„Wie Harry Potter“ ist ein Wunsch, kein Genre – und er meint bei jedem Leser etwas anderes. Die eine vermisst den Stundenplan, das Schloss und die Hauspunkte. Der andere vermisst den Moment, in dem ein ungeliebtes Kind erfährt, dass es in Wahrheit woandershin gehört. Wieder andere denken an das Freundestrio, an den Humor der frühen Bände oder an den Ernst der späten.
Deshalb taugt keine Liste, die zehnmal dasselbe verspricht. Die folgenden zehn Bücher treffen jeweils einige dieser Zutaten sehr genau und andere überhaupt nicht – und genau das steht bei jedem dabei. Alle zehn sind Auftaktbände, und die Reihenfolge geht von der größten Nähe zu Hogwarts bis zu den Büchern, die man erst später lesen sollte.
Die Schwelle: wenn ein Kind abgeholt wird
Der stärkste Sog des ersten Potter-Bandes entsteht auf den ersten hundert Seiten: Ein Kind, das nirgends dazugehört, wird abgeholt und erfährt, dass hinter der gewöhnlichen Welt eine zweite liegt, in der es erwartet wird. Drei Bücher besetzen diesen Moment.
Jessica Townsend: Nevermoor

Morrigan Crow ist verflucht, an ihrem elften Geburtstag zu sterben. Als die Zeiger auf Mitternacht zulaufen, holt der wunderbar seltsame Jupiter North sie heraus und bringt sie in sein Hotel in der geheimen Stadt Nevermoor. Bleiben darf sie dort nur, wenn sie schwierige Prüfungen besteht – und außer ihr scheint hier jeder ein besonderes Talent zu haben.
Die Ähnlichkeit von Fluch und Wunder reicht fast Szene für Szene an den Anfang von Harry Potter und der Stein der Weisen heran: das ungeliebte Kind, der exzentrische Erwachsene, der es an einem Geburtstag über die Schwelle holt, die verborgene Stadt mitten in der eigenen Welt, die Aufnahmeprüfung, die über Zugehörigkeit entscheidet. Hinzu kommt ein Sinn für das freundliche Absurde – riesenhafte sprechende Katzen, ein Hotel als Zuhause – und ein Ton, der warmherzig bleibt, ohne harmlos zu werden.
Für wen: für alle, denen ausgerechnet der erste Potter-Band der liebste war, und für Kinder, die ihn noch nicht lesen sollen – es ist der freundlichste Titel dieser Liste. Es folgen Das Geheimnis des Wunderschmieds und Leere Schatten.
B. B. Alston: Amari
Amari und die Nachtbrüder beginnt dort, wo Nevermoor aufhört, freundlich zu sein: bei einer Behörde. Die Reihe spielt in einer verborgenen Verwaltung des Übernatürlichen, in der Magierinnen und Magier eine umstrittene Gruppe sind – ein Konflikt, der sich über die Bände hinweg zuspitzt.
Damit trifft das Buch eine Zutat, die in Ähnlichkeitslisten meist untergeht: Harry gehört nicht einfach dazu, sobald er in Hogwarts ankommt. Der Sprechende Hut erwägt Slytherin, das Parselmaul macht ihn zur verdächtigen Person. Dieses Motiv – die eigene Begabung als Eintrittskarte und als Makel – trägt Amaris Geschichte.
Für wen: für Kinder, die eine Heldin statt eines Helden suchen, und für alle, die die Behördenkomik der Potter-Bände mögen, in denen das Zaubereiministerium mehr Schaden anrichtet als mancher Fluch. Es folgen Amari und das Spiel der Magier und Amari und der Preis der Magie.
Shannon Messenger: Keeper of the Lost Cities
Sophie ist zwölf, hochintelligent, hat mehrere Klassen übersprungen und hütet ein Geheimnis: Sie kann Gedanken lesen. Bis sie Fitz trifft, der ihr eröffnet, dass sie mit dieser Fähigkeit nicht allein ist und zum Volk der Elfen gehört. Von da an besucht sie im Elfenreich eine Zauberschule – und muss herausfinden, warum sie überhaupt in der Menschenwelt versteckt wurde und vor wem.

Von allen zehn Titeln ist Der Aufbruch der schulnächste: Was bei Harry Potter das Schuljahr strukturiert – Unterricht, Mitschüler, Rivalitäten –, strukturiert hier den Band. Dazu kommt das zweite große Potter-Motiv, das Geheimnis der eigenen Herkunft, das schichtweise freigelegt wird. Die Reihe ist auf Länge angelegt; es folgen Das Exil, Das Feuer und weitere Bände.
Für wen: für alle ab etwa zwölf, die genau den Schulalltag vermissen, und für Vielleser, die sich in eine lange Reihe fallen lassen wollen. Wer knappe, abgeschlossene Bücher sucht, ist hier falsch.
Die Herkunft: Begabungen, die von den Eltern kommen
Harry kann fliegen, weil sein Vater es konnte. Die zweite große Zutat der Reihe ist ein Erbe, von dem das Kind nichts weiß – und das es in Gefahr bringt.
Rick Riordan: Percy Jackson
Percy fliegt ständig von der Schule, an allem ist er schuld, und dann verwandelt sich auch noch seine Mathelehrerin in eine Furie. Kurz darauf erfährt er, dass er der Sohn des Meeresgottes Poseidon ist und die unangenehmsten Gestalten der griechischen Mythologie ihn im Visier haben.

Diebe im Olymp ist die naheliegendste Empfehlung dieser Liste, und sie ist es zu Recht: Außenseiter, verborgene Abstammung, ein Camp voller Gleichartiger als Gegenstück zu Hogwarts, ein Freundestrio, eine Quest gegen uralte Mächte. Der Unterschied liegt im Ton: Riordan erzählt schneller und witziger, und die Mythologie wird nicht ehrfürchtig behandelt, sondern verspottet. Wer die langen ruhigen Passagen der Potter-Bände geliebt hat, wird sie hier vermissen.
Für wen: für Leser, denen Harry Potter über die Bände hinweg zu schwer wurde, und für Kinder, die man erst zum Lesen überreden muss. Verlinkt ist die Carlsen-Sonderausgabe zum Serienstart.
Cornelia Funke: Tintenherz
In einer stürmischen Nacht bekommen Meggie und ihr Vater Mo Besuch von einem unheimlichen Gast, der Mo vor einem Mann namens Capricorn warnt. Am nächsten Morgen bringen die beiden ein Buch zu Tante Elinor und ihrer kostbaren Bibliothek in Sicherheit. Was Meggie danach über ihren Vater, über das Vorlesen und über Capricorn herausfindet, bringt sie selbst in Lebensgefahr.
Tintenherz kommt als einziger Titel dieser Liste ohne Schule, ohne Prophezeiung und ohne Auserwählten aus – und gehört trotzdem hierher. Die Ähnlichkeit liegt in der Konstruktion der Magie: eine vererbte Gabe, die niemand sich ausgesucht hat, die Nebenwirkungen hat und einen Gegner anzieht, der ohne sie nie in dieser Welt wäre. Dazu kommt eine Qualität, für die Harry Potter oft gelobt wird und die Funke im Deutschen noch dichter hinbekommt: eine Atmosphäre aus alten Häusern, Regen, Büchern und Angst.
Für wen: für alle, denen an Harry Potter die Stimmung wichtiger war als das Regelwerk, und für Leser, die gern etwas im Original statt in Übersetzung lesen. Tintenherz eröffnet die Tintenwelt-Trilogie, es folgen Tintenblut und Tintentod.
Größer, ernster, gefährlicher
Ab Band vier wird Harry Potter erwachsen: Die Erwachsenen werden unzuverlässig, die Institutionen werden zum Gegner, und es sterben Figuren, an denen etwas hängt. Zwei Bücher setzen dort an.
Philip Pullman: Der goldene Kompass

Lyra Belacqua wächst frei und ziemlich verwildert bei den Gelehrten des Jordan College in Oxford auf, immer begleitet von Pantalaimon, ihrem Dæmon. Mit der Ankunft ihres Onkels, des düsteren Lord Asriel, beginnt ein Abenteuer, in dem es um verschwundene Kinder geht, um Hexenclans und kämpfende Eisbären – und um eine Substanz namens Staub, die zu erforschen gefährlich ist.
Die Nähe zu Harry Potter liegt weniger im Zauber als im Milieu und in der Haltung: hier wie dort ein englisches Gelehrtenhaus mit Speisesaal und Geheimnissen, hier wie dort ein Kind, das feststellt, dass die mächtigste Institution seiner Welt nicht auf seiner Seite steht. Der goldene Kompass traut seinen jungen Lesern dabei von der ersten Seite an mehr zu als die frühen Potter-Bände.
Für wen: für Jugendliche und Erwachsene, die Harry Potter erst ab Der Feuerkelch richtig ernst genommen haben. His Dark Materials wird über Das Magische Messer und Das Bernstein-Teleskop noch deutlich anspruchsvoller – wer ein leichtes Buch sucht, fängt woanders an.
Christopher Paolini: Eragon
Eragon findet bei der Jagd einen blauen Stein, aus dem ein Drachenjunges schlüpft. Über Nacht steht er im Erbe der Drachenreiter, in einer Welt voller Magie und dunkler Mächte, regiert von einem Herrscher, dessen Grausamkeit keine Grenzen kennt. An seiner Seite: die blaue Drachin Saphira.
Das Vermächtnis der Drachenreiter bedient alles, was mit dem Wort Auserwählter zusammenhängt, so vollständig wie kein anderes Buch dieser Liste: ein unauffälliger Junge vom Land, ein uraltes Vermächtnis, ein Mentor, eine Ausbildung in Magie, ein dunkler Herrscher als Fluchtpunkt der Reihe. Was fehlt, ist die Gegenwart – keine Verwandten im Reihenhaus, keine Schulglocke, kein Alltagswitz.
Für wen: für Leser, die an Harry Potter vor allem das große Schicksal mochten und denen die Schulhandlung im Weg war. Ein zusätzlicher Reiz, gerade für jüngere Leser: Paolini war fünfzehn, als er den Roman schrieb.
Der Klassiker, der vorher da war
C. S. Lewis: Der König von Narnia
Lucy, Edmund, Susan und Peter sollen einen ruhigen Sommer bei ihrem Onkel auf dem Land verbringen. Dann öffnet Lucy die Tür eines alten Wandschranks und findet dahinter Narnia – ein Land im ewigen Winter, beherrscht von der Weißen Hexe. Die Geschwister schließen sich dem Löwen Aslan an, um die Herrschaft der Hexe zu beenden.

Der König von Narnia steht hier nicht aus Pflichtgefühl. Fast alles, was die Potter-Bände an Schwellen, an moralischem Ernst und an britischem Kinderfantasy-Ton haben, ist hier bereits versammelt – nur kommt der erste Band der Chroniken von Narnia mit gut zweihundert Seiten aus. Was fehlt, ist der Alltag: Narnia interessiert sich nicht für Stundenpläne, sondern für Verrat, Reue und Wiedergutmachung.
Für wen: zum Vorlesen und für jüngere Kinder, denen Harry Potter noch zu lang oder zu düster ist. Und als Geschenk: Die verlinkte Schmuckausgabe hat einen geprägten Schutzumschlag, Goldfolie und Farbschnitt.
Zwei für später
Die letzten beiden Bücher sind keine Ersatzlektüre für Hogwarts. Sie setzen voraus, dass man dort schon war.
Christelle Dabos: Die Spiegelreisende
Ophelia versteckt sich am liebsten hinter ihrer dicken Brille und einem sehr langen Schal. Dabei kann sie Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf der Arche Anima lebt sie inmitten ihrer riesigen Familie, bis ihr eröffnet wird, dass sie auf die eisige Arche des Pols ziehen und einen Adligen namens Thorn heiraten soll – in ein Zuhause voller tödlicher Intrigen.
Die Verlobten des Winters teilt mit Harry Potter zwei Ideen: eine verborgene Gesellschaft, die in Clans mit je eigenen Gaben zerfällt und in der die Zugehörigkeit über fast alles entscheidet – und eine Außenseiterin, die sich darin behaupten muss, ohne die Regeln zu kennen. Statt Unterricht gibt es Hofintrige, statt Schuljahren einen langsamen, genau beobachteten Aufbau. Der aus dem Französischen übersetzte Roman liest sich literarischer als alles andere auf dieser Liste.
Für wen: für ältere Jugendliche und Erwachsene, die Weltentwurf und Atmosphäre über Tempo stellen. Es folgen Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast und Das Gedächtnis von Babel.
Lev Grossman: Fillory

Quentin Coldwater steht kurz vor dem Highschool-Abschluss und langweilt sich – außer bei Fillory, dem magischen Land aus den Kinderbüchern, die er liebt. Dann findet er sich an einer geheimen Zauberschule wieder, dem Brakebills College. Und Fillory gibt es wirklich. Es ist nur kein heiler Ort.
Die Zauberer ist der einzige ausdrückliche Erwachsenenroman dieser Liste und zugleich derjenige, der die Potter-Bauteile am genauesten kennt: Aufnahmeprüfung, Zauberschule, Studienjahre, ein Freundeskreis, ein Buchland, das echt wird. Grossman baut sie ein, um zu fragen, was danach kommt – wenn man alles hat, was man sich mit elf gewünscht hat, und trotzdem unglücklich ist. Das Buch ist düster und nüchtern gegenüber der Magie; ein warmes Wiedersehen mit Hogwarts ist es ausdrücklich nicht.
Für wen: für Erwachsene, die mit Harry Potter aufgewachsen sind und heute etwas suchen, das ihr Alter ernst nimmt. Wer bloß zurück nach Hogwarts möchte, sollte hier nicht anfangen.
Auf einen Blick
| Buch | Nähe zu Harry Potter | Passt zu |
|---|---|---|
| Nevermoor: Fluch und Wunder | Abholung am elften Geburtstag, verborgene Stadt, Aufnahmeprüfung | Fans von Band 1; Kinder |
| Amari und die Nachtbrüder | verborgene Institution, Begabung als Makel | Kinder; Behördenkomik |
| Keeper of the Lost Cities: Der Aufbruch | Zauberschule, Unterricht, Geheimnis der Herkunft | ab etwa zwölf; lange Reihen |
| Percy Jackson: Diebe im Olymp | verborgene Abstammung, Camp statt Schloss, Freundestrio | Lesemuffel; Tempo und Humor |
| Tintenherz | vererbte Gabe, Atmosphäre, ein Gegner aus der anderen Welt | Stimmung; deutsches Original |
| Der goldene Kompass | Gelehrtenmilieu, Kind gegen mächtige Institution | wer Potter ab Band 4 liebte |
| Eragon: Das Vermächtnis der Drachenreiter | Auserwählter, Mentor, Ausbildung, dunkler Herrscher | großes Schicksal statt Schulalltag |
| Der König von Narnia | Schwelle, moralischer Ernst, britischer Ton | Vorlesen; jüngere Kinder; Geschenk |
| Die Verlobten des Winters | Gesellschaft aus Clans, Außenseiterin ohne Regelkenntnis | ältere Jugendliche; Worldbuilding |
| Fillory: Die Zauberer | Aufnahmeprüfung, Zauberschule, Studienjahre | Erwachsene; kein warmes Wiedersehen |
Wer sich nicht entscheiden kann, geht am besten nicht nach der Ähnlichkeit, sondern nach dem Alter. Denn die eigentliche Frage ist nicht, welches Buch Harry Potter am nächsten kommt, sondern welchen Teil von Hogwarts man vermisst.
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