Die besten Krimis mit Schauplatz München – von Tabor Süden bis Kommissar Pascha

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München gilt als die gemütliche unter den deutschen Großstädten: Biergarten, Föhn, Alpenblick, eine Isar, in der man baden kann. Gerade deshalb ist die Stadt ein dankbarer Schauplatz für Kriminalromane. Wo so viel Wohlstand und Selbstzufriedenheit herrschen, fällt jeder Riss besonders auf – und die Geschichte der Stadt, von der Räterepublik bis in die NS-Zeit, bietet Stoff, der alles andere als gemütlich ist.

Die folgenden zehn Bücher zeigen München aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Am Anfang stehen drei preisgekrönte Romane, die das Genre in der Stadt geprägt haben. Es folgen historische Krimis aus der Prinzregentenzeit und dem Sommer 1914, dann Ermittlerteams der Gegenwart mit viel Lokalkolorit, ein lakonischer Noir, ein Justizkrimi und zum Schluss ein Thriller. Die meisten Titel eröffnen eine Reihe – wer eine passende Stimme findet, kann lange weiterlesen.

Drei Klassiker, dreimal Deutscher Krimi Preis

Friedrich Ani, Die Frau mit dem harten Kleid

Friedrich Ani: Die Frau mit dem harten Kleid

Wer nach dem Münchner Krimi schlechthin fragt, landet bei Friedrich Ani. Kein anderer Autor hat die Stadt so konsequent und so eigenwillig zum Schauplatz gemacht, und keine seiner Figuren ist so bekannt wie Tabor Süden, der Ermittler von der Vermisstenstelle. Die Frau mit dem harten Kleid (Suhrkamp, 199 Seiten) erschien ursprünglich unter dem Titel „Süden und die Frau mit dem harten Kleid“ und wurde 2003 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.

Einen Mörder gilt es hier nicht zu überführen. Süden sucht nach Johann Farak, einem Mann Anfang vierzig, der aus seinem Leben verschwunden ist und den außer der Schwester kaum jemand zu vermissen scheint. Je länger Süden fragt, desto deutlicher zeichnet sich das Bild eines Menschen ab, den die Umgebung längst abgeschrieben hatte. Ani erzählt das leise, genau und mit großer Zuneigung zu Leuten am Rand – ein München, das auf keiner Postkarte vorkommt. Da die Süden-Romane in sich abgeschlossen sind, eignet sich dieser schmale Band gut als Einstieg.

Robert Hültner: Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski

Rund achtzig Jahre früher und politisch aufgeladen: Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski (btb, 475 Seiten) spielt 1919 in einem München, das nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner und in den Wirren der Räterepublik aus den Fugen geraten ist. Ein Journalist verschwindet und wird später tot aufgefunden; offenbar war er den Hintergründen des Attentats auf der Spur. Inspektor Kajetan nimmt die Ermittlungen auf und bewegt sich damit auf gefährlichem Gelände.

Hültner erhielt für den Roman 1996 den Deutschen Krimi Preis, und das Buch gilt bis heute als Maßstab für den historischen München-Krimi. Es lebt von der dichten Atmosphäre einer Stadt, in der Recht und Politik kaum noch zu trennen sind. Wichtig für Käufer: Die btb-Ausgabe ist ein Doppelband und enthält zusätzlich den Roman „Walching“. Der spielt 1922 allerdings nicht in München, sondern in einem Alpendorf, in dem ein junges Mädchen ermordet wurde – ein lohnender Bonus, aber kein weiterer Stadtkrimi.

Andrea Maria Schenkel: Kalteis

Andrea Maria Schenkel, Kalteis

Mit ihrem Debüt „Tannöd“ wurde Andrea Maria Schenkel bekannt, Kalteis (Atlantik, 186 Seiten) führt nun in die Stadt. Der Roman beruht auf einem realen Fall: den Verbrechen des Frauenmörders Johann Eichhorn in München und seinem Umland in den 1930er-Jahren. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau vom Land, die in der Großstadt ihr Glück sucht und nicht ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt.

Schenkel verzichtet auf einen klassischen Ermittler. Sie setzt den Fall aus kurzen Fragmenten zusammen, aus Stimmen, Aussagen und Protokollen, die sich zu einem immer bedrückenderen Bild fügen. Das liest sich eher wie ein literarischer Roman als wie ein Polizeikrimi, knapp und kühl, und gerade dadurch beklemmend. 2008 wurde das Buch mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Wer eine dunkle, ungeschönte Seite der Stadt sucht, findet sie hier.

Historische München-Krimis: von der Prinzregentenzeit bis 1914

Angelika Felenda, Der eiserne Sommer

Angelika Felenda: Der eiserne Sommer

Der eiserne Sommer (Suhrkamp, 435 Seiten) ist der erste Fall von Kommissär Reitmeyer und spielt im Sommer 1914, wenige Wochen vor Kriegsbeginn. Während die Stadt ein Regimentsjubiläum feiert, wird an der Isar ein toter junger Mann gefunden. Die Umstände sind heikel, die Obrigkeit hätte die Sache gern schnell vom Tisch – zumal die Spur ins Militär führt, gegen das die Polizei nicht ermitteln darf.

Felenda nutzt den Fall, um eine Gesellschaft kurz vor dem Absturz zu zeigen: Arbeiterviertel und Großbürgervillen, Offiziersvergnügen und Polizeihierarchie. Der Roman ist sorgfältig recherchiert und ernst im Ton, ohne schwerfällig zu wirken. Die Reitmeyer-Reihe begleitet München durch die 1910er- und 1920er-Jahre. Laut Verlag lassen sich die Bände unabhängig voneinander lesen, der natürliche Anfang ist aber dieser.

Uta Seeburg: Der falsche Preuße

Deutlich heiterer geht es bei Uta Seeburg zu. Der falsche Preuße (HarperCollins, 351 Seiten) spielt 1894 und schickt den preußischen Freiherrn Wilhelm von Gryszinski nach München, wo er der Königlich Bayerischen Polizei moderne Methoden wie Fingerabdruck und Spurensicherung beibringen soll. Gleich sein erster Fall ist ein Rätsel: Ein bekannter Bierbeschauer liegt tot an der Isar, und die Fundumstände sind so exotisch, dass man zunächst an einen Scherz glauben möchte.

Der Reiz des 2020 erschienenen Romans liegt im Zusammenprall zweier Mentalitäten. Seeburg spielt genüsslich mit preußischer Korrektheit und bayerischem Eigensinn und entwirft nebenbei ein farbiges Bild der Stadt mit Trambahnen und Bierpalästen. Wer Hültner und Felenda zu düster findet, ist hier richtig: Das Buch ist leichter im Ton, aber keineswegs beliebig, und eröffnet eine Reihe um Gryszinski.

Gegenwart mit Lokalkolorit: Ermittlerteams in München

Su Turhan, Kommissar Pascha

Su Turhan: Kommissar Pascha

Kommissar Pascha (Piper, 325 Seiten) ist der erste Fall für Zeki Demirbilek, einen Kommissar, der eigentlich keine Lust auf Führungsverantwortung hat und mit dem Gedanken spielt, München ganz den Rücken zu kehren. Dann wird aus dem Eisbach eine übel zugerichtete Leiche gezogen, vermutlich ein Türke, und Demirbilek übernimmt ein neu gebildetes bayerisch-türkisches Team.

Turhan erzählt flott, dialogreich und mit Humor, ohne den Fall zu verharmlosen. Sein eigentliches Verdienst aber ist die Perspektive: Die Reihe zeigt das heutige, von Migration geprägte München, das in den übrigen Büchern dieser Liste kaum vorkommt. Die Romane wurden für die ARD verfilmt, und wer die Filme kennt, findet in den Büchern mehr Zeit für Figuren und Zwischentöne.

Harry Kämmerer: Isartod

Harry Kämmerer, Isartod

Wer Lokalkolorit und Komik sucht, sollte Isartod (HarperCollins, 414 Seiten) probieren. Karl-Maria Mader und seine Kollegen Hummel und Zankl haben es mit einer Frauenleiche in der Isar zu tun, bald darauf mit einem grausam zugerichteten Toten vor der Allianz-Arena. Verstärkung kommt in Gestalt der resoluten Niederbayerin Doris „Dosi“ Roßmeier, und die Spur führt zu einem zweifelhaften Wellnessprojekt im Isartal, an dem Leute aus Politik und Wirtschaft beteiligt sind.

Das Buch ist temporeich, die Leichen häufen sich, doch im Vordergrund stehen die Figuren und ihr trockener, oft böser Humor. Die Schauplätze reichen von Pasing über Fröttmaning bis in den Münchner Süden, sodass Ortskundige vieles wiedererkennen. Als Auftakt der Reihe um Mader, Hummel und Dosi ist es die richtige Wahl für alle, die einen heiteren Regionalkrimi suchen, bei dem das Verbrechen trotzdem ernst genommen wird.

Abseits des Kommissariats: Noir und Justizkrimi

Max Bronski: Sister Sox

Max Bronski, Sister Sox

Sister Sox (Heyne, 190 Seiten) ist der Geheimtipp dieser Auswahl. Wilhelm Gossec betreibt in Giesing einen kleinen Trödelladen, als ihn ein Hilferuf seiner Ziehtochter Pia erreicht. In ihrer Wohnung liegt die Leiche eines Mädchens, Pia selbst ist verschwunden, und Gossec gerät in einer brütend heißen Stadt zwischen die Fronten.

Bronski schreibt knapp und lakonisch; das Buch hat mehr mit Noir gemein als mit dem gemütlichen Regionalkrimi. Gossec ist kein Polizist, sondern ein Mann, der unfreiwillig in die Sache hineingerät, und die Stadt zeigt sich von ihrer rauen Seite, weit weg von Marienplatz und Oktoberfest. In München genießt die Reihe um Gossec Kultstatus, außerhalb der Stadt ist sie weniger bekannt, als sie es verdient. Mit knapp 200 Seiten ist der Auftakt schnell gelesen.

Andreas Föhr: Eisenberg

Einen ganz anderen Zugang wählt Andreas Föhr, bekannt geworden mit seinen Krimis um Wallner und Kreuthner, die am Tegernsee spielen. In Eisenberg (Knaur Taschenbuch, 509 Seiten) ermittelt nicht die Polizei, sondern die Verteidigung. Die Münchner Strafverteidigerin Rachel Eisenberg übernimmt das Mandat eines Obdachlosen, der eines brutalen Mordes verdächtigt wird – und erkennt in ihm einen Mann, mit dem sie früher eine Beziehung hatte.

Die Beweise sind erdrückend, der Mandant legt sogar ein Geständnis ab und entzieht ihr das Mandat. Aus diesem Zweifel zwischen Loyalität, Berufsethik und eigener Vergangenheit bezieht der Roman seine Spannung. Wer Gerichts- und Anwaltskrimis mag oder einfach einmal die andere Seite eines Strafverfahrens kennenlernen möchte, findet hier den ersten Band einer eigenen Reihe, die im Gegensatz zu Föhrs bekannteren Büchern in der Stadt spielt.

Zum Schluss ein Thriller

Andreas Gruber, Todesfrist

Andreas Gruber: Todesfrist

Die härteste Gangart dieser Auswahl: Todesfrist (Goldmann, 432 Seiten) eröffnet die erfolgreiche Reihe um die Münchner Kommissarin Sabine Nemez und den niederländischen Profiler Maarten S. Sneijder. Ein Serientäter stellt der Polizei ein Ultimatum und tötet auf grausam inszenierte Weise; als Vorlage dient ihm ausgerechnet ein altes Kinderbuch. Erst mit Sneijders Hilfe erkennt Nemez das Muster dahinter.

Gruber setzt auf hohes Tempo, drastische Szenen und ein ungleiches Ermittlerpaar: die hartnäckige Münchner Kommissarin und der eigenwillige Profiler von außen. Zartbesaitete Leser sollten gewarnt sein. Wer dagegen Thriller mag, die kaum eine Pause lassen, bekommt hier einen Auftakt, dem viele weitere Bände gefolgt sind. Der Roman erschien erstmals 2012; die hier verlinkte Goldmann-Ausgabe ist eine Neuausgabe.

Die München-Krimis im Überblick

BuchAutorZeitArtSeiten
Die Frau mit dem harten KleidFriedrich AniGegenwartVermisstenfall, Tabor-Süden-Reihe199
Inspektor Kajetan und die Sache KoslowskiRobert Hültner1919Historischer Krimi, Doppelband475
KalteisAndrea Maria Schenkel1930er-JahreLiterarischer Kriminalroman, Einzelband186
Der eiserne SommerAngelika Felenda1914Historischer Krimi, Band 1435
Der falsche PreußeUta Seeburg1894Heiterer historischer Krimi, Band 1351
Kommissar PaschaSu TurhanGegenwartErmittlerkrimi, Band 1325
IsartodHarry KämmererGegenwartHumorvoller Regionalkrimi, Band 1414
Sister SoxMax BronskiGegenwartNoir, Band 1190
EisenbergAndreas FöhrGegenwartJustizkrimi, Band 1509
TodesfristAndreas GruberGegenwartThriller, Band 1432

Welcher München-Krimi passt zu wem?

  • Für Leser, die Literatur suchen: Ani und Schenkel – beide kurz, beide preisgekrönt, beide mehr an Menschen als an Rätseln interessiert.
  • Für Freunde historischer Krimis: Hültner für die Revolutionsjahre, Felenda für den Vorabend des Ersten Weltkriegs, Seeburg für die heitere Variante in der Prinzregentenzeit.
  • Für Lokalkolorit mit Humor: Kämmerer und Turhan, zwei Ermittlerteams, die die Stadt der Gegenwart zeigen – das eine mit bayerischem Grant, das andere mit bayerisch-türkischem Blick.
  • Für alle, die etwas Kantiges wollen: Bronski mit seinem lakonischen Noir aus Giesing.
  • Für Gerichtskrimi-Fans: Föhr mit einer Anwältin statt eines Kommissars.
  • Für Thriller-Leser: Gruber, mit Abstand der härteste Titel der Liste.

München im Krimi ist mehr als Weißwurst und Wiesn. Zwischen Räterepublik und Gegenwart, zwischen Isarufer, Eisbach und Allianz-Arena zeigen diese zehn Bücher eine Stadt, die hinter ihrer freundlichen Fassade erstaunlich viele Abgründe bereithält – und die sich auf sehr verschiedene Weise erzählen lässt, melancholisch, komisch oder atemlos.

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