Romane wie „Auf Erden sind wir kurz grandios“: 11 ähnliche Bücher für Fans von Ocean Vuong

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Es gibt Romane, die man nach der letzten Seite nicht einfach ins Regal stellt. Ocean Vuongs Auf Erden sind wir kurz grandios ist so einer. Ein junger Mann schreibt seiner vietnamesischen Mutter einen langen Brief, obwohl sie ihn nie lesen wird: Sie kann weder lesen noch schreiben, spricht kaum Englisch und verdient ihr Geld in einem Nagelstudio. Gerade deshalb kann der Sohn alles sagen – über die Schläge, die er von ihr bekam, über die Großmutter und den Krieg, der in beiden Frauen weiterlebt, über seine erste Liebe zu einem amerikanischen Jungen.

Wer nach diesem Buch etwas Ähnliches sucht, sucht meist nicht dasselbe. Manche wollen wieder eine Mutter-Sohn-Geschichte, andere mehr über Vietnam und das Leben danach, wieder andere vor allem diese Sprache, die vom Gedicht herkommt. Die folgenden elf Bücher greifen jeweils einen dieser Fäden auf. Keines ist ein zweiter Vuong, aber jedes führt ein Stück weiter in die Richtung, die Sie an seinem Roman berührt hat.

Die beiden großen Gegenstücke

Douglas Stuart: „Shuggie Bain“

Douglas Stuart, Shuggie Bain

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Kein Roman der vergangenen Jahre steht Vuongs Buch so nahe wie Shuggie Bain (Piper, 491 Seiten). Shuggie wächst im Glasgow der Achtzigerjahre auf, in einer Arbeiterfamilie, die von Armut gezeichnet ist. Er ist ein weicher, fantasievoller Junge, der so gar nicht in das raue Umfeld passt – und er hängt an seiner Mutter Agnes, die sich vom tristen Alltag nicht kleinkriegen lassen will, aber immer öfter zur Flasche greift. Shuggie macht ihre Rettung zu seiner Lebensaufgabe, über Jahre, mit einer Hingabe, die beim Lesen fast wehtut.

Die Parallelen zu Vuong liegen auf der Hand: ein Sohn, der anders ist als die Jungen um ihn herum, eine Mutter, die er liebt, obwohl sie ihn verletzt, und eine Umgebung, in der für Zartheit kaum Platz ist. Stuart erzählt allerdings klassischer und breiter, mit genauem Blick für das Milieu. Für sein Debüt erhielt er 2020 den Booker Prize.

Viet Thanh Nguyen: „Der Sympathisant“

Viet Thanh Nguyen, Der Sympathisant

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Bei Vuong bleibt der Vietnamkrieg im Hintergrund, eine Erschütterung, die über Generationen nachbebt. Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen (Heyne, 526 Seiten) stellt ihn ins Zentrum. Im April 1975 werden südvietnamesische Offiziere aus dem fallenden Saigon in die USA ausgeflogen; unter ihnen ist ein Adjutant, der in Wahrheit für die Kommunisten spioniert. In Los Angeles soll er die Exilgemeinde weiter beobachten – und verstrickt sich dabei immer mehr in sein doppeltes Leben.

Der Ton ist ein ganz anderer als bei Vuong: bissig, satirisch, politisch zugespitzt, angelegt als Geständnis eines Mannes, der zu keiner Seite ganz gehört. Gerade dadurch ergänzen sich die beiden Bücher gut. Nguyen zeigt, woher die Wunden kommen, von denen Vuongs Familie gezeichnet ist, und wie wenig Amerika von dem Krieg wissen wollte, den es mitgeführt hat. Der Roman wurde 2016 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und inzwischen von HBO verfilmt.

Schreiben an die Mutter, Schreiben an die Großmutter

Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“

Édouard Louis, Die Freiheit einer Frau

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Wer einen schnellen Einstieg sucht, ist mit Die Freiheit einer Frau (S. Fischer, 92 Seiten) gut beraten. Édouard Louis, schwuler Sohn aus einem nordfranzösischen Arbeiterhaushalt, schreibt über seine Mutter: schwanger mit 16, mit 19 zwei Kinder, an Männer gebunden, die trinken und zuschlagen. Bis sie eines Tages geht. Louis verschweigt nicht, wie sehr er sich als Kind für sie geschämt und eine andere Mutter herbeigewünscht hat. Umso stärker wirkt der späte Blick auf eine Frau, die sich befreit hat und die er nun mehr liebt als je zuvor.

Mit Vuong teilt das Buch die Grundhaltung: ein Sohn, der sich schreibend seiner Mutter zuwendet und dabei Armut, Gewalt und Scham beim Namen nennt. Louis schreibt knapper und nüchterner, fast protokollarisch – an einem Abend gelesen, aber nicht so schnell vergessen.

Kim de l’Horizon: „Blutbuch“

Kim de l'Horizon, Blutbuch

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Das deutschsprachige Buch, das Vuong formal am nächsten kommt, ist Blutbuch (DuMont, 335 Seiten). Die Erzählfigur ist weder Mann noch Frau, aus einem Schweizer Vorort nach Zürich gezogen und dort angekommen in Körper und Begehren. Dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt zu fragen: nach den Lücken in der eigenen Kindheitserinnerung, nach der Schwester der Großmutter, nach einer Großtante, die als junge Frau verschwand. Aus dem Schweigen der Frauen in der Familie wird eine Spurensuche.

Wie bei Vuong richtet sich der Text an ein Familienmitglied, das ihn kaum mehr aufnehmen kann, und wie bei Vuong lässt er sich auf keine Gattung festlegen: Prosa, lyrische Passagen und essayistische Abschnitte wechseln einander ab. Das verlangt Geduld, belohnt aber mit einem der eigenwilligsten Romane der jüngeren Zeit. 2022 erhielt das Buch sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis.

Vietnam, Flucht und Ankommen – aus anderen Blickwinkeln

Kim Thúy: „Der Klang der Fremde“

Kim Thúy, Der Klang der Fremde

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Der Klang der Fremde (dtv, 158 Seiten) ist ein leiser, aber lohnender Tipp. Kim Thúy war zehn, als sie 1978 mit ihren Eltern aus Saigon fliehen musste; Kanada wurde die neue Heimat. Jahrzehnte später folgt sie den Erinnerungen an Vertreibung und Neubeginn – nicht chronologisch, sondern in kurzen Abschnitten, die wie Momentaufnahmen wirken. Das fremde Land erschließt sich dem Kind zuerst über Geräusche, Farben und Gerüche.

Wer an Vuong die Bildkraft und die Fragmente mochte, findet hier eine verwandte Art zu erzählen. Inhaltlich ergänzt Thúy die Perspektive: Hier erinnert sich eine Frau, und das Exil erscheint bei aller Härte auch als Chance.

Khuê Phạm: „Wo auch immer ihr seid“

Khuê Phạm, Wo auch immer ihr seid

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Dass die vietnamesische Diaspora auch eine deutsche Geschichte hat, zeigt Wo auch immer ihr seid (btb, 304 Seiten). Die Heldin heißt Kiều, nach der Figur aus dem berühmtesten Werk der vietnamesischen Literatur, nennt sich in Berlin aber lieber Kim, weil das für alle einfacher ist. Ihre Eltern kamen 1968 nach Deutschland; für das, was sie zurückließen, hat sich die Journalistin nie interessiert. Dann meldet sich der Onkel aus Kalifornien: Die Familie soll zur Testamentseröffnung der Großmutter zusammenkommen. Die Reise bringt ans Licht, worüber jahrzehntelang geschwiegen wurde.

Khuê Phạms Debüt ist zugänglicher und ruhiger erzählt als Vuongs Roman, ein Familienroman im besten Sinne. Er eignet sich besonders für alle, die das Thema weiterverfolgen möchten, ohne sich auf formale Experimente einzulassen.

Ein Brief als Sachbuch

Ta-Nehisi Coates: „Zwischen mir und der Welt“

Ta-Nehisi Coates, Zwischen mir und der Welt

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Auch Zwischen mir und der Welt (Fischer Taschenbuch, 234 Seiten) ist ein Brief innerhalb der Familie, nur in umgekehrter Richtung: Ta-Nehisi Coates schreibt an seinen Sohn Samori. Er verbindet die eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte der USA und argumentiert, dass rassistische Gewalt dort kein Ausrutscher Einzelner ist, sondern zum Fundament des Landes gehört. Immer wieder kommt er auf den Körper zurück – darauf, wie verletzlich ein schwarzer Körper in Amerika ist.

Das ist kein Roman, sondern ein persönlicher Essay, und er passt hierher, weil er zwei Dinge mit Vuong teilt: die Form der direkten Anrede und den Blick auf ein Amerika, das seine Gewaltgeschichte lieber verdrängt.

Begehren, Scham und die erste große Liebe

James Baldwin: „Giovannis Zimmer“

James Baldwin, Giovannis Zimmer

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Die tragische erste Liebe von Vuongs Erzähler hat einen berühmten Vorläufer. In Giovannis Zimmer (dtv, 207 Seiten) trifft der junge Amerikaner David im Paris der Fünfzigerjahre in einer Bar auf den Italiener Giovanni. Aus der Begegnung wird eine Affäre, und mit ihr brechen Begehren und Scham gleichzeitig über David herein. Als seine Verlobte zurückkehrt, fehlt ihm der Mut, zu sich zu stehen – mit verheerenden Folgen für Giovanni.

Baldwins Roman erschien im Original 1956 und gilt als Klassiker der queeren Literatur. Er ist schmal, dicht und von großer Traurigkeit. Wer verstehen will, aus welcher Tradition Bücher wie das von Vuong kommen, kommt an ihm nicht vorbei.

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört“

Garth Greenwell, Was zu dir gehört

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Für alle, die an Vuong vor allem die Sprache lieben, ist Was zu dir gehört (Suhrkamp, 238 Seiten) die passende Wahl. Ein amerikanischer Lehrer in Sofia lernt in den Toiletten unter dem Kulturpalast den Stricher Mitko kennen. Er bezahlt ihn, trifft ihn wieder und wieder und gerät in eine Beziehung, in der Zärtlichkeit jederzeit in Gewalt kippen kann. Gleichzeitig holt ihn die eigene Vergangenheit ein.

Greenwell schreibt in langen, rhythmisch schwingenden Sätzen, die das Begehren und die Selbstzweifel des Erzählers bis in die feinsten Regungen verfolgen. Das Buch ist weniger fragmentarisch als Vuongs, aber ebenso genau im Ausloten von Scham, Sehnsucht und dem Machtgefälle zwischen zwei Menschen.

Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

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Ein wenig Leben (Piper, 957 Seiten) ist das umfangreichste und wohl bekannteste Buch dieser Liste. Vier Freunde lernen sich am College kennen und machen in New York ihren Weg. Im Mittelpunkt steht Jude, brillant, verschlossen und tief beschädigt; nach und nach werden die anderen in seine Vergangenheit hineingezogen. Yanagihara erzählt über Jahrzehnte von Freundschaft, die zur eigentlichen Liebesgeschichte wird, und von der Frage, ob ein Mensch nach schwerstem Trauma noch zu retten ist.

Mit Vuong verbindet den Roman vor allem die emotionale Wucht. Ein deutlicher Hinweis ist aber nötig: Das Buch schildert sexuellen Missbrauch, Gewalt und Selbstverletzung ausführlich und schonungslos. Wenn Ihnen solche Darstellungen zusetzen, sollten Sie es sich gut überlegen oder zu einem anderen Titel greifen.

Mehr von Ocean Vuong

„Der Kaiser der Freude“

Ocean Vuong, Der Kaiser der Freude

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Wer schlicht mehr von Vuong lesen will, greift zu seinem zweiten Roman Der Kaiser der Freude (btb, 528 Seiten). Er spielt in East Gladness, einer heruntergekommenen Kleinstadt in New England. Hai, queer und Sohn einer vietnamesischen Mutter, nimmt Tabletten und denkt daran, sich das Leben zu nehmen. Dann begegnet er Grazina, einer alten Litauerin, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat und von ihren Erinnerungen heimgesucht wird. Hai wird ihr Pfleger und jobbt zusätzlich in einem Diner, zusammen mit Kollegen, die ebenso wenig vom amerikanischen Versprechen abbekommen haben wie er.

Das Buch ist keine Fortsetzung, sondern eine neue Geschichte mit neuen Figuren. Es erzählt breiter als das Debüt und erlaubt sich deutlich mehr Komik, ohne die Melancholie aufzugeben. Statt einer Familie steht hier eine zufällige Gemeinschaft im Mittelpunkt, und die Liebe gilt einer Freundschaft über Generationen und Herkunft hinweg.

Alle Bücher im Überblick

TitelAutor/AutorinAm ehesten fürAusgabeSeiten
Shuggie BainDouglas StuartMutter-Sohn-GeschichtePiper, 2023491
Der SympathisantViet Thanh NguyenVietnamkrieg und ExilHeyne, 2018526
Die Freiheit einer FrauÉdouard Louiskurzen EinstiegS. Fischer, 202192
BlutbuchKim de l’Horizonoffene FormDuMont, 2023335
Der Klang der FremdeKim Thúypoetische Fragmentedtv, 2015158
Wo auch immer ihr seidKhuê PhạmFamilienromanbtb, 2023304
Zwischen mir und der WeltTa-Nehisi CoatesBrief als SachbuchFischer Taschenbuch, 2017234
Giovannis ZimmerJames Baldwinqueeren Klassikerdtv, 2021207
Was zu dir gehörtGarth GreenwellSprachliebhaberSuhrkamp, 2019238
Ein wenig LebenHanya Yanagiharaemotionale WuchtPiper, 2018957
Der Kaiser der FreudeOcean Vuongmehr Vuongbtb, 2026528

Verlag, Jahr und Seitenzahl beziehen sich auf die verlinkten Ausgaben; von mehreren Titeln gibt es weitere.

Womit anfangen?

Das hängt davon ab, was Sie an Vuongs Roman am meisten bewegt hat. War es die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, lesen Sie Shuggie Bain – oder, wenn es schnell gehen soll, Die Freiheit einer Frau. Interessiert Sie die Geschichte hinter der Familie, führt Der Sympathisant tief in den Krieg und das Exil, während Der Klang der Fremde und Wo auch immer ihr seid sanftere Wege in dieselbe Welt öffnen. Wenn Sie die Sprache und die offene Form gepackt haben, sind Blutbuch und Was zu dir gehört die richtigen Bücher. Für die Liebesgeschichte lohnt der Blick zurück zu Giovannis Zimmer. Und wer einfach wissen will, wie Vuong weitererzählt, beginnt am besten gleich mit Der Kaiser der Freude.

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