Philippe Sands ist Völkerrechtler, Anwalt vor internationalen Gerichten – und einer der bemerkenswertesten Sachbuchautoren der Gegenwart. 2026 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt, und spätestens seitdem fragen sich viele, wo man bei ihm anfangen soll. Die kurze Antwort: Es gibt keine Pflichtreihenfolge. Sands hat keine Reihe geschrieben, sondern vier eigenständige erzählende Sachbücher, die jeweils ohne die anderen verständlich sind. Trotzdem lohnt es sich, ein wenig über ihre Verbindungen zu wissen, denn Figuren, Fragen und Schauplätze tauchen von Buch zu Buch wieder auf.
Was diese Bücher besonders macht, ist die Mischung: Sands verbindet Familiengeschichte, Archivrecherche und Rechtsgeschichte mit seiner eigenen Arbeit als Jurist. Er schreibt über Täter und über die Menschen, die versuchen, sie zur Rechenschaft zu ziehen – und oft auch darüber, wie er selbst in diese Geschichten hineingeraten ist.
Alle Bücher von Philippe Sands auf Deutsch im Überblick
Die Tabelle folgt der Erscheinungsfolge. Die Jahreszahlen nennen die englische Originalausgabe und die deutsche Erstausgabe (gebunden bei S. Fischer); verlinkt und mit Seitenzahl angegeben sind jeweils die aktuellen Taschenbuchausgaben bei FISCHER.
| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Original / dt. | Seiten | Einordnung |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Rückkehr nach Lemberg | East West Street | 2016 / 2018 | 590 | Hauptwerk, bester Einstieg |
| 2 | Die Rattenlinie | The Ratline | 2020 / 2020 | 544 | thematische Fortsetzung von „Lemberg“ |
| 3 | Die letzte Kolonie | The Last Colony | 2022 / 2023 | 320 | eigenständig, kürzester Einstieg |
| 4 | Die Verschwundenen von Londres 38 | 38 Londres Street | 2025 / 2025 | 623 | neuestes Buch, führt die Linien zusammen |
Die empfohlene Lesereihenfolge
Am meisten haben Sie von Sands’ Werk, wenn Sie es so lesen, wie es entstanden ist. Das hat weniger mit Handlungsabhängigkeiten zu tun als mit dem Fundament: Im ersten Buch erklärt Sands, woher die Begriffe stammen, mit denen er in allen späteren arbeitet. Wer weiß, wie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“ in die Welt kamen, liest die übrigen Bücher mit einem anderen Blick.
1. Rückkehr nach Lemberg (2016, dt. 2018)

Rückkehr nach Lemberg ist das Buch, mit dem Sands im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, und es bleibt sein zentrales Werk. Ausgangspunkt ist eine Einladung in die heutige ukrainische Stadt Lwiw, das frühere Lemberg. Dort beginnt Sands, der Herkunft seines Großvaters Leon Buchholz nachzugehen, über dessen Vergangenheit in der Familie kaum gesprochen wurde.
Aus dieser privaten Spurensuche wird ein weit größeres Panorama. Sands stellt fest, dass zwei Juristen, die das Völkerrecht nach 1945 entscheidend geprägt haben, ebenfalls mit Lemberg verbunden sind: Hersch Lauterpacht, auf den der Begriff der Verbrechen gegen die Menschlichkeit zurückgeht, und Raphael Lemkin, der den Begriff Genozid prägte. Die beiden verfolgten unterschiedliche Ansätze – der eine dachte vom Schutz des Einzelnen her, der andere vom Schutz ganzer Gruppen. Als Gegenfigur tritt Hans Frank auf, der als Generalgouverneur im besetzten Polen auch für Lemberg verantwortlich war und in Nürnberg angeklagt wurde.
Das Buch verschränkt diese vier Lebenswege so, dass Rechtsgeschichte greifbar wird, ohne dass Sie juristische Vorkenntnisse brauchen. Die Ausgabe ist mit knapp 600 Seiten umfangreich, liest sich aber eher wie eine Recherche, die man Schritt für Schritt mitverfolgt, als wie ein Lehrbuch. Am Rande begegnet Sands hier auch Horst von Wächter, dem Sohn eines weiteren NS-Funktionärs – eine Begegnung, aus der sein nächstes Buch hervorgeht.
2. Die Rattenlinie (2020, dt. 2020)

In Die Rattenlinie rückt Otto Wächter ins Zentrum, Horsts Vater. Wächter war als Gouverneur des Distrikts Krakau und später Galizien einer der Verantwortlichen der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen. Nach Kriegsende tauchte er unter und starb 1949 in Rom, während er offenbar versuchte, über die sogenannte Rattenlinie nach Südamerika zu gelangen – jenen Fluchtweg, auf dem zahlreiche NS-Täter Europa verließen.
Sands rekonstruiert Wächters Leben vor allem aus dem Nachlass der Familie: Briefe, Tagebücher und Dokumente, die Horst von Wächter ihm zugänglich machte. Daraus entsteht ein doppeltes Porträt. Zum einen geht es um die Frage, was in Wächters letzten Monaten wirklich geschah. Zum anderen um das Verhältnis zwischen dem Autor und einem Sohn, der seinen Vater bis heute in Schutz nimmt – und um die Frage, wie man mit einem Menschen umgeht, der die Wahrheit über die eigene Familie nicht annehmen will.
Das Buch ist ohne „Rückkehr nach Lemberg“ verständlich. Wer jedoch Hans Frank und das Generalgouvernement schon aus dem ersten Buch kennt, versteht schneller, in welchem Machtgefüge Wächter agierte.
Wenn Sie lieber kürzer und aktueller einsteigen
3. Die letzte Kolonie (2022, dt. 2023)

Die letzte Kolonie fällt aus dem Rahmen – im besten Sinne. Hier geht es nicht um den Nationalsozialismus, sondern um ein Kapitel britischer Kolonialgeschichte, das bis in die Gegenwart reicht: Zwischen dem Ende der 1960er- und dem Anfang der 1970er-Jahre mussten die Bewohner des Chagos-Archipels im Indischen Ozean ihre Inseln verlassen, weil Großbritannien die Hauptinsel Diego Garcia den USA für einen Militärstützpunkt zur Verfügung stellte. Die Vertriebenen landeten vor allem auf Mauritius und den Seychellen und durften nicht zurückkehren.
Sands erzählt diese Geschichte aus doppelter Nähe. Er war als Anwalt an dem Verfahren beteiligt, in dem der Internationale Gerichtshof 2019 ein Gutachten zum Chagos-Archipel vorlegte. Und er stellt eine Frau in den Mittelpunkt, die die Vertreibung selbst erlebt hat: Liseby Elysé, deren Aussage vor dem Gericht einen der eindrücklichsten Momente des Buchs bildet. Daneben erklärt Sands, wie das Recht auf Selbstbestimmung entstanden ist und warum ein so abgelegener Archipel zum Prüfstein für das Ende der Kolonialzeit wurde.
Mit rund 320 Seiten ist dies das kürzeste der vier Bücher, und es setzt nichts voraus. Wenn Sie zunächst wissen möchten, ob Ihnen Sands’ Art zu erzählen liegt, oder wenn Sie sich mehr für aktuelle Völkerrechtsfragen als für die Zeit des Zweiten Weltkriegs interessieren, ist es der naheliegende Einstieg. In der chronologischen Reihenfolge steht es an dritter Stelle, Sie können es aber ebenso gut zuerst oder zuletzt lesen.
Der Abschluss: Wo die Linien zusammenlaufen
4. Die Verschwundenen von Londres 38 (2025, dt. 2025)

Sein bislang jüngstes Buch, Die Verschwundenen von Londres 38, verknüpft zwei Geschichten, die zunächst wenig miteinander zu tun zu haben scheinen. Die eine handelt von Walter Rauff, einem früheren SS-Offizier, der nach dem Krieg nach Südamerika entkam und sich schließlich in Chile niederließ. Die andere führt nach London, wo der frühere chilenische Diktator Augusto Pinochet 1998 festgenommen wurde – ein Verfahren, an dem Sands selbst als Jurist mitwirkte. Der Titel verweist auf eine Adresse in Santiago de Chile, an der das Pinochet-Regime Gefangene festhielt.
Gerade hier zeigt sich, warum es sich lohnt, dieses Buch an das Ende zu stellen. Es nimmt zwei Fäden der früheren Bücher wieder auf: aus „Rückkehr nach Lemberg“ die Frage, ob und wie das Völkerstrafrecht Staatsoberhäupter erreichen kann, und aus „Die Rattenlinie“ die Fluchtwege von NS-Tätern nach Südamerika. Wer beide kennt, erkennt, wie konsequent Sands über Jahre an denselben Fragen weitergearbeitet hat. Notwendig ist die Vorkenntnis aber auch hier nicht – das Buch ist in sich geschlossen, und mit über 600 Seiten in der Taschenbuchausgabe ist es zugleich sein umfangreichstes.
Welches Buch von Philippe Sands zuerst?
Je nachdem, was Sie suchen, bieten sich zwei Wege an:
- Für den Gesamtüberblick: Beginnen Sie mit „Rückkehr nach Lemberg“ und lesen Sie in Erscheinungsfolge weiter. So bauen die Bücher am besten aufeinander auf, und die Verbindungen zwischen „Lemberg“, „Rattenlinie“ und „Londres 38“ entfalten ihre volle Wirkung.
- Für einen schnellen, zugänglichen Einstieg: Greifen Sie zu „Die letzte Kolonie“. Das Buch ist kürzer, gegenwartsnah und völlig unabhängig von den anderen. Wenn es Sie überzeugt, können Sie anschließend mit „Rückkehr nach Lemberg“ fortfahren.
Weniger zu empfehlen ist, mit „Die Rattenlinie“ oder „Die Verschwundenen von Londres 38“ zu beginnen. Beides funktioniert, doch ein Teil der Spannung dieser Bücher entsteht daraus, dass Sands Fragen weiterverfolgt, die er im ersten Buch aufgeworfen hat.
Was es außerdem von und über Sands gibt
Wer nach den vier Büchern weiterlesen möchte, stößt auf einige Titel, die nicht auf Deutsch vorliegen. Bereits vor seinen erzählenden Sachbüchern hat Sands sich mit „Lawless World“ (2005) und „Torture Team“ (2008) zu Wort gemeldet; beide befassen sich kritisch mit dem Umgang vor allem der USA und Großbritanniens mit dem Völkerrecht und sind bislang nur im englischen Original erhältlich.
Eine Ergänzung zu „Rückkehr nach Lemberg“ und „Die Rattenlinie“ ist der Dokumentarfilm „What Our Fathers Did: A Nazi Legacy“ (2015). Darin spricht Sands mit Horst von Wächter und Niklas Frank, dem Sohn von Hans Frank, über ihre Väter – zwei Söhne mit sehr unterschiedlichen Haltungen zu ihrem Erbe. Und zum Friedenspreis 2026 erscheint bei Reclam ein Band mit den Reden zur Preisverleihung – eine kurze Annäherung an Sands’ Denken.
Fazit
Die Bücher von Philippe Sands lassen sich in beliebiger Reihenfolge lesen, doch die Erscheinungsfolge ist am ergiebigsten: „Rückkehr nach Lemberg“ legt das Fundament, „Die Rattenlinie“ vertieft eine Spur daraus, „Die letzte Kolonie“ zeigt Sands im Gerichtssaal der Gegenwart, und „Die Verschwundenen von Londres 38“ führt die früheren Fäden zusammen. Wer nur Zeit für ein Buch hat, wählt „Lemberg“ für die ganze Tiefe oder „Die letzte Kolonie“ für einen kompakten Eindruck. In beiden Fällen gilt: Selten wird Recht so anschaulich, persönlich und spannend erzählt wie hier.
Kommentar verfassen