Die besten Bücher wie »Der Herr der Ringe«

Wer Der Herr der Ringe hinter sich hat, sucht selten das nächste Buch mit Elben. Gesucht wird ein Gefühl: dass die Welt, in die man gerät, schon lange vor der ersten Seite bestanden hat und nach der letzten weitergeht. Zwerge, Ringe und ein finsterer Turm im Osten sind dagegen nur die Möblierung – und wer sie einfach nachbaut, hat noch keinen Nachfolger geschrieben.

Nützlicher ist es, Tolkiens Buch in seine Bestandteile zu zerlegen. Vier davon wirken bis heute nach:

  • Eine Welt, die älter ist als die Handlung. Geschichte, Völker und Sprachen sind vorher da; die Handlung läuft nur hindurch.
  • Ein kleiner Held, der nicht vorgesehen war. Kein Königssohn, sondern jemand aus der Küche, vom Hof, aus dem Dorf.
  • Der Weg als Form. Eine Gruppe ist unterwegs, das Buch erzählt in Etappen, und die Landkarte vorn ist keine Zierde.
  • Der Preis. Gesiegt wird schon, aber es kostet etwas, und am Ende ist etwas endgültig vorbei.

Keines der zehn Bücher hier bedient alle vier Punkte gleich stark – und genau das ist der interessante Teil. Bei jedem steht deshalb, welchen Bestandteil es weiterführt und für welche Leser es sich deswegen lohnt.

Die direkten Erben

Tad Williams, Der Drachenbeinthron

Der Drachenbeinthron von Tad Williams (Klett-Cotta, 975 Seiten) übernimmt Tolkiens Bauplan am vollständigsten. Der alte König Johan liegt im Sterben, seine Söhne Elias und Josua streiten um die Nachfolge, und mitten hinein gerät Simon, ein Küchenjunge, den man wegen seiner Zerstreutheit Mondkalb nennt – der kleine Held, wie er kaum kleiner anfangen könnte. Über der Thronfolge stehen die Elbenvölker der Sithi und Nornen, denen Osten Ard vor den Menschen gehörte und deren Absichten niemand kennt: die Welt, die älter ist als die Handlung, in Reinform. Der Klappentext des Verlags zitiert Christopher Paolini, der die Reihe als einen der Gründe nennt, überhaupt Fantasy geschrieben zu haben – Paolini steht weiter unten selbst auf dieser Liste. Für Leser, die den ganzen Bauplan noch einmal wollen, inklusive Hofintrige und ohne jede Eile: 975 Seiten sind hier der erste von vier Bänden.

Robert Jordan, Die Suche nach dem Auge der Welt

Die Suche nach dem Auge der Welt von Robert Jordan (Piper, 890 Seiten) hat den tolkienhaftesten Anfang, den die neuere Fantasy zu bieten hat. Im abgelegenen Emondsfelde erzählt man sich alte Geschichten über den Dunklen König und die Magierinnen der Aes Sedai, ohne ihnen recht zu glauben. Dann überfallen die Trollocs das Dorf, und die Fremde Moiraine – die mehr weiß, als sie sagt – verhilft vier jungen Leuten in letzter Minute zur Flucht, weil eines von ihnen das Schicksal der Welt verändern wird. Das ist der Aufbruch aus dem Auenland, noch einmal gespielt und danach in eine eigene Richtung gedreht: Der Weg ist hier die Form, und das Rad der Zeit dreht sich weiter, ob die Figuren mitkommen oder nicht. Wer genau diesen Moment des Aufbruchs sucht, findet ihn nirgends besser. Nur sollte man wissen, worauf man sich einlässt: Im Original umfasst Das Rad der Zeit vierzehn Bände.

Wenn die Magie das Gerüst trägt

Brandon Sanderson, Kinder des Nebels

Kinder des Nebels von Brandon Sanderson (Piper, 894 Seiten) beginnt hinter dem Ende, das Tolkien verhindert hat: Der Dunkle Herrscher hat gewonnen, vor über tausend Jahren. Asche liegt auf der Landschaft, der Himmel ist blutrot, nachts steigt Nebel auf, das Volk der Skaa lebt in Sklaverei. Der Nebelgeborene Kelsier und seine Schülerin Vin wollen den Obersten Herrscher stürzen – und die Anlage des Buchs erinnert dabei eher an einen Coup mit einer angeworbenen Bande als an eine Pilgerfahrt. Wo Tolkien seine Magie im Halbdunkel lässt, ist sie hier ein System mit Regeln: Nebelgeborene verbrennen Metalle, und jedes Metall kann etwas anderes. Das Buch ist deshalb die Empfehlung für Leser, denen die Größe und der düstere Ton an Tolkien gefielen, die aber wissen wollen, wie die Zauberei funktioniert, statt sie zu ahnen.

Der schnellste Weg hinein

Christopher Paolini, Das Vermächtnis der Drachenreiter

Das Vermächtnis der Drachenreiter von Christopher Paolini (Blanvalet, 602 Seiten) ist der erste Eragon-Band und trägt die Möblierung offen: Elfen, Zwerge, Magie, ein grausamer Herrscher und natürlich Drachen. Eragon findet bei der Jagd einen blauen Stein, dem ein Drachenjunges entschlüpft, und wird damit zum Erben der Drachenreiter – der kleine Held vom Hof, ohne Umwege. Der Verlag verkauft das Buch als den jungen »Herrn der Ringe«, was als Werbung zu lesen ist, als Wegweisung aber stimmt: Paolini hat mit fünfzehn angefangen zu schreiben, und die Nähe zum Vorbild ist bei ihm kein Zufall, sondern Programm. Für junge Leser, die von Tolkien gehört haben und noch nicht bei ihm anfangen wollen, ist das der beste Einstieg dieser Liste; erwachsene Leser bekommen das vertraute Muster in schnellerem Tempo, sollten aber keine Neuerfindung erwarten.

Zwei aus dem deutschen Regal

Markus Heitz, Die Zwerge

Die Zwerge von Markus Heitz (Piper, 635 Seiten) nimmt sich ein Volk aus Tolkiens Personal und stellt es in die Mitte. Held ist der Schmiedegeselle Tungdil, der gegen dunkle Albae, Verräter in den eigenen Reihen und zwielichtige Magier antritt und dabei zur Figur eines ganzen Volkes wird. Das ist der kleine Held wörtlich genommen, und es ist erzählt wie eine Reihe von Etappen – zügig, mit klaren Fronten. Der Zyklus umfasst nach Angabe des Verlags fünf Bände; dass es sich um die meistgekaufte deutschsprachige Fantasyserie handeln soll, ist Verlagswerbung, sagt aber etwas darüber, wie viele Leser hier genau das gefunden haben, was sie suchten. Wer bei Tolkien Gimli am liebsten mochte, fängt hier an.

Das Geheimnis von Askir von Richard Schwartz (Piper, 397 Seiten) ist der Gegenentwurf und mit knapp 400 Seiten der kürzeste Titel dieser Auswahl. Der Krieger Havald kehrt in einem verschneiten Gasthof im hohen Norden ein, ebenso die undurchsichtige Magierin Leandra; dann schneidet der Winter das Haus von der Außenwelt ab, ein Mord geschieht, und niemand weiß, wem zu trauen ist. Der Weg fällt hier also weg, und übrig bleibt der Bestandteil, auf den es Schwartz ankommt: unter dem Gasthof kreuzen sich uralte Kraftlinien, und die Spuren führen in ein untergegangenes Reich, dessen Name über dem ganzen Zyklus steht. Eine Welt, die älter ist als die Handlung, erzählt als Kammerspiel mit Kriminalfall – für Leser, denen bei Tolkien das Marschieren zu lang war und die Atmosphäre und ein Rätsel lieber sind als eine Schlacht.

Wenn der Mythos näher ist als die Schlacht

Juliet Marillier, Die Tochter der Wälder

Die Tochter der Wälder von Juliet Marillier (Knaur Taschenbuch, 644 Seiten) geht dorthin zurück, wo Tolkien seinen Stoff geholt hat: in die alten Erzählungen. Der Roman spielt im 9. Jahrhundert, während die keltischen Fürsten ihr Land gegen die Briten verteidigen, und greift den alten Märchenstoff von den verzauberten Brüdern auf. Sorcha, die jüngste Tochter der Herren von Sevenwaters, ist die Einzige, die ihre sechs verfluchten Brüder retten kann – und der Preis dafür ist das, was das Buch mit Tolkien am stärksten verbindet: Sie muss mehr aufgeben, als sie sich vorstellen konnte. Dazu kommt etwas, das Der Herr der Ringe fast vollständig fehlt, nämlich eine Frau im Zentrum der Handlung. Für Leser, denen Lothlórien und der elegische Grundton wichtiger waren als Helms Klamm.

Das Buch über das Lesen

Michael Ende, Die unendliche Geschichte

Die unendliche Geschichte von Michael Ende (Carlsen, 474 Seiten) sieht auf der Oberfläche nach Kinderbuch aus und trifft dabei den Punkt, über den Tolkien selbst am ausführlichsten nachgedacht hat: was eine erfundene Welt mit dem macht, der sie betritt. Bastian findet in einem Antiquariat ein Buch, liest darin von Phantásien, in dem sich das Nichts ausbreitet, und von Atréju, der ein Menschenkind suchen soll – und merkt bald, dass er selbst immer weiter in die Handlung gerät. Was Tolkien in seinem Essay Über Märchen theoretisch verhandelt, ist hier die Handlung selbst. Und das Nichts ist die genauere Bedrohung als jeder dunkle Turm: Es frisst nicht Länder, sondern Geschichten. Ein einzelner Band, 474 Seiten, kein Reihenversprechen – der kürzeste Weg zurück in dieses Gefühl, und das naheliegendste Buch, um es an ein Kind weiterzugeben.

Dieselbe Größe, andere Weltkarte

Tasha Suri, Der Jasmin-Thron

Der Jasmin-Thron von Tasha Suri (Cross Cult, 703 Seiten) hat den epischen Zuschnitt, aber nicht das mitteleuropäische Mittelalter: Die Welt ist von indischer Geschichte inspiriert. Prinzessin Malini ist von ihrem despotischen Bruder in den Hirana verbannt, einen uralten Felsentempel, der einmal als Quelle eines magischen Wassers verehrt wurde und heute verfällt; Priya arbeitet als Dienerin in ihren Gemächern und verbirgt, dass sie über verbotene Magie verfügt. Der Tempel mit seiner vergessenen Bedeutung ist genau die Tiefe, die Tolkiens Ruinen haben – getragen wird die Geschichte aber nicht von einer Gemeinschaft auf dem Weg, sondern von zwei Frauen und der Liebesgeschichte zwischen ihnen. Der Roman wurde mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet und ist der Auftakt einer Trilogie. Für Leser, die die epische Dimension wollen, das vertraute Mobiliar aber nicht mehr sehen können.

Zerrissene Erde von N. K. Jemisin (Knaur, 494 Seiten) ist von allen zehn Büchern das äußerlich fernste – und in einem Punkt das konsequenteste. Tolkien legt Geschichte und Geografie unter die Handlung; Jemisin macht die Welt zum Thema selbst. Im Herzen des Landes Sanze hat sich ein Riss aufgetan, dessen Asche den Himmel verdüstert, und in dieser sterbenden Welt sucht Essun ihre entführte Tochter – bei einem Mörder, den sie zu gut kennt, weil es ihr eigener Mann ist, der auch den Sohn erschlagen hat. Der Ton ist düster und eindringlich, und getröstet wird niemand. Es hat den Hugo Award gewonnen und ist der erste Band der Broken-Earth-Trilogie. Für Leser, die den elegischen Grundton und die Weltentiefe an Tolkien geschätzt haben und sehen wollen, wie weit sich beides treiben lässt – nicht für den gemütlichen Abend.

Alle zehn auf einen Blick

Titel Autorin/Autor Reihe Verlag, Jahr Seiten
Der Drachenbeinthron Tad Williams Das Geheimnis der Großen Schwerter Klett-Cotta, 2025 975
Die Suche nach dem Auge der Welt Robert Jordan Das Rad der Zeit Piper, 2020 890
Kinder des Nebels Brandon Sanderson Die Nebelgeborenen Piper, 2018 894
Das Vermächtnis der Drachenreiter Christopher Paolini Eragon Blanvalet, 2019 602
Das Geheimnis von Askir Richard Schwartz Das Geheimnis von Askir Piper, 2011 397
Die Zwerge Markus Heitz Die Zwerge Piper, 2016 635
Die Tochter der Wälder Juliet Marillier Sevenwaters Knaur Taschenbuch, 2011 644
Die unendliche Geschichte Michael Ende Carlsen, 2010 474
Der Jasmin-Thron Tasha Suri Die brennenden Reiche Cross Cult, 2025 703
Zerrissene Erde N. K. Jemisin Broken Earth Knaur, 2018 494

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier genannten Ausgaben; von den meisten Titeln gibt es mehrere.

Womit anfangen?

Wer schnell wieder in dieses Gefühl möchte, ohne sich auf einen Zyklus einzulassen, nimmt Die unendliche Geschichte oder Das Geheimnis von Askir – beide sind in wenigen Abenden zu lesen. Wer das Gegenteil sucht, also so viel Welt wie möglich, greift zum Drachenbeinthron oder zur Suche nach dem Auge der Welt und hat für den Rest des Jahres etwas zu tun. Und wer nach dem dritten Pseudo-Mittelalter genug hat, sollte mit Zerrissene Erde oder Der Jasmin-Thron anfangen: Beide zeigen, dass an Tolkien nicht die Landkarte das Bemerkenswerte war, sondern der Umstand, dass es hinter ihr weiterging.

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