Die besten Fantasy-Bücher mit weiblicher Hauptfigur für Erwachsene

Fantasy mit einer Frau im Zentrum ist keine Nische mehr. Der größere Teil des Angebots richtet sich allerdings an junge Leserinnen und Leser, und wer als Erwachsener sucht, landet schnell in Reihen, in denen die Heldin zwar ein Schwert trägt, aber nie etwas wirklich Falsches damit anstellt.

Der Unterschied liegt nicht in der Härte einzelner Szenen. Er liegt darin, was ein Buch seiner Hauptfigur zutraut: dass sie sich irrt, dass sie grausam wird, dass ihre Macht Folgen hat, die niemand zurücknimmt – und dass der Roman sie trotzdem nicht fallen lässt.

Die folgenden zehn Bücher tun das, jedes auf seine Art. Sie stehen nicht in einer Rangfolge, sondern gruppiert nach dem, was sie von ihren Lesern verlangen.

Wenn Macht etwas kostet

N. K. Jemisin, Zerrissene Erde

Zerrissene Erde von N. K. Jemisin (Knaur, 494 Seiten) beginnt mit einer Frau, die längst kein Anfang mehr ist. Essun ist Mutter und findet ihren Sohn erschlagen vor; die Tochter ist fort, entführt vom eigenen Ehemann. Sie lebt auf einem Kontinent, dessen Erde in regelmäßigen Abständen alles Leben auslöscht, und sie gehört zu den Menschen, die Beben mit dem Willen steuern können – weshalb man sie fürchtet, benutzt und, wo es sich anbietet, umbringt.

Essuns Kapitel stehen in der zweiten Person, was zunächst eigenwillig wirkt und im Lauf des Buches einen Grund bekommt. Die Welt ist streng gebaut, das Vokabular fordernd, und die Teile fügen sich spät zusammen. Der Lohn ist eine Heldin, deren Wut nicht als Charakterschwäche behandelt wird, sondern als angemessene Antwort auf die Verhältnisse. Die Trilogie im Original gewann dreimal in Folge den Hugo Award, den wichtigsten Preis des Genres.

Geeignet für Leser, die eine Welt mit eigenen Begriffen mögen und eine Erzählweise mit doppeltem Boden – und die Geduld mitbringen, sich die ersten hundert Seiten erklären zu lassen, was sie da eigentlich lesen.

Ich bin Circe von Madeline Miller (Eisele, 516 Seiten) arbeitet mit dem umgekehrten Prinzip: Der Stoff ist jedem vertraut, die Perspektive nicht. Circe ist Tochter des Sonnengotts Helios, aber ihre Stimme klingt wie die einer Sterblichen, und sie fühlt sich unter Menschen wohler als unter Göttern. Dafür verbannt man sie auf eine Insel, wo sie tut, was in dieser Lage naheliegt: Sie bringt sich selbst etwas bei. Sie studiert die Magie der Pflanzen, zähmt wilde Tiere und wird über Jahrhunderte zu einer Zauberin, mit der zu rechnen ist.

Erzählt wird das in der ersten Person, in ruhigen, sehr genauen Sätzen. Daidalos, Medea, der Minotauros und schließlich Odysseus treten auf, aber keiner von ihnen ist das Ziel der Geschichte; sie sind Stationen in einem Leben, das lange dauert. Wer Mythologie mag und keine Kampfchoreografie braucht, findet hier das am schönsten geschriebene Buch dieser Liste.

Die Schamanin von R. F. Kuang (Blanvalet, 669 Seiten) ist der härteste Titel. Rin ist Waise im Süden des Kaiserreichs Nikan, wird von ihren Adoptiveltern als Arbeitskraft benutzt und lernt sich in die Eliteakademie Sinegard hinein, wo man sie wegen ihrer Herkunft verspottet. Bis hierher liest sich der Roman wie eine Akademiegeschichte. Dann bricht ein Krieg aus, und das Buch wechselt das Genre.

Kuang hat sich für diesen Krieg an realen Ereignissen des 20. Jahrhunderts orientiert, und sie mildert nichts ab: Einige Kapitel schildern Kriegsverbrechen in einer Ausführlichkeit, die man kennen sollte, bevor man anfängt. Entscheidend ist, was daraufhin mit Rin geschieht. Sie trifft Entscheidungen, die der Roman weder entschuldigt noch relativiert – eine Hauptfigur, die zur Täterin wird und es bleibt. Die Fortsetzungen heißen Die Kaiserin und Die Erlöserin.

Zwei Hochschulen, an denen Studieren tödlich ist

Rebecca Yarros, Fourth Wing

Fourth Wing von Rebecca Yarros (dtv, 764 Seiten) gehört zu den Büchern, die die Romantasy-Welle ausgelöst haben. Violet Sorrengail wollte Schriftgelehrte werden; ihre Mutter, die Generalin, schickt sie stattdessen ins Auswahlverfahren der Drachenreiter am Basgiath War College. Nicht einmal die Hälfte des Jahrgangs überlebt das erste Jahr, denn Drachen binden keine schwachen Menschen, sie verbrennen sie.

Der Kunstgriff ist, dass Violet die körperlich Ungeeignetste ihres Jahrgangs ist: Ihre Gelenke und Knochen halten kaum, was das Training verlangt. Sie kompensiert mit Wissen, Vorbereitung und Gift, und das Buch nimmt ihr diese Schwäche nie ab. Der Rest ist Tempo – kurze Kapitel, viel Dialog, ein Liebeskonflikt mit dem Geschwaderführer Xaden im Zentrum. Wer literarische Sätze sucht, ist falsch; wer ein Buch will, das ein Wochenende auffrisst, richtig. Iron Flame und Onyx Storm schließen unmittelbar an und sind nicht unabhängig lesbar.

Das neunte Haus von Leigh Bardugo (Knaur, 528 Seiten) spielt an einer realen Universität und ist der düstere Gegenentwurf. Acht Studentenverbindungen beherrschen den Campus von Yale und über ihn seit Generationen Politik und Wirtschaft, gestützt auf uralte Magie; ein neuntes Haus soll sie überwachen. Alex Stern landet dort nicht durch Begabung im üblichen Sinn, sondern weil sie ohne jede Zauberei Geister sehen kann – mitgebracht aus einem Leben mit Drogen und Gewalt, das der Roman nicht beschönigt.

Als auf dem Campus Studentinnen ermordet werden, ist Alex die Einzige, die den Fall führen kann. Das Buch ist so viel Kriminalroman wie Fantasy, und es enthält Szenen sexualisierter Gewalt. Geeignet für Leser, die Dark Academia mögen und eine Ermittlerin, deren Wut auf Institutionen berechtigt ist.

Wenn die Erzählstimme das Buch trägt

Heather Fawcett, Emily Wildes Enzyklopädie der Feen

Emily Wildes Enzyklopädie der Feen von Heather Fawcett (FISCHER Tor, 411 Seiten) ist die freundlichste Empfehlung dieser Liste, ohne harmlos zu sein. Emily Wilde ist Professorin in Cambridge, die führende Expertin für Feenkunde und dabei, die erste Enzyklopädie ihres Fachs zu schreiben. Mit Menschen kommt sie nicht zurecht und bevorzugt die Gesellschaft ihrer Bücher, ihres Hundes und, im Zweifel, des Feenvolks. Für ihre Forschung reist sie in das verschneite Dorf Hrafnsvik, wo ihr der charmante akademische Rivale Wendell Bambleby zuvorkommt.

Erzählt wird in Tagebucheinträgen, und darin liegt der Reiz: Man liest eine Wissenschaftlerin beim Denken, samt Fußnoten und Selbstkorrekturen. Bemerkenswert ist, was das Buch unterlässt – Emily wird nicht zur Geselligkeit erzogen. Ihre Unverträglichkeit ist keine Macke, die geheilt werden müsste. Die Reihe umfasst inzwischen Emily Wildes Atlas der Anderswelten (2024) und Emily Wildes Kompendium der verlorenen Geschichten (2025).

Ich bin Gideon von Tamsyn Muir (Heyne, 605 Seiten) ist das Gegenteil davon und lebt genauso von der Stimme. Gideon Nav hat genug: von dem düsteren Planeten voller verknöcherter Nonnen, vom Dienst am Neunten Haus und vor allem von Harrowhark Nonagesimus, der Erbin dieses Hauses. Ihr Fluchtversuch scheitert, und die Strafe besteht darin, ausgerechnet Harrow als Schwertmeisterin an den kaiserlichen Hof zu begleiten, wo die Erben der königlichen Häuser einen Wettkampf auf Leben und Tod austragen.

Nekromantie im Weltraum, erzählt von einer Heldin, die auf alles mit Spott reagiert. Muir erklärt fast nichts: Wer die Häuser, ihre Regeln und den halben Hintergrund verstehen will, muss sie sich beim Lesen erschließen. Das ist ein Angebot, kein Versehen – und es trennt die Leser zuverlässig. Der zweite Band heißt Ich bin Harrow.

Große Reiche, langer Atem

Tasha Suri, Der Jasmin-Thron

Der Jasmin-Thron von Tasha Suri (Cross Cult, 703 Seiten) verteilt die Hauptrolle auf zwei Frauen. Malini ist Prinzessin, von ihrem despotischen Bruder in den Felsentempel Hirana verbannt und mit nichts beschäftigt als mit Rachegedanken. Priya arbeitet als Dienerin im Haushalt der verhassten Regentin, putzt Malinis Gemächer und verbirgt dabei, dass sie über verbotene Magie verfügt. Als Malini das bemerkt, sind beide aneinander gebunden.

Die Welt ist von indischer Geschichte inspiriert, die Politik ist der eigentliche Motor, und die Liebesgeschichte zwischen den beiden läuft nicht neben der Politik her, sondern ist ein Teil von ihr – mit allem Misstrauen, das dazugehört. Der Roman gewann den World Fantasy Award; fortgesetzt wird die Trilogie mit Das Oleander-Schwert.

Die Tochter der Wälder von Juliet Marillier (Knaur Taschenbuch, 644 Seiten) ist die stillste Wahl und die mit dem ältesten Stoff: eine Neuerzählung des Märchens von den sechs Schwänen, angesiedelt im keltischen Irland des 9. Jahrhunderts. Sorcha wächst als jüngstes Kind der Herren von Sevenwaters auf, bis ein Fluch ihre sechs Brüder trifft. Sie ist die Einzige, die sie erlösen kann, und der Preis dafür ist ungewöhnlich für eine Heldin: Sie muss schweigen und arbeiten, während ihr Schweres widerfährt – auch sexualisierte Gewalt.

Heldentum heißt hier Ausdauer, nicht Kampf, und der Roman nimmt sich Zeit dafür. Magie ist kein System mit Regeln, sondern etwas, das den Wald, die Anderswelt und die Politik der britischen Nachbarn gleichermaßen durchzieht. Geeignet für Leser, die historisch grundierte Fantasy mögen und denen ein langsames Buch nichts ausmacht.

Magie, die keine Welt retten will

Alice Hoffman, Practical Magic

Practical Magic von Alice Hoffman (FISCHER, 299 Seiten) ist das kürzeste Buch der Liste und das einzige ohne Reich, Akademie oder Krieg. Seit mehr als zweihundert Jahren macht man die Frauen der Familie Owens für alles verantwortlich, was in ihrer Gemeinde in Massachusetts schiefgeht – man hält sie für Hexen. Sally und Gillian wachsen damit auf: als Kinder Außenseiterinnen, als junge Frauen begehrt und gefürchtet. Ihr größtes Problem verursachen sie am Ende selbst, als sie sich voneinander entfernen.

Magie ist hier Hausmittel und Familienerbe, kein Regelwerk, und die Fantasy steckt in den Rändern des Alltags. Der Roman ist die Vorlage des Films von 1998 und funktioniert vor allem als Buch über zwei Schwestern. Geeignet für Leser, die Fantasy ohne Karte im Vorsatz mögen.

Alle zehn im Überblick

Titel Autorin Verlag, Jahr Seiten Reihe
Zerrissene Erde N. K. Jemisin Knaur, 2018 494 Broken Earth 1
Ich bin Circe Madeline Miller Eisele, 2020 516 eigenständig
Die Schamanin R. F. Kuang Blanvalet, 2020 669 Im Zeichen der Mohnblume 1
Fourth Wing Rebecca Yarros dtv, 2023 764 Flammengeküsst 1
Das neunte Haus Leigh Bardugo Knaur, 2020 528 Alex Stern 1
Emily Wildes Enzyklopädie der Feen Heather Fawcett FISCHER Tor, 2023 411 Emily Wilde 1
Ich bin Gideon Tamsyn Muir Heyne, 2020 605 Locked Tomb 1
Der Jasmin-Thron Tasha Suri Cross Cult, 2025 703 Die brennenden Reiche 1
Die Tochter der Wälder Juliet Marillier Knaur Taschenbuch, 2011 644 Sevenwaters 1
Practical Magic – Zauberhafte Schwestern Alice Hoffman FISCHER, 2022 299 eigenständig

Wo anfangen?

Die meisten dieser Bücher sind Auftakt einer Reihe. Wer sich auf keine mehrbändige Verpflichtung einlassen will, greift zu Ich bin Circe oder Practical Magic: Beide erzählen ihre Geschichte zu Ende.

Für den schnellen Einstieg ins Genre eignet sich Fourth Wing, für den anspruchsvollsten Zerrissene Erde. Wer die Nerven für Kriegsdarstellungen hat, liest Die Schamanin; wer sie ausdrücklich nicht hat, Emily Wildes Enzyklopädie der Feen.

Was diese Heldinnen verbindet, ist nicht Stärke. Essun ist wütend, Circe einsam, Rin verbittert, Violet fragil, Alex misstrauisch, Emily menschenscheu, Gideon albern, Priya vorsichtig, Sorcha stumm, Sally verschlossen. Verbunden sind sie dadurch, dass ihre Entscheidungen stehen bleiben – und dass die Bücher es ihnen nicht leichter machen, als es ist.

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