Bücher über das Alter sind meistens eines von zwei Dingen: ein Ratgeber, der erklärt, wie man es hinauszögert, oder eine Elegie über das Verschwinden. Beides geht davon aus, dass das Alter ein Zustand ist, den man eigentlich nicht haben sollte.
Die dreizehn Bücher hier tun das nicht. Sie fangen bei der Lebensmitte an, hören bei den Neunzigjährigen auf und behandeln unterwegs Scheidung, Untreue, Verwitwung, Pflegeheim, Flugzeugabsturz und einen überraschend belastbaren Restbestand an Begehren. Sortiert sind sie nach dem Alter ihrer Hauptfiguren – wobei die interessantesten Bücher an den Rändern stehen.
Ab vierzig: „Nicht mehr sexy, noch nicht senil“

Die Formulierung stammt von Mona Vetsch und beschreibt in Kommt die Weisheit des Alters noch? (Kein & Aber, 192 Seiten) das Leben zwischen vierzig und fünfundsechzig. Vetsch und Tom Gisler waren mit ihrem Bühnenprogramm drei Jahre auf ausverkaufter Tour und haben dort Publikumsfragen zu diesem Lebensabschnitt sofort beantwortet. Das Buch ist die Auswahl der besten Fragen – ein Format, das man dem Text anmerkt, im besten Sinne: Es sind echte Fragen, keine ausgedachten.
Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen von Andrea Gerk (Kein & Aber, 192 Seiten) startet an derselben Stelle – lange ausgehen und heftig flirten bereiten inzwischen mehr Kopfschmerzen als Freude, für Hobbys ist man nicht der Typ – und antwortet nicht mit Umschulung oder Auswanderung, sondern mit Pilzesuchen, Vögelbeobachten und der Pflege der eigenen Macken. Es ist ein Trostbuch, das sich nicht wie eines anfühlt.
Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? von Wencke Mühleisen (Nagel & Kimche, 189 Seiten) ist die ernste Variante. Am letzten Abend eines Italienurlaubs eröffnet Jan seiner Frau Erika in einem Restaurant in Triest, dass er seit anderthalb Jahren eine Affäre hat. Erikas Frage danach ist nicht, wie sie das übersteht, sondern: Welche Möglichkeiten hat eine Frau in der Lebensmitte nach einer langen Ehe – und ist der Wunsch nach Nähe in diesem Alter eigentlich besorgniserregend?
Reiz von Simone Meier (Kein & Aber, 237 Seiten) stellt dieselbe Frage aus zwei Richtungen. Valerie hat die Wirren der Liebe hinter sich und sieht ihnen gelassen entgegen; ihr jugendliches Gegenüber Luca hat alles noch vor sich. Ein dramatischer Moment bringt beide zusammen. Meier schreibt darüber ironisch, was hier die freundlichste Tonart ist.
Ab fünfzig: Die alten Freunde rufen an

Freunde von früher von Micha Lewinsky (Diogenes, 272 Seiten) beginnt mit einem Anruf: Das Haus an der Zederstraße steht zum Verkauf, in dem Béla vor dreißig Jahren mit Simone, Serdar und Kim in einer WG wohnte. Sollen sie es zu viert kaufen? So gesetzt wollte Béla nie werden, und solange er nicht in den Spiegel schaut, hält er sich für jung. Wirklich jung ist nur seine Freundin Kaja, die gerade festgestellt hat, dass sie schwanger ist.
Drei Tage im Juni von Anne Tyler (Kein & Aber, 208 Seiten) ist der eleganteste Titel dieser Liste. Gail und Max, Ende fünfzig, seit Längerem getrennt, finden sich zur Hochzeit ihrer Tochter zusammen – und weil Max ahnungslos mit einer Katze anreist, gegen die der Bräutigam allergisch ist, muss er bei Gail wohnen. Drei Tage lang beobachten die beiden aus belustigter Distanz eine etwas zu traditionelle Feier und stellen fest, dass die alte Verbindung noch da ist. Tyler kann das seit fünfzig Jahren, und sie kann es immer noch.
Ab sechzig: Wenn etwas wegbricht

Auslichten von Dagmar Schifferli (Nagel & Kimche, 176 Seiten) ist das ehrlichste Buch über Verwitwung, das die Datenbank hergibt. Katharina Wendels Mann stürzt bei einer Wanderung tödlich ab; sie ist Mitte sechzig. Was dann kommt, steht selten so nüchtern da: Freundinnen melden sich immer seltener, die Abende werden lang, und die kleinen Dinge muss man plötzlich allein erledigen. Katharina wirft Ballast ab – ein Vorhaben, das sie bis nach New York führt.
Tage mit mir von Charlotte Wood (Kein & Aber, 299 Seiten) schickt eine Städterin mittleren Alters aus Sydney in ein Kloster in den Monaro Plains. Sie glaubt nicht an Gott und hat nie gebetet; sie ist einfach müde. Der Aufenthalt dauert länger als geplant, und in der ungewohnten Umgebung werden Fragen möglich, die zu Hause keinen Platz hätten – nach Krankheit, Tod, Freundschaft und was es heißen könnte, „gut zu sein“. Ohne Religion, ohne Esoterik, ohne Dramatik.
Das späte Leben von Bernhard Schlink (Diogenes, 239 Seiten) verkürzt die Frist radikal: Martin ist sechsundsiebzig und bekommt die Diagnose, dass ihm wenige Monate bleiben. Seine Frau ist jung, sein Sohn sechs. Was kann er den beiden noch geben, was hinterlassen? Martin möchte alles richtig machen, und das Buch besteht im Wesentlichen darin, wie schwer das ist.
Corona von Martin Meyer (Kein & Aber, 202 Seiten) ist der Pandemieroman, der die Zeit überlebt hat. Der Buchhändler Matteo darf seine Wohnung nicht verlassen, seine Frau ist vor wenigen Jahren gestorben, vom Fenster aus sieht er eine blühende Magnolie. Sein Überlebensplan besteht aus sechs Büchern über Seuchen, vom Alten Testament bis in die Gegenwart. Ein Buch über das Lesen als Lebensmittel.
Ab siebzig: Es geht noch etwas

Cloris von Rye Curtis (Kein & Aber, 400 Seiten) ist der unwahrscheinlichste Titel dieser Liste. Die zweiundsiebzigjährige Texanerin Cloris Waldrip überlebt einen Flugzeugabsturz und schlägt sich durch die Rocky Mountains – mit einem Stiefel, einer Bibel und ein paar Karamellbonbons. Die Einzige, die an ihr Überleben glaubt, ist die frisch geschiedene Rangerin Debra Lewis, ausgerüstet mit einer Thermosflasche Merlot. Ein Abenteuerroman mit einer Heldin, die in diesem Genre sonst nicht vorkommt.
Im Meer waren wir nie von Meral Kureyshi (Kein & Aber, 224 Seiten) geht in die andere Richtung. Lili zieht ins Altersheim, um ihrem pflegebedürftigen Mann beizustehen; die Erzählerin ist diejenige, die sie regelmäßig besuchen soll. Sie kümmert sich um Lili und um den achtjährigen Eric, führt flüchtige Gespräche mit einem Kellner, der wie sie von anderswo kommt, und hat der Familie noch nicht gesagt, dass sie wegzieht. Zwischen Lorazepam und Kartenspiel – die Tristesse des Heims wird hier nicht beschönigt und auch nicht ausgestellt.
Und einmal alles auf einmal

Hundert: Was du im Leben lernen wirst von Heike Faller (Kein & Aber, 208 Seiten) nimmt jedes Lebensjahr einzeln, vom ersten Purzelbaum bis zu der Erkenntnis, dass man im hohen Alter nicht nur lernt, sondern auch verlernt – und die Angst vor dem Tod verliert. Faller hat mit jungen und alten Menschen gesprochen und deren Erfahrungen in kurze Sätze gefasst. Ein Buch für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, zum Vor- und Zurückblättern, und der beste Grund, diese Liste nicht chronologisch zu lesen.
Alle dreizehn auf einen Blick
| Lebensphase | Titel | Autorin/Autor | Verlag, Jahr | Seiten |
|---|---|---|---|---|
| ab 40 | Kommt die Weisheit des Alters noch? | Mona Vetsch | Kein & Aber, 2026 | 192 |
| ab 40 | Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen | Andrea Gerk | Kein & Aber, 2026 | 192 |
| ab 40 | Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? | Wencke Mühleisen | Nagel & Kimche, 2026 | 189 |
| ab 40 | Reiz | Simone Meier | Kein & Aber, 2021 | 237 |
| ab 50 | Freunde von früher | Micha Lewinsky | Diogenes, 2026 | 272 |
| ab 50 | Drei Tage im Juni | Anne Tyler | Kein & Aber, 2026 | 208 |
| ab 60 | Auslichten | Dagmar Schifferli | Nagel & Kimche, 2026 | 176 |
| ab 60 | Tage mit mir | Charlotte Wood | Kein & Aber, 2023 | 299 |
| ab 60 | Das späte Leben | Bernhard Schlink | Diogenes, 2026 | 239 |
| ab 60 | Corona | Martin Meyer | Kein & Aber, 2022 | 202 |
| ab 70 | Cloris | Rye Curtis | Kein & Aber, 2022 | 400 |
| ab 70 | Im Meer waren wir nie | Meral Kureyshi | Kein & Aber, 2026 | 224 |
| alles | Hundert | Heike Faller | Kein & Aber, 2022 | 208 |
Auffällig ist, was in diesen Büchern nicht vorkommt: Verjüngung. Keine der Figuren versucht ernsthaft, jünger zu werden. Sie versuchen herauszufinden, was in ihrem Alter noch geht – und die Antwort fällt jedes Mal großzügiger aus, als sie selbst erwartet hätten.
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