Die besten Krimis mit Schauplatz Hamburg – von Chastity Riley bis zum Trümmermörder

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Hamburg hat alles, was ein Kriminalroman braucht: einen Hafen, durch den seit Jahrhunderten Waren, Geld und Menschen aus aller Welt fließen, einen Kiez mit Kneipen, die nie schließen, feine Villen an Alster und Elbe und ein Wetter, das die Stimmung zuverlässig eintrübt. Kein Wunder, dass die Stadt zu den beliebtesten Krimischauplätzen im deutschsprachigen Raum zählt.

Die folgenden zehn Bücher zeigen, wie unterschiedlich sich Hamburg erzählen lässt. Am Anfang stehen zwei Ermittlerinnen, die das Genre in der Stadt geprägt haben, danach geht es an den Hafen und ans Elbufer. Es folgen ein Blick von außen und ein Thriller, dann drei historische Krimis, die Schritt für Schritt tiefer in die Vergangenheit führen – vom Nachkriegswinter bis ins 18. Jahrhundert. Den Schluss bildet ein Roman, der streng genommen gar kein Krimi ist, aber von einem der bekanntesten Hamburger Verbrechen erzählt. Fast alle Titel eröffnen eine Reihe: Wer hier eine passende Figur findet, kann lange weiterlesen.

Zwei Ermittlerinnen, die den Hamburg-Krimi geprägt haben

Simone Buchholz, Revolverherz

Simone Buchholz: Revolverherz

Wer heute nach dem Hamburg-Krimi schlechthin fragt, kommt an Simone Buchholz kaum vorbei. Revolverherz (Suhrkamp, 241 Seiten) erschien erstmals 2008 und ist der erste Fall für Chastity Riley, eine Staatsanwältin, die für die Verbrechen rund um das Rotlichtviertel zuständig ist. Im nebligen März werden an der Elbe tote Stripperinnen gefunden, auf verstörende Weise zugerichtet. Riley macht sich mit einem Team auf die Suche, das aus Polizisten und kleinen Gangstern gleichermaßen besteht.

Das Besondere an der Reihe ist weniger der Fall als der Ton. Riley ist lakonisch, trinkfest, verletzlicher, als sie zugibt, und in ihrer Stadt so zu Hause, dass man St. Pauli beim Lesen fast riechen kann: Tresen, Zigarettenrauch, Nieselregen. Die Romane erzählen abgeschlossene Fälle und lassen sich laut Verlag unabhängig voneinander lesen. Der Auftakt zeigt aber am besten, wie Riley und ihre Leute zueinandergefunden haben.

Doris Gercke: Weinschröter, du musst hängen

Zwanzig Jahre früher, 1988, trat eine andere Hamburger Ermittlerin auf, die viele heute vor allem aus dem Fernsehen kennen: Bella Block. Weinschröter, du musst hängen (Fischer Taschenbuch, 124 Seiten) ist ihr erster Fall und Vorlage der gleichnamigen ZDF-Reihe. Die Kripo-Beamtin wird in das Dorf Roosbach im Hamburger Umland geschickt, wo sich zwei Menschen das Leben genommen haben sollen. Was nach einem ruhigen Auftrag auf dem Land aussieht, entpuppt sich als Blick hinter eine Fassade, die längst Risse hat. Ein Grenzfall dieser Liste: Dieser erste Bella-Block-Krimi führt aus Hamburg ins Umland, gehört aber historisch eng zur Hamburger Krimitradition.

Gercke schreibt knapp und schnörkellos, mit einem wachen Blick für Machtverhältnisse und für das, worüber in einer Dorfgemeinschaft geschwiegen wird. Die Großstadt selbst ist hier eher Ausgangspunkt als Kulisse. Als Klassiker des sozialkritischen deutschen Krimis gehört das schmale Buch dennoch in jede Liste zu Hamburg – und ist an einem Abend gelesen.

Hafen und Elbe: Krimis mit Wasser unter dem Kiel

Till Raether, Treibland

Till Raether: Treibland

Einen sympathischeren Antihelden als Adam Danowski dürfte man in Hamburger Krimis selten finden. Der Kommissar ermittelt am liebsten vom Schreibtisch aus, Außeneinsätze sind ihm ein Graus. Ausgerechnet er wird in Treibland (Rowohlt Polaris, 494 Seiten) an den Hafen beordert: Das Kreuzfahrtschiff „Große Freiheit“ hat angelegt, an Bord liegt ein Passagier, der an einem rätselhaften Virus gestorben ist. Das Schiff wird unter Quarantäne gestellt, niemand darf von Bord – auch Danowski nicht, der bald ahnt, dass hinter dem Todesfall ein Verbrechen steckt.

Raether verbindet ein Kammerspiel auf dem abgeriegelten Schiff mit der Unruhe einer Stadt, in der sich Angst ausbreitet. Die Spannung entsteht nicht aus Actionszenen, sondern aus der Enge und aus einem Ermittler, der eigentlich nur nach Hause möchte. Das macht den Auftakt der Danowski-Reihe zu einem guten Einstieg für Leser, die einen zugänglichen, gut gebauten Krimi mit Hafenatmosphäre suchen.

Jan Jepsen und Kester Schlenz: Der Bojenmann

Noch näher ans Wasser rückt Der Bojenmann (btb, 313 Seiten). Bei Övelgönne steht eine hölzerne Kunstfigur auf einer Tonne in der Elbe – bis sie eines Nachts abgesägt und durch eine Leiche ersetzt wird. Kommissar Thies Knudsen vom LKA in Altona steht vor einem Rätsel, und als weitere, ähnlich inszenierte Opfer folgen, holt er sich Rat bei einem alten Freund: Oke Andersen, genannt „La Lotse“, ein ehemaliger Lotse, der direkt am Elbstrand lebt und den Hafen kennt wie kaum ein anderer.

Das Autorenduo erzählt mit vielen Dialogen und wechselnden Perspektiven, und es steckt spürbar viel Ortskenntnis in diesem Buch – von Övelgönne bis zum Duckdalben, der Seemannsmission, in die die Spur schließlich führt. Wer Hamburg vor allem als Hafenstadt liebt, wird hier fündig. Der Roman eröffnet eine Reihe um Knudsen und La Lotse.

Hamburg mit fremdem und mit dunklem Blick

Henrik Siebold, Inspektor Takeda und die Toten von Altona

Henrik Siebold: Inspektor Takeda und die Toten von Altona

Wie wirkt Hamburg auf jemanden, der die Stadt nicht kennt? Diese Frage steht im Hintergrund von Inspektor Takeda und die Toten von Altona (Aufbau Taschenbuch, 412 Seiten). Kenjiro Takeda gehört zur Mordkommission in Tokio und ist als Hospitant in Deutschland. Als in Altona ein Ehepaar tot in seiner Wohnung aufgefunden wird, spricht alles für einen gemeinsamen Selbstmord. Takeda hat Zweifel – zu Recht, wie sich zeigt – und nimmt zusammen mit Hauptkommissarin Claudia Harms die Ermittlungen auf.

Der Reiz des Buchs liegt im Zusammenspiel der beiden ungleichen Partner und im fremden Blick auf den deutschen Alltag. Takeda, ein Jazzliebhaber mit Saxofon, geht auf seine eigene Art vor, Harms muss sich darauf erst einlassen. Das ist unterhaltsam, ohne den Fall zu vernachlässigen, und für Leser interessant, die das Ermittlerduo ebenso wichtig nehmen wie das Verbrechen. Mit diesem Band beginnt die Takeda-Reihe.

Andreas Winkelmann: Das Haus der Mädchen

Wer es härter mag, greift zu Das Haus der Mädchen (Rowohlt Taschenbuch, 400 Seiten). Andreas Winkelmanns Hamburg-Thriller verfolgt zwei Handlungsstränge. Leni kommt für ein Praktikum in die Stadt und findet ein Zimmer in einer Villa am Kanal; ihre neue Mitbewohnerin ist schon am nächsten Morgen verschwunden. Freddy Förster, einst erfolgreicher Geschäftsmann und inzwischen obdachlos, beobachtet zufällig einen Mord und beginnt aus Angst um sein eigenes Leben, den Täter zu suchen. Nach und nach wird klar, dass beide Geschichten zusammengehören.

Im Mittelpunkt stehen hier keine Kommissare, sondern Menschen, die unfreiwillig in Gefahr geraten. Winkelmann setzt auf Tempo, wechselnde Perspektiven und eine düstere Grundstimmung. Das Buch ist damit der Gegenpol zum klassischen Ermittlerkrimi dieser Liste und zugleich der Auftakt der Reihe um Kerner und Oswald.

Historische Hamburg-Krimis: von 1947 zurück bis 1765

Cay Rademacher, Der Trümmermörder

Cay Rademacher: Der Trümmermörder

Hamburg im Hungerwinter 1946/47: Die Stadt liegt in Schutt, es ist bitterkalt, und die Menschen sind damit beschäftigt, irgendwie über den nächsten Tag zu kommen. In dieser Trümmerlandschaft wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt, ohne jeden Hinweis auf den Täter. Der Trümmermörder (DuMont, 476 Seiten) ist der erste Fall für Oberinspektor Frank Stave, dem ein Kollege von der Sitte und ein Offizier der britischen Besatzungsverwaltung zur Seite gestellt werden. Bald gibt es weitere Tote.

Rademacher greift einen realen Fall auf, der nie aufgeklärt wurde, und macht daraus ein eindringliches Bild der Nachkriegszeit: Schwarzmarkt, zerstörte Viertel, eine Polizei, der es an allem fehlt. Wer historische Krimis schätzt, die ihre Epoche ernst nehmen, sollte hier beginnen. Die Stave-Reihe begleitet Hamburg durch die folgenden Nachkriegsjahre.

Robert Brack: Und das Meer gab seine Toten wieder

Weniger bekannt, aber umso lohnender ist Und das Meer gab seine Toten wieder (Goldmann, 249 Seiten). Anfang der 1930er-Jahre werden an einem Strand die Leichen zweier Polizistinnen angeschwemmt. Beide gehörten der Weiblichen Kriminalpolizei an, einer Einrichtung, die in Hamburg heftig umstritten war. Selbstmord oder Doppelmord? Eine internationale Frauenorganisation beauftragt die britische Polizistin Jennifer Stevenson, der Sache nachzugehen.

Brack erzählt von Frauen, die sich in einem Männerberuf behaupten müssen, und von einer politisch aufgeheizten Zeit kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der Roman ist ernst im Ton und kommt ohne Effekthascherei aus. Mit gut 250 Seiten ist er zudem kompakt – ein Tipp für alle, die abseits der großen Reihen etwas entdecken wollen.

Petra Oelker: Tod am Zollhaus

Petra Oelker, Tod am Zollhaus

Noch weiter zurück geht Petra Oelker. Ihre Rosina-Romane spielen im Hamburg der 1760er-Jahre, und die hier empfohlene Ausgabe von Tod am Zollhaus (Rowohlt Taschenbuch, 976 Seiten) ist ein Sammelband, der die ersten drei Bände vereint. Im titelgebenden Roman wird 1765 im Hafen eine Leiche gefunden; verdächtigt wird der Prinzipal einer Wanderbühne, den man betrunken am Tatort aufgegriffen hat. Die Komödiantin Rosina hält ihn für unschuldig und beginnt nachzuforschen.

In „Der Sommer des Kometen“ sterben 1766 drei wohlhabende Bürger unter rätselhaften Umständen, in „Lorettas letzter Vorhang“ liegt 1767 eine Schauspielerin tot hinter den Kulissen des Nationaltheaters, in dessen Umfeld auch Gotthold Ephraim Lessing als Kritiker auftaucht. Oelker verbindet Kriminalfälle mit einem farbigen Bild der Kaufmannsstadt, ihrer Theaterwelt und ihrer gesellschaftlichen Schranken. Wer sich für die Reihe interessiert, bekommt mit diesem Band gleich einen umfangreichen Einstieg.

Kein Krimi, aber ein Hamburger Verbrechen: Heinz Strunk

Heinz Strunk, Der goldene Handschuh

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Zum Schluss ein Buch, das sich den Regeln des Genres entzieht. Der goldene Handschuh (Rowohlt Taschenbuch, 253 Seiten) ist kein Kriminalroman mit Ermittler und Auflösung, sondern ein Roman über einen realen Fall: Fritz Honka, der in den 1970er-Jahren Frauen tötete, die er aus der Kiezkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ mit nach Hause nahm. Wer der Täter ist, steht von Anfang an fest. Strunk interessiert sich für die Welt, aus der die Taten hervorgehen – und für die Menschen am Tresen, denen das Leben kaum noch etwas übrig gelassen hat.

Das Buch ist drastisch und über weite Strecken schwer zu ertragen, aber genau darin liegt seine Kraft. Strunk zeigt auch Figuren aus besseren Kreisen, und am Ende begegnen sich oben und unten ausgerechnet in dieser Kneipe. Fatih Akin hat den Roman verfilmt. Wer Hamburg-Krimis wegen des Kiez-Milieus liest, findet hier dessen dunkelste und literarisch radikalste Darstellung – sollte aber wissen, worauf er sich einlässt.

Die Hamburg-Krimis im Überblick

BuchAutorZeitArtSeiten
RevolverherzSimone BuchholzGegenwartKiez-Krimi, Chastity Riley 1241
Weinschröter, du musst hängenDoris Gercke1980er-JahreSozialkritischer Krimi, Bella Block 1124
TreiblandTill RaetherGegenwartHafenkrimi, Danowski 1494
Der BojenmannJan Jepsen, Kester SchlenzGegenwartHafenkrimi, Knudsen/La Lotse 1313
Inspektor Takeda und die Toten von AltonaHenrik SieboldGegenwartErmittlerkrimi, Takeda 1412
Das Haus der MädchenAndreas WinkelmannGegenwartThriller, Kerner und Oswald 1400
Der TrümmermörderCay Rademacher1946/47Historischer Krimi, Stave 1476
Und das Meer gab seine Toten wiederRobert BrackAnfang der 1930er-JahreHistorischer Krimi249
Tod am ZollhausPetra Oelker1765–1767Historischer Krimi, Sammelband Rosina 1–3976
Der goldene HandschuhHeinz Strunk1970er-JahreRoman nach einem realen Mordfall253

Welcher Hamburg-Krimi passt zu wem?

  • Für Kiez-Atmosphäre und einen unverwechselbaren Ton: Buchholz mit Chastity Riley, der wohl prägendsten Hamburger Ermittlerin der Gegenwart.
  • Für Klassiker-Leser und Fernsehzuschauer: Gercke mit dem ersten Bella-Block-Fall.
  • Für Hafenromantik mit Leiche: Raether auf dem Quarantäneschiff, Jepsen und Schlenz an der Elbe bei Övelgönne.
  • Für ungewöhnliche Ermittlerpaare: Siebold mit dem Japaner Takeda und seiner Hamburger Kollegin.
  • Für Thriller-Leser: Winkelmann, der mit Abstand temporeichste Titel der Liste.
  • Für historisch Interessierte: Rademacher für die Nachkriegszeit, Brack für die frühen 1930er-Jahre, Oelker für das 18. Jahrhundert.
  • Für Leser, die Literatur statt Rätsel suchen: Strunk – kein Krimi, aber das beklemmendste Buch dieser Auswahl.

Hamburg im Krimi ist weit mehr als Fischbrötchen und Hafenrundfahrt. Zwischen Reeperbahn und Elbstrand, zwischen Trümmerwinter und Kreuzfahrtterminal zeigen diese zehn Bücher eine Stadt, deren Weltläufigkeit und Wohlstand immer auch eine Kehrseite haben – erzählt mal lakonisch, mal atemlos, mal mit dem langen Blick zurück in die Geschichte.

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