Wer in der Buchhandlung nach Krimis aus Skandinavien, Italien oder Frankreich sucht, hat die Qual der Wahl. Bei tschechischen Krimis ist es anders: Obwohl Tschechien direkt nebenan liegt und eine lebendige Kriminalliteratur hat, wird davon nur wenig ins Deutsche übersetzt. Manche Titel sind nur noch antiquarisch zu bekommen, andere Reihen brechen auf Deutsch nach wenigen Bänden ab. Umso mehr lohnt sich ein genauer Blick auf das, was vorliegt.
Diese Auswahl stellt zehn Bücher vor, die zeigen, wie vielfältig der tschechische Krimi ist: ironische Detektivgeschichten aus der Zwischenkriegszeit, Rätselkrimis aus der sozialistischen Tschechoslowakei, historische Romane aus dem Prag des Jahres 1945 und dem Böhmen des Mittelalters, Gesellschaftskrimis aus der Zeit nach der Samtenen Revolution und schließlich Polit- und Literaturkrimis der Gegenwart. Auffällig ist dabei ein Verlag: Der Wiener Braumüller Verlag hat in den letzten Jahren gleich mehrere der hier vorgestellten Titel herausgebracht und ist für Leser tschechischer Krimis eine gute erste Adresse.
Die Klassiker: Wo der tschechische Krimi anfängt
Karel Čapek: Aus einer Tasche in die andere

Karel Čapek kennen viele als den Autor, der das Wort „Roboter“ in die Welt gebracht hat. Weniger bekannt ist, dass er auch einer der Väter des tschechischen Kriminalerzählens ist. Aus einer Tasche in die andere (Vitalis, 295 Seiten) versammelt 23 seiner Kriminal- und Detektivgeschichten; der Titel spielt auf Čapeks zwei Erzählbände „aus der einen“ und „aus der anderen Tasche“ an.
Wer klassische Whodunits mit genialem Ermittler erwartet, wird überrascht. Čapek interessiert sich weniger für die Lösung als für die Menschen, die in einen Fall hineingeraten: Polizisten, Kleinganoven, Zeugen, Opfer. Oft geht die Geschichte anders aus, als man es von einem Krimi gewohnt ist, manchmal gibt es gar keine Auflösung im üblichen Sinn. Das macht diese kurzen Texte zu Anti-Detektivgeschichten mit viel Ironie und noch mehr Menschenfreundlichkeit. Die Ausgabe ist mit farbigen Illustrationen des tschechischen Malers Karel Hruška versehen und eignet sich auch als Geschenk. Sie stammt aus dem Jahr 2000 und ist möglicherweise nicht mehr überall neu erhältlich.
Josef Škvorecký: Die Traurigkeit des Chefinspektors

Ein Polizist, der seine Fälle mit Scharfsinn löst und dabei von einer leisen Schwermut begleitet wird: Das ist Josef Škvoreckýs Ermittler Borůvka. Die Traurigkeit des Chefinspektors (Braumüller, 392 Seiten; im Original „Smutek poručíka Borůvky“) führt in die sozialistische Tschechoslowakei. Erzählt wird in der Tradition des klassischen Rätselkrimis, doch der Alltag eines Landes, in dem vieles nicht offen gesagt werden kann, schwingt immer mit.
Für deutsche Leser ist das Buch eine kleine Wiederentdeckung: 2025 hat Hanna Vintr es neu aus dem Tschechischen übersetzt. Wer Kommissare mag, die eher grübeln als poltern, findet in Borůvka einen der sympathischsten Ermittler der mitteleuropäischen Kriminalliteratur.
Pavel Kohout: Sternstunde der Mörder

Der wohl gewichtigste Roman dieser Liste spielt in Prag, in den letzten Monaten der deutschen Besatzung. In Sternstunde der Mörder (Goldmann, 475 Seiten) soll Kriminalkommissar Beran mit seinem Assistenten Morava den Tod einer deutschen Generalswitwe aufklären – an seiner Seite ein deutscher Oberkriminalrat, dessen Absichten undurchsichtig bleiben. Geht es ihm wirklich um den Fall oder darum, herauszufinden, wie weit die Prager Kripo mit dem Widerstand verbunden ist? Gleichzeitig mordet ein Serientäter weiter, dem die Nationalität seiner Opfer gleichgültig ist.
Kohout erzählt aus mehreren Perspektiven und macht aus dem Kriminalfall eine Studie über Gewalt: Als im Mai 1945 der Prager Aufstand losbricht, stellt sich die Frage nach Schuld nicht mehr nur für einen einzelnen Mörder. Das Buch ist spannend, aber auch ernst und fordernd – ein Krimi, der nach dem Zuklappen weiterarbeitet.
Gegenwart und Nachwendezeit: Kommissare, Kleinstädte, Krimireihen
Iva Procházková: Der Mann am Grund

Wer eine tschechische Krimireihe sucht, die man von Anfang an verfolgen kann, beginnt am besten hier. Der Mann am Grund (Braumüller, 445 Seiten) ist der erste Fall für den Prager Hauptkommissar Marián Holina. In einem Baggersee bei Prag wird ein Auto entdeckt, darin ein toter Polizist, der für seine eigenwilligen Methoden berüchtigt war. Holina und sein junger Kollege Divi Mrtík stoßen auf ein Geflecht von Verdächtigen, und bald sterben auch Zeugen.
Der Reiz des Romans liegt nicht nur im Fall, sondern im Personal: Holina ist bedächtig, seine neue Kollegin das Gegenteil, und dass seine Geliebte als Astrologin Horoskope zu den Ermittlungen beisteuert, gibt dem Buch einen eigenwilligen Ton. Procházková, die auch als Kinder- und Jugendbuchautorin bekannt ist, schreibt dialogreich und mit Blick für Figuren. Auf Deutsch wird die Reihe fortgesetzt, unter anderem mit „Die Spur der Kälte“ (2025) und „Ein Lied für den Weg“ (2026).
Jaroslav Kuťák: Strafe muss sein

Ein Gymnasium in einer tschechischen Kleinstadt, kurz vor der Jahrtausendwende: Ein Schüler wird in der Turnhalle überfallen und gequält, ein anderer stürzt aus dem Fenster, ein dritter wird tot in einer Gruft gefunden. Strafe muss sein (Grafit, 409 Seiten) schickt einen behäbigen Polizeichef und zwei seiner alten Schulfreunde – einen Schriftsteller und einen Zahnarzt – zurück in das Gebäude, in dem sie selbst einst die Schulbank drückten.
Kuťák verbindet einen düsteren Psychokrimi mit einem Porträt der böhmischen Provinz in den Jahren nach 1989. Verdrängte Schuld, Obsessionen und alte Rechnungen treiben die Handlung voran. Der Roman wurde mit dem „Marek“ als bester tschechischer Kriminalroman des Jahres 2000 ausgezeichnet. Die deutsche Ausgabe erschien 2001; falls sie neu nicht mehr zu haben ist, lohnt die Suche im Antiquariat.
Geschichte als Tatort: Prager Gotik und böhmisches Mittelalter
Miloš Urban: Die Rache der Baumeister

Prag ist eine Stadt, in der Geschichte an jeder Ecke steht, und Miloš Urban macht daraus einen Krimi. Die Rache der Baumeister (Rowohlt, 384 Seiten; im Original „Sedmikostelí“, also etwa „Siebenkirchen“) ist ein gotischer Kriminalroman: In der Prager Neustadt geschehen Morde, und sie hängen mit sieben mittelalterlichen Kirchen des Viertels zusammen.
Wer gern Krimis liest, in denen Architektur und Stadtgeschichte nicht bloß Kulisse, sondern Teil des Rätsels sind, ist hier richtig. Der Roman eignet sich zudem als ungewöhnliche Lektüre vor oder nach einer Prag-Reise, denn die Kirchen, um die es geht, gibt es tatsächlich.
Vlastimil Vondruška: Die Toten vom Jakobsweg

Noch weiter zurück führt Vlastimil Vondruška, einer der populärsten Autoren historischer Krimis in Tschechien. Die Toten vom Jakobsweg (Bastei Lübbe, 382 Seiten) war der erste Fall, der auf Deutsch erschienen ist: Im Böhmen des 13. Jahrhunderts begleitet der königliche Prokurator Ulrich von Kulm die Äbtissin Agnes von Böhmen auf einer Pilgerreise, und unterwegs häufen sich die Toten.
Das Buch richtet sich an Leser, die Mittelalterkrimis um einen Ermittler mit Amt und Verstand schätzen. Auf Deutsch folgte als zweiter Band „Die siebte Leiche“. Vondruškas Ulrich-von-Kulm-Romane sind damit eine der wenigen tschechischen Krimireihen, die man hierzulande zumindest über mehrere Bände verfolgen kann.
Politik und Korruption: Krimis aus dem heutigen Tschechien
Michal Viewegh: Die Mafia in Prag

Michal Viewegh ist in Tschechien ein Bestsellerautor, und in Die Mafia in Prag (Deuticke, 316 Seiten) nimmt er sich das Milieu vor, in dem Politik und Geschäft ineinanderlaufen. Ein früherer Lobbyist sitzt als Kronzeuge unter Polizeischutz und vertreibt sich die Zeit mit Wein und Zeitungen – bis der Innenminister ihm den Schutz entzieht. Plötzlich sind alle hinter ihm her: der Bürgermeister, ein Pate aus der Stadt, die russische Mafia. Denn er besitzt belastendes Material.
Viewegh erzählt das mit bösem Witz und Anleihen bei der Pulp-Fiction, ohne den ernsten Kern zu verlieren: Es geht um die Käuflichkeit von Politik. Wer Satire mag und wissen will, wie man in Tschechien auf die eigene politische Klasse blickt, findet hier einen unterhaltsamen Zugang.
Iva Procházková: Die Residentur

Dass Iva Procházková mehr kann als den Polizeiroman, zeigt Die Residentur (Braumüller, 573 Seiten). Der Politthriller kreist um den Tod eines unbequemen Journalisten, unmittelbar vor der Europawahl. Mehr als diese Ausgangslage soll hier nicht verraten werden.
Mit fast 600 Seiten ist das Buch das umfangreichste dieser Auswahl und richtet sich an Leser, die Spannung mit Zeitgeschehen verbinden wollen. Wer Holina bereits kennt, entdeckt hier eine andere Seite der Autorin.
Ein besonderer Tipp: der Krimi als Spiel
Jiří Kratochvil: Die niederträchtige Boshaftigkeit des Seins

Schon der Titel verrät, dass dieses Buch kein gewöhnlicher Krimi ist. In Die niederträchtige Boshaftigkeit des Seins (Braumüller, 263 Seiten) hängt in einer leer stehenden Wohnung in Brünn eine Leiche von der Decke. Es gibt weder Täter noch Motiv, dafür viel Aufmerksamkeit der Presse. Den Fall übernimmt Adam, Spross einer ganzen Dynastie von Privatdetektiven.
Was folgt, ist ein Geflecht ineinander verschachtelter Geschichten, das zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt. Kratochvil verbindet Kriminalliteratur mit Surrealismus und grotesker Fantastik, wie sie in der tschechischen Literatur eine lange Tradition hat. Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie das Genre gern gebrochen und verspielt erleben; wer vor allem eine saubere Auflösung erwartet, greift besser zu Borůvka oder Holina.
Die tschechischen Krimis im Überblick
| Buch | Autor | Art | Schauplatz | Deutsche Ausgabe | Seiten |
|---|---|---|---|---|---|
| Aus einer Tasche in die andere | Karel Čapek | Kriminalgeschichten | Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit | 2000 | 295 |
| Die Traurigkeit des Chefinspektors | Josef Škvorecký | Rätselkrimi, Klassiker | Sozialistische Tschechoslowakei | 2025 | 392 |
| Sternstunde der Mörder | Pavel Kohout | Historischer Kriminalroman | Prag 1945 | 1997 | 475 |
| Der Mann am Grund | Iva Procházková | Polizeikrimi, Band 1 | Prag | 2018 | 445 |
| Strafe muss sein | Jaroslav Kuťák | Psychokrimi | Kleinstadt nach 1989 | 2001 | 409 |
| Die Rache der Baumeister | Miloš Urban | Gotischer Kriminalroman | Prager Neustadt | 2018 | 384 |
| Die Toten vom Jakobsweg | Vlastimil Vondruška | Historischer Krimi, Reihe | Böhmen, 13. Jahrhundert | 2016 | 382 |
| Die Mafia in Prag | Michal Viewegh | Satirischer Krimi | Prag, Gegenwart | 2014 | 316 |
| Die Residentur | Iva Procházková | Politthriller | Gegenwart | 2020 | 573 |
| Die niederträchtige Boshaftigkeit des Seins | Jiří Kratochvil | Literaturkrimi | Brünn | 2019 | 263 |
Die Jahreszahlen beziehen sich auf die hier vorgestellten deutschen Ausgaben, nicht auf die Originale.
Welcher tschechische Krimi passt zu wem?
- Für den Einstieg in eine Reihe: Procházkovás „Der Mann am Grund“ – zeitgenössisch, gut zugänglich und auf Deutsch fortgesetzt.
- Für Freunde kurzer Formen: Čapeks Geschichten, die sich einzeln lesen lassen und oft mit einer Pointe statt einer Verhaftung enden.
- Für Liebhaber klassischer Rätselkrimis: Škvoreckýs Borůvka in der frischen Übersetzung.
- Für historisch Interessierte: Kohout für das Prag des Kriegsendes, Vondruška für das Mittelalter, Urban für die gotische Stadtgeschichte.
- Für alle, die Gesellschaft verstehen wollen: Kuťák für die Jahre nach der Wende, Viewegh und „Die Residentur“ für die politische Gegenwart.
- Für experimentierfreudige Leser: Kratochvil, der das Genre als Spielfeld nutzt.
Tschechische Krimis sind auf dem deutschen Buchmarkt keine Massenware, und einige der besten Titel muss man antiquarisch suchen. Gerade das macht die Entdeckung reizvoll: Von Čapeks Ironie bis zu Kratochvils Labyrinthen zeigt sich eine Krimitradition, die gern um die Ecke denkt – und die Lust macht, Prag, Brünn und die böhmische Provinz einmal mit den Augen eines Ermittlers zu sehen.
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