Vielen ist Andrzej Sapkowski durch Netflix oder die Videospiele bekannt geworden. Wer danach zu den Büchern greift, merkt schnell, dass die Frage nach dem Einstieg bei ihm gar nicht so leicht zu beantworten ist. Die Hexer-Bücher erschienen nicht in der Reihenfolge, in der die Geschichte abläuft, zwei Romane wurden Jahre nach dem Ende der Saga nachgereicht, und die Bandnummern der deutschen Taschenbuchausgaben stiften zusätzliche Verwirrung.
Auf Deutsch liegen von Sapkowski zwei Werkblöcke vor, die nichts miteinander zu tun haben. Der eine ist der Hexer-Zyklus um Geralt von Riva mit zwei Erzählungsbänden, fünf Saga-Romanen und zwei später geschriebenen Einzelromanen. Der andere ist die historische Narrenturm-Trilogie, die in Schlesien und Böhmen zur Zeit der Hussitenkriege spielt. Zwischen den beiden gibt es keine Verbindung in der Handlung, man kann also mit jedem von ihnen anfangen.
Die Reihenfolge auf einen Blick
Die Jahreszahlen beziehen sich auf die polnische Erstausgabe.
| Nr. | Titel | Einordnung | Erstausgabe |
|---|---|---|---|
| 1 | Der letzte Wunsch | Hexer, Erzählungen | 1993 |
| 2 | Das Schwert der Vorsehung | Hexer, Erzählungen | 1992 |
| 3 | Das Erbe der Elfen | Hexer-Saga 1 | 1994 |
| 4 | Die Zeit der Verachtung | Hexer-Saga 2 | 1995 |
| 5 | Feuertaufe | Hexer-Saga 3 | 1996 |
| 6 | Der Schwalbenturm | Hexer-Saga 4 | 1997 |
| 7 | Die Dame vom See | Hexer-Saga 5 | 1999 |
| 8 | Zeit des Sturms | Hexer, Einzelroman | 2013 |
| 9 | Kreuzweg der Raben | Hexer, Prequel | 2024 |
| + | Etwas endet, etwas beginnt | Erzählungen, optional | 2000 |
| 1 | Narrenturm | Narrenturm-Trilogie 1 | 2002 |
| 2 | Gottesstreiter | Narrenturm-Trilogie 2 | 2004 |
| 3 | Lux perpetua | Narrenturm-Trilogie 3 | 2006 |
Für den Hexer empfehlen wir im Grunde die Reihenfolge, in der die Bücher geschrieben wurden. Sie hat einen entscheidenden Vorteil: Man lernt die Figuren so kennen, wie Sapkowski sie entwickelt hat, und die beiden späten Romane setzen voraus, dass man die Saga schon kennt. Eine kleine Ausnahme gibt es gleich zu Beginn.
Vorsicht bei den Bandnummern auf dem Cover
Bevor wir zu den Büchern kommen, ein Hinweis auf die Verlagsausgaben: Die aktuellen dtv-Taschenbücher sind anders nummeriert als hier empfohlen. dtv zählt „Der letzte Wunsch“ als Vorgeschichte 1, „Zeit des Sturms“ als Vorgeschichte 2 und „Das Schwert der Vorsehung“ als Vorgeschichte 3. „Kreuzweg der Raben“ ist als „The Witcher 6“ im Handel. Diese Zählung entspricht weder der Reihenfolge der Veröffentlichung noch der sinnvollsten Lesereihenfolge. Wer einfach der Nummer auf dem Cover folgt, liest „Zeit des Sturms“ zu früh und begegnet Ciri erst nach einem Roman, der eigentlich für Kenner der Saga gedacht ist. Orientieren Sie sich daher besser an der Tabelle oben.
Der Einstieg: die beiden Erzählungsbände

Der letzte Wunsch
Streng nach Erscheinungsjahr käme Der letzte Wunsch erst an zweiter Stelle, denn in seiner heutigen Form kam der Band 1993 heraus, ein Jahr nach „Das Schwert der Vorsehung“. Er versammelt jedoch die ältesten Hexer-Erzählungen: Die ersten entstanden ab 1986 und waren vorher schon im Band „Wiedźmin“ von 1990 zu lesen. Er wird deshalb allgemein als erster Band gelesen, und das zu Recht.
Sieben Erzählungen sind durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden. Geralt ist ein Hexer, also ein Monsterjäger, der gegen Bezahlung arbeitet. Wir lernen ihn hier kennen, außerdem die Zauberin Yennefer und den Barden Rittersporn. Sapkowski greift bekannte Märchenstoffe auf, etwa Schneewittchen oder Die Schöne und das Biest, und dreht sie so lange, bis kaum etwas von ihrer Unschuld übrig bleibt. Wer nach diesem Band nicht weiß, ob ihm die Mischung aus Ironie, Melancholie und moralischen Grauzonen liegt, wird es mit keinem anderen herausfinden.
Das Schwert der Vorsehung
Der zweite Erzählungsband gehört ebenso zum Pflichtprogramm. In Das Schwert der Vorsehung läuft Geralt Ciri über den Weg, und das Schicksal bindet die beiden aneinander. Außerdem verfolgen wir hier weiter die schwierige Beziehung zu Yennefer, die Geralt unter anderem zu einer Drachenjagd bringt, bei der er als Hexer eigentlich nichts zu suchen hat. Mit dem „Gesetz der Überraschung“ und dem Verhältnis zwischen Geralt, Yennefer und Ciri schaffen die beiden Erzählungsbände die Grundlage, auf der die Saga aufbaut. Wer sie überspringt und gleich mit dem ersten Roman beginnt, versteht nicht, warum diese drei Menschen einander so viel bedeuten. Den Band direkt vor der Saga zu lesen, ist daher die beste Wahl.
Die Hexer-Saga: fünf Romane, eine Geschichte

Mit den Romanen wechselt Sapkowski von der Episode zur großen, zusammenhängenden Erzählung. Die fünf Bände bilden einen durchgehenden Handlungsbogen, und jeder beginnt dort, wo der vorige aufgehört hat. Hier gibt es keinen Spielraum: Man muss sie der Reihe nach lesen.
Band 1 und 2: Ausbildung und Bruch
In Das Erbe der Elfen wird Ciri, die verschollene Thronerbin von Cintra, auf Kaer Morhen, dem alten Stammsitz der Hexer, ausgebildet, während ein Krieg mit Nilfgaard am Horizont heraufzieht. Der Band nimmt sich Zeit, die Figuren und die politischen Verhältnisse zu entwickeln, und ist ruhiger als seine Nachfolger. Das zahlt sich später aus.
Die Zeit der Verachtung ist der Wendepunkt. Ein Putsch auf der Insel Thanedd zerschlägt die mühsam aufgebaute Ordnung, und Geralt, Yennefer und Ciri werden voneinander getrennt. Von hier an erzählt die Saga auf verschiedenen Handlungssträngen.
Band 3 und 4: Auf der Suche nach Ciri
Feuertaufe ist der Band für alle, die Geschichten über Reisen mögen. Geralt ist verwundet, bricht aber trotzdem auf, um Ciri zu finden, und nach und nach sammelt sich eine seltsame Truppe um ihn: Rittersporn, die Bogenschützin Milva und der rätselhafte Regis. Die Gespräche dieser ungleichen Gefährten geben dem Band seinen eigenen Ton.
Der Schwalbenturm wendet sich vor allem Ciri zu, die sich einer Bande namens „die Ratten“ anschließt und schließlich zum titelgebenden Turm flieht. Sapkowski erzählt das mit ineinander verschachtelten Rückblenden aus verschiedenen Perspektiven. Erzählerisch ist das der ehrgeizigste Band des Zyklus, und er verlangt etwas Geduld.
Band 5: das Finale

Die Dame vom See ist der umfangreichste Roman der Saga und bringt die Handlungsfäden zusammen. Mit der Schlacht bei Brenna erreicht der Krieg seinen Höhepunkt, und die Geschichte von Geralt und Ciri findet ihr Ende. Damit ist die Hauptgeschichte zu Ende erzählt.
Nach der Saga: zwei nachgereichte Romane
Viele Jahre nach dem Abschluss der Saga ist Sapkowski noch zweimal zum Hexer zurückgekehrt. Beide Romane handeln von der Zeit vor der Saga, und genau deshalb ordnen viele sie weiter vorne ein. Wir empfehlen, sie erst nach „Die Dame vom See“ zu lesen.
Zeit des Sturms
Zeit des Sturms ist ein eigenständiges Abenteuer aus dem Jahr 2013. Es spielt in der Zeit zwischen den Erzählungen von „Der letzte Wunsch“. Geralt landet im Königreich Kerack, in dem um den Thron gestritten wird, wird festgenommen und kommt mithilfe von Rittersporn wieder frei. Danach lässt er sich von der Zauberin Koralle anheuern, ein mörderisches Wesen in Menschengestalt aufzuspüren. Obwohl die Handlung früh angesiedelt ist, hat Sapkowski das Buch mit dem Wissen um das Ende der Saga geschrieben. Der Epilog bezieht sich auf „Die Dame vom See“ und erreicht seine volle Wirkung erst, wenn man diese kennt. Das ist der wichtigste Grund, nicht nach der Vorgeschichten-Nummer des Verlags zu gehen.
Kreuzweg der Raben

Das neueste Hexer-Buch, Kreuzweg der Raben, erschien im Original 2024. Es geht zurück an den Anfang und zeigt einen jungen Geralt, der in Kaedwen seine ersten Aufträge übernimmt. Er versucht dabei, dem Kodex treu zu bleiben, den er in seiner Ausbildung gelernt hat, und merkt, dass die Wirklichkeit dafür wenig Raum lässt. Chronologisch ist das die früheste Hexer-Geschichte. Ihren Reiz entfaltet sie aber vor allem dann, wenn man schon weiß, welchen Weg Geralt noch vor sich hat. Deshalb steht sie hier am Ende.
Optional: Etwas endet, etwas beginnt
Etwas endet, etwas beginnt gehört nicht zur Reihe. Der Erzählungsband enthält überwiegend Texte ohne Bezug zum Hexer. Für Fans lohnt er sich trotzdem wegen zweier Geschichten: „Der Weg, von dem keiner wiederkehrt“ handelt von Visenna, Geralts Mutter, und die Geschichte über eine Hochzeit von Geralt und Yennefer ist ein augenzwinkerndes Spiel des Autors und kein kanonischer Teil der Handlung. Richtig genießen kann man beides erst, wenn man die Saga kennt, deshalb gehört der Band ebenfalls ans Ende.
Die chronologische Reihenfolge für Wiederleser
Wer die Saga schon kennt und Geralts Leben einmal von vorne nach hinten durchgehen will, kann für die zweite Lektüre die Chronologie der Handlung wählen:
- „Kreuzweg der Raben“
- „Der letzte Wunsch“, mit „Zeit des Sturms“ zwischen den Erzählungen
- „Das Schwert der Vorsehung“
- die fünf Saga-Romane von „Das Erbe der Elfen“ bis „Die Dame vom See“
Neuen Leserinnen und Lesern empfehlen wir diese Reihenfolge ausdrücklich nicht. Sie beginnen damit ausgerechnet mit dem Buch, das am meisten Wissen über Geralt voraussetzt, und stoßen im Epilog von „Zeit des Sturms“ auf Bezüge zum Finale der Saga, bevor sie es gelesen haben.
Die Narrenturm-Trilogie: Sapkowski ohne Geralt

Der zweite Werkblock hat mit dem Hexer nichts zu tun, und man braucht keine Vorkenntnisse. Wer Sapkowski kennenlernen möchte, ohne sich auf Monster und Zauberinnen einzulassen, kann ohne Weiteres mit der Narrenturm-Trilogie beginnen. Die drei Romane erzählen eine zusammenhängende Geschichte und müssen der Reihe nach gelesen werden. Mit jeweils über 700 Seiten sind sie deutlich umfangreicher als die Hexer-Bücher.
Narrenturm
Narrenturm beginnt 1422 in Schlesien. Der junge Medicus Reynevan von Bielau wird mit einer verheirateten Frau erwischt und muss fliehen. Hinter ihm her sind nicht nur deren Schwäger, sondern auch die Inquisition, die bei ihm Anzeichen von Zauberei oder hussitischem Gedankengut vermutet. Daraus wird ein Schelmenroman vor dem Hintergrund der Hussitenkriege, der historische Genauigkeit mit einem guten Schuss Magie und viel Humor verbindet.
Gottesstreiter
Gottesstreiter setzt die Geschichte unmittelbar fort und verlegt sie zunächst ins Prag des Jahres 1427. Reynevan gerät zwischen die Fronten von Hussiten, Kreuzfahrern und Spitzeln und kehrt schließlich nach Schlesien zurück, weil er den Tod seines Bruders rächen will. Die Handlung ist politischer und düsterer als in Band 1.
Lux perpetua
Lux perpetua schließt die Trilogie ab. Der Bischof von Breslau hat Reynevan verurteilt, doch dieser sucht weiter nach Nicoletta, die ihm entrissen wurde, und zieht dafür durch ein Schlesien und Böhmen, das der Glaubenskrieg verwüstet hat.
Ausgaben und was nicht dazugehört
Alle hier genannten Bücher sind als Taschenbücher bei dtv erhältlich. Die Hexer-Bücher hat Erik Simon übersetzt, die Narrenturm-Trilogie Barbara Samborska. Der Roman „Żmija“ von 2009 und Sapkowskis Sachbücher sind nicht auf Deutsch erschienen und stehen deshalb nicht in dieser Übersicht. Comics, illustrierte Ausgaben und Begleitbücher zur Netflix-Serie oder zu den Spielen gehören nicht zu Sapkowskis Werk und sind für die Lesereihenfolge ohne Bedeutung.
Fazit: Wo fange ich an?
Wer den Hexer lesen möchte, beginnt mit „Der letzte Wunsch“, liest danach „Das Schwert der Vorsehung“ und dann die fünf Saga-Romane in ihrer Reihenfolge. „Zeit des Sturms“ und „Kreuzweg der Raben“ sind die Zugabe für danach, „Etwas endet, etwas beginnt“ ein Extra für Fans. Wer lieber historische Romane liest, kann auch ohne Umwege mit „Narrenturm“ einsteigen. Welchen der beiden Blöcke man zuerst liest, spielt keine Rolle.
Kommentar verfassen