Die besten Romane über die Nachwendezeit – zehn Bücher über Ostdeutschland nach 1990

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Über den Mauerfall selbst ist viel geschrieben worden. Was danach kam, hat die Literatur erst nach und nach eingeholt: Betriebe, die schlossen, Eltern, die über Nacht arbeitslos wurden oder in den Westen gingen, Jugendliche, die in einem Vakuum ohne Regeln groß wurden, Dörfer, aus denen die Jungen abwanderten.

Die folgenden zehn Romane erzählen von dieser Zeit aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Einige entstanden schon in den Neunzigern, andere stammen von Autoren, die die Wende als Kinder erlebt haben oder erst danach geboren wurden. Zusammen ergeben sie ein vielstimmiges Bild, das von der Tragikomik der frühen Jahre bis zu den Spätfolgen in der Gegenwart reicht. Am Ende finden Sie eine Übersicht und Empfehlungen, womit Sie je nach Interesse am besten beginnen.

Die Standardwerke der Nachwendeliteratur

Ingo Schulze: Simple Storys

Ingo Schulze, Simple Storys

Wer verstehen will, wie sich die Literatur der Nachwendezeit anfühlt, kommt an Simple Storys kaum vorbei. Ingo Schulze veröffentlichte das Buch 1998, und der Untertitel „Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz“ beschreibt den Schauplatz genau: Altenburg in Ostthüringen, eine Kleinstadt mit schöner alter Bausubstanz, die zwischen Uranbergbau und Braunkohle langsam verfällt.

Das Besondere ist die Form. Schulze erzählt in 29 Kapiteln, die sich zunächst wie einzelne Kurzgeschichten lesen. Erst nach und nach merkt man, dass die Figuren miteinander verbunden sind – als Nachbarn, Kollegen, Geliebte oder entfremdete Familienmitglieder. Was ihnen passiert, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Gerade darin liegt die Wirkung: Der große historische Einschnitt zeigt sich nicht in Leitartikeln, sondern in verlorenen Jobs, unsicheren Beziehungen und kleinen Peinlichkeiten. Schulze schreibt dabei lakonisch und mit trockenem Humor, nie sentimental. Die aktuelle Fischer-Taschenbuchausgabe hat 429 Seiten; wer genau liest, wird mit einem Puzzle belohnt, das sich erst am Ende ganz zusammensetzt.

Lutz Seiler: Stern 111

Lutz Seiler, Stern 111

Mit Stern 111 gewann Lutz Seiler 2020 den Preis der Leipziger Buchmesse. Der Roman setzt unmittelbar nach dem 9. November 1989 ein: Carls Eltern, beide um die fünfzig, kehren der DDR den Rücken und brechen in den Westen auf, getrieben von einem Plan, den sie selbst vor dem Sohn geheim halten. Carl soll eigentlich zu Hause die Stellung halten, zieht aber nach Ost-Berlin. Dort landet er zunächst auf der Straße, dann in einer Gruppe junger Leute, die leerstehende Häuser besetzt und eine Kellerkneipe betreibt.

Seiler verbindet zwei Erzählstränge: die Odyssee der Eltern durch Auffanglager und Übergangsunterkünfte und Carls Leben im Ost-Berlin der ersten Nachwendemonate, wo plötzlich alles möglich und nichts geregelt ist. Daraus entsteht ein Panorama dieser kurzen Phase, in der die alten Strukturen verschwunden und die neuen noch nicht da waren. Lose knüpft das Buch an seinen Roman „Kruso“ an, der 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt, lässt sich aber unabhängig davon lesen. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe umfasst 525 Seiten.

Clemens Meyer: Als wir träumten

Clemens Meyer, Als wir träumten

Kein Buch über die Neunziger in Ostdeutschland ist so laut und so wütend wie Clemens Meyers Debüt Als wir träumten von 2006. Rico, Mark, Paul und Daniel sind Kinder, als die Mauer fällt, und Jugendliche in einem Leipzig, in dem sich gerade niemand für sie zuständig fühlt. Sie knacken Autos, trinken, gehen in Technoclubs, prügeln sich und landen früher oder später vor Gericht oder im Jugendknast.

Meyer erzählt aus der Innensicht dieser Clique, sprunghaft zwischen Zeiten und Episoden, roh, aber mit erstaunlicher Zärtlichkeit für seine Figuren. Das Buch handelt von einer Generation, die zu jung war, um von der Wende zu profitieren, und zu alt, um von ihr unberührt zu bleiben. Es ist keine bequeme Lektüre und über 500 Seiten lang, doch kaum ein anderer Roman fängt die Rastlosigkeit jener Jahre so unmittelbar ein. Andreas Dresen hat den Stoff 2015 verfilmt.

Zugänglich erzählt: gute Einstiege ins Thema

Thomas Brussig: Wie es leuchtet

Thomas Brussig, Wie es leuchtet

Thomas Brussig ist vielen durch seine humorvollen DDR-Bücher bekannt. Wie es leuchtet, erstmals 2004 erschienen, umfasst genau das Jahr, in dem sich alles drehte: vom Sommer 1989, als DDR-Bürger über Ungarn in den Westen gingen, bis zum Sommer 1990, als Deutschland Fußballweltmeister wurde. Statt einer Hauptfigur gibt es ein ganzes Ensemble – eine junge Frau auf Rollschuhen, einen Fotografen, einen Bürgerrechtler, eine Anwältin, einen Reporter in der Schreibkrise, einen Hoteldirektor und viele mehr.

Streng genommen spielt der Roman an der Schwelle zur Nachwendezeit, nicht mitten in ihr. Gerade deshalb ist er ein guter Einstieg: Er zeigt die Euphorie, die Unsicherheit und die Absurditäten des Übergangs, bevor die Ernüchterung einsetzt, von der viele andere Bücher dieser Liste erzählen. Brussig schreibt unterhaltsam und mit Lust an der Pointe, ohne den Ernst der Lage zu überspielen. Mit 607 Seiten in der btb-Ausgabe ist es allerdings das umfangreichste Buch dieser Auswahl.

Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Daniela Krien, Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Ganz anders im Ton ist Daniela Kriens Debüt Irgendwann werden wir uns alles erzählen von 2011. Im Sommer 1990 lebt die junge Maria auf dem Hof der Familie ihres Freundes, in einem Dorf an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Dann beginnt sie eine Affäre mit dem Nachbarn Henner, einem Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie und eine dunkle Seite hat.

Der Roman ist vor allem eine Liebesgeschichte, und zwar eine verstörende. Doch das politische Geschehen ist ständig präsent: Die Währungsunion kommt, Verwandte aus dem Westen tauchen auf, alte Gewissheiten lösen sich auf. Die Gesetzlosigkeit dieses Sommers spiegelt sich in Marias Leben, das ebenfalls aus allen Ordnungen fällt. Krien erzählt knapp, sinnlich und mit großer Spannung; die Diogenes-Taschenbuchausgabe hat 259 Seiten und lässt sich gut in wenigen Abenden lesen. 2023 kam die Verfilmung von Emily Atef ins Kino.

Gewalt, Wut und die Generation danach

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Manja Präkels, Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Ein Teil der Nachwendezeit wird inzwischen unter dem Schlagwort „Baseballschlägerjahre“ diskutiert: die Neunziger, in denen rechtsextreme Jugendgruppen in vielen ostdeutschen Orten den Alltag bestimmten. Manja Präkels hat darüber einen der eindringlichsten Romane geschrieben. In Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß wachsen Mimi und Oliver als Nachbarskinder in einer Kleinstadt an der Havel auf. Sie spielen Fußball, werden Pioniere und naschen auf Familienfeiern heimlich Schnapskirschen.

Nach dem Mauerfall trennen sich ihre Wege. Oliver steigt unter dem Spitznamen „Hitler“ zum Anführer einer Neonazi-Bande auf, die bald ganze Straßenzüge kontrolliert. Präkels erzählt aus Mimis Sicht, nüchtern und ohne Effekthascherei, und gerade die Nähe der beiden Kinder macht das Buch so bedrückend. Der Roman wurde 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, richtet sich aber ebenso an Erwachsene. Die btb-Ausgabe hat 230 Seiten.

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel, Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel, Jahrgang 1994, gehört zu einer Generation, die die DDR nicht mehr erlebt hat und trotzdem in ihrem Schatten groß geworden ist. Sein Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen (2018) begleitet die Brüder Philipp und Tobias von 2000 bis 2015 in einem Dorf in der Oberlausitz. Die Eltern bauen ein Haus und wollen vorankommen, doch um die Familie herum stehen stillgelegte Fabriken, und die Erfahrungen der Erwachsenen mit Arbeitslosigkeit und Entwertung bleiben unausgesprochen.

Rietzschel zeigt, wie aus dieser Stille Leere wird und aus Leere Wut. Während sich der eine Bruder zurückzieht, findet der andere Halt in rechten Kreisen – bis es zur Zeit der Flüchtlingsdebatte und der Dresdner Aufmärsche eskaliert. Der Roman erklärt nichts und urteilt nicht, sondern beobachtet in kurzen, präzisen Szenen. Die Ullstein-Taschenbuchausgabe umfasst 319 Seiten.

Domenico Müllensiefen: Aus unseren Feuern

Domenico Müllensiefen, Aus unseren Feuern

Das jüngste Buch der Liste ist ebenfalls ein Debüt. Aus unseren Feuern von Domenico Müllensiefen erschien 2023 im Kanon Verlag, wurde mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet und zählte zu den vieldiskutierten Romanen des Jahres. Im Mittelpunkt stehen drei Freunde aus der sächsischen Provinz: Heiko, Thomas und Karsten. Aus Langeweile zünden sie Dinge an, träumen von Mädchen und vom Weggehen. Einer soll den Schlachthof der Eltern übernehmen, einer will nach Amerika, und Heiko verlegt Kabel, bevor er schließlich Bestatter wird.

Müllensiefen interessiert sich für Menschen, die in Debatten über den Osten sonst eher als Statistik vorkommen: Arbeiter, Abgehängte, Leute ohne große Pläne. Er nimmt sie ernst, ohne sie zu verklären, und erzählt rau und zugleich verletzlich. Der Verlag stellt das Buch in die Tradition von Wolfgang Hilbig und Clemens Meyer – wer „Als wir träumten“ mochte, sollte hier unbedingt weiterlesen. Die Ausgabe hat 335 Seiten.

Zwei Romane über die Langzeitfolgen

Juli Zeh: Unterleuten

Juli Zeh, Unterleuten

Der bekannteste Titel dieser Auswahl ist Unterleuten, Juli Zehs Bestseller von 2016. Das Brandenburger Dorf, das dem Roman seinen Namen gibt, wirkt auf Besucher idyllisch: viel Natur, seltene Vögel, eigenwillige Bewohner. Als dort ein Windpark entstehen soll, kommen jedoch alte Rechnungen auf den Tisch – Konflikte um Grund und Boden, um die Nachfolge der früheren LPG und um die Frage, wer nach der Wende profitiert hat und wer nicht. Dazu kommen die Zugezogenen aus Berlin, die das Landleben suchen und mit den Spielregeln des Ortes wenig anfangen können.

Zeh erzählt aus vielen Perspektiven, und jede Figur hat aus ihrer Sicht gute Gründe für ihr Handeln. Daraus entsteht ein Sog, der an einen Thriller erinnert, und zugleich ein Gesellschaftsroman über Eigeninteresse und Moral. Die Wende ist hier nicht Kulisse, sondern Ursprung vieler Konflikte, die ein Vierteljahrhundert später noch schwelen. Die btb-Ausgabe hat 643 Seiten.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe

Zum Schluss ein besonderer Tipp, der leiser ist als die meisten anderen Bücher hier. Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky erschien 2011 und trägt den Untertitel „Bildungsroman“ – ein doppeldeutiger Hinweis, denn erzählt wird von einer Lehrerin. Inge Lohmark unterrichtet seit über dreißig Jahren Biologie an einer Schule im hinteren Vorpommern. Die Stadt schrumpft, die Jungen ziehen weg, und in wenigen Jahren wird die Schule mangels Schülern geschlossen.

Lohmark hält an ihren Überzeugungen fest: Anpassung ist in ihrer Weltsicht ein Naturgesetz, Mitgefühl eher Schwäche. Als sie unerwartet Gefühle für eine Schülerin entwickelt, gerät ihr Weltbild ins Wanken. Schalansky erzählt bitterkomisch, sehr präzise und mit Freude an biologischen Begriffen. So wird der Roman zu einer Studie über Abwanderung und Erstarrung, also über Folgen der Wende, die man erst Jahre später bemerkt. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe hat 275 Seiten.

Die zehn Nachwenderomane im Überblick

BuchAutorErstmals erschienenSchauplatzSeiten
Simple StorysIngo Schulze1998Altenburg, Thüringen429
Stern 111Lutz Seiler2020Ost-Berlin und unterwegs525
Als wir träumtenClemens Meyer2006Leipzig517
Wie es leuchtetThomas Brussig2004Berlin607
Irgendwann werden wir uns alles erzählenDaniela Krien2011Thüringisch-sächsisches Grenzland259
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aßManja Präkels2017Brandenburg230
Mit der Faust in die Welt schlagenLukas Rietzschel2018Oberlausitz319
Aus unseren FeuernDomenico Müllensiefen2023Sächsische Provinz335
UnterleutenJuli Zeh2016Brandenburg643
Der Hals der GiraffeJudith Schalansky2011Vorpommern275

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkten Taschenbuchausgaben.

Welcher Nachwenderoman passt zu Ihnen?

  • Für den Klassiker des Genres: „Simple Storys“ – das Buch, an dem sich viele spätere Nachwenderomane messen lassen müssen.
  • Für einen leichten Einstieg mit Humor: „Wie es leuchtet“, das die Aufbruchsstimmung von 1989/90 einfängt.
  • Für ein kurzes, intensives Leseerlebnis: „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ oder „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, beide deutlich unter 300 Seiten.
  • Für die Jugend der Neunziger: „Als wir träumten“ und danach „Aus unseren Feuern“.
  • Für Leser, die die Gegenwart Ostdeutschlands verstehen wollen: „Mit der Faust in die Welt schlagen“ und „Unterleuten“.
  • Für literarisch Anspruchsvolle: „Stern 111“ und „Der Hals der Giraffe“.

Lesen Sie am besten mehr als einen dieser Romane: Erst im Nebeneinander von Euphorie und Absturz, von Großstadt und Provinz, von Eltern- und Kindergeneration zeigt sich, wie unterschiedlich die Jahre nach 1990 erlebt wurden – und warum sie bis heute nachwirken.

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