Fast jeder kennt Janosch von der Tigerente, vom kleinen Bären und vom kleinen Tiger. Weit weniger bekannt ist, dass derselbe Autor 1970 einen Roman für Erwachsene vorlegte und in den folgenden Jahrzehnten weitere nachschob. Hinter dem Künstlernamen steht Horst Eckert, 1931 im oberschlesischen Hindenburg geboren, dem heutigen Zabrze. Wer ihn nur aus dem Kinderzimmer kennt, muss sich umstellen: In diesen Büchern geht es um ein Dorf in der NS-Zeit, um einen prügelnden Vater, um Ehekrach und um die späte Liebe eines alten Mannes.
Die kurze Antwort auf die Frage nach dem Einstieg: Wer mit dem bekanntesten Roman anfangen möchte, wählt „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“. Wer es leichter mag, greift zum Doppelband mit „Schäbels Frau“ und bekommt für den Anfang gleich zwei komische Romane.
Wer Janosch als Romanautor kennenlernen möchte, beginnt am besten mit „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“. Sein erster Roman erzählt liebevoll und spöttisch von einem Dorf an der polnischen Grenze in der NS-Zeit.
Gibt es eine Lesereihenfolge?
Nein. Diese Romane bilden keine Reihe, sie sind voneinander unabhängig, und Sie können mit jedem beginnen. Unsere Übersicht folgt der Erstveröffentlichung, damit sichtbar wird, wie sich die Stoffe über gut 25 Jahre verändern.
Zwei Stellen weichen dabei auf den ersten Blick ab. Der Doppelband steht an zweiter Stelle, weil der darin enthaltene „Sacharin im Salat“ schon 1975 erschien, „Schäbels Frau“ dagegen erst 1992. Und das „Wörterbuch der Lebenskunst“ von 1995 rückt ans Ende, obwohl es älter ist als der letzte Roman: Es ist selbst keiner und eignet sich am besten als Ausblick.
Die Bücher auf einen Blick
| Titel | Erstausgabe | Verlinkte Ausgabe | Seiten | Das Wichtigste in Kürze |
|---|---|---|---|---|
| Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm | 1970, Georg Bitter | Goldmann, 1994 | 317 | Ein Grenzdorf von 1935 bis 1945 |
| Schäbels Frau (mit „Sacharin im Salat“) | 1992, Goldmann (Sacharin: 1975, Bertelsmann) | Merlin, 2016 | 329 | Zwei komische Romane in einem Band |
| Sandstrand | 1979, Beltz | Merlin, 2001 | 181 | Späte Liebe auf einer Mittelmeerreise |
| Polski Blues | 1991, Goldmann | Goldmann, 2001 | 153 | Der kürzeste Roman dieser Auswahl, Thema Polen |
| Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben | 1994, Goldmann | Goldmann, 1997 | 219 | Eine schlesische Kindheit vor dem Krieg |
| Gastmahl auf Gomera | 1997, Goldmann | Goldmann, 1999 | 187 | Janosch als Figur im eigenen Roman |
| Wörterbuch der Lebenskunst | 1995, Goldmann | Reclam, 2022 | 122 | Aphorismen, kein Roman |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkte Ausgabe. Etliche davon sind ältere Taschenbücher; ob sie derzeit neu lieferbar sind, haben wir nicht geprüft.
Der Anfang: „Cholonek“

Janoschs erster Roman ist zugleich sein wohl bekanntester für Erwachsene. Schauplatz ist Poremba, ein Dorf an der polnischen Grenze, und der Roman begleitet die Jahre von 1935 bis 1945, in denen die Titelfigur groß wird. Die Politik kommt auch hier an: Wer auf Hitler gesetzt und sich ein besseres Leben versprochen hat, wird eines Schlechteren belehrt.
Davon lebt das Buch aber nicht allein. Neben der großen Geschichte stehen Schmuggler und Pferdehändler, Hochzeiten, für die ein Schwein sein Leben lässt, und lange Abende in der Dorfkneipe. Janosch hängt erkennbar an diesen Leuten und führt trotzdem vor, wie eitel und lächerlich sie sein können. Aus dieser Mischung aus Zuneigung und Spott bezieht der Roman seine Spannung. Audible beschreibt ihn als Auseinandersetzung mit der Kindheit und den Schlesiern und zugleich als schmerzhafte Liebeserklärung an die Heimat.
Mit 317 Seiten ist „Cholonek“ der längste Einzelroman dieser Auswahl und damit auch der gewichtigste Einstieg.
Die heitere Seite: „Schäbels Frau“ und „Sacharin im Salat“

Zu Janoschs 85. Geburtstag legte der Merlin Verlag 2016 zwei Romane neu auf, die im Ton weit von Poremba entfernt sind. Einer davon ist eine Ehekomödie zu dritt: Schäbel, seine Frau Gesine und ihr Geliebter Rudi. Unter dem Spaß geht es um die Schattenseiten der Ehe, um Männlichkeit und um die Sehnsucht nach der großen Liebe.
Der ältere Roman im Band dreht sich um eine einfache, sehr komische Idee. Alex Borowski möchte über seine Probleme sprechen und findet niemanden, der zuhört, denn jeder, dem er begegnet, erzählt lieber von sich. So wird Alex selbst zum Zuhörer wider Willen und erfährt Dinge über die Liebe und ihr Scheitern, über den Sozialismus und über Magengeschwüre.
Für Neugierige ist der Band die bequemste Wahl: Auf 329 Seiten bekommen Sie zwei Romane aus unterschiedlichen Jahrzehnten und merken schnell, ob Ihnen dieser Janosch liegt.
Ein ganz anderer Ton: „Sandstrand“

Unser besonderer Tipp ist „Sandstrand“, weil dieses schmale Buch so wenig dem entspricht, was man von Janosch erwartet. Schlesien spielt hier keine Rolle. Ein alter Mann hat sich noch einmal verliebt, unverhofft und in eine junge Frau, und fährt auf ihr Drängen mit ans Mittelmeer. Sie will in die Sonne und an den Strand, er will vor allem seine Ruhe.
Aus diesem Gegensatz entsteht keine Urlaubskomödie. Nach und nach löst sich der Mann von der Wirklichkeit, bis das Geschehen in seine Vorstellung hinübergleitet. Der Verlagstext nennt als Vergleich Hemingways alten Mann, der ebenfalls einen aussichtslosen Kampf aufnimmt. Das Buch empfiehlt sich allen, die über das Altern lesen möchten und eine ruhige, eher nach innen gewandte Geschichte suchen.
Die alte Heimat, neu betrachtet
In den Neunzigern wendet sich Janosch wieder dem Osten zu. Die beiden folgenden Bücher gehen dabei sehr unterschiedlich vor.
„Polski Blues“

„Polski Blues“ ist mit 153 Seiten der knappste Roman dieser Auswahl. Zum Inhalt liegen uns nur kurze Händlerangaben vor, deshalb hier nur das, was sich daraus sagen lässt: Das Buch wird als liebevoller Blick auf Polen beschrieben, und Musik, Wein und Freundschaft spielen darin offenbar eine zentrale Rolle. Es dürfte vor allem jene ansprechen, die Janoschs Verhältnis zur alten Heimat von seiner versöhnlichen Seite kennenlernen möchten.
„Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“

Wer „Cholonek“ mochte, liest am besten als Nächstes „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“. Der Roman führt erneut in die Vorkriegszeit, wiederholt den Stoff aber nicht: Er bleibt nah bei einer einzigen Kindheit in Schlesien. Unsere Angaben stützen sich hier vor allem auf Leserstimmen. Ihnen zufolge wächst der kleine Norbert Fürchtegott Mainka im grenznahen Kłodnica auf, mit einem Vater, der trinkt und zuschlägt, und einer Mutter, die ihre Wut am Kind auslässt.
Die Titelfigur Hrdlak und ein Mann namens Cwi bilden dazu das Gegengewicht: einfache Leute aus dem Dorf, bei denen das Leben ehrlicher und unkomplizierter wirkt. Leser heben hervor, dass der Roman scharf mit seinem Milieu ins Gericht geht und trotzdem Raum für Zuneigung lässt. Empfindliche Gemüter sollten wissen, dass diese Kindheit hart geschildert wird.
Janosch über Janosch: „Gastmahl auf Gomera“

In „Gastmahl auf Gomera“ tritt der Autor selbst auf. Ein polnischer Journalist will seine Biografie schreiben und schickt einen Brief. Janosch hat für Lebensbeschreibungen wenig übrig, lässt sich aber am Ende auf eine Begegnung ein, und drei Tage lang wird auf Gomera erzählt. So umspielt der Roman die Form der Lebensbeschreibung, statt sie einfach zu erfüllen. Gerade das macht ihn zu einer guten Wahl für alle, die schon einige von Janoschs Romanen kennen und wissen möchten, wie der Autor auf sich selbst schaut.
Wie viel eigenes Leben in diesen Büchern steckt, lässt sich von außen nicht genau bestimmen. Audible fasst „Schäbels Frau“, „Hrdlak“, „Polski Blues“ und „Gastmahl auf Gomera“ als Kindheitserinnerungen in einfacher, bildreicher Sprache zusammen, die wenig gelesen und zu Unrecht fast vergessen seien. Auf den Hrdlak-Roman passt das Etikett gut, auf die Ehegeschichte um Schäbel nach ihrer Inhaltsangabe weniger. Der Hinweis auf die vergessenen Bücher bleibt trotzdem ein guter Grund, hier nachzulesen.
Eine Verwechslungsgefahr noch: Der ähnlich klingende Titel „Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben“ (Merlin, 1994) gehört nicht zu dieser Auswahl und ist auch nicht der Hrdlak-Roman. Laut Der Freitag interviewt sich Janosch darin selbst, drei Abende lang und mit viel Rotwein.
Zum Schluss kein Roman: das „Wörterbuch der Lebenskunst“

Wer nach all dem Janoschs Haltung in konzentrierter Form sucht, findet sie in diesem alphabetisch geordneten Band. Die Reclam-Ausgabe von 2022 versammelt auf 122 Seiten Aphorismen zu Stichwörtern wie Bratkartoffeln und Einsamkeit, dazu kommen Zeichnungen des Autors und ein Nachwort des Philosophen Wilhelm Schmid. Der Grundgedanke: Das Leben ist oft eine Zumutung, und es lohnt sich trotzdem, es zu genießen.
Das Buch ersetzt keinen der Romane, weil ihm fehlt, was diese ausmacht: die Figuren, die Orte, die erzählte Zeit. Als kleiner Band zum Blättern oder als Geschenk für jemanden, der Janosch bislang nur von der Tigerente kennt, funktioniert es dafür umso besser.
Welcher Janosch passt zu Ihnen?
- Sie möchten das bekannteste Buch lesen: „Cholonek“ ist der naheliegende Anfang.
- Sie suchen vor allem etwas zum Lachen: Nehmen Sie den Doppelband mit „Schäbels Frau“ und „Sacharin im Salat“.
- Sie lesen gern über das Altern und die späte Liebe: „Sandstrand“ ist hier die stillste Wahl.
- Sie haben wenig Zeit: „Polski Blues“ ist kurz, das „Wörterbuch der Lebenskunst“ lässt sich in kleinen Portionen lesen.
- Ihnen hat „Cholonek“ gefallen: Dann lesen Sie als Nächstes „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“.
- Sie interessiert der Mensch hinter dem Werk: „Gastmahl auf Gomera“ ist am dichtesten dran.
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