Ein Berliner Strafverteidiger verliert binnen einer Nacht Frau und Sohn: Judith wird getötet, der fünfjährige Emil verschleppt. Die Täterin gibt den Mord zu und bestellt den Witwer in einen Luxuszug. Dort bekommt Adrian Corvin einen Handel vorgelegt: sein Kind gegen eine Bedingung, die niemand erfüllen kann. Worin sie besteht, soll hier niemandem die Lektüre verderben. Mit Der Nachtzug (Droemer, 352 Seiten) hat Sebastian Fitzek seinen Jubiläumsthriller vorgelegt. Dieser Artikel richtet sich an alle, die ihn durchhaben und Ähnliches suchen.
Bücher wie „Der Nachtzug“ lassen sich an vier Fäden finden: ein Gegner, der die Regeln vorgibt; Angehörige als Einsatz; der Zug als Schauplatz; und der wachsende Zweifel daran, wem sich trauen lässt. Die folgenden zehn Titel nehmen jeweils mindestens einen davon auf. Nicht alle sind Psychothriller im strengen Sinn: Harlan Coben schreibt eher eine Hetzjagd, und Patricia Highsmith ist eine Klassikerin, die lange vor dem heutigen Marktetikett da war. Aufgenommen sind beide trotzdem, weil sie der Grundidee besonders nahekommen. Auflösungen verraten wir bei keinem Buch. Eine Tabelle zum schnellen Vergleich steht am Ende.
Wenn die Familie zum Einsatz wird
John Katzenbach: „Der Patient“

Am engsten verwandt mit dem Fitzek-Prinzip ist Der Patient (Knaur, 668 Seiten). Der New Yorker Psychiater Frederick Starks erhält zum 53. Geburtstag Post von jemandem, der mit Rumpelstilzchen unterschreibt und ihm das Ende ankündigt. 15 Tage hat Starks, um den Absender zu enttarnen. Scheitert er, trifft es einen Verwandten nach dem anderen, sofern er nicht vorher selbst den Preis zahlt.
Wie bei Fitzek bestimmt also der Gegner das Spiel, und die Hauptfigur kann nur innerhalb seiner Vorgaben handeln. Eingesperrt in ein Abteil ist Starks allerdings nicht, und das Buch ist mit Abstand das umfangreichste dieser Auswahl: eher Lektüre für eine Woche als für eine Nacht. Es eröffnet die Reihe um Starks, setzt aber nichts voraus und steht gut für sich.
Harlan Coben: „Keine zweite Chance“

Thematisch liegt nichts näher an Adrian Corvins Lage als Keine zweite Chance (Goldmann, 448 Seiten). Marc Seidman kommt mit Schussverletzung auf der Intensivstation zu sich. Seine Frau ist tot, die erst sechs Monate alte Tara ist verschwunden. Dann melden sich die Entführer, fordern Geld und machen klar, dass es nur diesen einen Versuch gibt.
Fitzek setzt stärker auf Psychologie, Coben auf Tempo. Das macht diesen Spannungsroman zum wohl schnellsten Buch der Liste: ein Vaterdrama im Laufschritt, geeignet für alle, die vor allem wissen wollen, ob das Kind nach Hause kommt.
Romy Hausmann: „Liebes Kind“

Falls Sie aus dem deutschsprachigen Regal nur ein einziges Buch mitnehmen möchten, ist Liebes Kind (dtv, 427 Seiten) die sicherste Wahl. Viele kennen die Geschichte bereits aus der Netflix-Serie. Eine Frau und zwei Kinder leben in einer Waldhütte ohne Fenster, nach einem Stundenplan, den ein Mann festgelegt hat, der sich als Familienoberhaupt versteht.
Die Flucht aus dieser Hütte steht bei Hausmann nicht am Ende, sondern am Beginn, und ab da beginnen die eigentlichen Zweifel: Holt sich der Täter zurück, was er als seinen Besitz betrachtet, oder entsteht ein Teil der Bedrohung erst in den Köpfen der Beteiligten? Die Spannungsbögen sind kurz, und die zentrale Figur beherrscht das Geschehen vor allem dadurch, dass sie fehlt. Das dürfte Fitzek-Leserinnen und -Lesern vertraut vorkommen.
Der Zug als Bühne
Patricia Highsmith: „Zwei Fremde im Zug“

Dass ein Gespräch im fahrenden Zug ein Leben ruinieren kann, wusste die Spannungsliteratur schon 1950. In diesem Jahr erschien Zwei Fremde im Zug (hier die Diogenes-Ausgabe, 447 Seiten), das Alfred Hitchcock kurz darauf verfilmte. Guy und Bruno lernen sich auf der Strecke von New York nach Texas kennen und spinnen eine Idee aus: zwei Morde über Kreuz, bei denen keiner ein erkennbares Motiv hat. Für Guy wird daraus eine Verstrickung, in der ihm erst der Anstand und dann jeder Ausweg abhandenkommen.
Ein Psychothriller im heutigen Marktsinn ist das nicht, und das sollten Sie wissen, bevor Sie zugreifen. Highsmith erzählt langsamer und literarischer, Schlag auf Schlag folgende Wendungen dürfen Sie nicht erwarten. Sie bekommen dafür die vielleicht genaueste Antwort auf eine Frage, die auch im „Nachtzug“ steckt: Was macht ein solches Angebot aus jemandem, der sich für anständig hält?
Paula Hawkins: „Girl on the Train“

Ganz ohne Luxus kommt der weltweite Bestseller Girl on the Train (dtv, 462 Seiten) aus. Hier ist der Zug weder Tatort noch Falle, sondern ein Beobachtungsposten. Die Pendlerin Rachel hält täglich am selben Signal, schaut in fremde Gärten und dichtet den Menschen dahinter ein Glück an, das ihr selbst fehlt. Bis sie auf etwas stößt, das sie aus der Zuschauerrolle reißt.
Mit Fitzeks Roman teilt das Buch weniger die Handlung als die Frage nach der Verlässlichkeit: Wem lässt sich glauben, wenn alle etwas verbergen? Das schließt bei Hawkins die Erzählerin ein, der Sie nicht einfach folgen sollten. Und der Stoff bleibt näher am Alltag als Fitzeks rollendes Luxushotel.
Wem lässt sich noch trauen?
Alex Michaelides: „Die stumme Patientin“

Lesen Sie Fitzek vor allem wegen der letzten Wendung? Dann greifen Sie zu Die stumme Patientin (Droemer, 379 Seiten). Die Malerin Alicia Berenson hat ihren Mann erschossen und seit sieben Jahren in der geschlossenen Klinik kein Wort gesagt. Geäußert hat sie sich nur mit einem Selbstporträt in der Rolle der Alkestis, jener Gestalt aus dem griechischen Mythos, die für ihren Gatten stirbt.
Der forensische Psychiater Theo Faber will das Schweigen brechen, und schon bald stellt sich die Frage, was ihn eigentlich antreibt. Das ist knapp gebaut, wechselt die Perspektive und läuft auf ein Rätsel um Schuld hinaus, bei dem sich auch der Ermittelnde nicht aus der Rechnung nehmen lässt. Mehr sollte man vor der Lektüre nicht wissen.
Arno Strobel: „Der Trakt“

Fitzeks Vater auf der Suche nach seinem Sohn hat bei Arno Strobel ein mütterliches Spiegelbild. Sibylle Aurich aus Regensburg wird in einem Park überfallen und erwacht aus dem Koma mit tadellosem Gedächtnis. Nur erinnert sich niemand an sie. Der eigene Ehemann behandelt sie als Unbekannte, das Hochzeitsbild zeigt eine andere Frau, und von einem Jungen namens Lukas will niemand je gehört haben.
In Der Trakt (Fischer Taschenbuch, 351 Seiten) ist die Bedrohung zunächst unschärfer als bei einer Erpressung: Die Hauptfigur steht vor der Frage, ob es sie und ihr Kind so, wie sie sich erinnert, überhaupt gibt. Das empfiehlt sich für alle, die Paranoia und Identitätszweifel mehr schätzen als das Entführungsrätsel.
Härter, leiser, häuslicher: drei Abzweigungen
Andreas Gruber: „Todesfrist“

Noch einmal diktiert ein Täter die Bedingungen, diesmal mit 48 Stunden Frist: Finden die Ermittler heraus, weshalb er eine Frau in seine Gewalt gebracht hat, darf sie weiterleben. Todesfrist (Goldmann, 411 Seiten) ist der Auftakt der Reihe um die Münchner Kommissarin Sabine Nemez und den niederländischen Profiler Maarten S. Sneijder, und damit näher am Ermittlerkrimi als alle anderen Titel hier. Die beiden stoßen auf ein Muster, das mit einem Kinderbuch zu tun hat.
Empfindlich sollten Sie nicht sein. Die Morde sind drastisch, die Stimmung ist finster. Wer nach dem „Nachtzug“ mehr Härte verträgt und gern gleich mehrere Bände vor sich hat, findet hier den passenden Einstieg; zum Verstehen reicht aber dieser eine Band.
Melanie Raabe: „Die Falle“

Unser besonderer Tipp dreht die Rollen um. In Die Falle (btb, 350 Seiten) sitzt die erfolgreiche Schriftstellerin Linda Conrads seit über einem Jahrzehnt in ihrem Haus am Starnberger See und geht nicht mehr vor die Tür. Einst fand sie ihre Schwester Anna ermordet und sah einen Mann davonlaufen. Als dessen Gesicht plötzlich im Fernsehen auftaucht, schmiedet sie einen Plan, um ihn in die Enge zu treiben.
Hier führt also die Hinterbliebene Regie, nicht der Gegner. Ob sie den Richtigen vor sich hat, ist die Frage, die das Buch trägt. Raabe setzt auf Rache und brüchige Erinnerung. Bekannter sind andere Titel dieser Liste, aber als ruhiger Gegenentwurf zum Tempo des „Nachtzugs“ lohnt sich dieses Kammerspiel besonders.
Freida McFadden: „Wenn sie wüsste“

Zum Schluss der aktuelle Publikumsliebling: Wenn sie wüsste (Heyne, 398 Seiten). Millie hat einiges hinter sich, worüber sie nicht reden will, und nimmt deshalb dankbar eine Stelle als Haushaltshilfe auf Long Island an, samt Zimmer im Haus der Arbeitgeber. Die Hausherrin Nina richtet Unordnung an, die dann Millie zur Last gelegt wird, die Tochter lässt sie spüren, wer hier das Sagen hat, und freundlich ist nur der Ehemann.
Ein Familienhaus ist vom Luxuszug weit entfernt, doch auch dieser Pageturner lebt davon, dass Sie Ihre Einschätzung der Figuren mehrfach korrigieren müssen. Das Buch eröffnet die Housemaid-Reihe, zu der auch „Sie kann dich hören“ und „Sie wird dich finden“ gehören. Am besten lesen Sie die Bände der Reihe nach, weil sich Millies Geschichte über sie hinweg weiterentwickelt.
Alle Bücher wie „Der Nachtzug“ im Überblick
| Buch | Autor/in | Seiten | Verbindung zum „Nachtzug“ | Worin es sich unterscheidet |
|---|---|---|---|---|
| Der Patient | John Katzenbach | 668 | Gegner setzt die Regeln, Familie als Druckmittel | viel umfangreicher, Frist über zwei Wochen |
| Keine zweite Chance | Harlan Coben | 448 | Vater, tote Ehefrau, entführtes Kind | mehr Hetzjagd als Psychologie |
| Liebes Kind | Romy Hausmann | 427 | Täterfigur, die alles beherrscht | Gefangenschaft statt Handel |
| Zwei Fremde im Zug | Patricia Highsmith | 447 | folgenschwerer Vorschlag im Zug | Klassiker, langsamer und literarischer |
| Girl on the Train | Paula Hawkins | 462 | Zugmotiv, Frage nach dem Vertrauen | Alltag statt Luxus, Zug nur als Ausguck |
| Die stumme Patientin | Alex Michaelides | 379 | Schuld, Wendung am Ende | Klinik, eine Patientin, die schweigt |
| Der Trakt | Arno Strobel | 351 | Elternteil sucht verschwundenes Kind | Identitätszweifel statt Erpressung |
| Todesfrist | Andreas Gruber | 411 | Täter stellt Frist und Bedingung | härter, stärker Ermittlerkrimi |
| Die Falle | Melanie Raabe | 350 | Rache und ein Mord in der Familie | leises Kammerspiel, Rollen vertauscht |
| Wenn sie wüsste | Freida McFadden | 398 | Figuren sind nicht, was sie scheinen | häuslicher Schauplatz |
Womit Sie am besten weiterlesen
Für den direkten Anschluss empfehlen sich „Liebes Kind“ und „Der Patient“: das erste, wenn Sie bei einem deutschsprachigen Psychothriller bleiben möchten, das zweite, wenn Sie vor allem das Duell mit einem Gegner gepackt hat, und dann darf es auch länger dauern. Ging Ihnen Corvins Lage als Vater am nächsten, ist Coben die richtige Wahl. Wegen des Zugs? Dann lohnt sich der Blick zurück zu Highsmith oder die Fahrt mit Rachel. Steht Ihnen nach so viel Tempo der Sinn nach etwas Ruhigerem, bleibt Melanie Raabe. Und möchten Sie gleich mehrere Bände vor sich haben, beginnen Sie mit McFadden oder, deutlich härter, mit Gruber.
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