dem Hannes sich verschanzt. Die Liebe erscheint hier in vielen Varianten: zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Menschen, Tieren und Maschinen. Und ganz nebenbei wird der Roman zu einer Reise zwischen deutscher und japanischer Kultur, die Hannes zunächst nur aus Büchern und Bibliotheksrecherchen kennt.

Die Schnecke, die ihren Körper zurücklässt

Die titelgebende Schnecke ist keine Erfindung. Elysia marginata ist eine Meeresschnecke, die 2021 weltweit Schlagzeilen machte: Forscherinnen und Forscher der Frauenuniversität Nara hatten beobachtet, dass sie ihren Kopf vom Körper trennen kann – der Kopf lebt weiter und bildet einen neuen Körper. Snela macht aus diesem biologischen Kuriosum das zentrale Bild seines Romans. Hannes fühlt sich, nachdem Amanda gegangen ist, selbst wie ein abgestoßenes Stück Schnecke, und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn er sich von seinem bisherigen Leben löst, zieht sich durch das ganze Buch.

Die Süddeutsche Zeitung fand dafür eine treffende Formulierung: Man könne sich „kein besseres Wappentier für diesen Japan-Roman vorstellen“. Die Schnecke steht für eine Liebe, die nicht festhält, sondern sich verwandelt – und für einen Erzähler, der lernen muss, dass Beziehungen keine festen Formen haben.

Haibun und Haiku: wie dieser Roman gebaut ist

Das Besondere an „Ja, Schnecke, ja“ ist weniger die Handlung als die Form. Snela greift auf eine japanische Tradition zurück: das Haibun, eine Verbindung aus Prosa und eingestreuten Haiku. Lange, überbordende, verspielte Passagen wechseln mit knappen Dreizeilern ab. Die Prosa wuchert, die Haiku halten inne. Aus diesem Wechsel bezieht der Roman seinen Rhythmus.

Dazu kommt eine Sprache, die sich ständig neu erfindet. Snela spielt mit Wörtern, bildet neue, mischt Jugendsprache, Online-Jargon und hohen Ton. Die taz hörte darin gleichzeitig einen „Urschrei puren Materials“ und eine Sprache des Barock und nannte das Ergebnis „opulent“, ja „overdressed“ – war aber von der „lyrischen Wildheit“ insgesamt angetan. Auch die Jury des Licher Literaturpreises hob hervor, dass hier „die Sprache selbst zur eigentlichen Hauptfigur“ werde.

Ein schönes Detail für Leser, die gern Spuren verfolgen: Japanische Dichtung kommt im Roman über eine Figur namens Udo Makura ins Spiel. Laut Süddeutscher Zeitung verbirgt sich dahinter der Haiku-Dichter Kobayashi Issa (1763–1828), einer der großen Meister der Form – und bekannt für seine Gedichte über kleine Tiere, Schnecken eingeschlossen.

Bemerkenswert ist auch, was der Roman nicht tut. Die Deutschlandfunk-Kritikerin Undine Fuchs stellte fest: „Die Worte ‚ich liebe dich‘ fallen auf 420 Seiten keinmal.“ Die Liebe zwischen Hannes und Amanda wird nicht ausgesprochen, sondern umkreist – in Nachrichten, Bestellungen, Missverständnissen und in der Frage, ob zwei Menschen noch eine gemeinsame Sprache haben.

Warum „Ja, Schnecke, ja“ ein Geheimtipp ist

Ein Geheimtipp ist ein Buch, das mehr Leser verdient, als es hat. Bei Snelas Roman lässt sich das gut belegen.

Das Kritikerecho war ungewöhnlich breit. Für einen Debütroman eines Autors, der bis dahin vor allem Insidern bekannt war, wurde „Ja, Schnecke, ja“ auffällig oft besprochen: in der Süddeutschen Zeitung, der taz, der Stuttgarter Zeitung, im Deutschlandfunk, bei SWR Kultur, in der Zeit und in der Neuen Zürcher Zeitung. Stefan Kister nannte das Buch in der Stuttgarter Zeitung „die überraschendste, mutigste und … kurzweiligste Literaturbeglückung dieses Jahres“, Juli Zeh einen „wahrscheinlich wirklich einzigartigen Text“.

Auch auf den Kritikerlisten tauchte es auf. Im März 2025 erreichte der Roman Platz 8 der SWR-Bestenliste, für die eine Jury aus Literaturkritikern monatlich die empfehlenswertesten Neuerscheinungen wählt. Ende 2025 nahm die Zeit ihn in ihre Auswahl der 100 besten Bücher des Jahres auf.

Nominierungen und ein Preis abseits der großen Bühnen. 2025 stand das Buch auf der Shortlist für den Franz-Tumler-Literaturpreis, einen Preis für Debütromane, der jährlich im Südtiroler Laas vergeben wird; gewonnen hat ihn damals Christina König. Außerdem war der Roman für den Anna-Haag-Preis nominiert. Im Juli 2026 erhielt Snela dann den mit 7.000 Euro dotierten Licher Literaturpreis. Die Jury lobte ein „außergewöhnliches Debüt“, das dem beschleunigten modernen Leben das Kleine und scheinbar Unbedeutende entgegenstelle. Beides sind Auszeichnungen, die in der Szene Gewicht haben, außerhalb davon aber kaum jemand kennt.

Kein Massenpublikum – bislang. Einen Platz auf den Bestsellerlisten hat der Roman nicht erreicht, und auch in Leserforen ist er bislang nur wenigen bekannt. Das liegt sicher auch am Buch selbst: Mit gut 400 Seiten und seiner verspielten, fordernden Sprache ist es kein Roman für nebenbei.

Wer ist Jan Snela?

Jan Snela wurde 1980 in München geboren und studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik in München und Tübingen. Er schreibt Erzählungen, Gedichte, Essays und Hörstücke, unter anderem für den Bayerischen Rundfunk. 2010 gewann er den Prosapreis beim Berliner Open Mike, einem der wichtigsten Wettbewerbe für junge Literatur. 2016 las er beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Im selben Jahr erschien bei Klett-Cotta sein Erzählband „Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe“, für den er 2017 den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg erhielt. Schon der Untertitel zeigt, dass Tiere und Liebe Snela lange beschäftigen. Fast neun Jahre vergingen bis zu seinem ersten Roman – man merkt dem Buch an, wie viel Arbeit darin steckt.

Für wen sich das Buch eignet

„Ja, Schnecke, ja“ ist ein Roman für Leser, die Freude an Sprache haben und sich gern überraschen lassen. Wer Bücher schätzt, in denen jedes Wort gewendet wird, wer Interesse an Japan und japanischer Dichtung mitbringt oder einfach einmal etwas ganz anderes lesen möchte als die üblichen Beziehungsromane, wird hier fündig.

Weniger geeignet ist das Buch für alle, die vor allem eine straffe Handlung suchen. Selbst wohlwollende Kritiken haben festgestellt, dass nicht jede Wortschöpfung zündet und die Fülle der Sprache manchmal fast erschlägt. Unser Rat: Lesen Sie die ersten 30 Seiten in Ruhe und lassen Sie sich auf den Ton ein. Wer dann lacht, staunt oder hängen bleibt, hat ein Buch gefunden, das lange nachwirkt.

Das Wichtigste auf einen Blick

TitelJa, Schnecke, ja
AutorJan Snela
VerlagKlett-Cotta, 2025
Umfang416 Seiten (gebunden), auch als E-Book
GenreGegenwartsroman
AuszeichnungenLicher Literaturpreis 2026; Shortlist Franz-Tumler-Literaturpreis 2025; nominiert für den Anna-Haag-Preis 2025; SWR-Bestenliste März 2025 (Platz 8)
Lesen, wenn Sie …Sprachspiele, Japan und ungewöhnliche Liebesgeschichten mögen

Snelas Roman zeigt, was Literatur jenseits der Bestsellerlisten leisten kann: Er ist witzig und klug, formal wagemutig und dabei doch zugänglich für alle, die ihm etwas Geduld schenken. Ein Buch, so beweglich wie die Schnecke, nach der es benannt ist – und eines, das noch viel mehr Leser verdient.

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