Die besten skandinavischen Krimis – von Martin Beck bis zum Kastanienmann

Kaum eine Krimitradition hat sich im deutschsprachigen Raum so festgesetzt wie die aus dem Norden. Lange Winter, einsame Höfe, müde Kommissare und eine Gesellschaft, die nach außen vorbildlich wirkt und im Inneren Risse zeigt: Das sind die Zutaten, die man mit dem Schwedenkrimi und später mit dem Etikett „Nordic Noir“ verbindet. Doch hinter dem Klischee steckt eine erstaunlich vielfältige Literatur.

Diese Auswahl stellt zehn Bücher vor, die man kennen sollte, wenn man den skandinavischen Krimi verstehen oder einfach gut unterhalten werden will. Sie stammen aus Schweden, Dänemark, Norwegen und Island; Finnland, das oft mitgemeint ist, aber im engeren Sinn nicht zu Skandinavien zählt, bleibt außen vor. Die Reihenfolge folgt dem Erscheinen der Originale, von 1965 bis 2018. So lässt sich nachvollziehen, wie aus nüchterner Polizeiarbeit ein weltweites Phänomen wurde. Bei Reihen ist jeweils der Band gewählt, mit dem sich der Einstieg lohnt.

Die Anfänge: Wo der Schwedenkrimi herkommt

Maj Sjöwall und Per Wahlöö, Die Tote im Götakanal

Maj Sjöwall und Per Wahlöö: Die Tote im Götakanal

Am Anfang steht ein Paar. Maj Sjöwall und Per Wahlöö schrieben in den Sechziger- und Siebzigerjahren zehn Romane um den Stockholmer Kommissar Martin Beck, und Die Tote im Götakanal (Rowohlt Taschenbuch, 269 Seiten) ist der erste davon, im Original 1965 erschienen. Aus einer Schleuse des Götakanals wird eine junge Frau gezogen. Sie wurde misshandelt, bevor sie starb – und niemand scheint sie zu vermissen. Nicht einmal ihr Name ist bekannt.

Was folgt, ist kein Geniestreich eines Einzelnen, sondern zähe, oft ergebnislose Ermittlungsarbeit: Anfragen, Warten, Rückschläge. Gerade darin liegt der Reiz. Sjöwall und Wahlöö nutzten den Polizeiroman, um den Blick auf den schwedischen Wohlfahrtsstaat zu richten, und begründeten damit die gesellschaftskritische Linie, die bis heute den Kern des Genres ausmacht. Die vorliegende Ausgabe bietet eine neue Übersetzung und ein Vorwort von Henning Mankell – ein passendes Scharnier zum nächsten Buch.

Henning Mankell: Mörder ohne Gesicht

Henning Mankell, Mörder ohne Gesicht

Ohne Sjöwall und Wahlöö kein Mankell, und ohne Mankell wohl kein internationaler Boom. Mörder ohne Gesicht (dtv, 333 Seiten), im Original 1991 erschienen, ist der erste Roman um Kurt Wallander, Kriminalkommissar im südschwedischen Ystad. Auf einem abgelegenen Hof in Schonen wird ein altes Ehepaar mit großer Brutalität getötet. Die Frau lebt noch kurz und gibt einen Hinweis, der die Ermittlungen in eine heikle Richtung lenkt: Er deutet auf Ausländer, und die Stimmung im Land ist ohnehin aufgeheizt.

Wallander ist der Prototyp des skandinavischen Ermittlers: von seiner Frau verlassen, schlecht schlafend, mit einem schwierigen Vater und dem ständigen Gefühl, dass ihm die Gesellschaft entgleitet. Der Roman wurde 1992 als bester skandinavischer Kriminalroman ausgezeichnet. Ein Hinweis zur Zählung: Der Verlag bewirbt das Buch als „Wallanders zweiten Fall“, weil der später geschriebene Erzählband „Wallanders erster Fall“ zeitlich davor spielt. Wer nach Erscheinen liest, beginnt trotzdem hier.

Über den Polizeiroman hinaus: Kopenhagen und Sydney

Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Dass skandinavische Spannungsliteratur nicht zwingend einen Kommissar braucht, zeigt der Däne Peter Høeg. Fräulein Smillas Gespür für Schnee (Rowohlt Taschenbuch, 515 Seiten), im Original 1992 erschienen, ist ein Einzelroman. Im Kopenhagener Hafenviertel fällt ein Junge vom Dach eines Lagerhauses; die Polizei spricht von einem Unfall. Smilla Jaspersen, die im selben Haus lebt und aus Grönland stammt, glaubt nicht daran – und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen.

Das Buch ist ebenso Thriller wie literarischer Roman: sprachlich anspruchsvoll, voller Nebenwege über Eis, Schnee und das Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland. Seine Heldin ist sperrig, klug und verletzlich zugleich, und genau das hat den Roman international bekannt gemacht. Wer Krimis vor allem wegen des Tempos liest, braucht hier etwas Geduld. Wer sich darauf einlässt, bekommt einen der ungewöhnlichsten Titel dieser Liste.

Jo Nesbø: Der Fledermausmann

Norwegens bekanntester Krimiautor beginnt seine Erfolgsreihe weit weg von zu Hause. In Der Fledermausmann (List, 414 Seiten), im Original 1997 erschienen, reist der Osloer Polizist Harry Hole nach Sydney, weil dort eine junge Norwegerin ermordet wurde. An seiner Seite ermittelt der australische Kollege Andrew Kensington, ein Aborigine, der ihm das Land und seine Geschichte näherbringt. Bald zeigt sich, dass der Mord in eine ganze Serie von Gewalttaten gegen junge Frauen passt.

Harry Hole trinkt, zweifelt und eckt an – eine Figur, die in den folgenden Bänden noch dunkler wird. Der exotische Schauplatz macht diesen Auftakt zu einem Sonderfall der Reihe. Wer lieber gleich das typische Oslo erleben möchte, findet es ab dem dritten Band, „Rotkehlchen“. Für die Entwicklung der Figur lohnt sich aber der Start mit dem ersten Fall.

Island und der globale Durchbruch

Arnaldur Indriðason: Nordermoor

Arnaldur Indriðason, Nordermoor

Auch Island hat seinen Anteil am Nordic Noir, und der wichtigste Name ist Arnaldur Indriðason. Nordermoor (Lübbe, 318 Seiten) wurde 2002 mit dem Glasschlüssel ausgezeichnet, dem Preis für den besten nordischen Kriminalroman. In einer Kellerwohnung in Reykjavík liegt ein alter Mann erschlagen; der Täter hat eine Nachricht hinterlassen, mit der zunächst niemand etwas anfangen kann. Kommissar Erlendur gräbt in der Vergangenheit des Toten, während draußen die Stürme über die Insel ziehen.

Zur Einordnung: Bibliografisch ist „Nordermoor“ der dritte Band der Erlendur-Reihe. Er war jedoch der erste, der auf Deutsch erschien, ist in sich abgeschlossen und deshalb für deutsche Leser der übliche Einstieg. Indriðason erzählt ruhiger und karger als seine schwedischen Kollegen; seine Stärke liegt in der Genauigkeit, mit der er eine kleine Gesellschaft zeigt, in der jeder jeden kennt und alte Schuld nicht verjährt.

Stieg Larsson: Verblendung

Stieg Larsson, Verblendung

Mit Verblendung (Heyne, 701 Seiten), im Original 2005 erschienen, wurde der skandinavische Krimi endgültig zum weltweiten Phänomen. Stieg Larsson erlebte den Erfolg nicht mehr; er starb vor der Veröffentlichung des ersten Bandes der Millennium-Trilogie. Der Wirtschaftsjournalist Mikael Blomkvist, gerade in Ungnade gefallen, soll im Auftrag eines alten Industriellen herausfinden, was vor Jahrzehnten mit dessen Nichte Harriet geschah. Sie verschwand während eines Familientreffens auf der Privatinsel des Clans.

Unterstützung bekommt er von Lisbeth Salander, einer ebenso eigenwilligen wie brillanten Hackerin, die schnell zur eigentlichen Hauptfigur wird. Larsson verknüpft den klassischen Rätselkrimi um eine geschlossene Familie mit Wirtschaftskritik und dem Thema Gewalt gegen Frauen. Das Buch ist lang und braucht einige Kapitel Anlauf, zieht dann aber gewaltig an.

Leiser und dunkler: Inselnebel und Cold Case

Johan Theorin: Öland

Wer nach so viel Härte etwas anderes sucht, ist bei Öland (Piper, 446 Seiten) richtig. Johan Theorins Roman, im Original 2007 erschienen und als bestes schwedisches Krimidebüt ausgezeichnet, verzichtet weitgehend auf Polizeiarbeit. Auf der Ostseeinsel Öland verschwindet an einem nebligen Spätsommertag ein kleiner Junge und bleibt verschollen. Zwanzig Jahre später ruft der Großvater die Mutter an: Es gebe ein neues Beweisstück. Auf der Insel erzählt man sich, ein längst verstorbener Mann namens Nils Kant sei der Täter gewesen.

Das Buch lebt von Stimmung, von der kargen Kalklandschaft und von Rückblenden, die Stück für Stück eine alte Geschichte freilegen. Hier wird eher nach der Wahrheit gesucht als nach einem Täter gefahndet, mit einem Hauch von Schauerroman. In dieser Liste ist es der ruhigste Titel und ein gutes Gegengewicht zu den Thrillern.

Jussi Adler-Olsen: Erbarmen

Jussi Adler-Olsen, Erbarmen

Ganz anders Erbarmen (dtv, 418 Seiten), im Original ebenfalls 2007 erschienen und Auftakt der Reihe um das Sonderdezernat Q. Carl Mørck wird in ein Kellerbüro der Kopenhagener Polizei abgeschoben, wo er ungelöste Altfälle bearbeiten soll. Viel Lust hat er darauf nicht, anders als sein neuer syrischer Assistent Assad. Ihr erster Fall: eine Politikerin, die 2002 auf einer Fähre spurlos verschwand und für ertrunken gehalten wird. Die Leser wissen früh mehr als die Ermittler – die Frau lebt und wird gefangen gehalten.

Aus diesem Wissensvorsprung bezieht der Roman seine Spannung, denn die Kapitel aus der Gefangenschaft sind beklemmend. Die Szenen im Kellerbüro setzen mit schwarzem Humor einen Kontrast dazu. Das Buch gehört zu den zugänglichsten Einstiegen in den dänischen Krimi und diente als Vorlage für die Netflix-Serie „Dept. Q“.

Die Gegenwart: Nordic Noir im Zeitalter der Fernsehserie

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt: Der Mann, der kein Mörder war

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, Der Mann, der kein Mörder war

Der jüngere skandinavische Krimi ist eng mit dem Fernsehen verbunden, und kaum ein Buch zeigt das so deutlich wie Der Mann, der kein Mörder war (Rowohlt Taschenbuch, 624 Seiten), im Original 2010 erschienen. Einer der beiden Autoren, Hans Rosenfeldt, hat die Fernsehserie „Die Brücke“ geschrieben. In einem Waldstück bei Västerås wird ein Schüler ermordet aufgefunden. Kommissar Höglund reist mit seinem Team aus Stockholm an und trifft dort auf einen alten Bekannten: den Kriminalpsychologen Sebastian Bergman.

Bergman ist brillant, aber auch ein ausgesprochen unangenehmer Mensch, und genau das ist gewollt. Die Autoren machen einen Antihelden zur Hauptfigur, dessen Egoismus der Leser ertragen muss, um seine Einsichten zu bekommen. Wer Ermittlerteams mit Reibung und Erzählstränge über mehrere Bände schätzt, findet hier den Auftakt zu einer langen Reihe.

Søren Sveistrup: Der Kastanienmann

Søren Sveistrup, Der Kastanienmann

Den Schlusspunkt setzt ein Debüt von 2018. Søren Sveistrup ist als Autor der Fernsehserie „Kommissarin Lund“ bekannt geworden; Der Kastanienmann (Goldmann, 605 Seiten) ist sein erster Roman und wurde für Netflix verfilmt. Auf einem Kopenhagener Spielplatz wird eine junge Frau tot aufgefunden, neben ihr eine kleine Figur aus Kastanien. Darauf findet sich der Fingerabdruck eines Mädchens, das ein Jahr zuvor ermordet wurde – der Tochter einer bekannten Politikerin.

Die Ermittler Naia Thulin und Mark Hess sind ein ungleiches Paar, und der Roman ist konsequent auf Tempo und Wendungen gebaut. Er ist in sich abgeschlossen und damit ideal für alle, die einen modernen skandinavischen Serienmörderthriller ohne Reihenverpflichtung lesen wollen.

Die skandinavischen Krimis im Überblick

BuchAutorLandOriginalArtSeiten
Die Tote im GötakanalMaj Sjöwall und Per WahlööSchweden1965Polizeiroman, Band 1269
Mörder ohne GesichtHenning MankellSchweden1991Polizeiroman, erster Wallander-Roman333
Fräulein Smillas Gespür für SchneePeter HøegDänemark1992Literarischer Thriller, Einzelband515
Der FledermausmannJo NesbøNorwegen1997Krimi, Band 1414
NordermoorArnaldur IndriðasonIsland2000Polizeiroman, Band 3 (deutscher Einstieg)318
VerblendungStieg LarssonSchweden2005Thriller, Band 1701
ÖlandJohan TheorinSchweden2007Atmosphärischer Krimi, Einzelband446
ErbarmenJussi Adler-OlsenDänemark2007Thriller, Band 1418
Der Mann, der kein Mörder warMichael Hjorth und Hans RosenfeldtSchweden2010Profiler-Krimi, Band 1624
Der KastanienmannSøren SveistrupDänemark2018Thriller, Einzelband605

Welcher skandinavische Krimi passt zu wem?

  • Für alle, die die Wurzeln kennenlernen wollen: Sjöwall und Wahlöö, danach Mankell – zwei Bücher, die zusammen erklären, warum der Schwedenkrimi so klingt, wie er klingt.
  • Für literarisch Interessierte: Høeg, der die Grenze zwischen Spannungs- und Kunstroman am weitesten verschiebt.
  • Für Leser langer Reihen: Nesbø, Indriðason, Adler-Olsen sowie Hjorth und Rosenfeldt, jeweils mit dem passenden Einstiegsband.
  • Für ein großes Leseprojekt: Larsson, dessen Trilogie man am besten am Stück liest.
  • Für ruhige Abende: Theorin, bei dem Nebel und Erinnerung mehr zählen als Verfolgungsjagden.
  • Für Serienfans ohne Zeit für eine Reihe: Sveistrup, abgeschlossen und filmisch erzählt.

Über fast sechs Jahrzehnte hat sich der skandinavische Krimi verändert: vom gesellschaftskritischen Polizeiroman über den literarischen Thriller bis zur Vorlage für Streamingserien. Eines ist geblieben: Die besten Bücher aus dem Norden fragen nicht nur, wer es war, sondern auch, was ein Verbrechen über die Gesellschaft verrät, in der es geschieht.

Bewerten Sie diesen Beitrag

Kommentar verfassen