Henning Mankell in der richtigen Reihenfolge: Alle Wallander-Krimis, Linda Wallander und Fredrik Welin

buchtipp.de Stimmungsbild für Reihenfolgen

Kurt Wallander, Kommissar im südschwedischen Ystad, hat den skandinavischen Krimi so geprägt wie kaum eine andere Figur. Henning Mankell (1948–2015) erfand ihn Anfang der Neunzigerjahre und ließ ihn bis 2009 ermitteln. Daneben schrieb er einen Ableger um Wallanders Tochter Linda, einen verwandten Einzelroman, eine Novelle sowie zwei leise Romane um einen pensionierten Chirurgen.

Wer sich durch dieses Werk lesen möchte, stolpert schnell über ein Problem: Die deutschen Taschenbücher zählen die Wallander-Fälle anders, als sie erschienen sind. Dieser Artikel klärt die Zählung, empfiehlt eine Lesereihenfolge und sagt, welche Bücher Pflicht sind und welche Sie getrost auslassen können. Die Jahreszahlen beziehen sich auf die schwedische Erstausgabe; verlinkt sind die Taschenbuchausgaben von dtv.

Die Wallander-Reihe im Überblick

Nr.Deutscher TitelOriginaltitelJahr
1Mörder ohne GesichtMördare utan ansikte1991
2Hunde von RigaHundarna i Riga1992
3Die weiße LöwinDen vita lejoninnan1993
4Der Mann, der lächelteMannen som log1994
5Die falsche FährteVillospår1995
6Die fünfte FrauDen femte kvinnan1996
7MittsommermordSteget efter1997
8Die BrandmauerBrandvägg1998
9Wallanders erster Fall (Erzählungen)Pyramiden1999
–Die Rückkehr des Tanzlehrers (ohne Wallander, optional)Danslärarens återkomst2000
–Vor dem Frost (Linda Wallander)Innan frosten2002
–Mord im Herbst (Novelle, optional)Handen2013
10Der Feind im SchattenDen orolige mannen2009

Warum die deutsche Zählung verwirrt

Auf den dtv-Ausgaben steht bei „Mörder ohne Gesicht“ nicht etwa „Wallanders erster Fall“, sondern „Wallanders zweiter Fall“. Bei „Hunde von Riga“ heißt es „dritter Fall“, und so geht es weiter bis „Die Brandmauer“ als neuntem Fall. Der Grund: Der Verlag hat die Bücher nach der inneren Chronologie durchnummeriert und den Erzählband „Wallanders erster Fall“ an den Anfang gestellt, weil dessen Geschichten vor allen Romanen spielen. Geschrieben hat Mankell ihn aber erst 1999, nach acht Romanen.

Diese Übersicht folgt deshalb der Reihenfolge, in der die Bücher in Schweden erschienen sind. Wenn Sie in einer Buchhandlung oder Bibliothek nach Nummern suchen, ziehen Sie bei den Romanen einfach eins ab.

Muss man die Wallander-Krimis der Reihe nach lesen?

Jeder Fall ist in sich abgeschlossen. Doch neben den Ermittlungen erzählt Mankell über zwei Jahrzehnte das Leben eines Mannes, der mit sich und der Welt hadert: die Trennung von seiner Frau Mona, das schwierige Verhältnis zu Tochter Linda und zu seinem eigenwilligen Vater, eine Fernbeziehung nach Lettland, Kollegen, die kommen und gehen, und eine Gesundheit, die nicht mehr mitspielt. Dazu kommt mindestens eine Stelle, an der ein Band unmittelbar auf dem vorigen aufbaut. Unsere Empfehlung lautet daher klar: vorn anfangen und in der Reihenfolge bleiben.

Die Neunzigerjahre: Wallanders große Fälle

Der Anfang: Band 1 bis 3

Henning Mankell: Mörder ohne Gesicht

Mörder ohne Gesicht beginnt im Januar 1990 mit einem Verbrechen, das selbst den erfahrenen Wallander erschüttert: Auf einem abgelegenen Hof in Schonen ist ein altes Bauernpaar mit äußerster Brutalität getötet worden. Ein letzter Hinweis der sterbenden Frau lenkt den Verdacht auf Ausländer, und in der Region kippt die Stimmung. Wallander ist frisch von Mona getrennt, schläft schlecht und sorgt sich um seinen Vater, der allein auf dem Land lebt und Landschaftsbilder malt. Schon hier zeigt sich, was die Reihe ausmacht: ein Kommissar ohne Glanz, eine mühsame, oft zermürbende Polizeiarbeit und ein Blick auf ein Schweden, das sich nicht mehr als heile Welt begreifen kann. Das Buch wurde 1992 als bester skandinavischer Kriminalroman ausgezeichnet und ist der richtige Einstieg.

In Hunde von Riga treibt ein Rettungsboot mit zwei toten Männern an die Küste. Die Spur führt nach Lettland, mitten in die Umbruchzeit nach dem Ende der Sowjetunion, wo Wallander sich in einem undurchsichtigen Geflecht aus Polizei, Geheimdienst und Opposition verliert. Für die Reihe zählt vor allem eine Begegnung: Hier lernt er Baiba Liepa kennen, die ihn über viele Bände begleiten wird.

Henning Mankell: Die weiße Löwin

Die weiße Löwin ist der umfangreichste der frühen Bände und weitet den Blick bis nach Südafrika. Eine Immobilienmaklerin verschwindet bei Ystad, und Wallander stößt auf Vorbereitungen für ein Attentat auf Nelson Mandela, mit dem Gegner der Demokratisierung das Land ins Chaos stürzen wollen. Mankell, der einen großen Teil seines Lebens in Afrika verbrachte, verbindet hier Provinzkrimi und Politthriller. Der Schluss setzt Wallander so zu, dass er den Dienst fast aufgibt.

Zurück im Dienst: Band 4 bis 6

Genau dort knüpft Der Mann, der lächelte an. Mehr als ein Jahr war Wallander krankgeschrieben und will kündigen, als ihn ein Bekannter um Hilfe bittet: Dessen Vater, ein Anwalt, ist nachts tödlich verunglückt, und der Sohn glaubt nicht an einen Unfall. Kurz darauf ist auch er tot. Weil das Buch die Krise aus dem Vorgänger voraussetzt, ist dies die Stelle, an der Sie die Reihenfolge auf keinen Fall vertauschen sollten. Außerdem stößt mit Ann-Britt Höglund eine junge Kollegin zum Team, die in den kommenden Bänden eine wichtige Rolle spielt.

Henning Mankell: Die falsche Fährte

Die falsche Fährte gilt vielen als Höhepunkt der Reihe; die englische Übersetzung erhielt 2001 den Gold Dagger der britischen Crime Writers’ Association. Mitten im Sommer verbrennt sich ein junges Mädchen vor Wallanders Augen in einem Rapsfeld. Kurz darauf beginnt eine Mordserie an angesehenen Männern, bei der der Täter seine Opfer skalpiert. Mankell erzählt teils aus Sicht des Mörders und baut daraus einen Fall, der weit in die Abgründe hinter bürgerlichen Fassaden reicht.

In Die fünfte Frau häufen sich grausam inszenierte Morde: Ein Mann stirbt in einer Grube mit angespitzten Pfählen, ein anderer wird an einen Baum gefesselt aufgefunden. Die Opfer wirken unbescholten, doch nach und nach kommt ans Licht, dass sie Frauen Gewalt angetan haben. Parallel dazu entwickelt sich die Geschichte zwischen Wallander und seinem Vater weiter – ein Strang, der hier besonders viel Gewicht bekommt.

Ein Ermittler wird müde: Band 7 und 8

Mittsommermord gehört zu den persönlichsten Fällen. Drei junge Leute, die in der Mittsommernacht 1996 kostümiert feiern wollten, werden Wochen später tot aufgefunden; fast zur selben Zeit liegt Wallanders Kollege Svedberg erschossen in seiner Wohnung. Wallander muss erkennen, wie wenig er über einen Mann wusste, mit dem er jahrelang Tür an Tür gearbeitet hat. Zugleich meldet sich sein Körper, und die eigene Gesundheit wird zum Thema.

Henning Mankell: Die Brandmauer

Die Brandmauer beginnt mit zwei Mädchen, die einen Taxifahrer überfallen und töten und dabei keinerlei Reue zeigen. Dann stirbt ein Mann vor einem Geldautomaten, in Schonen fällt der Strom aus, und hinter alldem zeichnet sich ein Plan ab, das globale Finanzsystem über Computernetze anzugreifen. Wallander, der mit der digitalen Welt fremdelt, fühlt sich dabei auch im eigenen Team zunehmend fehl am Platz. Damit endete vorerst die ursprüngliche Romanreihe.

Die Vorgeschichte: Warum Wallanders erster Fall nicht an den Anfang gehört

Henning Mankell: Wallanders erster Fall

Wallanders erster Fall versammelt Erzählungen und den Kurzroman „Die Pyramide“, die alle vor dem Beginn von „Mörder ohne Gesicht“ spielen. Sie zeigen Wallander als jungen Streifenpolizisten Ende der Sechzigerjahre, frisch verliebt in Mona, und begleiten ihn bis kurz vor die Ereignisse des ersten Romans. In der Titelgeschichte findet er seinen Nachbarn erschossen auf und gibt sich mit der Selbstmordthese nicht zufrieden.

Chronologisch gehört der Band an den Anfang, und wer streng nach innerer Zeitfolge lesen will, kann das tun. Für den Einstieg empfehlen wir es trotzdem nicht. Mankell schrieb diese Geschichten als Rückblick für Leser, die Wallander bereits kennen: Sie spielen mit dem Wissen darum, was aus ihm, seiner Ehe und seinen Kollegen werden wird. Ihren Reiz entfalten sie deshalb am besten nach „Die Brandmauer“.

Nach Wallander: Stefan Lindman und Linda Wallander

Optional: Die Rückkehr des Tanzlehrers

Die Rückkehr des Tanzlehrers kommt ohne Wallander aus und ist ein eigenständiger Roman. Der Polizist Stefan Lindman, gerade mit einer Krebsdiagnose konfrontiert, erfährt, dass sein früherer Kollege und Mentor in Nordschweden ermordet wurde. Er fährt hinauf, ermittelt auf eigene Faust und stößt auf eine nationalsozialistische Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht. Pflichtlektüre für Wallander-Leser ist das nicht. Weil Lindman im folgenden Buch wieder auftaucht, lohnt es sich aber, den Roman vorher zu lesen.

Vor dem Frost: Linda Wallanders erster Fall

Henning Mankell: Vor dem Frost

Mit Vor dem Frost wechselt die Perspektive zu Linda Wallander. Sie hat die Polizeiausbildung abgeschlossen und wartet in Ystad auf ihren Dienstantritt, als eine Jugendfreundin verschwindet. Zugleich brennen Tiere, und eine Spur führt zu einer religiösen Gruppe, deren Geschichte bis zum Massaker von Jonestown 1978 zurückreicht. Ihr Vater ermittelt mit, und die Reibung zwischen den beiden gibt dem Buch seinen eigenen Ton. Stefan Lindman arbeitet inzwischen in Ystad.

Geplant war eine ganze Reihe um Linda. Nach dem Tod der Schauspielerin Johanna Sällström, die Linda in den schwedischen Verfilmungen spielte, setzte Mankell sie jedoch nicht fort. Damit bleibt „Vor dem Frost“ ein Einzelband, aber ein wichtiger: Er erzählt, wie Linda erwachsen wird, und bereitet den letzten Wallander-Roman vor.

Optional: Mord im Herbst

Mord im Herbst ist eine Novelle von rund 140 Seiten und hat eine ungewöhnliche Geschichte. Mankell schrieb sie 2004 für eine niederländische Leseaktion, auf Schwedisch erschien sie erst 2013. Die Handlung spielt im Herbst 2002: Wallander sucht ein Haus auf dem Land, besichtigt ein altes Gehöft in Löderup und stolpert im Garten über die Knochen einer Hand. Der Fall ist alt, Wallander bleibt trotzdem dran. Für die Reihe ist die Novelle verzichtbar; wer sie lesen möchte, schiebt sie zwischen „Vor dem Frost“ und den Abschlussband.

Der Abschluss: Der Feind im Schatten

Henning Mankell: Der Feind im Schatten

Elf Jahre nach „Die Brandmauer“ kehrte Mankell noch einmal zu seinem Kommissar zurück. In Der Feind im Schatten lebt Wallander auf dem Land, Linda ist Mutter geworden und will heiraten. Ihr künftiger Schwiegervater, ein ehemaliger Marineoffizier, erzählt Wallander von fremden U-Booten, die in den Achtzigerjahren in schwedische Gewässer eindrangen – und verschwindet kurz darauf spurlos. Die Ermittlung führt zurück in den Kalten Krieg, doch das eigentliche Thema ist ein anderes: Wallander merkt, dass ihm das eigene Gedächtnis zu entgleiten beginnt.

Das Buch ist ein Abschied, der alles voraussetzt, was vorher war: die Figuren, die Verluste, die Beziehung zwischen Vater und Tochter. Lesen Sie es unbedingt zuletzt.

Ganz ohne Krimi: Fredrik Welin

Unabhängig von Wallander stehen zwei Romane um Fredrik Welin, einen pensionierten Chirurgen. Sie haben mit der Krimireihe nichts zu tun, und zwischen beiden Werkgruppen gibt es keine Reihenfolge. Untereinander bauen die zwei Bände aber aufeinander auf.

Nr.TitelOriginaltitelJahr
1Die italienischen SchuheItalienska skor2006
2Die schwedischen GummistiefelSvenska gummistövlar2015
Henning Mankell: Die italienischen Schuhe

In Die italienischen Schuhe lebt Welin nach einem beruflichen Fehler, über den er lange nicht sprechen kann, zurückgezogen auf einer Schäreninsel. Eines Wintertages steht Harriet vor ihm, die Frau, die er vor Jahrzehnten verlassen hat, und fordert ein Versprechen ein, das er ihr damals gab. Daraus wird eine Reise in die eigene Vergangenheit, die Welin Schritt für Schritt wieder unter Menschen bringt. Der Roman ist ruhig, melancholisch und genau beobachtet – der beste Einstieg für alle, die Mankell kennenlernen möchten, aber keinen Krimi suchen.

Die schwedischen Gummistiefel spielt Jahre später. Welins Haus ist abgebrannt, ihm bleiben ein Wohnwagen, ein Boot und zwei Stiefel, die nicht zusammenpassen. Mit fast siebzig muss er neu anfangen, während auf den Schären weitere Häuser brennen und seine Tochter Louise in Paris in Schwierigkeiten gerät. Es ist Mankells letzter Roman, erschienen in seinem Todesjahr 2015, und er handelt sehr bewusst vom Altern und von der Frage, was einem am Ende bleibt. Lesen Sie ihn nach „Die italienischen Schuhe“.

Was es sonst noch von Henning Mankell gibt

Mankell hat weit mehr geschrieben, als hier aufgeführt ist. Zu seinen Einzelromanen gehören etwa „Der Chinese“, „Kennedys Hirn“, „Tiefe“ und „Der Verrückte“; hinzu kommen Romane, die in Afrika spielen, wie „Der Chronist der Winde“, das späte Erinnerungsbuch „Treibsand“ sowie Kinder- und Jugendbücher, darunter die Reihe um Joel Gustafsson. Keines dieser Bücher gehört zur Wallander-Welt, für die Lesereihenfolge spielen sie keine Rolle.

Kurz zusammengefasst: So lesen Sie Henning Mankell

  • Einstieg in die Krimis: Beginnen Sie mit „Mörder ohne Gesicht“ und lesen Sie die acht Romane bis „Die Brandmauer“ in der Reihenfolge ihres Erscheinens.
  • Die dtv-Nummern nicht wörtlich nehmen: Der Verlag zählt den Erzählband als ersten Fall, deshalb liegen die Romane auf dem Buchrücken jeweils eine Nummer höher.
  • „Die weiße Löwin“ vor „Der Mann, der lächelte“: Der vierte Band baut direkt auf dem Ende des dritten auf.
  • „Wallanders erster Fall“ nach Band 8: Die Vorgeschichten wirken am stärksten, wenn Sie die Figuren schon kennen.
  • Optional, aber lohnend: „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ vor „Vor dem Frost“, die Novelle „Mord im Herbst“ danach.
  • „Der Feind im Schatten“ ganz zum Schluss: Wallanders letzter Fall setzt die gesamte Reihe und „Vor dem Frost“ voraus.
  • Lieber kein Krimi? Dann greifen Sie zu „Die italienischen Schuhe“ und anschließend zu „Die schwedischen Gummistiefel“.
Bewerten Sie diesen Beitrag

Kommentar verfassen